Die verrücktesten Experimente der Wissenschaft

Vorurteile und Erkenntnisse: Das Bild der Wissenschaft hängt immer noch an den ausgefallenen Forschern

Wenn es um wissenschaftliche Forschung geht, ist im populären Film stets das Bild des trotteligen, verrückten Professors gegenwärtig, dem ab und zu auch das ganze Labor in die Luft fliegt. Viel des heutigen Wissenschaftsbilds ist durch einige exzentrische Experimente entstanden. Das Lustigste und Ausgefallenste aus 700 Jahren Forschung ist nun in einem dennoch sehr lehrreichen Buch versammelt, das viele Vorurteile und Gerüchte widerlegt.

“Das Buch der verrückten Experimente“ ist aus einer Kolumne im NZZ-Magazin NZZ-Folio hervorgegangen, in der Reto U. Schneider all das unterbrachte, für das im normalen Wissenschaftsjournalismus kein Platz war. Dabei ging der Ingenieur und Journalist Schneider schließlich auch in die Vergangenheit und macht dem Leser klar, wie wissenschaftliche Forschung ablaufen und sich mitunter auch verlaufen kann, ohne diese dabei der Lächerlichkeit preiszugeben.

Das Buch beginnt dabei um 1307, als Dietrich von Freiberg herausfand, wie der Regenbogen entsteht. Um 1600 stellte der Arzt Sanctoricus aus Padua durch ein Leben auf Waagen – am Stuhl, am Bett, auf der Toilette – fest, dass nicht alles, was man isst und trinkt, auch wieder auf letzterer zum Vorschein kommt. Im selben Jahrhundert widerlegte Galileo die Ansicht, dass eine Feder langsamer fallen müsse als ein Stein – und zwar durch Logik, experimentell konnte dies erst 1971 auf dem Mond bewiesen werden – und Johan Baptista Van Helmont stellte auch per Waage fest, dass Pflanzen Gewicht aufnehmen, das ihnen nicht durch Wasser zugeführt wurde. Heute ist die Photosynthese als Ursache bekannt.

Schweine können nicht fliegen – Schafe schon

Im 17. Jahrhundert entdeckte Robert Symmer – natürlich ohne Kunstfaser – die Elektrizitätsentwicklung beim Ausziehen von Socken und am 19. September 1783 ließen die Brüder Montgolfier ein Schaf fliegen. Zusammen mit einer Ente und einem Hahn, bei denen dies weniger ungewöhnlich gewesen wäre, wenn sie nicht mit einem Heißluftballon geflogen wären, dem ersten seiner Art.

1802 ließ Giovanni Aldini Tote mit elektrischen Batterien zwinkern, 1845 versuchte Christian Doppler mit Trompetern auf einer Eisenbahn, den heute nach ihm benannten Effekt nachzuweisen. 1883 wurde schließlich von Max Ringelmann die Problematik von Teamarbeit („Toll, ein anderer macht’s!“) wissenschaftlich nachgewiesen: Dass bei acht Personen, die gemeinsam an einem Seil ziehen, sich jeder nur noch durchschnittlich halb so sehr anstrengt wie als Einzelkämpfer, wird heute als Ringelmann-Effekt bezeichnet. 1894 bewies die russiche Wissenschaftlerin Marie de Manacéine den wahren Kern des Wortes todmüde: Hundewelpen, die sie nicht schlafen ließ, starben nach spätestens 143 Stunden. Im selben Jahr wurde von dem Arzt Étienne Jules Marey das Rätsel gelöst, wieso Katzen immer mit den Füßen am Boden ankommen. Und die Spinalanästhesie wurde ausgerechnet dadurch erprobt, dass der Oberarzt August Bier seinem mit einer Kokainspritze anästhesierten Assistenten Schamhaare ausriss und die Hoden quetschte, ohne dass dieser etwas spürte.

Im Jahr 1900 baute der Psychologe Willard S. Small etwas auf, was bis heute den Prototyp eines wissenschaftlichen Versuchs darstellt: Er setzte Ratten in ein Labyrinth. 1902 startete Pavlov seine Hundeversuche und 1904 wurde das intelligente Pferd Hans berühmt, das zwar tatsächlich nicht blöd war, aber auf andere Art als erwartet.

Küsse sind gesünder als ihr Ruf

1927 konnte die zur Abschreckung gebrauchte These, dass bei jedem Kuss 40.000 Keime übertragen würden, vom amerikanischen Wissenschaftsmagazin Science and Invention widerlegt werden: Es waren nur 500 Keime. Bei Frauen mit Lippenstift waren es 200 Keime mehr, woraus geschlossen wurde, dass es gesünder ist, ungeschminkte Frauen zu küssen.

1928 wurde erstmals die Pulsrate von 51 Männern und 52 Frauen bei Alltagsdingen wie Essen, Telefonieren oder Musik hören untersucht, Spitzenreiter war jedoch der Orgasmus, den eine getestete Frau trotz Verkabelung viermal an einem Abend hatte. 1950 wurde der Blutdruck beim Orgasmus untersucht, 1992 gab es eine Nummer im Kernspintomographen. Und auch heute gibt es immer noch genug zu erforschen (Beim Sex setzt bei Frauen das Denken aus)

Den ersten Geschlechtsverkehr im Dienste der Wissenschaft hatte bereits 1917 Dr. John B. Watson, ein Psychologe, mit der zwanzig Jahre jüngeren Studentin Rosalie Rayner. Ihn hatte gestört, dass die Mediziner Sex als eine Art Krankheit betrachteten und er wollte dies ändern. Seine Frau wusste diese nicht ganz uneigennützige Aufopferung ihres Mannes jedoch absolut nicht zu schätzen, vernichtete die Aufzeichnungen und reichte die Scheidung ein. Dies kostete Dr. Watson seine akademische Karriere. Als 1997 untersucht wurde, in wie vielen Prozent der Fälle Sex zum Austausch von Schamhaaren führt – es sind 17,3 %, wobei mit 23,6 % eher Haare von der Frau zum Mann wandern als umgekehrt mit 10,9 % – unterblieben solche Probleme.

Immer wieder: Sex und Drogen

1948 wurden Spinnen Drogen verabreicht, um ihre Auswirkungen zu betrachten. Zuerst hatte den Zoologen von der Universität Tübingen Hans M. Peters nur genervt, dass Spinnen, die er beim Netzbau filmen wollte, ihre Netze um 4 Uhr früh sponnen und er für die Filmerei immer so früh aufstehen musste. Mit Drogen hoffte er, die Spinnen zu einem anderen Tagesablauf verleiten zu können, was fehlschlug. Doch Peter N. Witt von der Pharmazieabteilung, der die Drogen zur Verfügung gestellt hatte, war nun selbst neugierig geworden und wollte wissen, ob sich die Spinnennetze unter Drogeneinfluss veränderten, was eine Messung derer Wirksamkeit ergeben hätte. Allerdings war es ohne Computer zu schwierig, ein für Messzwecke brauchbares Ergebnis herauszukristallisieren. 1995 publizierte die NASA Ergebnisse ähnlicher Forschungen, und diese waren noch mehr verwirrend: Unter Koffein bauten die Spinnen nämlich die chaotischsten Netze, unter Marihuana dagegen die besten.

Auch die Experimente von Skinner, Milgram und Timothy Leary sind im Buch zu finden, ebenso wie die Theorie, dass man mit jedem anderen über nicht mehr als sechs Personen verbunden ist, die ebenfalls von Milgram untersucht wurde. Und nicht einmal die Toiletten sind vor wissenschaftlicher Forschung sicher: Dennis Middelmist bewies, dass Männer am Pissoir länger benötigen, wenn andere neben ihnen stehen. Da wäre natürlich sonst niemand drauf gekommen. Zur Nachhilfe für Wissenschaftler und andere Geeks gibt es deshalb inzwischen auch ein Flash in Sachen „soziale Kompetenz am Pissoir“ (Hinweis: Bloß nicht den alten Mann anklicken!).

Doch das Buch ist nicht nur amüsant, sondern auch lehrreich und spätestens auf Seite 259 unter dem Stichpunkt „Effiziente Anmache“ von praktischem Nutzwert auch für nichtwissenschaftliche Käufer.

Das Buch der verrückten Experimente, Reto U. Schneider, C. Bertelsmann Verlag, ISBN 3-570-00792-8, 19,90 Euro

(Wolf-Dieter Roth)

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