"Die verfügbare Zeit ist die Kampfarena der kapitalistischen Gesellschaft"

Andrea Ypsilanti fordert die linken Parteien auf, gemeinsam mit den Gewerkschaften für eine gerechte Verteilung der Arbeitszeit zu kämpfen - denn daran hängt auch ihre politische und ökonomische Substanz und Legitimität

Der Anteil der notwendigen Arbeit wird zumindest in den westlich-kapitalistischen, neoliberal geprägten Gesellschaften weiter dramatisch sinken. Die technische Intelligenz der Roboterindustrie, die Digitalisierung, die neuen Produkte durch 3-D werden und könnten Produktion und Reproduktion erleichtern. Das Internet der Dinge ist keine Science-Fiction, keine unmögliche Utopie. In nicht allzu ferner Zukunft werden Konsument*innen ihre neuen Laufschuhe von Nike oder Adidas aus dem Internet konfigurieren und ausdrucken. Schon heute haben fünfzig Mitarbeiter*innen im Technologie- und Internetkonzern Facebook mit dem WhatsApp-Messenger die einstmals revolutionäre SMS fast vollständig ersetzt. Es ist durchaus möglich, dass neue Produktionsmethoden, die mit geringstem humanem Arbeitseinsatz gesteuert und programmiert werden, Milliarden Umsätze und Gewinne generieren können, ohne dass menschliche Arbeitskraft noch in nennenswertem Umfang erforderlich sein wird.

Die gesellschaftspolitische Frage, wer sich diese technologischen Fortschritte und Profite aneignet, wird allerdings nicht offen gestellt. Die Frage der Aneignung und Verteilung der Zeit, der lebendigen Arbeit, ist in den vergangenen Jahrzehnten in den polit-ökonomischen Hintergrund getreten. Aber um eben deren Verfügbarkeit geht es in der digitalen Revolution, in der wir bereits mittendrin sind.

Der Widerspruch und der Gegensatz zwischen Lohnarbeit und Kapital sind weder aufgehoben noch eingeebnet. Sie haben andere Formen angenommen, einen Kulturwandel erzeugt und durchlebt. Die starre Trennung zwischen Produktions- und Reproduktionszeit vom Frühkapitalismus über die fordistische Produktionsweise bis hin zum neoliberalen Kapitalismus hat eine tiefgreifende, eigene Revolution vollzogen. Ging es im Frühkapitalismus und seinen Klassenkämpfen um die Erringung erweiterter Reproduktionszeit, um sich regenerieren zu können oder sich mit Subsistenzwirtschaft über Wasser zu halten, war die fordistische Epoche von der klaren, bisweilen starren Trennung zwischen Lohnarbeit und Freizeit geprägt.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Und morgen regieren wir uns selbst" von Andrea Ypsilanti, das heute im Westend Verlag erscheint. Darin analysiert sie die Krise der europäischen Sozialdemokratie, spricht sich gegen eine erneute große Koalition aus, fordert die Demokratisierung der inneren Strukturen und entwickelt Ideen, wie die gesellschaftliche Linke zusammenfinden kann, um der neoliberalen Politik einen ernsthaften sozial-ökologischen Umbau entgegenzusetzen.

Feierabend! Ein Diktum, das heute kaum ein junger Nerd, Praktikant, Teckie kennt oder benutzt. Unter dem Regime des Fordismus waren das Wochenende, der Beginn und das Ende eines Lohn-Arbeitstages klar geregelt. Wenn auch oft in Schichtarbeit und nicht immer zum Besten der Lohnabhängigen, aber strukturell klar. Selbst der (vergiftete) Rauch der legendären Steinkühlerschen Zigarettenpause in den Metallbetrieben kündete vom Geist der Freiheit und Trennung von der notwendigen Arbeit. Es war eine Sieben-Minuten-Pause des "Widerstands gegen die enteignete Zeit".

"Arbeit macht das Leben süß - so süß wie Maschinenöl - ich mach den ganzen Tag nur Sachen, die ich gar nicht machen will"

Ton, Steine, Scherben

Am Wochenende oder nach dem Arbeitstag begann das Leben außerhalb der Büros und Fabriken: die Mitarbeit in Vereinen, in den Parteien oder Verbänden, die sportliche Aktivität, in manchen Lohngruppen durchaus auch noch die Subsistenzwirtschaft zur Unterstützung des täglichen Lebens. Oder es begann das kulturelle Leben als Konsum und Rezeption mit den vorhandenen Möglichkeiten in den ländlichen Räumen, wo die Kultur mehr Heimatpflege bedeutete, oder in den Städten, wo die Auswahl an Freizeitaktivitäten größer war. Der fordistische Arbeitstag, die Standardisierung und Normierung, war keine heile Welt. Er war jedoch zeitlich geordnet.

Der neoliberale Kapitalismus hat die Trennungen aufgehoben. Statt Feierabend kommen die "After-Work-Party" zum Netzwerken, der "Work-out" zum Fitbleiben, die mal mindestens bilinguale Grundschule und die Hausaufgaben mit den Kindern, die Abitur machen sollen. Die Anstrengung wird künstlich - vermeintlich selbstbestimmt - verlängert. Es gilt, Netzwerke zu knüpfen, zu kultivieren und zu pflegen. Der Vereinsfreund könnte einen guten Tipp für die Karriere geben oder vielleicht morgen dein Chef sein. Politische Parteien betritt man nicht nur aus Überzeugung, sondern auch mit Blick auf die Karrierechancen. Auf Kongresse oder zu Fortbildungen reist man nicht mehr nur aus Interesse. Sie sind Märkte der Verwertung, hier kann man sich testen.

Die Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern hat sich kaum gewandelt. Frauen sind immer noch integraler Bestandteil der kapitalistischen Produktionsweise. Sie erfüllen einerseits immer noch die klassischen Rollen Küche, Kinder und Kirche, andererseits sind sie zusätzlich im Berufsalltag gefordert, besser zu sein als ihre männlichen Kollegen. Aus den drei Ks sind vier geworden, hinzugekommen ist nämlich noch die Karriere beziehungsweise der Beruf, ohne dass Frauen an irgendeiner Stelle ihres praktischen Alltags Entlastung erfahren haben, denn Männer haben nicht gleichermaßen Verantwortung bezüglich Familie, Kinder, Hausarbeit und Pflege übernommen. Selbstverständlich hat die moderne Frau auch noch eine attraktive Ausstrahlung, Sex-Appeal und Sensitivität für den erschöpften Mann.

Sicher, auch das gab es in früheren Zeiten. Aber anders. Die Sicherheiten der industriellen Lohnarbeit oder des öffentlichen Dienstes gibt es in dieser Form heute nicht mehr. Die Trennung von "notwendiger Lohnarbeit" - klassisch formuliert - und Freizeit ist aufgehoben. Durch die Technologie sind wir 24 Stunden an sieben Tagen in der Woche zu erreichen und werden erreicht. Die Psychopolitik der Selbstoptimierung und permanenten Leistungsbereitschaft bestimmt den inneren und externen Kompass des Individuums.

In diesem Kontext erscheint die Debatte um die Arbeitszeit anachronistisch. Einzig in Frankreich wagt man es, noch an der 35-Stunden-Woche festzuhalten, die zumindest gesetzlich von Emmanuel Macron auch nicht angetastet wird. Vielmehr will er den subtilen Weg über sogenannte freiwillige Betriebsvereinbarungen gehen.

Vor die Alternative des neoliberalen Kapitalismus gestellt, entweder (selbstbestimmt) rund um die Uhr zur Verfügung zu stehen oder ab- beziehungsweise auszusteigen in das Prekariat oder ins Ungewisse, erscheint der Kampf um den "Klassenerhalt" der einzig vernünftige und gangbare Weg.

Fakt ist, dass die Arbeitsanforderungen und Belastungen in den vergangenen dreißig Jahren extrem zugenommen haben. Ständige Verfügbarkeit auf jedem Kanal - Telefon, Handy, SMS, WhatsApp, E-Mail - gehört zum Berufsalltag, selbst in den "einfachen" Jobs gilt die entgrenzte Arbeitszeit. Die verfügbare Zeit wird zum knappen Gut, zu einem hochgeschätzten Luxus. Die verfügbare Zeit ist die Kampfarena der kapitalistischen Gesellschaft. Die Rückeroberung dieser kostbaren Ressource wäre ein idealer Einstieg in einen Gesellschaftsumbau mit weitreichenden Folgen.

In Anbetracht dessen ist es erstaunlich, dass weder die Parteien noch die Gewerkschaften die Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit in den letzten Jahren auf das programmatische Schild hoben. Die deutschen Gewerkschaften hatten nach dem Kampf um die 35-Stunden-Woche, den sie immerhin teilweise mit Erfolg geführt haben, den Anspruch auf diesem Terrain aufgegeben. Dabei zeigen zum Beispiel aktuelle Umfragen bei der IG Metall, dass sich viele Arbeiter*innen eine Verkürzung der Arbeitszeit wünschen. Also dann mal los, könnte man rufen.

Zwar gibt es in dieser Frage Bewegung in den Gewerkschaften, aber nur mit Blick auf die individuelle Arbeitszeitgestaltung - also in bestimmten Lebenslagen ein Recht auf Verkürzung von Arbeitszeit. Wäre es nicht ein lohnendes Projekt der sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien, die Gewerkschaften in dieser Frage zu ermutigen und zu unterstützen, eine generelle Arbeitszeitverkürzung zu fordern?

Das wäre mit großer Sicherheit ein Vorhaben, das auf eine breite positive gesellschaftliche Resonanz stoßen würde. Und zwar durch alle gesellschaftlichen Milieus. Es könnte eine Allianz entstehen, die sich solidarisch gegen den zu erwartenden Widerstand der Kräfte stemmt, deren Antworten man sich denken kann. Sie werden darauf hinweisen, dass die Lohnarbeit doch wesentlich ihren Charakter verändert, ja verbessert hat, dass die Hierarchien doch viel flacher geworden seien und in den modernen Unternehmen nicht nur Kolleg*innen, sondern auch der Chef geduzt wird und am Tischfußball alle gleich sind.

Formal mag das stimmen. So wie es natürlich die Kollegen gibt, die gerne posaunen, wie sehr sie sich mit dem Unternehmen und seinen Zielen identifizieren. Wie toll das gemeinsame Wochenende des "Teambuilding" war. Einmal abgesehen davon, dass nach wie vor eine große Mehrheit der lohnabhängig Beschäftigten in normierten und standardisierten "Normalarbeitsverhältnissen" ihre Arbeitskraft verkaufen, verschweigt die Ideologie der schönen neuen Arbeitswelt zwei wesentliche Fakten. Zum einen: Wer nicht mitzieht, kritisch oder widerständig handelt, ist in den neuen Systemen sehr schnell draußen. Zum anderen: Wer sich darauf einlässt, ist nicht selten sehr nah am Burn-out.

Der Kampf um die verfügbare Zeit ist einer, der sich durch die Geschichte bis zur Gegenwart zieht:

Der Kampf über die gesetzliche Beschränkung der Arbeitszeit wütete umso heftiger, je mehr er, abgesehen von aufgeschreckter Habsucht, in der Tat die große Streitfrage traf, die Streitfrage zwischen der blinden Herrschaft der Gesetze von Nachfrage und Zufuhr, welche die politische Ökonomie der Mittelklasse bildet, und der Kontrolle sozialer Produktion durch soziale Einsicht, welche die politische Ökonomie der Arbeiterklasse bildet. Die Zehn-Stunden-Bill war daher nicht bloß eine große praktische Errungenschaft, sie war der Sieg eines Prinzips.

Karl Marx (Hervorhebung d. Verf.)

Für Marx ging es bei dieser Auseinandersetzung nicht nur um die praktische Seite der Arbeitsreduzierung. Es ging um das im Zitat angeführte Prinzip, dass die Produktion und ihre Erfordernisse sich nicht mehr nur nach Angebot und Nachfrage zu richten, sondern auch die menschlichen Bedürfnisse zu berücksichtigen haben. Genau darum geht es auch heute. Nicht nur die ökonomische Betrachtung einer Arbeitszeitverkürzung müsste in das Blickfeld einer tatsächlich progressiven Politik rücken. Sie müsste wesentlich den emanzipatorischen Charakter derselben zum Gegenstand der Auseinandersetzung machen: das Reich der Freiheit mit allen darin enthaltenen Chancen für eine demokratische, gerechte, friedliche und solidarische Gesellschaft.

Zumal die Möglichkeiten heute ganz andere sind sowohl hinsichtlich des technologisch-ökonomischen Fortschritts als auch der sinnvollen Gestaltung der freien Zeit, die der (neoliberale) Kapitalismus als "Freizeit", die durch den Konsum bestimmt wird, "enteignet" hat.

Die Gewerkschaften werden diese Frage vor allem ökonomisch aufgreifen und die Bedingungen bestimmen: Lohnausgleich ja oder nein und Personalausgleich. Es würde von Seiten der Unternehmen um die Frage des Facharbeitermangels gehen. Linke Parteien dürfen die Gewerkschaften nicht alleine lassen, es muss für sie aus vielen Gründen eine Grundsatzfrage werden, wie die Arbeitszeit gerecht verteilt wird, denn daran hängt auch ihre politische und ökonomische Substanz und Legitimität. Denn in Zukunft wird es nicht nur um die materielle Verteilung des Produktivitätszuwachses und die Anzahl der Arbeitsplätze gehen.

Die Frage nach einer Verteilung der Lohn- und Sorgearbeit, der Demokratie- und Ehrenamtsarbeit, der Befriedigung eigener Bedürfnisse der Kreativität und Bildung, des Wachstums und der Natur - all das sind die Fragen des nächsten Jahrzehnts. Gerade die sozialdemokratischen Parteien sind aufgerufen, im Kontext ihres historischen Auftrags diese Herausforderungen auf die Tagesordnung zu setzen. (Andrea Ypsilanti)

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