Die unterschiedliche Interpretation steigender Infektionen

Keinen Bock mehr auf Coronazahlen? - Teil 3

Testausweitung bedeutet Fallzahlenanstieg

Mit Blick auf rege Reiseaktivitäten während der Sommerferien beschloss die deutsche Politik eine Testoffensive für hunderttausende Menschen ohne Krankheitssymptome. Während anlassloses Testen bislang auf Einrichtungen mit Risikopatienten (z. B. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen) begrenzt war, wird nun symptomfreien Urlaubsheimkehrern aus Nicht-Risikogebieten ein kostenloser Cov-2-PCR-Test empfohlen; und in vielen Bundesländern kann sich pädagogisches Personal, das innerhalb geschlossener Räume in ständigem Gruppenkontakt steht, ohne begründeten Infektionsverdacht testen lassen. Allein Nordrhein-Westfalen hat 153.000 Beschäftigte in der Kindertagesbetreuung und über 210.000 Beschäftigte an Schulen zu kostenlosen Tests eingeladen - nicht einmalig, sondern im Zweiwochen-Rhythmus.

Testoffensiven werden gestartet, um Infizierte aufzuspüren, ihre Kontakte nachzuverfolgen und damit das Infektionsgeschehen einzudämmen. Was unter diesen Aspekten durchaus sinnvoll ist, bringt jedoch für die statistische Beschreibung eines Infektionsgeschehens erhebliche Probleme: Solange das Virus Cov-2 umgeht, werden mit erweiterten Tests zwangsläufig mehr Virusträger gefunden. Das RKI formuliert es so: "Es wird angemerkt, dass eine Ausweitung der Testindikationen erwartungsgemäß zu einem Anstieg der Fallzahlen führt (...)." Konkret heißt das: Der aktuell registrierte Anstieg der Neuinfektionen ist teilweise auf die Lockerung von Testkriterien zurückzuführen.

Entdramatisierende Fakten vom "Mainstream" unterbewertet

Politiker, die diesen Zusammenhang nicht offensiv ansprechen und damit so tun, als gäbe es ihn nicht, heizen die hohe Emotionalität der Corona-Debatte unnötig an. Ebenso wie auf der anderen Seite einige Coronamaßnahmen-Gegner, die jede Testausweitungen als gezielte Angstverbreitungsmaßnahme interpretieren.

Nüchtern betrachtet hat der Nutzen, den eine Testoffensive bringt (Fallaufdeckung und -nachverfolgung), seinen unvermeidlichen Preis (Statistikverzerrung); und wenn man sowohl Nutzen als auch Preis im Blick hat, verschwindet manche Front ganz von selbst.

Gerade in Zeiten anlassloser Massentests sollte auch folgende Information deutlich kommuniziert werden: Ein positiver PCR-Test bedeutet weder zwangsläufig, dass infektiöses Virusmaterial im Körper vorhanden ist, noch gibt er abschließend Auskunft, ob eventuell vorhandene Symptome auf Cov-2 zurückzuführen sind ("Detection of viral RNA may not indicate the presence of infectious virus or that 2019-nCoV is the causative agent for clinical symptoms").

Außerdem gilt: Zwar können auch symptomfrei Infizierte andere Menschen anstecken; ob ein Positiv-Getesteter tatsächlich infektiös ist, kann jedoch nur über aufwendige Virenanzucht in einer Zellkultur nachgewiesen werden.

Mein Eindruck ist, dass sowohl in der Verantwortung stehende Politiker als auch Kommentatoren großer Medienhäuser die entdramatisierenden Aspekte der aktuellen Situation deutlich unterbetonen.

Alternativmedien zeichnen verharmlosendes Bild

Demgegenüber stehen Alternativmedien-Artikel, die mit eher verharmlosender Faktenauswahl dagegenhalten. Vor wenigen Tagen titelten die Nachdenkseiten: "Covid-19 - erfreulich undramatische Daten rechtfertigen keine dramatischen Eingriffe". Über dem Text prangt das Foto einer Frau, die sich in befreiender Geste ihren Mund-Nasenschutz vom Gesicht nimmt. Dann folgen statistische Daten, die die relative Unbedenklichkeit des aktuellen Infektionsgeschehens belegen sollen. Der Text weist zu Recht darauf hin: Für eine Einordnung der ansteigenden Neuinfektionskurve in das Gesamtgeschehen sind auch die eher erfreulichen Aspekte der Corona-Statistik von hoher Bedeutung. Dennoch lohnt es sich, einige der genannten Zahlen genauer zu betrachten: Die Datenlage deutet eben nicht ausschließlich auf Entwarnung.

Der Artikel bringt viele wichtige und richtige Hinweise, ist aber dennoch typisch für die Problematik vieler Veröffentlichungen, die sachorientiert auftreten und im Kern dann doch Meinungsartikel sind: Es werden ausschließlich Fakten präsentiert, die die eigene Position unterstützen. Zusätzlich werden diese Fakten unter genau den Aspekten beleuchtet, die dem Autor in die Agenda passen - eine Manipulationstechnik, die sich in den so gescholtenen "Mainstreammedien" ebenso findet wie in den Alternativmedien.

Spektakuläre Zahlenvergleiche schießen über das Ziel hinaus

Es beginnt mit den Positiv-Getesteten-Zahlen: "Anfang April meldete das RKI jeden Tag mehr als 6.000 Neuinfizierte." Tatsächlich gab es Anfang April drei Tage, an denen das RKI mehr als 6.000 Neuinfektionen meldete. Das RKI hat diese Zahlen jedoch im Nachhinein korrigiert und weist für dieselben Tage jetzt nur noch etwa 4.000 Neufälle aus. Trotzdem bleibt die Aussage richtig: Anfang April gab es deutlich mehr Neuinfektionen als heute.

Um die aktuelle Bedrohungslage kleinzurechnen, folgt jedoch ein unkorrekter Zahlenvergleich: "Im August war laut RKI die Zunahme der aktiven Fälle (5.425) in den ersten 18 Tagen zusammen niedriger als im April an einem einzigen Tag." Was plakativ klingt, ist noch lange nicht richtig: Anfang April lag die tägliche Zunahme aktiver Fälle stets deutlich unterhalb von 4000.

Es lauern Leichtsinnsfehler, wenn man sich zur Verbreitung seiner Botschaft auf die Suche nach Superlativen macht.

Niemals die Gegenposition stützen

Dann wird der Fokus auf die seit Wochen äußerst niedrigen Verstorbenen-Zahlen gelenkt. Bekanntermaßen sticht Deutschland diesbezüglich im internationalen Vergleich positiv heraus. Was im Artikel jedoch fehlt, ist jede Andeutung, dass die deutsche Maßnahmenpolitik ihren Teil hierzu beigetragen haben könnte.

Im Folgenden wird mithilfe einer RKI-Tabelle suggeriert, dass die Zahl der Covid-19-Patienten, die im Krankenhaus behandelt werden müssen, auf einem historischen Tiefstand ist: Der jüngste Tageswert wurde eigens vom Autor fett markiert.

Auch hier ist der Hinweis auf die vergleichsweise sehr hohen Zahlen im April zutreffend. Die entsprechende Tabelle wird jedoch wegen Nachmeldungen immer dienstags rückwirkend aktualisiert; und bei einem Blick in die Vorwochen-Versionen fällt auf, dass die jeweils jüngsten Daten von Woche zu Woche nach oben korrigiert werden müssen: in der ersten Woche durchschnittlich um ca. 15 %, in der zweiten Woche nochmals um ca. 4 %. Eine zwei Wochen vorausgreifende Hochrechnung dieser zu erwartenden Nachmeldungen zeigt, dass die Zahl der hospitalisierten Cov-19-Patienten analog zu den Infektionszahlen wohl ebenfalls steigt.

Botschaft-konforme Einzeldaten anstatt Trendanalyse

Weiter unten geht der Artikel auf die Reproduktionszahl ein: "Am 18. August betrug der 7-Tage-R-Wert (...) 1,05 und liegt damit nur minimal über dem ‘magischen‘ Wert von 1,0." Zunächst wird auch hier eine Zahl genannt, die erfahrungsgemäß in den Folgetagen noch korrigiert wird. Das Hauptproblem ist aber, dass der Verweis auf den relativ niedrigen Wert eines einzigen Tages wenig Erkenntnisgewinn bringt. Man kann über das Herausstellen von Einzeldaten die eigene Botschaft untermauern, aber für eine solide Analyse ist die Betrachtung größerer Zeiträume besser geeignet.

Die durchschnittliche Reproduktionszahl pendelt seit fünf Wochen um 1,16; und ein gleichbleibender R-Wert bedeutet exponentielles Wachstum: Seit Mitte Juli hat sich die Zahl der Neuinfektionen täglich um durchschnittlich 3 % des Vortageswertes erhöht. Bleibt zu hoffen, dass diese Steigerungsrate bald abebbt, weil sie eben doch maßgeblich an die anfangs genannte Testausweitung gekoppelt ist.

Wertvolle Informationen trotz Faktenfärbung

Auch wenn der Nachdenkseiten-Beitrag punktuell Faktenfärbung betreibt und eine "hysterische Welle" ziemlich einseitig nur bei "der Politik" und "den Leitartiklern" verortet, macht er auf viele interessante, aber unterbelichtete Daten aufmerksam. Außerdem vermittelt er einen entscheidenden Ansatz zur Beurteilung des Infektionsgeschehens: Es ist kontraproduktiv, den Fokus auf steigende Fallzahlen zu verengen. Mindestens genauso wichtig ist es, die Zahlen der Covid-19-Krankenhauseinweisungen, der Covid-19-Intensivbettenbelegungen sowie der Covid-19-Toten zu beobachten und medial herauszustellen. Um diesen Personenkreis geht es letztendlich!

Bitte keine Debattenverweigerung

Die Frage ist doch, wie die derzeit sehr geringe Zahl Covid-19-Toter und -Schwererkrankter stabilisiert werden kann. Genau hier weicht der Nachdenkseiten-Artikel ausdrücklich aus: "Sämtliche Daten zeigen, dass es keinen kausalen Grund für eine derartige Debatte gibt" - gemeint ist die Debatte um Corona-Eindämmungsmaßnahmen.

Macht man es sich mit einer Debattenablehnung nicht etwas zu einfach? Um einen abwägenden und verhältnismäßigen Umgang zu finden, braucht es den Diskurs; und da es bei weitem nicht ausreicht, wenn die entscheidenden Gespräche zwischen Politikern und Virologen stattfinden, sollten sich möglichst viele beteiligen, die etwas Konstruktives beizutragen haben - dazu gehört auch konstruktive Kritik. Die populäre Zentral-Strategie "rigorose Neuinfektions-Vermeidung bis zum (angeblich) bevorstehenden Impfstoff" wird doch hoffentlich nicht der Weisheit letzter Schluss gewesen sein.

Vorurteilsfreie Faktenanalyse gegen Hyperventilation

Es ist traurig, dass sich die gesellschaftliche Auseinandersetzung medial so darstellt, als würde sie im Wesentlichen zwischen unversöhnlichen Lagern von Hyper-Aufgeregten stattfinden. Aber nur weil wir als Menschen unsere Medien-Aufmerksamkeit gerne dem Extremen schenken, heißt das noch lange nicht, dass wir selbst mehrheitlich extremistisch ticken.

Auch wenn das Corona-Thema hohes Spaltpotenzial hat: Wir alle, nicht nur Politiker und Journalisten, können in unserem Wirkungskreis ideologische Fronten abbauen. Die vorurteilsfreie, neugierige Fakten-Betrachtung spielt dabei eine entscheidende Rolle. (Joachim Schappert)