"Digital ist darauf angelegt, Entscheidungen vorzuformulieren"

Andre Wilkens über Vor- und Nachteile der digitalen Welt

Im Zuge der digitalen Revolution und Big Data wandelt sich die Welt auf rasante Weise um. In welcher Gesellschaft werden wir leben, wenn sich diese Entwicklung ungebremst fortsetzt? Wird man in Zukunft einer Arbeit nachgehen, die man gerne hätte - oder einer, welche man Algorithmen zufolge haben sollte? Wird man seine Ambitionen umsetzten können - oder wird man einfach zugeteilt bekommen, was einem laut Datenlage entspricht? Andre Wilkens macht sich in seinem Buch Analog ist das neue Bio seine Gedanken - und blickt nicht unoptimistisch nach vorne.

Herr Wilkens, wie verändert sich durch den Gebrauch der digitalen Medien das Verhalten der Menschen?
Andre Wilkens: Die Menschen sind fast permanent von digitalen Medien umgeben. In der U-Bahn, auf der Straße, an Haltestellen, in Cafés et cetera, überall sind Menschen über ihre digitalen Geräte gebeugt. Diese digitale Kommunikation wird immer internationaler, individueller und ort- bzw. zeitunabhängiger. Weiterhin gibt es einen fließenden Übergang zwischen Lesen, Videos ansehen, kommentieren, weiterleiten und empfehlen. Vieles davon ist durchaus positiv.
Gleichzeitig wird alles schneller und kürzer, die Fragmentarisierung steigt an: Wir machen fast immer mehrere Dinge gleichzeitig, werden dabei immer zerstreuter und haben Schwierigkeiten, uns auf eine Sache zu konzentrieren. Jeder lebt und kommuniziert in seiner eigenen Welt. Teilweise sitzen im Wohnzimmer Familien zusammen, die doch getrennt sind, weil statt sich zu unterhalten jeder auf sein Smartphone stiert. Jeder von denen lebt in einer filter bubble. Außerdem kommunizieren wir mehr mit und über Maschinen. Manche Leute finden das auch angenehmer, weil man zum Beispiel nicht auf die Stimmung des Gegenüber einzugehen braucht. Es ist indirekter aber oft im Ton direkter.
Zumindest theoretisch müsste durch den Gebrauch des Internets - die Technik erleichtert den Alltag, die Arbeit und hilft dem Menschen durch die Erweiterung der Selektionsmöglichkeiten eine bessere Wahl zu treffen - die Selbstbestimmung der Menschen zunehmen. Ist es dennoch möglich dass diese abnimmt, weil sich die Menschen in größerem Maße abhängig von der Technik machen als tatsächlich selbstbestimmter zu werden?
Andre Wilkens: Prinzipiell glaube ich schon, dass Technik unser Leben leichter und besser macht, auch digital. Dazu kommt, das wir Digital mehr und mehr brauchen, um Entscheidungen zu treffen, wie wir mit der digitalen Welt fertig werden, Entscheidungen, die wir früher gar nicht treffen mussten. Digital hilft uns, das Digitale zu meistern. Darüber hinaus ist aber das high end von digital, nämlich Big Data, aufgrund persönlicher und kollektiver Präferenzen, die einer Auswertung von Daten entnommen werden, darauf angelegt, Entscheidungen vorzuformulieren. Am Anfang stehen hilfreiche Vorschläge wie beim GPS aber am Ende folgt man einfach blind. Ob beim Bücherkauf oder beim Gesundheits-Check mit digitalen Armbändern, wir sind dabei, Fremdbestimmung an die Maschinen outzusourcen, weil es damit einfacher geht.
Ob man später diese Vorgänge wieder insourcen kann, steht dahin. Wer kann denn heute noch nach Landkarten fahren?
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Andre Wilkens. Foto: © Gerlind Klemens
Wie hängt diese ambivalente technologische Entwicklung mit unserer Wirtschaftsordnung zusammen?
Andre Wilkens: Das ist eine große Frage und ich tue mich mit einer einfacher Antwort schwer. Am Anfang war das Internet eine quasi kapitalismusfreie Zone, die von Technologie-Hippies gebaut und geordnet wurde. Alles war frei, offen, transparent und damit auch gefährlich für autoritäre Regimes. Wenn wir also von digitaler Revolution sprechen, geht es nicht nur um Technik. Es ist auch eine gesellschaftliche Revolution. Und es dauerte eine Weile, bis sich in diesem so freien, antiautoritären Netz der Kapitalismus voll durchsetzte. Den Anfang in diese Richtung machte Werbung bei Google und Co, jetzt aber geht es um das Zuschneiden von Produkten auf jeden einzelnen selbst. Werbung wird also in Zukunft überflüssig werden, weil man jedem Einzelnen genau die Dinge gibt, die er selbst zu brauchen denkt.
Jetzt sind wir in einer Wildwest-Phase des digitalen Kapitalismus, wo die digitalen Firmen den Takt vorgeben. Staaten kommen hier erst einmal gar nicht mit und es wird auch noch eine Weile dauern, bis dieser digitale Kapitalismus gezähmt ist. Aber wir müssen da ran, sonst zähmt er uns.
Mit dem Internet hat sich der Einblick von Geheimdiensten in das Privatleben der Menschen drastisch erweitert. Warum ist die Politik daran nicht besonders interessiert?
Andre Wilkens: Die Politik ist doch interessiert, es kommt auf die Perspektive an. Genau wie Suchmaschinen und digitale Buchläden wollen Politiker an alle unsere Daten ran, um damit unser Leben besser zu machen. Es geht hierbei nicht nur um die Vorbeugung terroristischer Anschläge, sondern (positiv formuliert), wie man staatliche Leistungen immer besser und effizienter auf den einzelnen Menschen zuschneidet. Hier handelt der Staat auch nicht anders als private Digitalfirmen. Und warum auch nicht? Wir bezahlen ja den Staat als Steuerzahler und müssten somit an einem effizienten Umgang mit unserem Steuergeld und unseren Daten interessiert sein. Und warum sollte er da nicht die bestmöglichen Instrumente nutzen?
Solange dies auf legalem Wege passiert, habe ich überhaupt nichts dagegen. Eher sollen Politiker auch für den Staat sichere Standards für Datennutzung etablieren, die dann auch im Privatsektor angewandt werden, einschließlich für staatliche Nachrichtendienste.
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