Die total komplexe Mausefalle

Verfechter der "Intellegent Design"-Bewegung treten in den USA gegen die Prinzipien der Wissenschaft an. Politisch - "wissenschaftlich" - sozio-kulturell. Und mit erschreckendem Erfolg. Teil 2

Kreationisten galten für seriöse Forscher lange als nicht satisfaktionsfähig. Zwar wurde in der Vergangenheit relativ viel Aufmerksamkeit auf den politischen Wind gerichtet, der Vertreter der Intelligent Design (ID)-Bewegung in die Entscheidungszentren der Bildungspolitik wehte. Wenig Diskussion fand hingegen hinsichtlich des wissenschaftlichen Gerüstes statt, auf das sich die Anhänger der ID-Theorie stützen. Der Grund lag hauptsächlich darin, dass die Wissenschaftler nicht gewillt waren, den ID-Anhängern eine Bühne für ihre pseudowissenschaftlichen Ausführungen zu bieten. Vielleicht ein Fehler, der sich nun rächt, denn die ID-Bewegung ist in den USA weiterhin auf dem Vormarsch. Neben politischem Einfluss (US-Präsident Bush stellt sich hinter die Lehre vom "Intelligent Design") feiert die Bewegung nun auch auf wissenschaftlichem Gebiet vermeintliche Erfolge.

Große Gräben finden sich nicht nur in kleinen gallischen Dörfern; sie teilen auch Streitparteien verschiedener Meinungscouleur. So verlief lange Zeit ein Graben zwischen Kreationisten alten Schlages auf der einen und der anerkannten Forschergemeinde auf der anderen Seite. Aber wie in diesen Tagen üblich werden die Dinge unübersichtlicher.

Mit Aufbranden der ID-Bewegung im Jahre 1991 wurde ein neuer Graben gebuddelt. Innerhalb der akademischen Welt. Ausdruck dafür ist u. a. die Tatsache, dass Anfang diesen Monats erstmals ein ID-Artikel in einem Fachjournal mit Peer-Review-Prozess erschienen ist. Gewöhnlich ein Anzeichen für zumindest minimale wissenschaftliche Stringenz.

Der Artikel von Stephen Meyer wurde in den "Proceedings of the Biological Society of Washington" publiziert; eine Zeitschrift die jedoch nicht gerade zur publizistischen Spitzenklasse der Wissenschaftsjournale zu rechnen ist. Im Index des "Institute for Scientific Information" wird es auf Platz 2678 von 3110 sämtlicher erfasster Fachzeitschriften geführt.

Meyers Artikel The Origin of Biological Information and the Higher Taxonomic Categories handelt die bekannte Fragestellung ab, wie es zur Ausbildung äußert komplexer Organismen-Baupläne kam. Insbesondere solcher, die sich während der Epoche des Kambriums innerhalb geologisch kurzer Zeitskalen von 20-50 Mio Jahren entwickelt haben, wie z. B. die von dem Biologen Conway Morris beschriebene "Halluzigenia" aus dem Burgess-Schiefer der Rocky Mountains.

Halluzigenia aus den Burgess-Shales. Bild: University of Southern California

Die Schlussfolgerungen, die Meyer in seinem Artikel aus den bizarren Strukturen der kambrischen Explosion ableitet, sind aufgrund der Tatsache, dass er Mitglied des ID-orientierten "Discovery Instituts" in Seattle ist, nicht schwer zu erraten: Die Erklärungsmöglichkeiten der Evolutionstheorie seien ungeeignet, den Ursprung solch komplexer Organisation zu erklären. Eine weitaus schlüssigere Erklärung für die Entstehung komplexer Baupläne biete selbstredend das Intelligent Design (ID).

Kommt uns das nicht irgendwie bekannt vor? Ja richtig. Im 18. Jahrhundert hatte schon einmal jemand dieselbe Idee. Das ursprüngliche "Design-Argument" stammt von William Paley und hat offenbar an Beliebtheit kaum eingebüßt. In seinem Versuch eines teleologischen (gr. Telos: Ziel, Zweck) Gottesbeweises schließt Paley zunächst anhand einer Uhr, die er bei einem Spaziergang zufällig auf dem Boden findet, auf die Existenz eines Uhrmachers. Aufgrund des fein abgestimmten Baus der Uhr könne man wohl schwerlich annehmen, dass die Uhr ein natürlicher Bestandteil der Umgebung sei.

Ähnliche Ordnung und Sinnhaftigkeit wies Paley auch der gesamten Natur zu, was die Existenz eines höheren Uhrmachers erfordere, der wesentlich mächtiger sein müsse, als ein menschlicher Uhrmacher. Ergo käme dafür nur Gott in Frage. Die skeptische Analyse (1777) der Paleyschen Naturtheologie durch den schottischen Philosophen David Hume gilt bis heute als Widerlegung des Design-Arguments auch wenn es immer wieder Versuche gab, die Kritik zurecht zu biegen.

Bei Paleys Uhrmacher handelt es sich um ein sog empirisches Analogieargument, bei welchem von einem gegebenen Objekt (die Uhr) mit der Eigenschaft x (sieht irgendwie komplex aus) auf ein anderes Objekt (Natur) mit der subjektiv selben Eigenschaft von Struktur und Ordnung geschlossen wird. Das eine wurde designed (by Uhrmacher), ergo ist auch das andere designed (by Gott).

Ordnung, Sinnhaftigkeit, Komplexität konstruiert von einem Uhrmacher

Inwieweit ist es aber zulässig eine Uhr mit der gesamten Natur gleich zusetzen? Als Argument dafür dient Paley die beiden "Objekten" innewohnende Komplexität. Wir benötigen jedoch nicht die Eigenschaft "Komplexität", um Uhren als Konstrukte zu erkennen, wissen wir doch aus Erfahrung, dass Uhren Artefakte sind. Da Artefakte auch simpel sein können (z. B. Scherben), scheint die generelle Eigenschaft "Komplexität" für Artefakte nicht stimmig und die Analogieannahme daher nicht zulässig zu sein. Rufen wir doch beim Anblick eines Artefakts nicht aus: "Ui wie komplex, das muss eine Uhr sein", sondern eher: "Aha, Uhr."

Gestehen wir die Analogieannahme aber dennoch zu, ergeben sich bei genauerem Hinsehen einige unerfreuliche Konsequenzen, die von Design-Anhängern nur selten erwähnt werden. David Hume hält einige Beispiele dafür bereit. So sind alle uns bekannten Konstrukteure moralisch zwiespältige Wesen. Wieso also immer einen "gutmütigen" Planer annehmen? Wieso hat z. B. ein allmächtiger und wohlwollender Konstrukteur solche "fiesen" Organismen wie Aidsviren und Parasiten ersonnen?

Von einer höheren Warte aus betrachtet ist die Welt alles andere als perfekt. Unter Beibehaltung der Analogie vom Konstrukteur stellt sich die Frage: Auf welche Art Planer lässt eine "fehlerhafte" Welt wohl schließen? Auf einen Kindskopf von Konstrukteur, der mit seinem Spielzeug "Welt" irgendwelchen Schabernack veranstaltet, auf einen senilen Konstrukteur, der nicht mehr weiß was er tut, oder gar auf mehrere Konstrukteure, die sich nicht einig werden konnten? Und wo ist der Oberkonstrukteur, der den Konstrukteur konstruiert hat?

Nimmt man einen solchen an, führt der Analogieschluss gegen unendlich. Geht man jedoch von einem "unkonstruierten" Konstrukteur als Quelle aus, kann man sich weder auf den empirischen Analogieschluss noch auf wissenschaftliche Methodik berufen, die stets aposteriorisch sein muss. Man muss sich vielmehr auf die Apriori-Einsicht berufen, dass sich eine geistige Ordnung im Gegensatz zu aller materiellen Ordnung aus sich selbst erklärt. Das Design-Argument ist also nur dann plausibel, wenn es Apriori-Wissen einbezieht. Da es damit aber das voraussetzt, was zu beweisen es angetreten ist, gilt das Design-Argument als Gottesbeweis seit Hume als gescheitert.

Das kümmert die heutige ID-Bewegung allerdings wenig; kräht doch nach der Humeschen Begründung in den USA zumindest kein Hahn mehr. So münden Schlagworte wie Komplexität, Ordnung und Struktur auch heute wieder in Argumente wie "Signalerkennung", ähnlich dem Design-Argument von damals. Die geistigen Vertreter der Bewegung geben sich jedoch alle Mühe, dieses Ausbuddeln von alten Hüten bzw. Uhren (inklusive Uhrmachern) nicht allzu offensichtlich werden zu lassen. Bedienen sie sich doch "moderner" Wissenschaftszweige und Methoden wie der Molekularbiologie und der Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Diese neuen, alten Thesen werden von einer unermüdlichen Gruppe von Buchautoren unters Volk gebracht von denen viele nicht nur wiedererweckte Christen sind, sondern sich auch im Center for Science and Culture des Discovery Institute engagieren, einem Think Tank mit Sitz in Seattle, welcher sich u. a. Projekten in Wissenschaft und Religion widmet. Die Mitglieder und Ratgeber des Centers, unter ihnen der emeritierte Rechtsprofessor Philip Johnson, der Biologe Jonathan Wells und der anfangs erwähnte Philosoph Stephen Meyer haben eine erstaunliche Anzahl an Büchern und Aufsätzen publiziert, in welchen sie das offensichtliche Versagen des Darwinismus proklamieren und die Vorzüge der Design-Alternative anpreisen.

Aber während Johnson, Meyer und Wells zwar stark im Licht der Öffentlichkeit stehen, sind sie eher Propagandisten. Die Vordenker der verfochtenen Hypothesen, den Biochemiker Michael Behe und den Mathematiker William Demski, gilt es einzuschätzen.

Ließe sich das Vorhandensein eines zusammengesetzten Organs nachweisen, das nicht durch zahlreiche aufeinander folgende geringe Abänderungen entstehen könnte, so müsste meine Theorie unbedingt zusammenbrechen.

Charles Darwin

Eben diesen Nachweis versucht Michael Behe. Biochemie-Professor an der Lehigh Universität, Pennsylvania seit mehreren Jahren zu führen. Behe ist der bekannteste aus einem kleinen Kreis von Wissenschaftlern, die ID-Theorien aufstellen. Und seine Argumente sind in der amerikanischen Öffentlichkeit bestens bekannt. Sein Buch "Darwins Black Box" aus dem Jahre 1996 war ein Bestseller.

Wenig überraschend belegt Behe daher seine Zweifel an der Evolutionstheorie mit Argumenten aus der Biochemie und beginnt seine Argumentationskette mit der Aussage, dass jeder Biologe Erklärungen zu beispielsweise der Entstehung des Auges abgeben kann. Erläuterungen solcher Art beginnen jedoch ausnahmslos mit Zellen, deren eigener evolutionärer Ursprung dabei grundsätzlich im Dunkeln bleibt. Hatte diese Annahme zu einer Zeit, in der Zellen quantitativ nicht komplexer erschienen als die sichtbaren Groß-Strukturen eines Auges, ihre Berechtigung, so erzielte die biochemische Analyse der inneren Funktionsweise von Zellen verblüffende, neue Ergebnisse: Jede einzelne Zelle an sich enthält bereits eine Vielzahl außerordentlich komplexer Strukturen. Hunderte mikroskopisch kleine Wunderwerke, die alle eine spezielle Aufgabe erfüllen. Zu diesem Zeitpunkt, so resümiert Behe, wurde ihm schlagartig klar, dass die Darwinsche Erklärungstheorie, nach der sich ein Auge aus beliebigen Zelltypen zusammensetzen könne, grundsätzlich nicht richtig sei. Stattdessen seien durch die jeweiligen Zellen und ihre Zusammensetzung bereits 90 Prozent des zu erwartenden Ergebnisses vorgegeben.

Behes Hauptthese lautet daher, dass einzelne Zellen nicht über graduelle sondern über natürliche oder immanente Komplexität verfügen. Zellen enthalten Strukturen, die "irreduzibel" komplex sind. Entferne man einen einzelnen Teil einer komplexen Struktur, könne diese Struktur ihre Funktion nicht mehr ausüben.

Eine einfaches und von Behe zur Veranschaulichung immer wieder verwendetes Beispiel ist: Eine Mausefalle. Mausefallen bestehen aus einem hölzernen Brett, einer Feder, einem Haltebügel, einem metallenen Schlagbügel und einem Köderhalter. Fehlt eines dieser Teile, ist die Falle unbrauchbar und die Maus bleibt am Leben. Analog dazu sei beispielsweise die Geißel eines Bakteriums aufgebaut, postuliert Behe. Dieses Flagellum ist ein kleiner Propeller, mittels dessen Bewegung sich das Bakterium in der aquatischen Welt vorwärts bewegt. Das Flagellum besteht aus etwa 30 verschiedenen Proteinen, alle präzise arrangiert. Würde nur eines von ihnen entfernt, wäre das Flagellum nicht mehr bewegungsfähig.

Schematische Darstellung der Geißel eines Bakteriums. Bild: University of Ottawa

In seinem Buch "Darwins Black Bock" verfolgt Behe die Argumentation weiter, dass die irreduzible Komplexität des Darwinismus nicht erklärbare Lücken enthalte. Wie könnte demnach ein gradueller Prozess der Weiterentwicklung eine "Konstruktion" wie ein Flagellum bilden, das alle unterschiedlichen Einzelteile seines Bauplans benötigt um zu funktionieren? Wissenschaftler, so Behe weiter müssten der Tatsache ins Gesicht sehen, dass viele biologische Systeme auf der Basis von Selektion und Mutation nicht vorstellbar seien. Tatsächlich entstünden irreduzibel komplexe Zellen auf dieselbe Art wie irreduzibel komplexe Mausefallen - sie wurden geplant.

In seinem Buch spekuliert Behe weiter, dass der Designer die jeweils erste Zelle entworfen und realisiert und damit das Problem der irreduziblen Komplexität grundsätzlich gelöst habe. Anschließend mag sich die Evolution in mehr oder weniger konventionellem Sinne abgespielt haben.

Wie Biologen jedoch heraus stellen, gibt es verschiedene Wege, wie sich im Zuge der Evolution irreduzibel komplexe Systeme ausbilden konnten. Beispielsweise können verfeinerte Strukturen, entwickelt zur Erfüllung einer bestimmten Funktion, dann eine völlig andere, irreduzibel komplexe Funktion erfüllt haben.

So könnten die 30 Proteine des Flagellums schon in den Bakterien vorhanden gewesen sein, lange bevor Bakterien Geißeln ausbildeten. Sie könnten andere Aufgaben innerhalb der Zelle erfüllt haben und erst später in die Bildung eines Flagellums einbezogen worden sein. Und in der Tat gibt es Hinweise darauf, dass verschiedene Proteine des Flagellums vormals eine Rolle in einer Art Molekular-Pumpe gespielt haben, die in den Membranen von bakteriellen Zellen entdeckt wurde. Behe berücksichtigt diese Art von indirektem Weg zu irreduzibler Komplexität nicht, in welchem Einzelteile zunächst eine bestimmte Funktion wahrnehmen, im Verlauf der Evolution jedoch eine andere annehmen. Und er schließt grundsätzlich die Möglichkeit aus, dass sich komplexe Strukturen von jeher durch Selektion ein- und derselben biologischen Funktion gebildet haben könnten.

Aber Biologen haben gezeigt, dass auch der direkte Weg zu irreduzibler Komplexität möglich ist. Angenommen, ein Teil wird lediglich zu einem System hinzugefügt, um dessen Leistung zu verbessern; dieser Teil wäre zum besagten Zeitpunkt noch nicht unverzichtbar für die Funktion. Durch das Wirken fortgesetzter Evolution kann jedoch ein Teil, der bislang nur vorteilhaft war, im Laufe der Zeit unentbehrlich werden.

Design-Theoretiker haben ihren Kritikern bereits einige Zugeständnisse machen müssen. So gestand Behe ein, er habe nicht gemeint, dass irreduzibel komplexe Systeme sich nicht per definitionem graduell entwickeln könnten. "Ich stimme zu, dass meine Argumente gegen den Darwinismus nicht zu einem logischen Beweis aufsummiert werden können", sagte Behe, obwohl er davon überzeugt sei, dass der Darwinsche Weg zu irreduzibler Kompexität überaus unwahrscheinlich ist.

Behe und seine Anhänger unterstreichen nun, dass sich irreduzibel komplexe Systeme zwar prinzipiell entwickeln, Biologen diese aber nicht im Detail überzeugend rekonstruieren könnten. Was aber als ein hinreichend detaillierter Bericht zählt, ist ganz und gar subjektiv. Biologen wissen tatsächlich bereits eine Menge über die Evolution von biochemischen Systemen, irreduzibel komplex oder nicht. So wurde auch die Genduplikation als ein entscheidender Mechanismus der Evolution herausgearbeitet.

Pseudomonas aeruginosa im Raster-Scanning-Mikroskop

Ein Beispiel für das Zusammenwirken verschiedener Prozesse innerhalb dieser Thematik zeigt beispielsweise der Mikrobiologe Michael Sadowsky von der Universität von Minnesota auf.

Schnelle evolutionäre Prozesse sind es, die Mikroben zu unschlagbaren Werkzeugen in der Beseitigung von toxischen Substanzen machen. Beispielsweise wurden das Unkrautvernichtungsmittel Atrazin, oder Toluole wie TNT im Labor hergestellt und haben niemals vorher auf der Erde existiert. Wenige Dekaden nach ihrer Einführung haben Bakterien, deren Vorfahren bereits seit etwa 3,5 Milliarden Jahren auf der Erde vorkommen, Enzyme entwickelt, die toxische Substanzen aufzuspalten vermögen. Ihr Geheimnis? Sie können Genduplikate anderer Bakterien aufnehmen und durch die Aufnahme kann sich die Funktion der Gene verändern.

Sadowsky erläutert den Vorgang für das Bakterium Pseudomonas. Die vier Gene, die das Bakterium benötigt, um Atrazin aufzuspalten, liegen regellos im Genom verteilt; ein Hinweis darauf, dass diese Gene dem Genom einst hinzugefügt wurden. Weiterhin ist jedes dieser Gene durch sog. Transposons eingerahmt; Teile mobiler DNA, die häufig genetische Umbildungen anzeigen.

Es existieren für Bakterien darüber hinaus noch andere Wege, das "evolutionäre Ventil" zu öffnen, wenn nötig. So ist eine weitere Taktik die Erhöhung der Mutationsrate in "harten Zeiten". Einige Bakterien-Plasmide tragen ein verschlüsseltes, störanfälliges DNA-Replikationsenzym namens DNA Polymerase V, welches in stressigen Zeiten aktiviert wird. Mehr Mutationen bedeuten mehr Lose in der genetischen Lotterie und erhöhen damit die Chancen eines "glücklichen Bakteriums" mit einer nützlichen neuen Variante eines alten Enzyms.

Der zweite führende Theoretiker des neuen Kreationismus, William Demski, seines Zeichens Mathematiker, Philosoph und Theologe, hat eine Professur für wissenschaftliche Grundlagenforschung an der baptistischen Baylor Universität in Waco (Texas) inne. Wie Behe stellt auch Demski seine Geistesleistungen bereits seit längerer Zeit in die Dienste des "Center for Science and Culture", einer Abteilung des christlich-konservativen Discovery Instituts in Seattle. Demski publiziert in atemberaubender Geschwindigkeit ein Buch nach dem anderen, deren Titel u. a. "The Design Interference", "Intelligent Design", "No Free Lunch" oder "The Design Revolution" lauten.

In seinem Buch "The Design Interference" führt Demski den Film "Contact", basierend auf einer Erzählung von Carl Sagan mit selbem Namen, als Beispiel für komplexe Strukturen an, die nicht zufällig entstanden seien, sondern intelligent designed wurden. "Wie kommt es", fragt sich Demski, "dass die Astronomen in der Story anhand einer Signalabfolge, die sie aus dem Weltall empfangen, auf extraterrestrisches intelligentes Leben schließen?"

In der Geschichte entdeckt die Wissenschaftlerin Ellie Arroway nach Jahren des Empfangs von unbedeutenden Zufallssignalen, ein Muster von Tönen und Pausen, das mit einer Sequenz aller Primzahlen zwischen 2 und 101 übereinstimmt. "Es gibt innerhalb der physikalischen Gesetze", so Demski "keinen Grund, warum Radiowellen-Signale aufeinander aufbauen sollten." Das Auftreten einer Abfolge erscheint daher alles andere als zwingend. Handelt es sich jedoch um eine kurze, d. h. nicht komplexe Abfolge, ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese zufällig entstanden ist, höher. Letztendlich ist die Abfolge im Film nicht nur komplex (also lang), sondern weist auch ein unabhängig gegebenes Muster oder auch eine Spezifikation auf. Nicht bloß irgendeine Zahlenfolge wurde aus dem All empfangen, sondern eine mathematisch signifikante - eine Primzahlen-Sequenz.

Botschaften aus dem All erhält Jodie Foster in Robert Zemeckis' Film "Contact"

Demski argumentiert also, dass spezifizierte Komplexität, mathematisch ausgedrückt, eine unverkennbare Signatur von Intelligenz liefert. Gebilde wie eine Primzahlenabfolge entstünden in der Welt niemals ohne das Wirken von Intelligenz. Wenn ein Organismus spezifizierte Komplexität zeige, können wir daraus schließen, dass es sich um das Werk eines intelligenten Planers handeln muss.

Demskis zweite Hauptthese lautet, dass bestimmte mathematische Ergebnisse auf einem grundsätzlich begrifflichen Niveau Zweifel an der Evolutionstheorie aufkommen ließen. Im Jahr 2002 konzentrierte er sich auf die No Free Lunch (NFL)-Theoreme, welche in den späten neunziger Jahren von den Physikern David Wolpert und William Macready entwickelt wurden. Diese Lehrsätze beziehen sich auf die Effizienz von verschiedenen Such-Algorithmen. In seinem Buch "No Free Lunch" führt Demski verschiedene Beispiele für seine Theorie an.

So lässt er den Leser die Suche nach erhöhtem Gelände in einer unbekannten, hügeligen Gegend visualisieren. Wir sind zu Fuß unterwegs und stolpern durch eine mondlose Nacht. Innerhalb von zwei Stunden soll das vorgegebene Ziel, die höchste Erhebung dieses Geländes, erreicht werden. Wie nun clever agieren? Ein guter Such-Algorithmus würde uns zuraunen: "Geh in die Richtung bergan, in der es am steilsten aufwärts geht. Ist kein Anstieg in der Nähe, geh einige Schritte nach rechts und versuche es erneut." Dieser Algorithmus würde sicherstellen, dass wir uns grundsätzlich aufwärts bewegen. Ein anderer Such-Algorithmus; z. B. der "blind search-Algorithmus", hätte einen anderen Vorschlag: "Laufe in irgendeine zufällige Richtung. So wirst Du verschiedene Geländeformen durchqueren und mal oben und mal unten landen."

Grob gesagt beweisen die NFL-Theoreme, dass bei durchschnittlicher Betrachtung aller möglichen Geländeformen kein Such-Algorithmus besser geeignet ist als ein anderer, das vorgegebene Ziel zu erreichen. In einigen Landschaftsformen würde uns das stetige Aufwärtswandern in der zugewiesenen Zeit in erhöhtes Gelände führen, in anderen Geländeformen die zufällige Bewegung in eine beliebige Richtung. Im Durchschnitt leistet keine Möglichkeit mehr als die andere.

Demski vergleicht den Darwinismus also mit einem Such-Algorithmus. Stellen wir uns nun eine Population vor, die zwecks Lösung eines bestimmten Problems (z. B. Anpassung an eine neue Krankheit) den Darwinschen Algorithmus von zufälliger Mutation plus natürlicher Selektion nutzt. Laut Demski besagen die NFL-Lehrsätze jedoch, dass der Darwinsche Algorithmus prinzipiell nicht geeigneter ist als jeder andere vorstellbare Algorithmus, das Problem anzugehen und zu lösen (hier Krankheitsresistenz). Daraus folgt, dass der Darwinismus im Grunde nicht zu besseren Ergebnissen führt, als eine brotdumme Zufallssuche, ohne irgendeine ordnende Kraft, wie die natürliche Selektion. So wenig wie wir erwarten, dass zufällige Veränderungen zu der Entstehung von Präzisionsmaschinen geführt haben, so dürfen wir dem Darwinismus gleichfalls nicht solche Fähigkeiten zuschreiben.

Schlussendlich argumentiert Demski, dass die NFL-Theoreme aufzeigen, dass es nur eine plausible Quelle für das Design, das wir in Organismen vorfinden, geben kann: Intelligenz.

Demskis Thesen mögen für manch einen amerikanischen Zeitgenossen, derart überzeugend geklungen haben, dass der Ausspruch vom "neuen Isaac Newton der Informationstheorie" die Runde machte. Kritiker sind hingegen der Meinung, dass sich Demski gewaltig auf dem Holzweg befindet. Versuchen Organismen doch nicht, irgendein unabhängig vorgegebenes Muster zu erreichen; Evolution hat kein Ziel und die Geschichte des Lebens versucht nicht irgendwo hinzugelangen.

Wenn die Ausbildung einer komplexen Struktur dazu führt, dass mehr Nachwuchs in die Welt gesetzt wird; gut. Dann wird die evolutionäre Bildung von Augen begünstigt. Führt jedoch die Zerstörung komplexer Strukturen zu diesem Ergebnis: auch gut. Werden die Augen eben zurück gebildet. Spezies wie Fische und Schalentiere, die sich in die völlige Dunkelheit von Höhlen zurückgezogen haben, wo Augen sowohl unnötig als auch zu aufwändig sind, haben daher oft degenerierte Augen Vermutlich käme kein intelligenter Designer auf die Idee, völlig nutzlose Augen zu konstruieren. Ungeachtet der Diskussion über Design und Maschinen erstreben Organismen eben nicht, die Blaupause eines Designers zu realisieren. Sie streben (wenn man das überhaupt streben nennen kann) nur danach, sich zu vermehren, was das Zeug hält.

Ein weiteres Problem mit den Argumenten von Demski betrifft die NFL-Theoreme. Neuere Arbeiten haben gezeigt, dass diese Lehrsätze auf den Fall von Co-Evolution nicht anwendbar sind, wenn zwei oder mehrere Arten sich in Abhängigkeit voneinander entwickeln. Und in der Regel ist es die Klaviatur der Co-Evolution, auf der in der Natur gespielt wird.

Organismen verplempern ihre Zeit kaum damit, sich an Gestein anzupassen. Sie werden fortgesetzt gefordert von einer schier endlosen Horde von Viren, Parasiten, Räubern und Beutetieren. Ein Lehrsatz, der auf diese co-evolutionären Alltagssituationen nicht anwendbar ist, ist ein Theorem, dessen Relevanz in der Biologie freundlich ausgedrückt, unklar ist. So musste Demski auch kürzlich einen Rüffel von David Wolpert, einem der Entwickler der NFL-Theoreme, einstecken, der Demskis Anwendung seiner Lehrsätze als total unpräzise ablehnte. Demski schlug daraufhin einen taktischen Haken. Hatte er 2002 noch getönt, dass "Die NFL-Theoreme die Hoffnungen der Darwinisten, dass spezifizierte Komplexität durch evolutionäre Algorithmen zu erreichen sei, für immer zerstören würden", hört sich das nun ganz anders an. Er habe natürlich nie behauptet, dass die NFL-Theoreme direkte Gegenargumente für den Darwinismus lieferten.

An derartige Sinneswandel sind Menschen, die sich länger mit der ID-Bewegung beschäftigt haben oder beschäftigen mussten, bereits gewöhnt. Ins Auge fällt dabei aber die Tatsache, dass die Thesen Demskis und Behes auch auf den zweiten Blick nur wenig kompatibel erscheinen. Ist Demski doch der Auffassung, der Darwinismus könne gar nichts Interessantes hervorbringen, so postuliert Behe: jeweils eine Ursprungszelle vorausgesetzt, könne die Evolution vom Spulwurm bis zum Walross alles erschaffen.

Obwohl ID-Befürworter wie Jonathan Wells die Aussagekraft von gelegentlichem Gezänk unter Evolutionsbiologen gerne aufblähen, sehen sie die Balken im eigenen Auge, also die großen Meinungsunterschiede in ihren eigenen Reihen, nicht. Letztendlich ist es schwierig ID als eine einheitliche Bewegung zu sehen. Außer im politischen Sinn.

Sigmund Freud. Bild: Library of Congress

Im Jahre 1999 wurde ein Dokument des Discovery Instituts anonym im Internet veröffentlicht. Dieses sog. Wedge-Dokument (Keil-Dokument) beschreibt nicht nur die langfristigen Ziele des Instituts, sondern auch die Strategien, diese zu erreichen. Das Dokument beginnt mit der Idee, dass alle menschlichen Wesen nach dem Abbild Gottes erschaffen worden sind. "Eine der Grundfesten, auf die die westliche Zivilisation gegründet wurde."

Des weiteren wird das katastrophale Vermächtnis von Darwin, Marx und Freud bejammert; angeblich die Väter der materialistischen Weltsicht, das schlussendlich praktisch jeden Bereich der Kultur infiziert habe. Die Mission des wissenschaftlichen Flügels des Discovery Institut wird wie folgt beschrieben: Sturz des Materialismus und seines kulturellen Vermächtnisses. Wie es scheint, setzt das Institut seine Ziele etwas höher, als sich mit der Rekonstruktion einer Bakteriengeißel zu begnügen.

Erklärtes Ziel laut Keil-Strategie ist daher, die Erneuerung der amerikanischen Kultur dadurch zu erreichen, die Hauptinstitutionen der Gesellschaft, besonders die Bildungsinstitutionen, in der evangelikalen Religion zu verankern. Dieses versuchen die Anhänger, wie der Name Keil-Strategie bereits aussagt, nicht durch Versöhnung von Religion und Wissenschaft zu erreichen, sondern durch Spaltung.

Irgendwann wurde Kreationisten klar, dass der Erfolg des Naturalismus der Verankerung einer fundamentalistischen Auffassung von Religion im Wege steht. Daher führen ID-Anhänger einen Zwei-Fronten-Krieg gegen die moderne Naturwissenschaft und die theistische Evolution, da auch die Auffassung der theistischen Evolution den Naturalismus weitgehend anerkennt.

Aufgrund dieser Vorstellung sehen ID-Vertreter in der theistischen Evolution den größeren Feind, da deren Anhänger nicht mal als Atheisten gebrandmarkt werden können. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern realisierten die neuen Kreationisten jedoch, dass die Naturwissenschaften auf Basis eben dieses Naturalismus große Erfolge erzielen konnten, die die Lebensbedingungen der Menschen eindeutig verbesserten. Da Naturwissenschaftler aus diesem Grund ein hohes Ansehen genießen, ist es das Ziel der ID-Verfechter, die Naturwissenschaften vom Naturalismus abzukoppeln und die Ergebnisse der Naturwissenschaften anzuerkennen, während die naturalistisch orientierten Naturwissenschaftler jedoch als gottlos verunglimpft werden.

War Darwin also ein gottloser Finsterling und die Quelle allen Übels der westlichen Zivilisation? Lassen wir ihn selber mit einem Zitat aus seinem Buch "Von der Entstehung der Arten" antworten:

Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, dass der Schöpfer den Keim allen Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat und dass, während sich unsere Erde nach den Gesetzen der Schwerkraft im Kreise bewegt, aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter besteht."

Literatur:

Darwin, C. & Neumann, C. W. (2004): Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. Nikol Verlag, Hamburg.
Pennock, R. T. (2001): Intelligent Design Creationism and Its Critics: Philosophical, Theological, and Scientific Perspectives. The MIT Press, Cambridge.
Mooney, Chris (2005): The Republican War on science. Basic Book Verlag, New York. (Stefanie Schneider)

Anzeige