Die unbotmäßige Welt

Alexander Moszkowski - Ein vergessener Visionär und Virtualist - Teil 2

Alexander Moszkowski, als satirischer Autor im Nachkriegsdeutschland nicht unbekannt, ist bereits 71 Jahre alt, als er 1922 die "Inseln der Weisheit" besucht. Dieses Werk ist eine Summa nicht nur seiner technischen Fantasien, sondern zugleich eine - um in seiner Terminologie zu reden - "breviloquente" Generalabrechnung mit der gesamten europäischen Geistesgeschichte.

Teil 1

Er beginnt seinen Besuch bei Platons Staat, den er auf der ersten Insel in seinen praktischen Untiefen und moralischen Schwächen hochrechnet. Das Gute, das Wahre und das Schöne gehen in ihrer alltäglichen Wirklichkeit ein mésalliance ein, die der Philosoph auf seinem diskursiven Reißbrett nicht wahrnehmen musste. Ist der ganze Platonismus als Gesellschaftstheorie nicht eine einzige Irrlehre? Moszkowski spottet nicht nur über die "Päderasten", die sich als große Moralphilosophen aufspielen und insbesondere über Sokrates' langatmige, pseudologische Diskurse, sondern über jede affirmative Weltschau zu "entthronender Gottheiten". Er selbst ist schon deshalb bekennender Antiplatoniker, weil die Medien nicht von den Dingen wegführen, sondern zu ihnen hin. Medienerfahrungen sind für Moszkowski Unmittelbarkeitsgewinne, wenn die Medien ihrer besten Bestimmung folgen, die Wahrnehmung zu verstärken. Denn auf die vorfindbare Welt und ihre mit bloßen menschlichen Sinnesorganen wahrnehmbaren Gegenstände kann man sich nicht verlassen.

Als "Technosoph" hadert er fortwährend mit der nicht botmäßigen Welt, die selbst da, wo sie auf Grund guter Umweltbedingungen zu hedonistisch-paradiesischer Lebensweise einlädt, den Menschen nicht glücklich macht. Weder ihre Konstruktion hält er für gut noch den Aufenthalt des Menschen auf ihr für erträglich. Dabei ist er ein kerniger "Naturbursche" und Bergfex, der keinen kleinen Teil seiner Autobiografie dem immer wieder gesuchten Gipfelglück widmet und dem kein Weg abgelegen genug sein kann, um die Natur pur zu erleben. Gleichwohl verleitet ihn das nicht zu der Vorstellung, dass es sich um die beste aller möglichen Welten a la Leibniz handeln könnte. Wenn schon die Konstruktion der Welt schlecht ist, gibt es dann wenigstens eine poststabilierte Harmonie dank immer neuer und mächtigerer Maschinen? Keineswegs, Moszkowski ist auch kein Technik-Jünger, der den Fortschritt von Wissenschaft, Forschung und Technik bereits für die Lösung hält - vor allem dann nicht, wenn der Mensch keine phänomenologische Sicherheit im verantwortlichen Umgang mit seinen neuen künstlichen Umwelten gewinnt. Mit der distanztötenden Technik mobiler Wunderwerke würden etwa die Gipfel zur Theaterkulisse und die weltentrückten Emotionen der "Höhenmenschen" verwüstet.

Allein eine "Philosophie der Galle", die ihm ständig hochkommt, war seine Reaktion auf die sehr konkreten Missstände, die er in Natur und Technik, göttlichen und menschlichen Veranstaltungen verabscheut. Vielleicht lag dieses physiologische Schicksal in der Familie, sein etwas jüngerer Bruder, der fast vergessene Komponist Moritz Moszkowski, starb 1925 in Paris an Magenkrebs. Moritz hatte nach Alexanders "Anton Notenquetscher. Ein satirisches Gedicht in vier Gesängen" die musikalische Faust-Parodie "Anton Notenquetscher am Clavier" komponiert.

Moritz Moszkowski

Alexander Moszkowski erscheint das Schicksal einer Menschheit grotesk, die zwar alle möglichen Gadgets auf den Markt wirft, aber etwa mit einfachen Naturphänomenen wie dem Regen nicht fertig wird und dabei auf einen lächerlichen Regenschirm angewiesen ist, der schon Tausende Jahre früher erfunden wurde. Die Tücke des Objekts - bis hin zu dem Knopf, der sich nicht bequem in das Knopfloch drehen lässt - ist die Katastrophe schlechthin. Denn so nichtig die Anlässe sind, so unabweisbar drängt sich die Katastrophenhaltigkeit der Welt auf. "Die Peinlichkeit der Erdenschwere" schreit nach Technik, nach Naturbeherrschung und einer Meta-Technik, die wiederum die bislang noch so unbotmäßige Technik beherrscht. Doch kann man den Dämon mit Beelzebub austreiben? Moszkowski unterscheidet zwischen zwei Arten von Technik. Technik, die den Menschen betrügt und solche, die ihn beschenkt, die seine Wahrnehmungs- und Erlebnisfähigkeit intensiviert. "Dual use" gilt also auch in den zivilen Einrichtungen der Technik, zudem die Raumherrschaft doch nichts anderes ist als eine kaum larvierte Form militärischer Herrschaft.

Das ist jene Technik, die dem Menschen Zeit stiehlt, während sie ihm vorgaukelt, Zeit zu sparen. Hier werden die Zeitbeschleunigungsfallen schon durchlitten, die später Paul Virilio mit mehr Details, aber keineswegs radikaleren Ergebnissen vorgestellt hat. Die Geburt der Technik aus dem Geist der Vernichtung liegt so nahe wie alles in der Welt, wenn erst die Technik die Distanzen zwischen den Dingen zerstört hat und damit die Spannungen, die der Mensch braucht, um sich selbst zu erfahren. Und wirklich dämonisch wird diese Technik dadurch, dass sie zugleich unseren inneren Widerstand gegen ihr selbstläufiges Walten erfolgreich besiegt.

Welt am Draht

Lange vor Marshall McLuhan erkennt Moszkowski das Hauptphänomen des "homo technicus" in den künstlichen Extensionen, die schließlich zu einer globalen Vernetzung führen, der er aber anders als McLuhan 1964 in "Understanding Media. The Extensions of Man" eine eindeutige Absage erteilt. Die Drähte sind die Ausdehnungen des Wahrnehmungswesens Mensch und hier werden auch sogleich die Folgen erkannt: Der Fernste ist der Nächste geworden, Differenzierungs- und Persönlichkeitsverluste sind die Folgen. Während der Technikkritiker Arnold Gehlen keine echten Hoffnungen in die Technik setzt, sondern auf eine erlösende Moral hofft, differenziert Moszkowski. Sämtliche Erfindungen, die kulturelle Wahrnehmungen verstärken und künstlerische Möglichkeiten erweitern, sind akzeptabel: Schnellpresse, elektrische Beleuchtung, Photografie, Kinematograph, Grammophon, Pianola. In der Extrapolation der Potenzen solcher Maschinen attestiert er ihnen ein zukünftiges Eigenleben, das auch die Künste in den Mahlstrom technischer Entwicklung untergehen lassen wird. Die Schreibmaschine etwa steht auf der Schnittstelle seiner kritischen Technikbetrachtung, sie erleichtert das Schreiben, aber zerstört den Stil, was der Vielschreiber allerdings für erträglich hält, da er ohnehin in klassischen Kulturtechniken und Medienkompetenzen keine echte Zukunft erkennt. Alle Techniken, die den Raum zerstören, gehören zu den gefährlichen Zeitfallen, die unter dem Vorwand der Zeitersparnis nur mehr neue Probleme schaffen. Moszkowski spricht im Blick auf die neuen, durch Motorisierung und Automatisierung angestachelten Geschwindigkeitslüste der zwanziger Jahre.

Gerade marktabhängige Autoren wie Moszkowski erfahren am Anfang des 20. Jahrhunderts, wie die Verbesserung von Setzmaschinen, Rotationsdruck und Druckqualitäten das Medium "Zeitung" anheizen und immer schneller werden lassen. Ullstein wirbt mit der "schnellsten Zeitung der Welt". Den neuen Takt bestimmt das Fließband, das zwar die Arbeitsproduktivität enorm steigerte, aber zugleich auch die Unfallgefahren. Zwischen 1933 und 1936 steigt in Deutschland die Unfallrate um 55 Prozent. In der Betrachtung des Geschwindigkeitsrauschs wird Moszkowski klar, dass Beschleunigungsgewinne an sich nur von einem Typus der Katastrophe zu einem anderen wechseln. 1930 installiert der ADAC die ersten Pannentelefone. Beschleunigung kann jederzeit in Zerstörung umschlagen. Technik erfordert Technik, um mit und gegen sie zu überleben. Moszkowski vergisst nicht die dämonischen Facetten der Technik, die er bis in die Unerträglichkeiten des Alltags verfolgt und die ihn wie einen Buchhalter rechnen lassen, wie viel Lebenszeit er durch die ewig gleichen Alltäglichkeiten verliert. Die Technik hat die Menschen "in eine Drahtwelt eingewoben, deren Fäden die Verlängerungen unserer eigenen Organe darstellen."

Der Mensch verwandelt sich in dieser Drahtwelt, lange vor Geburt des Internets zur "Siphonophore", zur Quallenexistenz, die ihre menschliche Persönlichkeit preisgegeben hat. Technik ist nach Arnold Gehlen Organersatz, um eben die Wunderwerke möglich werden zu lassen, die jene fehlsame Physis des Mängelwesens "Mensch" nicht eröffnet. Der Geist wird primitiv, die Sinne leiden. Für Moszkowski wie für Gehlen ist klar, dass bestimmte Formen der Technik die Seele zerstören. Gehlen formuliert radikal "bioinvasiv": "Die Technik umgibt also nicht nur den Menschen, sie dringt in sein Blut ein." Gleichwohl verfehlt er das imperialistische Wesen der Technik, wenn er dreißig Jahre nach Moszkowskis Zukunftsexkursen ernsthaft an einen "stationären Zustand" glaubt, in den die Technik übergeht, die nicht einmal den Traum der "Reise zum Mond" eröffnen werde. Während Gehlen den alten Glauben von Natur- und Technikbeherrschung nicht los wird und daher die Potenzen der Technik wie viele Philosophen und Soziologen unterschätzt, glaubt Moszkowski zuletzt an stationäre Zustände der Technik. Für ihn ist der "Sprung nach dem Mond" ein Experiment, das er für seinen imaginierten "Kraftspringer" wörtlich nimmt, auch wenn die Physik da (vorläufig) nicht mitmacht. Pech für die Physik: "Das Zustandekommen jenes Experiments ist also von Voraussetzungen abhängig, die der Phantasie nicht nur die Vorherrschaft über die Wirklichkeit, sondern auch über die naturgesetzliche Möglichkeit einräumt." Besser könnte man nicht formulieren, was den wahren "Virtualisten" auszeichnet. Maxim Gorkis Spruch "Die Kunst lebt von Erfindungen der Phantasie, die Wissenschaft macht die Erfindungen der Phantasie zur Wirklichkeit" will Moszkowski nicht mehr als Antinomie gelten lassen.

Die "Not der Nerven"

Der Medienkenner skizziert unsere gegenwärtigen Informationsgesellschaften, die in der Paradoxie überinformierter Ahnungsloser und rasenden Stillstands enden. Denn wenn etwa alle gleich schnell sind, sind auch alle wieder gleich langsam. Herrschaft ist nicht nur ein Mehr oder Weniger an Technik, wie es das Militär spätestens seit dem zweiten Weltkrieg denken mag, sondern in eine riskante Dialektik eingebunden, die auch den Weg zurück in die Steinzeit bereit halten könnte. Doch es gibt auch kleine Apokalypsen. Die Räder der Lokomotiven und Schiffsmaschinen erscheinen Moszkowski als "ungeheure Nivellierungswalzen" der Welterfahrung. Redet er von unseren uniformen Einkaufszonen, wenn er in den Läden einer jeden Großstadt den "gedrängten Abriss aller irdischen Erzeugnisse" sieht? Das urbane Leben ist die Wiederkehr des Immergleichen. Mit der durch die Technik geschrumpften Distanz gehen Exotik und Freude an ihr unwiederbringlich verloren. Doch vielleicht werden die Erlebnisprogramme auch nur ausgetauscht, verwandeln sich von natürlichen in virtuelle Erfahrungen, ohne in irgendeiner Zukunft diesen Unterschied noch angeben zu können.

Vor allem die Aufrüstung der Wahrnehmung, um die kulturelle Erfahrung zu bereichern, wird für den selbst ernannten Grenzgänger zum legitimen Motiv seiner Techno-Visionen. Überhaupt will er den Lebenszeitdiebstahl mit Technik bekämpfen, ohne wieder in die negative Dialektik zu geraten, die Zahl sinnloser Tätigkeiten in immer neuen Überbietungsspiralen des Möglichen zu erhöhen. Moszkowski hätte volles Verständnis für Internet- und PC-Geschädigte, die in den endlosen Tiefen des digitalen Raums nach Lösungen suchen, die ihnen in prätechnischen Zeiten erspart geblieben wären. Gibt es ein humanes Leben mit der Technik und gegen die Technik zugleich? Was Moszkowski zum gegenwärtigen Zeitgenossen macht, ist sein Zwiespalt gegenüber zukünftigen Wunderwerken, weil der Mensch sich in seinen technischen Schöpfungen neu definieren oder darin untergehen könnte. Wer so fabulierfreudig ist, wenn er die Prospekte einer künftigen Welt schildert, liebt seine technischen Schöpfungen, die sich weder in zukünftigen Glückseligkeiten, die wie Mohrrüben dem Menschen-Esel vor der Nase baumeln, noch in Dystopien erschöpfen. Die ambivalente, aber spannende Frage, welche dieser Welten denn wünschbar, änderbar oder unwahrscheinlich sind, bleibt zwar offen. Moszkowski will in seinem pazifischen Archipel der radikalen Menschheitsentwürfe keine Lösungen bieten, sondern Entwürfe vorstellen und helfen, einige Irrwege erst gar nicht gehen.

Seine Inseln der Weisheit präsentieren unter anderem "Saragalla", eine Insel, die den technischen Fortschritt zum Fetisch gemacht hat. Dort wird rücksichtslos in Beschleunigungsspiralen alles überboten, was selbst das hochmobilisierte Europa bestenfalls ahnt bis hin zu der persönlichkeitsverändernden Sprache, die nur noch aus Abkürzungen, Verkürzungen besteht. Lässt sich nicht jede Zeitform "breviloquent" radikalisieren bis hin zu musikalischen Kunstwerken, denen man andere Tempi aufzwingen muss, wenn sie noch zeitgenössisch und authentisch gehört werden sollen? Aber wer wäre dann noch Zeitgenosse im emphatischen Sinn des Wortes? Schon plagt die "Not der Nerven". Wie wird man nun mit einer Welt fertig, die einen selten in Ruhe lässt? Ornament ist Verbrechen, verkündet Adolf Loos 1908. Der Kitsch ist das "Böse im Wertsystem der Kunst" ergänzt Hermann Broch 1933. Ethik ist längst kein Königsweg mehr, nachdem sie Theorie bleibt und eben nur dort für gläubige Leser funktioniert. Der kategorische Imperativ Kants wird als leere ethische Formel zurückgewiesen.

Die Kunst ist auch nur eine Episode, die ersatzlos verschwinden wird. Moszkowski leidet nicht an falschem Respekt vor Göttern, die als Götzen enttarnt werden können. Das tut er fortwährend und er entwickelt einen argumentativen "Möglichkeitsstil", der ihn wider den Stachel löken lässt und auch vor Selbstwidersprüchen in seiner Zivilisations- und Kulturkritik nicht zurückschreckt. Satire wird ihm zur virtuellen Selbstbehauptung gegen eine Welt, der in ihrer Beschleunigung und Widerständigkeit nicht anders zu begegnen ist, so lange die Technik ihre Versprechungen nicht einlöst oder sogar Wege beschreitet, die in die Irre führen. Dabei ist es Fluch und Segen gleichermaßen: "Wird das Ziel erst gesehen, ist die Bewältigung der Hindernisse überhaupt erst als eine wesentlich mechanische Aufgabe erkannt, so ist die Verwirklichung unausweichlich." Deswegen ist der Möglichkeitssinn die herausragendste Tugend (virtus) des Virtualisten Moszkowski. Er wird nicht müde, die Wissenschafts- und Technikgeschichte zu differenzieren nach jenen, die bei jeder Vision schreien "unmöglich" und jenen, die sich für die Möglichkeit entscheiden. Zusammen mit Artur Fürst spottet er über die "unmöglichen Möglichkeiten" die ernsthafte Vertreter der Wissenschaft in ihrer Zeit und Vorstellung befangen, späteren Erfindungen attestierten.

Nach dem Astronomen de Lalande im Jahre 1782 und vielen anderen dekretierte Lord Kelvin, Präsident der Royal Society, noch 1895, dass Flugmaschinen, weil schwerer als Luft, unmöglich zu bauen seien (Vgl. die Geschichte dieser Blamagen). Auf der von ihm literarisch geschöpften Techno-Wunderinsel "Saragalla" erläutert dagegen Moszkowski, wie sich aus dem Zauberglauben der Antike über Gedankenexperimente, wissenschaftliche experimentale Gerüste sich technische Ideen schließlich zur Brauchbarkeit hin entwickeln. Aus den Verheißungen der Magie wird die Smart-Philosophie der Technik, der alles möglich ist, wenn es denn physikalisch möglich ist. Die Forschung liefert zudem Beschreibungen einer noch nicht existenten bzw. wahr genommenen Natur. Transzendent ist also auch die Naturwissenschaft und mit besseren Gründen als jene Metaphysik, die sich auf Wirklichkeit erst gar nicht einlassen will. Eine aus den Anfängen hervorgetretene Naturwissenschaft erkennt die Bedingungen der Natur vor der empirischen Nagelprobe und benennt etwa aufgrund der Periodizität chemische Elemente, bis sie in der ihr nacheilenden Wirklichkeit bestätigt werden.

Fasziniert hat Moszkowski das von dem preußischen Hauptmann und gleichfalls in Vergessenheit geratenen Vorausdenker Maximilian Pleßner entwickelte, heute nicht mehr bekannte "Antiphon" ("Gegengesang"), ein höchst bedingt funktionierendes Ding zwischen Gadget und Kinderspielzeug zur Unterdrückung unliebsamer Geräusche, das in vielen Büchern Moszkowskis als Exempel einer Technik gegen die Technik auftaucht. Pleßner legte 1893 (!) seine Arbeit "Die Zukunft des elektrischen Fernsehens" vor, ein Werk, das heute kaum mehr erhältlich ist und - mal wieder! - die Faszination des Militärs durch Medien belegt. Für den Menschen der neu erwachenden Urbanität mit ihren scheinbar unendlichen Reizquellen war wohl vor allem der Generalangriff auf die Ohren eine verstörende Erfahrung. Selbst der Stummfilm ist nicht stumm, sondern ein Soundereignis. Die Ohren sind schutzlos gegenüber den immer neuen Lärmmaschinen, die das großstädtische Leben prägen. Wie rasant diese Entwicklung verlief, macht etwa klar, dass 1921 in den USA sieben Rundfunksender betrieben wurden, 1937 aber bereits 700. Künstliche Taubheit funktioniert auch heute noch am ehesten mit Ohropax und Doppelverglasung, eine durch und durch human geräuschmodulierte Umwelt ist noch ein Traum. Moszkowski hat nur begrenzte Hoffnung in eine Technik, die fürderhin ausschließlich den leuchtenden Pfad der Humanisierung der Lebenswelten wandelt: "Sie wird eher hundert neue Maschinen zur Ohrenfolter erfinden, als die eine zur Ohrenschonung." Eine frühe Leidensprognose, die für uns Alltag geworden ist und noch immer sind wir ohne Antiphon und unverseuchte Klangräume nicht gegen Jamba-Klingeltöne und schlecht fokussierte Kopfhörer aus der Junkmedia-Krabbelkiste gefeit.

Peter Sloterdijk verkündete erst kürzlich in seiner Kritik des globalen Kapitalismus die künftige Abkehr vom Nächsten, den wachsenden Widerwillen gegen den Anderen, als Haltungen, die noch Konjunktur haben werden in Gesellschaften, in denen jeder jedem mit fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten auf den Pelz rückt und lärmende Ein-Mann-Armeen zum kakophonen Alltag gehören. Die Ruhe vor den Zeitgenossen ist nicht erreichbar, das "Jever-light"-Gefühl ist schon vor der Zeit eine fragile Phantasie. Wie wehrt man dem allgegenwärtigen "Taschengespenst"? So nennt Moszkowski das Handy, das er längst ahnt und dem man selbst dann nicht entfliehen kann, wenn man auf den höchsten Gipfel flieht. Auch sein ambivalentes Verhältnis zu Gadgets macht ihn zu unserem Zeitgenossen. Das Handy mit integrierter Uhr, das auf "Saragalla" Standard ist, prognostiziert den Prozess des Zusammenwachsens von Funktionen, den Siegeszug volltechnisierter Mikrowelten. 1916 im "Buch der 1000 Wunder" erscheint ihm das Handy indes noch als "angenehmer Gedanke" und hochpraktisch im Fernkontakt zu den Liebsten, wenn er ironisch resumiert: "

Wenn Du einmal keine Antwort mehr erhältst, dass weißt du, dass er gestorben ist." The medium is the message - auch und gerade dann, wenn das Medium schweigt.

Teil 1 (Goedart Palm)

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