Die vertraulichen Sprachregelungen der ARD

Screenshot aus dem YouTube-Video der Sendung.

Tagesschau-Redakteure sind beim Formulieren ihrer Texte an interne Richtlinien gebunden, die offenbar auch politische Wertungen vorgeben. Nun äußert sich Chefredakteur Kai Gniffke dazu

Im Rahmen der ARD-Aktion "Sag's mir ins Gesicht" standen kürzlich einige Redakteure des Senders den Zuschauern Rede und Antwort. Auch Kai Gniffke, Chefredakteur von ARD-aktuell, und damit verantwortlich für Tagesschau und Tagesthemen, nahm sich eine Stunde Zeit, um persönlich und direkt auf Zuschauerfragen und Beschwerden zu reagieren. Anlass war die andauernde Welle der Medienkritik, die auch die ARD weiterhin beschäftigt.

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Im Rahmen dieser Aktion beschwerte sich ein Zuschauer bei Gniffke, dass in der Ukraine-Berichterstattung rechtsradikale Kämpfer, die offen mit Nazi-Symbolik auftraten, von der ARD verharmlosend als "nationalkonservativ" bezeichnet worden seien. In seiner Antwort widersprach Gniffke und erwähnte nebenbei die eigenen Sprachregelungs-Richtlinien:

Ich weiß, dass das ein Punkt ist, der extrem polarisiert und die Emotionen hochgehen lässt. Wir reden über dieses Asow-Regiment, eine Einheit, die wir in der Tagesschau 'ultranationalistisch' nennen. (…) Bei der Tagesschau gibt es fast nichts, für das es keine Richtlinie gibt. Und es gibt eine Richtlinie, die heißt, wir nennen diese Einheit 'ultranationalistisch'.

Kai Gniffke

Daraufhin erkundigte ich mich bei Gniffke nach diesen Richtlinien. Seit wann existieren sie? Wer verfasst sie? Kann man sie einsehen? Dazu der Chefredakteur in seiner Antwort an mich:

Die so genannten Richtlinien wurden meiner Kenntnis nach vor mehr als 20 Jahren von der Redaktion ARD-aktuell eingeführt, da die Zahl der Sendungen und Plattformen zugenommen hat. Es geht dabei um die Einheitlichkeit von Bezeichnungen und Schreibweisen sowie um die Verwendung korrekter Begriffe. Heißt es z. B. 'Kilometer pro Stunde' oder 'Stundenkilometer', ist 'Hann Münden' die korrekte Ortsangabe oder 'Hannoversch Münden'?

'Richtlinien zu einheitlicher Sprache bei politischen Wertungen', wie Sie schreiben, gibt es nicht. Politischer Wertungen enthalten sich die Sendungen von ARD-aktuell (mit Ausnahme des Kommentars in den 'Tagesthemen'). (…) Die Inhalte (der Richtlinien; Anmerkung P.S.) entstehen auf der Basis gesicherter Rechercheergebnisse. Sie werden in der Redaktion kontinuierlich diskutiert und ggf. modifiziert. Um die regelmäßige Pflege kümmert sich ein Chef vom Dienst.

Kai Gniffke

Geht es also ganz harmlos nur um richtige Schreibweisen und die Einheitlichkeit bei Bezeichnungen? So einfach ist es wohl nicht. Denn betrachtet man die ARD-Berichterstattung, so fallen eine ganze Reihe fester Attribute auf, die durchaus politische Wertungen transportieren. So wird der syrische Präsident Assad regelmäßig als "Machthaber" bezeichnet, der IS als "Terrormiliz", Hamas und Taliban als "radikalislamisch" etc. Eine "Terrormiliz" ist eindeutig etwas Negatives, das rechtmäßig bekämpft wird.

Nun trifft das auf den IS zwar zu, nur stellt sich eben die Frage, aufgrund welcher Kriterien denn bewaffnete Kämpfer generell in den Nachrichten so bezeichnet werden. Gleiches gilt für den Begriff "Machthaber", mit dem de facto nur ausgewählte Staatsführer belegt werden - meist solche, denen die Bundesregierung kritisch gegenüber steht. Es sollte eigentlich klar sein: Wertungen dieser Art haben in den Nachrichten nichts verloren, insbesondere, wenn saubere Kriterien für ihre Verwendung nicht erkennbar sind. Gibt eine Redaktion solche Attribute auch noch per Richtlinie den eigenen Mitarbeitern vor, wird es hochproblematisch, gerade beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der ja in besonderer Weise einer unparteiischen Berichterstattung verpflichtet ist.

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