Die sitzende Lebensweise macht uns nicht dick

Anthropologen haben den Energieverbrauch von Menschen einer Jäger- und Sammler-Gesellschaft mit dem von überwiegend sitzenden Menschen aus den Industriegesellschaften verglichen

Seit geraumer Zeit wird uns allen das Mantra vorgebetet, dass der moderne Lebensstil, der den homo sedens produziert, unnatürlich sei, krank mache und vor allem einer der entscheidenden Faktoren vor die Epidemie der Fettleibigkeit sei. 2015, so wird geschätzt, wird bereits weltweit jeder Dritte übergewichtig und jeder Zehnte fettleibig sein, was mit Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder manchen Krebsarten verbunden ist. Neben falscher Ernährung wird mangelnde Bewegung als Grund hinter der Epidemie vermutet. Gerade erst wurde von der medizinischen Zeitschrift Lancet zum Start der Olympischen Spiele die körperliche Bewegung als Gesundbrunnen gefeiert und die Faulheit als schweres und gefährliches Laster verurteilt (Globale Pandemie der körperlichen Inaktivität). Eine neue Studie, die im Open-Access-Journal PLoS erschienen ist, widerspricht dieser gängigen Meinung, die weit verbreitet ist und einleuchtend zu sein scheint, wenn man unser Leben heute mit dem der Jäger- und Sammler-Völker vergleicht. Genetisch gibt es jedoch zahlreiche Unterschiede, wie gerade anderen Wissenschaftler berichten.

Ansichtskarte aus Fränkisch-Crumbach. Bild: gemeinfrei

Amerikanische Anthropologen haben, weil es praktisch keine Daten zum Kalorienverbrauch gibt, das Leben eines der letzten Jäger- und Sammler-Gesellschaften untersucht, nämlich der Hazda, die in Tansania leben. Vermutet wird, dass die Nahrung der Jäger und Sammler weniger Zucker und Energie enthält, und natürlich, dass sie körperlich weitaus aktiver sind und daher mehr Energie verbrauchen, weil sie ja jagen und sammeln müssen. Bislang aber gibt es keine Studie über den Metabolismus der Menschen, die in einer Kulturform vor der Sesshaftigkeit durch die Landwirtschaft leben. Eigentlich sollte man erwarten, dass die Hazda nicht nur weniger Körperfett haben als die Menschen in den westlichen Kulturen, sondern auch mehr Energie durch körperliche Aktivität verbrenne.

Für ihre Studie wurden die täglichen Gehwege mit GPS und die Energiekosten (kCal) pro Meter und Kilogramm mit einem tragbaren Atmungssystem gemessen, der Grundumsatz, die der Körper ohne Bewegung und Nahrung benötigt, wurde daraus geschätzt. Der Gesamtenergieverbrauch wurde über 11 Tage bei 30 erwachsenen Hazda mit der komplizierten und aufwändigen Doubly-Labeled-Water-Methode berechnet. Dabei wird der Energieverbrauch über die CO2-Emissionen gemessen, die den Körper nach Einnahme einer bestimmten Menge an Wasser mit markierten Wasserstoff- und Sauerstoffisotopen verlassen. Aus dem Unterschied zwischen den Wasserstoff- und Sauerstoff-Isotopen, die den Körper in einer bestimmten Zeit über den Urin verlassen, lässt sich der Energieverbrauch berechnen. Die Daten verglichen die Wissenschaftler mit Ergebnissen anderer Studien, die andere Menschengruppen untersucht haben. Die Hazda sind, wie man erwarten sollte, tatsächlich körperlich sehr aktiv. Sie sind dünn und weisen einen Körperfettanteil auf, der am unteren Ende des Werts für gesunde westliche Populationen liegt. Erstaunlicherweise unterscheidet sich aber der Gesamtenergieverbrauch der Hadza von den Menschen in Europa und den USA kaum. Der Lebensstil hat also darauf weder bei Frauen noch bei Männern eine Auswirkung. Hingegen haben etwa sesshafte bolivianische Bäuerinnen einen höheren Gesamtenergieverbrauch als die Hazda-Frauen. Allgemein verbrauchen die Menschen in Agrargesellschaften (Nigeria, Gambia, Bolovien) mehr Energie als die Jäger und Sammler sowie die Menschen aus Industriegesellschaften.

Hazda-Frauen gehen durchshcnittlich 5,8 Stunden täglich, die Männer 11,4 Stunden. Aber auch bei den Hazdas haben die unterschiedlichen individuellen Gehwege nichts mit dem Gesamtenergieverbrauch zu tun. Gerade einmal 6,7 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs wird bei Frauen vom Gehen verursacht, bei den Männern sind es 11 Prozent. Der Energieverbrauch der Hazda beim Gehen entspricht dem von Menschen in Industrieländern. Die Wissenschaftler ziehen aus dem vergleichbar hohen Gesamtenergieverbrauch von Jäger und Sammlern und Menschen aus Industrieländern mit vorwiegend sitzender Lebensweise und anderen Ernährungsbedingungen, "dass selbst dramatische Unterschiede im Lebensstil eine vernachlässigenswerte Auswirkung auf den Gesamtenergieverbrauch haben". Das sei konsistent mit der Annahme, dass die Unterschiede in der Adipoitas-Prävalenz in unterschiedlichen Völkern nichts mit dem Energieverbrauch, sondern mit der Energieaufnahme zu tun haben. Nicht wie viel wir uns also bewegen, hat einen Einfluss darauf, ob wir übergewichtig oder fettleibig werden, sondern was wir essen. Körperliche Bewegung sei zwar nachgewiesenermaßen wichtig für die Gesundheit und habe einen gewissen Einfluss auf das Körpergewicht, aber der Gesamtenergieverbrauch sei physiologisch wohl stabil und genetisch determiniert und habe nicht viel mit der Lebensweise zu tun.

Herman Pontzer vom Hunter College in New York, der die Studie geleitet hat, erklärt, die meisten Kalorien würden einfach für die Aufrechterhaltung der körperlichen Funktionen verbraucht: Wenn man ein bisschen mehr Energie durch körperliche Aktivität verbraucht, verbraucht man etwas weniger an anderer Stelle, ohne dies zu bemerken. Diese Studie zeigt, dass man einen unterschiedlichen Lebensstil haben kann, aber dass der Energieverbrauch unabhängig davon gleich hoch ist." Fast egal also, wie viel man sich bewegt, wie lange man joggt oder sich im Fitnessstudio müht, all das hat wenig mit dem Körpergewicht und dem Kalorienverbrauch zu tun, wahrscheinlich aber mit der Ernährung und damit, dass man gesünder ist. Die Hazda scheinen weniger chronisch krank zu sein und an Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu leiden. (Florian Rötzer)

Anzeige