Die westliche Illusion

Stahlwerker protestieren vor der Treuhandanstalt am 10. Dezember 1990. Bild: Bild: Klaus Franke / Bundesarchiv, Bild 183-1990-1219-006 / CC-BY-SA-3.0

Die Treuhandanstalt und der Niedergang der DDR-Wirtschaft

Die Diskussion um die Rolle der Treuhandanstalt beschäftigt vor dem 30. Jahrestag der Revolution in der DDR erneut die öffentliche Diskussion, wenn auch etwas verhalten. Noch immer sind Löhne, Renten, die wirtschaftliche Struktur dem Westen nicht ebenbürtig. Vor allem wurde 1989/1990 vor vornherein die Leistung der Menschen in der DDR, unter schwierigen Bedingungen einer Parteidiktatur der Funktionäre, völlig vergessen. Dem Westen ging es oft nur darum, sich als Sieger darzustellen: Wir haben es ja schon immer gesagt, dass der Kommunismus (besser: eine Diktatur, die sich kommunistisch genannt hat) versagen wird.

Das war auch das leitende Interesse der Treuhandanstalt und ihrer zum Teil viel zu jungen und unerfahrenen Mitarbeiter. Der Autor dieser Zeilen hat selbst erfahren, dass "Westler" in die DDR kamen, die keine Ahnung von der Wirtschaftsstruktur, von Kombinaten oder den Volkseigenen Betrieben hatten und daher keine wirkliche Transformation hätten erfolgreich durchführen können. Sie waren auch überhaupt nicht daran interessiert, einmal zu schauen, welche ökonomische Substanz in den Betrieben vorhanden war, die noch in westliche Strukturen hätten integriert werden können. Von vornherein war eigentlich klar, dass es nicht die "Manager" gab, die das hätten bewerkstelligen können. Junge "Manager", häufig überbezahlt, waren gar nicht in der Lage, die ehemalige DDR-Wirtschaft in westliche Strukturen zu überführen. Natürlich waren viele Firmen marode, aber nicht alle.

Der unhinterfragte Glaube an Zahlen

Die Sanierer des Westens flogen damals in die DDR ein und fertigten nach westlichen Standards Bilanzen der Betriebe an und bestimmten die im Westen üblichen Kennzahlen. Dann stellten sie fest, was und wer noch saniert oder verkauft werden konnte und welcher Betrieb nicht mehr zu retten war. Teilweise wurden 200 Betriebe und mehr pro Monat verkauft (!!), im Westen benötigt man für einen Betrieb schon mehr als einen Monat.

Auch wenn der Prozess sich insgesamt über Jahre hinzog, so ging doch eines ganz schnell, viel zu schnell: die gewohnten Normen der westdeutschen Wirtschaftsweise unüberlegt und ohne die eigene Ideologie zu überprüfen auf die DDR-Wirtschaft zu stülpen. Der unhinterfragte Glaube an Zahlen war methodische Grundlage und gleichsam das Handicap von Anfang an. Die Leistung der Menschen konnte so kaum berücksichtigt werden.

Und das ist ein Grundproblem des Kapitalismus überhaupt - bis heute. Er hat noch kein stichhaltiges Verfahren gefunden, den Wert von Mitarbeitern überzeugend darzustellen. Davon kann sich jeder ein Bild machen, der sich eine Unternehmensbilanz ansieht. Als Vermögen werden darin Immobilien, Maschinen oder der Kassenbestand ausgewiesen. Der Mensch als Vermögenssubjekt ist in einer Bilanz nicht zu finden. Dabei bestimmt nur der Mensch den Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens. Der Mensch taucht übrigens erst in der Gewinn- und Verlustrechnung auf und dort - wer könnte es anders glauben: als Verlust, weil er Geld kostet.

Das war bei der Treuhandanstalt nicht anders. Zu wenig Wert wurde auf den menschlichen Faktor gelegt, auf das implizite Wissen der Menschen, das eben nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann, sondern soziologisch oder sozialpsychologisch erfasst werden muss. Das wäre mühsam gewesen. Und dazu fehlte die Zeit - und ganz offenbar der Wille.

Verschleudern von Betriebssubstanz

Die oft unerfahrenen, aber vom eigenen Können überzeugten Mitarbeiter der Treuhandanstalt sahen in den Mitarbeitern der ehemaligen Volkseigenen Betriebe vor allem ahnungslose Angestellte, die nichts taugen konnten, weil sie dem westlichen Bild eines Arbeiters nicht entsprachen. Sie waren nur Bremsklötze. Ihre Kenntnisse und Erfahrungen galten als unbrauchbar. Dabei hatten gerade sie mit diesem Wissen selbst in der SED-Diktatur aus den Betrieben herausgeholt, was eben möglich war, was der Autor dieser Zeilen selbst erlebt hat; denn nicht alle Betriebsleiter waren glühende Verehrer der SED. Doch ihre Leistung zählte nichts mehr.

Dass dadurch Betriebssubstanz verschleudert werden musste, das müsste jedem klar gewesen sein. Hinzu kam natürlich, dass jeder Betriebsleiter verdächtig war, ein beinharter Kommunist zu sein. Die DDR wurde diesbezüglich von vornherein wesentlich gründlicher "gesäubert" als der Westen von seinen Altnazis oder Mitläufern, die Schuld auf sich geladen hatten, diese aber leugneten. Noch 1978 wurde Hans Filbinger, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, zum Rücktritt gezwungen, weil er fragwürdige Todesurteile am Ende des Dritten Reiches gesprochen hatte und kein Wort fand, sich dafür zu entschuldigen oder einzugestehen, dass es in einem Unrechtsstaat eigentlich kein Recht geben kann.

Der Gedanke, Wirtschaft wie chemische Prozesse oder Planentenbahnen berechnen zu können, war damals und ist heute Fiktion. Und trotzdem ist der globale Westen bis heute der Idee verhaftet, dass betriebswirtschaftliche Kennzahlen die Wirtschaft und die Unternehmen komplett beschreiben können. Und wenn dieser Glaube damals katastrophale Folgen für Ostdeutschland hatte, so hatte er zwei Jahrzehnte später desaströse Folgen für die ganze Welt, als das naive Vertrauen in die scheinbar glänzenden Bankbilanzzahlen eine weltweite Finanzkrise 2007/2008 erst ermöglichte.

Die Treuhandanstalt hatte die Chance, ein neues Modell der Krisenbewältigung zu erschaffen, wenn zwei unterschiedliche ökonomische Systeme aufeinandertreffen. Sie hat sie vertan, gewiss auch deshalb, weil einfach die gut ausgebildeten, sehr erfahrenen und unideologischen Mitarbeiter fehlten. Um so wichtiger bleibt es zu prüfen, ob die eigenen ökonomischen Überzeugungen immer auch die besten sind und wie man dem Menschen und seiner ökonomischen Leistung gerecht werden kann. (Klaus Weinert)