Digital ist besser

Die Kino-Revolution steckt bei den deutschen Programmkinos in der Krise

Die Digitalisierung der Programmkinos in Deutschland kommt nicht recht voran. Seit Jahren wird die Diskussion um technische Standards und funktionierende Geschäftsmodelle geführt, ohne daß sich für alle Beteiligten akzeptable Lösungen herauskristallisiert und durchgesetzt hätten, so fasste Burckhard Voiges die Diskussion im Panel „Digitales Update“ der Filmkunstmesse Leipzig zusammen (Trotz Kino-Krise voller Optimismus und Kampfgeist). Verstärkte gemeinsame Anstrengungen der Kinobetreiber, Filmverleiher und Produzenten seien erforderlich, wenn man nicht von einem von amerikanischen Majors diktierten und über die Multiplex-Kinos in Deutschland durchgesetzten Modell überrannt werden wolle.

Voiges arbeitet für das Filmtheater in den Berliner Hackeschen Höfen und kennt die schwierige Situation aus der täglichen Arbeit: Die deutschen Programmkinos stehen vor einem Dilemma: Gleichzeitig mit einem Einbruch der Zuschauerzahlen um 16,6% im ersten Halbjahr 2005 gegenüber dem Vorjahr und den damit verbundenen Umsatzeinbußen sind massive Investitionen für den digitalen Kinobetrieb notwendig. Neue Projektoren und Server müssen angeschafft werden. Dies kann pro Leinwand schnell 50.000 bis 100.000 Euro kosten.

Die für sichere Investitionen notwendigen Standards werden aber noch heftig diskutiert. Schließlich wollen die Kinobetreiber sicher gehen, sowohl Filme wie auch Werbung möglichst aller Verleiher und Produzenten abspielen zu können, vor allem auch die der Majors.

Bei den Projektoren streitet man um die Notwendigkeit von leistungsstarken 2K-Projektoren, wie sie die europaweit operierende Förderer Europa Cinemas fordert. 2K-Projektoren arbeiten mit 2000 Bildzeilen und übertreffen damit den HDTV-Standard. Viele Kinobetreiber sind aber auch mit etwas schwächeren Projektoren (1,3 K) für ihre in der Mehrzahl eher kleinen Säle zufrieden. Der deutsche Kino-Verband HDF fordert unterdessen eine Neuausrichtung auf die 4K-Leistung und eine Testphase dafür im 2. Halbjahr 2006. Die Kinobetreiber betrachten dies mehrheitlich als Verzögerungstaktik angesichts vollkommener Ratlosigkeit.

In Deutschland konkurrieren derzeit im wesentlichen die Modelle von XDC in Kooperation mit Christie Digital und das von EuropeanDocuZone/CinemaNetEurope (Digitale Delikatessen).

Der Nürnberger Kinobetreiber Wolfram Weber erzielte mit dem XDC-Modell, das 2K-orientiert ist, kurzfristig großen Erfolg: Tausende Kinobesucher zahlten einen „Digigroschen“ von 50 Cent für Publikumsrenner wie „Star Wars“ oder „Madagaskar“. Die eine Hälfte der Mehreinnahmen erhält dabei die Verleihfirma, die andere Hälfte verbleibt beim Kinobetreiber. Absehbar ist aber, dass der „Digigroschen“ schon bald nicht mehr akzeptiert werden wird. Der Innovationsbonus verbraucht sich zunehmend, weil das Publikum in immer mehr Kinos digitale Projektionen sehen kann. Weber leitet daher aus seinen bisherigen Erfahrungen zwei wesentliche Forderungen ab: Zum einen müssten die Mehreinnahmen durch den „Digigroschen“ ganz beim Kinobetreiber verbleiben, zum anderen müssten die Filmmieten deutlich gesenkt werden. Derzeit verlangen die Filmverleiher annähernd soviel wie für analoge Filmkopien, obwohl Herstellung, Transport, Versicherung und Ersatz einer digitalen Kopie deutlich kostengünstiger sind. Die Major-Companys rechnen mit Kosteneinsparungen durch digitale Kopien von bis zu 90 Prozent.

EDZ dagegen betrachtet die 2K-Marke als nachrangig. Statt auf die hohe Projektionsleistung setzt man vielmehr auf die Realisierung des MFX-Standards, eines Software-Containers für alle Bestandteile des Filmmaterials, also Bild, Ton und Metainformationen. Zugleich sollen KDM (Key Delivery Messages) als eine Form des Digital-Rights-Managements für die Verleihfirmen etabliert werden. Das EDZ-System, das derzeit Dokumentarfilme auf digitalem Weg in Kinos in acht europäischen Ländern bringt, soll so major-fähig werden, so Björn Koll von CNE.

Zurückhaltung bei der Digitalisierung

Unterdessen hat bereits eine schleichende Digitalisierung auf einfacherem technischen Niveau stattgefunden. Für Werbung, Fußball-Übertragungen, kleine Independent-Produktionen etc. werden vielfach schon digitale Projektionssysteme eingesetzt. Diese Vorführungen, in der Branche als e-Cinema bezeichnet, haben eine Publikumsakzeptanz erreicht, die bei den Kinobetreibern neue Zweifel an der Notwendigkeit von Investitionen in HighEnd-Geräte aufkommen läßt. Darauf reagiert Christie Digital mit dem Einsteiger-System CineSuite-System, das für 7500,- Euro pro Leinwand verfügbar sein soll. Damit ist vor allem auch die Branche bezeichnet, die derzeit am besten an der Digitalisierung verdient - die Herstellerindustrie.

Die wirtschaftliche Situation der meisten Programmkinos ist dagegen schwierig. Nur durch Prämien wird ein Ertrag von durchschnittlich 0,16 Euro pro Besucher möglich, bei Multiplexen, die keine Prämien erhalten, sind es durchschnittlich 0,64 Euro.1 Doch nicht nur die hohen Investitionskosten in digitale HighEnd-Systeme schrecken viele Kinobetreiber derzeit noch ab. Selbst die großen Kinobetreiber Flebbe (CinemaxX) und Kieft (Cinestar) halten sich derzeit mit Investitionen zurück. Auch die Untätigkeit vieler Verleiher, die auf Entscheidungen der großen Mutterkonzerne für das eine oder andere Systeme warten, wirkt hemmend.

Gleichzeitig hat sich die gesamte Marktstruktur der Filmauswertung durch die DVD stark verändert – die Zeitfenster sind viel enger geworden und oft ist die DVD-Version eines Films schon erhältlich, wenn ein Film in kleineren Städten erst anläuft. Auch über etwaige vorherige oder parallele Fernsehausstrahlungen werden die Kinos von den Verleihern nicht immer informiert. Ein Film wie „Höllentor“, dem im Kino genug Zeit blieb, sich zu entwickeln, erreichte 200.000 Kino-Besucher und 50.000 DVD-Verkäufe.

Die Verunsicherung der Kinobetreiber wird durch immer mehr Produktionen, die in den Markt drängen, weiter gesteigert. Der steigenden Anzahl von Filmen steht eine deutlich geringere Medienresonanz gegenüber, die Marketing-Budgets werden immer weiter aufgeteilt und die Zahl der möglichen Kinostarts pro Woche ist begrenzt. Verleiher wie Kinos beklagen, die Filmförderung sei zu sehr produktionsorientiert und zu wenig auf Verleih und Abspiel ausgerichtet. Die durch digitale Produktion und Verleih erwartete Kostensenkung für neue Produktionen ist für die Verleiher wegen der erwarteten Vielzahl neuer Filme am Markt ein Albtraum. Unter den Mitgliedern der AG Kino sind darum schon Verknappungsdiskussionen entbrannt, die auf eine Marktbereinigung zielen.

Die Kinobetreiber stehen also nicht nur vor technischen, sondern auch strukturellen und inhaltlichen Problemen. Dass die digitale Projektion auch im Programmkino zum Standard werden wird, ist absehbar. Die erwarteten Kosteneinsparungen werden sich für die Kinos jedoch nur realisieren lassen, wenn nach einem möglichst kurzzeitigen Parallelbetrieb digitaler und analoger Systeme die Kopienkosten deutlich sinken. Darum müssen Mainstream- wie Arthouse-Verleiher zusammen mit den Kinos bald zu einer gemeinsamen Lösung finden. Entscheidend wird die Entwicklung tragfähiger Geschäftsmodelle sein. Und gleichzeitig ist die ganze Branche gefordert, den Kinobesuch zu einem Erlebnis zu machen, dem der Zuschauer den Vorzug vor dem heimischen DVD-Player gibt. (Dirk Förster)