Die ultrageheime und mörderische russische GRU-Einheit 29155

Wladimir Putin bei der Feier des hundertjährigen Jubiläums des Geheimdienstes GRU im November 2018. Bild: Kreml

Die New York Times will mit anonymen Quellen eine Kampagne zur Destabilisierung Europas aufdecken und geht dabei mit den Mitteln von Verschwörungstheoretikern vor

In der New York Times werden angebliche geheime Machenschaften Russlands ausgebreitet, man könnte es erst einmal auch als Konstruktion einer Verschwörungstheorie bezeichnen, zumindest als wenig faktengbestützte Propaganda. Sie basiert auf Berichten von Informanten, die anonym bleiben wollen, weil sie angeblich Geheimes ausplaudern. Nachdem bereits Sonderermittler Mueller zwei Cybereinheiten des russischen Auslandsgeheimdienstes GRU 26165 und 74455 für den Hack in die Server des Democratic National Committee während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 verantwortlich machte und 12 Mitarbeiter angeklagt hatte, sollen die Geheimdienste nun auf die Einheit 29155 gestoßen sein, die nicht im Cyberspace, sondern in der Wirklichkeit handelt.

Nach Angaben der New York Times sind nach dem Anschlag auf Skripal die Geheimdienste auf eine russische Kampagne zur Destabilisierung von Europa gestoßen, die von dieser auf "Subversion, Sabotage und Mord" spezialisierten "Eliteeinheit" exekutiert wird. Es soll diese Einheit gewesen sein, die den missglückten Nowitschok-Anschlag auf die Skripals, die seitdem - freiwillig? - untergetaucht sind, ausgeführt habe. Verantwortlich sei sie auch für eine Destabilisierungs-Kampagne in Moldawien (Bellingcat), für den Giftmord an einem Waffenhändler im Jahr 2015 (Giftige Intrige gegen bulgarischen Waffenhändler - Vorläufer des Nowitschok-Anschlags? - Bellingcat) und einen missglückten Coup in Montenegro (Bellingcat).

Interessant mag sein, dass in allen vier Fällen Bellingcat engagiert war, um den Verdacht auf Russland zu lenken (BBC und Bellingcat wollen dritten Mann im Skripal-Fall ausgemacht haben). Vergessen wurde der Mordanschlag auf den ehemaligen tschetschenischen Kommandeur Zelimkhan Khangoshvili im August in Berlin. Auch hier ist Bellingcat mit im Spiel.

Zuerst habe man diese Fälle als isolierte Ereignisse gesehen und sie erst dann über die russische Geheimdiensteinheit miteinander verbunden. 29155 würde zwar bereits ein Jahrzehnt lange agieren, angeblich sagen Geheimdienstagenten aus vier Ländern, es sei nicht bekannt, wie oft diese Einheit eingesetzt wurde, aber sie würden davor warnen, dass es unmöglich sei zu wissen, "wann und wo ihre Mitarbeiter zuschlagen". Ein Informant aus europäischen Sicherheitskreisen berichtet, dass die GRU-Einheit seit Jahren in ganz Europa aktiv gewesen sei: "Es war eine Überraschung, dass die Russen, die GRU, diese Einheit sich so frei bewegten und diese extrem bösartige Aktivität in freundlichen Ländern ausführten."

Alles ganz geheim

Man mag sich vorstellen, wie man andersartige Verschwörungstheorien heruntermachen würde, die sich auf dunkle Andeutungen von angeblichen offiziellen Quellen stützen, die aber nicht genannt werden und möglicherweise gar nicht existieren, um eine politisch interessierte Relotius-Story zusammen zu dichten. Dass russische Agenten in Moldawien und Montenegro aktiv waren, um politische Entwicklungen zu beeinflussen, ist naheliegend, ebenso wie Vertreter europäischer oder amerikanischer Geheimdienste dort zugange waren. Aber sonderlich plausibel ist nicht, warum der bulgarische Waffenhändler oder Skripal getötet werden sollten.

Seltsam mag erscheinen, dass man auf diese Einheit erst so spät aufmerksam wurde, obgleich doch die angeblichen Täter des Skripal-Anschlags längst ausgemacht wurden. Dafür gibt es aber eine Erklärung: Die Einheit ist nämlich so geheim, dass selbst die meisten Mitarbeiter der GRU nichts von ihr wüssten. Aber man weiß oder behauptet es, dass die Mitarbeiter in europäischen Ländern herumreisen. Und es sind die Bösen, mitunter "dekorierte Veteranen der blutigsten russischen Kriege in Afghanistan, Tschetschenien und der Ukraine".

Im Hintergrund scheint es nicht nur um eine Angstmache, sondern auch wieder um eine Dämonisierung von Wladimir Putin zu gehen. Die Aufdeckung der Einheit, so die NYT, "unterstreicht das Ausmaß, mit dem der russische Präsident aktiv den Westen mit seinem Markenzeichen der so genannten hybriden Kriegsführung bekämpft - ein Mischung aus Propaganda, Hackversuchen und Desinformation sowie offener militärischer Konfrontation". Zitiert wird Peter Zwack, früherer Militärgeheimdienstagent und Militärattaché an der US-Botschaft in Moskau: "Ich glaube, wir haben vergessen, wie gnadenlos die Russen sein können."

Die Einheit soll ihren Sitz in der Zentrale des 161st Special Purpose Specialist Training Center in Moskau haben und unter dem Kommando von Generalmajor Andrei V. Averyanov zu stehen. Der soll bei der Hochzeit seiner Tochter 2017 auf einem Foto zusammen mit Leutnant Anatoly V. Chepiga zu sehen sein, als Ruslan Boshirov einer der Verdächtigen im Skripal-Fall.

Eine marode Eliteeinheit und die Lizenz zum Töten

Als Beleg für die mörderischen Aktivitäten der russischen Geheimdienste wird auf das von Putin 2006 unterzeichnete Gesetz hingewiesen, nach dem er Militär und Spezialeinheiten ohne Genehmigung des Parlaments ins Ausland entsenden kann. 2004 hatten russische Agenten den in Katar im Exil lebenden Selimchan Jandarbijew durch eine Bombe in seinem Auto getötet. Er war 1996 kurzzeitig Präsident Tschetscheniens.

Bei dem Gesetz, das letztlich die von den USA praktizierte Methode des gezielten Tötens durch Drohnen und Geheimkommandos übernahm, ging es zumindest nach außen hin darum, islamistische Terroristen im Ausland zu jagen und zu töten. Mit Europa oder der Nato hatte das Gesetz erstmals nichts zu tun. Putin stand unter Druck zu handeln, nachdem fünf russische Diplomaten im Irak von Mitgliedern einer Terrorgruppe ermordet worden, die Köpfung von zwei Russen war von den Entführern gefilmt und das Video im Internet verbreitet worden (Lizenz zum Killen im Ausland). Später im Jahr wurde der frühere russische Spion Litvinenko mit Polonium getötet, was auch russischen Geheimdiensten zugeschrieben wurde (Polonium-210 für 69 US-Dollar).

General Averyanov soll auch in den tschetschenischen Kriegen gekämpft haben und die höchste militärische Ehrung als Held Russlands erhalten haben - wie die zwei Verdächtigen im Skripal-Fall, merkt die NYT an. Nicht wirklich mit der Darstellung der Eliteeinheit, die mehr oder weniger unter der Regie Putins auf tödlicher Mission aus ist, stimmt zusammen, dass die Eliteeinheit auf Sparflamme zu leben scheint. Der General soll in einem heruntergekommenen Gebäude in der Nähe der Zentrale leben und ein altes Auto besitzen. Die Agenten scheinen sparen zu müssen und in billigen Pensionen abzusteigen, wie das bei den Verdächtigen im Fall Skripal gewesen war.

Und dann scheitert die angebliche Eliteeinheit auch immer wieder. Die Anschläge auf Skripal und den bulgarischen Waffenhändler überlebten diese, der angeblich geplante Putsch in Montenegro glückte auch nicht, Montenegro ist in die Nato eingetreten. Es scheint also eine schlappe Truppe zu sein, die der Kreml nach Europa schickt, um es zu destabilisieren. Warum die Ermordung eines Waffenhändlers oder eines Ex-Spions Europa destabilisieren sollen, bleibt sowieso ein Geheimnis der NYT. Das will man mit Geheimdienstexperten auswetzen, die sagen, dass die "Verwahrlosung" (messiness) Absicht sein könnte. Dann würde die anfangs beschriebene Gefährlichkeit der Spezialeinheit aber krass übertrieben sein. Man muss es sich also zurechtbiegen, die Eliteeinheit wird zu einer Schmuddelbande. Da sind die amerikanischen Geheimdienste natürlich von anderem Format. (Florian Rötzer)