Digitale Delikatessen

Mit einem anspruchsvollen Filmprogramm startet morgen in 8 Ländern zur selben Stunde ein Prestigeprojekt des digitalen Kinos, die "European DocuZone"

Wirft man einen Blick in die wohl nicht mehr ferne Zukunft des Kinos, dann hat sich vor allem dessen Distribution bald revolutioniert. Statt kilometerlanger Zelluloidstreifen fließen Datenströme erst durch den Äther und dann durch einen Digitalprojektor, um als Film auf der Leinwand zu erscheinen. Per Satellit gelangt frische Hollywood-Ware direkt in die Kinos, wird auf Festplatten zwischengelagert und per Knopfdruck abgespielt. Verregnete Filmstreifen sind dann Schnee von gestern.

Eine stets gleich bleibende Qualität, schnelles Reagieren auf den Publikumszuspruch sowie eine bessere Abspielkontrolle durch den Verleiher gelten als Vorzüge des digitalen Kinos. Seit Jahren ist hiervon die Rede, doch das Unterfangen kam so recht nicht voran. Den Vorzügen standen stets hohe Technikkosten und eine anfangs unzureichende Projektionsqualität gegenüber: Auf der einen Seite der Verzicht auf kostspielige Zelluloidkopien in Tausenderauflage sowie deren Versand und spätere Entsorgung; auf der anderen Seite bis zu 150.000 Euro Kosten pro Digitalprojektor samt Server sowie mangelnde Farbreinheit und ein ins Gräuliche tendierendes Schwarz.

Gestartet wird mit dem Dokumentarfilm "The Swenkas"

Dass nun die European DocuZone, ein sich auf Dokumentar- und Arthouse-Filme kaprizierendes Projekt, mit der Realisierung des digitalen Kinos eher am Start ist als die amerikanischen Majors, muss als besondere Volte der Kinogeschichte erscheinen. Seit über zwei Jahren streiten die Amerikaner im Rahmen ihrer "Digital Cinema Initiative" (DCI) über Qualitätsstandards (sowie darüber, wer die teure Kinotechnik bezahlen soll). Doch jetzt wird mit der Eröffnung der DocuZone alternative Kinokost noch vor dem Hauptgang des Mainstream serviert. Dennoch profitieren vom digitalen Kino und den neuen Distributionsstrukturen im großen Maßstab wohl vor allem die Majors. In deren Augen ist die DocuZone ein interessanter Feldversuch, der die Publikumakzeptanz von digitalem Kino auszuloten hilft.

Die Geschichte der DocuZone mutet etwas wunderlich an, so wie die von David und Goliath. Als der niederländische Produzent Kees Ryninks vor Jahren feststellte, dass zu viel Geld für den Transfer von Dokumentarfilmen auf 35-mm-Kopien ausgegeben wird, rüstete er in Holland zwölf Kinos mit hochwertigen Digitalprojektoren aus, um regelmäßig Dokumentarfilme zeigen zu können. Ohnehin waren die häufig auf digitalem Material (DV oder Digi-Beta) gedreht worden.

Der sich schnell einstellende Erfolg der holländischen DocuZone inspirierte Björn Koll, Geschäftsführer der Berliner Salzgeber & Co. Medien GmbH, ein ähnliches, jedoch ungleich größeres Projekt zu initiieren: eine "European DocuZone". Inzwischen wollen insgesamt etwa 140 Kinos in acht europäischen Ländern daran teilnehmen. Ausgestattet mit digitalem Equipment werden diese Filmtheater an einem "paneuropäischen Kinotag" - man hat sich auf den Mittwoch geeinigt - etwa zur gleichen Zeit denselben Film zeigen. Europäische Integration qua Kinosessel - das war der deutschen Kulturstaatsministerin den Innovationspreis 2003 der Filmförderung wert.

Auch für Brüssel ist die DocuZone ein Renommierprojekt und wird vom MEDIA-Programm zu 25 Prozent finanziell großzügig unterstützt. Weitere 25 Prozent sind vom Kino aufzubringende Eigenmittel, die im Rahmen eines Leasingvertrags erzielt werden sowie 50 Prozent durch die regionale Filmförderung. In aufwändigen Testläufen haben sich die Teilnehmer im Sommer letzten Jahres auf ein Equipment geeinigt, das einen digitalen DLP-Projektor der jüngsten Generation von Panasonic mit einer Lichtstärke von 7000 ANSI Lumen vorsieht, einen aktualisierbaren Software-Server von GDC Technologies und eine Satellitenempfangseinheit. Das System ist für eine 2k-Auflösung (1920x1080) ausgelegt, was dem hoch auflösenden HDTV-Standard 1080i entspricht und beispielsweise vom bislang einzigen HDTV-Fernsehsender EURO1080 eingesetzt wird.

Zum Vergleich: Die amerikanische DCI fordert eine Mindestauflösung von 4k, doch sind solche Projektoren noch gar nicht verfügbar. Gleichwohl ist die 2k-Technologie qualitativ so hochwertig, dass mit ihr mittlere bis große Kinosäle problemlos bespielt werden können. Dessen kann man sich auf Filmfestivals wie der Berlinale versichern, wo dieses Jahr mehr als fünfzig Filme digital vorgeführt wurden.

In einem Playout-Center werden die Filmdaten nachbearbeitet, encodiert und verschlüsselt. Sowohl die filmischen Digitalformate wie DigiBeta oder HD als auch herkömmliche 35mm-Negative lassen sich verarbeiten. Per Satellit gelangen die Daten dann auf die Festplatten der Kino-Server, von wo aus sie als Filmbild auf die Leinwände gebeamt werden. Auf die Kinos kommen beim gegenwärtigen Leasing-Modell etwa 1.300 Euro Jahreskosten sowie eine Nutzungsgebühr von 50 Euro pro DocuZone-Kinotag zu. Abseits dessen steht ihnen frei, das technische Equipment für eine Lichtgebühr von drei Euro pro Stunde anderweitig zu nutzen. Beispielsweise könnten sie digitale Filme zeigen oder (Pay-TV-)-Fernsehprogramme wie Fußballübertragungen und Live-Konzerte.

Die Programmstruktur der DocuZone, die sich in Deutschland Delicatessen, in Frankreich Novociné, in Spanien Parallel40 und in Portugal 7th Kult nennt, sieht Spiel- und Dokumentarfilme im Wochenrhythmus vor. Einmal im Monat wird ein Film europaweit zusammen mit den angeschlossenen Partnerhäusern gezeigt. Den Auftakt macht am 2. März der dänische Dokumentarfilm "The Swenkas" von Jeppe Rønde, der südafrikanische Farmer und Arbeiter beim Saturday Night Fever porträtiert. Der Film ist in 90 europäischen und 42 deutschen Kinos quasi zeitgleich zu sehen. An den übrigen Mittwochabenden läuft in den einzelnen Ländern ein anspruchsvolles Programm mit internationalen Filmen. Die Frühjahrssaison, bestehend aus 13 Streifen, ist bereits terminiert. Darunter der unter den Baumwipfeln im Dschungel von Guyana spielende "The White Diamond" von Werner Herzog (9.3.) sowie "Das Goebbels Experiment" von Lutz Hachmeister (13.4.). (Helmut Merschmann)