Die typisch deutsche Lust am Sündenbock

Bild: Mark Timberlake/Unsplash

Mediale Einschüchterungskampagne gegen Schauspieler: Die Empörung über "Alles dicht machen" zeigt, wie Corona Maßstäbe verschiebt und Meinungsfreiheit aushebelt. Kommentar

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform.

Tocotronic

Auf den ersten Blick könnte man die Aktion für eine weitere jener Propagandaoffensiven halten, für welche die Bundesregierung seit Beginn der Corona-Krise etliche Millionen mobilisiert hat: Die Werbekampagne #besonderehelden etwa, wo brave Bürger, die sich - offenbar ohne existenzielle Nöte - mit Popcorn in ihren Wohnungen einbunkern, wie Kriegshelden geehrt werden. Oder #wirbleibenzuhause, wo Prominente wie Günther Jauch mit den Händen ein Dach über dem Kopf formen, als würden sie einer Kindergartengruppe den Lockdown erklären.

Im Gegenteil: Über genau diese Krisenkommunikation, die seit einem Jahr unsere aufs Bildschirmformat zusammengeschrumpfte Öffentlichkeit prägt, machen sich die Schauspieler lustig. Dafür nutzten sie ihr ureigenstes Mittel: eine Nachahmung, die den Gegenstand verfremdet, und zwar so, dass er in dieser Fremdheit überhaupt erst erkennbar wird.

Andreas Rosenfelder, Die Welt

Andreas Rosenfelder, der Feuilleton-Chef der Welt und Welt am Sonntag ist der einzige aus der Berliner Medienblase, der aus der Reihe tanzt und benennt, dass #allesdichtmachen, die Aktion prominenter Schauspieler gegen die Corona-Politik der Bundesregierung, dadurch erfolgreich ist, dass sie von den etablierten Medien unisono und überaus aggressiv im Ton kritisiert wird.

So gelingt es der inhaltlich nicht besonders geglückten Aktion, durch Provokation sichtbar zu machen, dass eine sonst einigermaßen plurale Medienszene beim Thema Corona seit über einem Jahr mit der einen gleichen Stimme kommuniziert und nur ein Sollen propagiert und abweichende Ansichten so wie in diesem Fall mitunter aktiv bekämpft.

Das Königreich der Mittelmäßigkeit

Die Aktion deutscher Schauspieler ist im Einzelnen ziemlich lustig und manchmal auch richtig und treffend. Im Ganzen ist sie eher dumm und gelegentlich geschmacklos. Sie ist dumm, weil sie die Diskurs-Bedingungen unter Corona und die Funktionsweisen der deutschen Medienlandschaft außer Acht lässt. Und sie ist gelegentlich geschmacklos, weil sie alle ästhetischen Schwächen des deutschen Films und seiner Schauspieler bloßlegt und diesen als das Königreich der Mittelmäßigkeit zeigt, das er ist.

Noch dümmer ist aber mal wieder der deutsche Moralismus, die Empörungsbereitschaft der deutschen Gesellschaft und die Lust daran, endlich wieder einen Sündenbock gefunden zu haben und ein paar Menschen, die man klar identifizieren und über die man sich dann gemeinschaftlich echauffieren kann. Diese Lust nach Einigkeit in Hass und Abscheu, insbesondere der Berliner Kunst- und Medienblase, ist viel empörender als ein Richy Müller, dessen Scherz, in Papiertüten zu atmen, angesichts Hunderter Corona-Toten täglich mehr als bemüht wirkt.

Die deutschen Medien behaupten, jetzt eine Debatte zu führen. Tatsächlich hat deren öffentliche Hinrichtungs- und Einschüchterungskampagne nicht das Geringste mit "Debatte" zu tun.

Stattdessen wird mit Verbalkeulen und Totschlagargumenten wie dem der "Verhöhnung der Corona-Toten" gegen die Schauspieler mobil gemacht.

Der schrille Ton

Das Problem an dieser Mobilmachung ist der schrille Ton. Erstaunlich viele prominente Kommentatoren vergreifen sich hier im Ton - womit ex negativo gezeigt wird, dass die Proteste der Schauspieler offenbar einen gewissen deutschen Mainstream ins Mark treffen, der sich in ihnen sonst gern spiegelt. Zum Beispiel Stefan Niggemeier in Übermedien, zum Beispiel Jan Böhmermann.

Wenn man die schrägen Behauptungen jener Rechtspopulisten und Querdenker, nach denen es "Systemmedien" gibt, die die Öffentlichkeit manipulieren und in bestimmte Meinungs-Richtungen steuern wollen, die einen Meinungskorridor mit starren, immer engeren Grenzen errichten möchten, wenn man derart kruden Verschwörungskram bestätigen möchte, dann muss man auf Corona blicken und dann muss man Fallbeispiele wie die jetzige Reaktion auf die Schauspieler-Videos aufzeigen.

Dann was ist hier tatsächlich passiert? Die Süddeutsche Zeitung, das Redaktionsnetzwerk Deutschland, der sonst so kritische Medienbeobachtungs-Blog Übermedien, die taz, der Tagesspiegel, zusammen mit 3sat-Kulturzeit, dem heute journal, der ARD - sie alle sind sich einig, dass die Schauspieler das, was sie gemacht haben, nicht hätten machen sollen - um es mal vorsichtig auszudrücken.

Wo gibt es die eine einzige Stimme in diesen Mainstream-Medien, die die andere Seite vertritt? Wo gibt es eine einzige Stimme, die wenigstens zu verstehen versucht, was hier passiert und warum die Schauspieler diesen Aufruf starten?

Der erwähnte Andreas Rosenfelder in der Welt ist diese eine Stimme, Michael Angele im Freitag eine zweite. Eine ehemals rechtskonservative, heute liberale Tageszeitung und ein ehemals linkskonservatives, heute linksliberales Wochenblatt. Dazwischen nur Medien die den Regierungskurs mit den Argumenten einer geistigen schwarzgrünen Koalition abstützen.

Dann gab es immerhin noch im Deutschlandfunk ein wohlabgewogenes Interview mit der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guerot, die präzis benannte, wie alle legitime Kritik in die Querdenker-Ecke abgedrängt wird.

Natürlich kommt die Aktion der Schauspieler viel zu spät. Sie hätte im letzten Sommer kommen müssen. Natürlich kann man auch auf die Franzosen verweisen, die die Theater besetzen. Auf die Gastronomen in Italien, die der Regierung ihre gebrauchten Unterhosen schicken - mit der Begründung, das letzte Hemd habe man ihnen ja schon genommen.

So spät

Natürlich kann man auch sagen, es wäre gut gewesen, wenn alle Schauspieler, die sich jetzt äußern, besser mal schon im letzten Herbst die Videoaktion des Musikers Till Brönner unterstützt hätten. Oder wenn sie sich alle zusammen am besten noch an diesem Wochenende oder besser schon im letzten Jahr vors Kanzleramt setzen würden und einen Sitzstreik für die Kultur begonnen hätten.

Man stelle sich das mal vor! Was da los wäre, abends im heute journal und in den Tagesthemen: Jan Josef Liefers und noch drei andere Tatort-Kommissare sitzen sitzstreikend vor dem Kanzleramt. Motto: "Ausgangssperre, nein Ausgangsbeschränkung für die Kanzlerin!"

Das hätte noch mehr Aufmerksamkeit und viel mehr Wohlwollen gebracht, und es wäre vielleicht auch etwas schwerer gewesen, es mit Shitstorms niederzukartätschen. Aber gut - das haben sie nicht gemacht und andere haben es auch nicht gemacht. In Deutschland ist die Streik- und Demonstrationsbereitschaft sowieso gering und sie wird noch dadurch geringer, dass, wenn überhaupt, vor allem Querdenker demonstrieren.

Wirklich lässt man sich auf manche richtige oder halb-richtige oder wenigstens legitime Position der Querdenker auch gar nicht ein, sondern zeigt lieber die Reichsbürger-Flaggen die da auch geschwenkt werden und die fünfzig Neo-Nazis, die da mitmarschieren. Ansonsten macht man Witze über "Leerdenker" und erklärt in literaturwissenschaftlichen Aufsätzen, warum man außer "Negerkuss" und "Zigeunersoße" auch nicht "Verschwörungstheorie" sagen soll, sondern "Verschwörungsideologie".

Keine Lust am Diskurs

Allein diese Art der Auseinandersetzung mit den Querdenkern zeigt, was falsch läuft in Deutschland. Es gibt hier keine Streitkultur. Es herrscht keine Lust am Diskurs, an Auseinandersetzung, an anderer Meinung. Es wird allerorten von "Diversität" geschwafelt, aber die Meinung soll uniform und orthodox sein. Streiten darf man sich darüber, ob 165 jetzt ein angemessener Inzidenzwert ist, oder nicht 237 doch besser wäre. Wenn aber ein Virologe formuliert, dass der Inzidenzwert kein guter Maßstab ist, dann werden schnell drei Experten aufgefahren, die die herrschende Meinung wiederherstellen.

Man möchte seine eigene Meinung bestätigt fühlen. CDU-Wähler abonnieren die FAZ, Grünen-Wähler die Süddeutsche. Alle abonnieren den Spiegel und gucken Tagesthemen - Markus Lanz zu schauen, ist schon fast rebellisch - erklärte doch dort der Moderator erst diese Woche, dass die angebliche Überfüllung der Intensivstationen von vielen Experten in Zweifel gezogen wird, und dass die Schweden - hört, hört! - auf Selbstverantwortung setzen.

Streit irgendeiner Art ist nicht gewollt. Selbst Film- und Literaturkritiker bekommen noch im privaten Umfeld immer zu hören: "Warum musst du denn eigentlich immer so kritisch sein? Schreib doch mal was Schönes, was Nettes?" Und politische Kommentatoren finden Angela Merkel seit mindestens zehn Jahren alternativlos.

Bei den Oppositionskandidaten der letzten Dekade wurde immer nur betont, dass sie erstens vieles ähnlich machen wollen wie Angela Merkel, und dass zweitens das, was sie anders machen wollen, falsch ist, und drittens, dass ihre Partei nicht hinter ihnen steht. Als ob die CDU je geschlossen hinter Angela Merkel gestanden wäre.

Verquerer Umgang mit Kritik

Man könnte jetzt noch viele Beispiele für einen solchen verqueren Umgang mit Kritik nennen. Man könnte darauf aufmerksam machen, dass sich nicht ein Kritiker rechtfertigen muss, sondern das Bestehende; dass sich die Mächtigen rechtfertigen müssen, nicht die Ohnmächtigen. Dann könnte man außerdem sagen, dass am Beispiel der Corona-Politik sich selbstverständlich Grundrechtseinschränkungs-Maßnahmen rechtfertigen müssen und nicht etwa diejenigen, die fordern, dass Grundrechte uneingeschränkt gelten sollen.

Diese Abneigung gegenüber Kritik hat natürlich etwas damit zu tun, dass vor Corona alle Angst haben. Und diese Angst hat etwas mit der Macht des Virus zu tun und mit der Ungewissheit über Ansteckung und Auswirkungen. Diese Angst hat allerdings auch etwas mit den spezifischen Bedingungen der deutschen Kultur zu tun: der Kultur der Obrigkeitsgläubigkeit, des Gehorsams, dem Bild des Menschen als Untertan, nicht als Staatsbürger.

Diese Angst hat allerdings auch viel damit zu tun, dass sie geschürt wird. Dass die Obrigkeit in Deutschland, die Regierungen, Behörden und auch die Medien viel mehr an Angstmache interessiert sind und viel weniger an Freiheit und Selbstbestimmung, als es Obrigkeit und Medien in vielen anderen Ländern sind.

Selbstbestimmung und Selbstverantwortung wird nicht nur in einem Land wie Schweden viel höher geschrieben als in Deutschland. Denn wenn man zum Beispiel gern den französischen Lockdown erwähnt, der strenger ist als der deutsche - dann muss man auch dazu sagen, dass er deswegen so streng ist, weil in Frankreich die Regierung weiß, dass sich die Bürger sowieso nicht dranhalten. Der Autor dieses Textes kennt selbst mehr als ein Dutzend Menschen in Frankreich, die ihre Zeit vor allem damit zubringen, sich immer neue Dinge einfallen zu lassen, um die Beschränkungen, die ihnen auferlegt sind, irgendwie zu umgehen.

Vollkommen unhaltbar ist es, wenn jetzt dann noch, wie geschehen, der ARD-Rundfunkrat den Schauspielern mit Sanktionen droht. Mit Sanktionen! Dafür, dass sie ihre eigene Meinung gesagt haben!

Corona macht alle etwas wahnsinnig

Die Meinungs- und Redefreiheit ist bei uns von der Verfassung gedeckt. Zur Meinungs- und Redefreiheit gehört übrigens sogar das öffentliche Äußern von Ansichten, die nicht in allen Punkten von der Verfassung gedeckt sind. Man darf zum Beispiel öffentlich eine Verfassungsänderung fordern. Aber so weit geht das alles ja gar nicht.

Hier geht es einfach um missliebige Minderheiten und um Meinungen, die keineswegs nur von der AfD vertreten werden, die aber dem ARD-Rundfunkrat oder seinen politischen Herren aus irgendeinem Grund missliebig sind. Und deswegen sollen ganz offensichtlich diejenigen, die sie prominent äußern eingeschüchtert werden.

Welchen Zweck sollten solche Drohungen sonst haben? Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, dass Corona alle etwas wahnsinnig macht, die Maßstäbe vollkommen verschiebt und so etwas wie allgemeinen bürgerlichen Anstand aushebelt. Zu dem gehört nämlich die Toleranz gegenüber Andersdenkenden.

Die Medien müssen ihr Verhalten ändern. Sie sollten das schnell tun. Medien sollten zweifeln, sie sollten zaudern, sie sollten Verständnis für den Zorn haben und zwar nicht nur den eigenen. Und sie sollten die eigenen Uniformen zerreißen. (Rüdiger Suchsland)