Digitale Ewigkeit und virtuelle Museen

Beim Treffen der Fachgruppe Dokumentation des Deutschen Museumsbundes ging es um das schwierige Thema der Langzeitarchivierung digitaler Bildmaterialien

Vom 20.-22. Oktober 2003 fand in Hannoversch Münden das diesjährige Herbstreffen der Fachgruppe Dokumentation des Deutschen Museumsbunds. Die Fachgruppe kümmert sich bereits seit 1994 um diesen wichtigen Bereich der Museumsarbeit. Schon früh wurde die Zeichen der Zeit und der Computer als Instrument zum Sammlungsmanagement erkannt, wovon zahlreiche einschlägige Veröffentlichungen aus der Schriftenreihe des Instituts für Museumskunde Berlin zeugen. Es ist nicht zuletzt der heterogenen Materialien und komplexen Erschließungsmodelle in Museen geschuldet, dass sich erst seit einigen Jahren die Technik diesem Aufgabenbereich gewachsen zeigt und ein Aufschwung des EDV-Einsatzes in Museen zu verzeichnen ist. Aufgrund dieser Entwicklung erwartete die Fachleute ein dichtes Programm zum Themenschwerpunkt "Digitales Bildmaterial - Identifikationshilfe in der Museumsdokumentation und Rohstoff für die Objektpräsentation".

Kampf der Entropie

Ein Thema, dass sich wie ein roter Faden durch die drei Veranstaltungstage zog, war die Langzeitarchivierung digitaler Objekte. In einer Branche, in der die Erhaltung der Gegenstände ihrer Arbeit eine Hauptaufgabe darstellt, ist man natürlich besonders dafür sensibilisiert. Man ist sich einig, dass Digitalisierung ein wichtiger Schritt ist, Kulturgut zu erhalten, wie Lukas Rosenthaler bereits im zweiten Vortrag dieser Veranstaltung darlegte. Sie bietet zumindest die theoretische Möglichkeit, Kulturgut z.B. in Form von Texten unbegrenzt verlustfrei kopieren und damit in potenziell unendliche Haltbarkeit zu erreichen ist. Doch was geschieht mit den Datenmassen, die durch eine Vielzahl von Projekten bereits angehäuft wurden und noch weiter anwachsen werden? Das Problem stellt dabei zum einen die zukünftige Dechiffrierung der Daten dar, zum anderen die Haltbarkeit der Trägermedien.

Eine CD-R wird heute bei idealen Bedingungen mit einer Lebensdauer von 25-30 Jahren angegeben. Aber dies wurde aus Verfallsdaten hochgerechnet, die in kurzen Testreihen im Labor ermittelt wurden. Niemand kann heute eine CD vorweisen, die das versprochene Alter erreicht hat und noch lesbar (!) ist, da das Medium schlicht noch nicht so alt ist. Die reale Lebensdauer kann daher nur ein Schätzwert sein und liegt in der Praxis wohl wesentlich darunter. Eine größere Haltbarkeit versprechen Bandsicherungen, z.B. in Form von DLT-Tapes, die weit verbreitet sind und eine physikalische Haltbarkeit von bis zu 50 Jahren besitzen, womit das Problem des Verfalls zwar nicht aus der Welt geräumt, aber zumindest vertagt wäre.

Digitalisierte Daten können nicht von Menschen direkt gelesen werden, sondern es braucht ein technisches Instrumentarium, um sie zu dechiffrieren. Wir erleben gerade, wie die CD von der DVD abgelöst wird, und die nächsten Speichermedien stehen schon in den Startlöchern. Es steht zu vermuten, dass die CD in einigen Jahren das selbe Schicksal wie 5 1/4 Zoll-Disketten erleiden wird, die zwar heute teilweise noch lesbar, für die die Laufwerke aber höchstens noch auf gut sortierten Trödelmärkten zu finden sind. Soll also eine CD oder ein Tape - selbst wenn perfekt erhalten - in Jahrzehnten noch nutzbar sein, so muss auch das technische Instrumentarium funktionsfähig gehalten und mitkonserviert werden. Selbst wenn das alles geschieht, bleibt es mehr als fraglich, ob auch in 50 Jahren noch die Word-Dokumente von heute gelesen werden können. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnten offene Formate und konzise Kopier- und Aktualisierungsstrategien darstellen.

Auf dieses Problemfeld reagierend wird nun an der Deutschen Bibliothek in Frankfurt ein DFG-gefördertes Kompetenznetzwerk zur Langzeiterhaltung mit dem Namen NESTOR aufgebaut. Neben dem Angebot von Hilfestellungen für laufende und zukünftige Digitalisierungsvorhaben sollen Best-Practice-Leitfäden erstellt und eine Zertifizierungsstelle für technische und konzeptorische Infrastrukturen errichtet werden.

Von Säbeln, Skulpturen und Synergien

Die deutliche Mehrzahl der Vorträge waren Darstellungen von Projekten aus dem Museumsbereich, die entweder gerade gestartet oder beendet worden sind und sich mit der digitalen Welt auseinandersetzen. Insgesamt wurde deutlich, dass im Großen und Ganzen die Zeichen der Zeit erkannt worden sind und nun endlich auch aktuelle technische Entwicklungen, moderne Konzeptionen und professionelles (Bild-)Managementstrukturen in digitalen Projekten der Museumswelt Einzug gehalten haben.

Das ist nicht immer der Fall gewesen, und einige sind immer noch den CD-ROM-Sammlungseditionen vom Ende des 20 Jahrhunderts verhaftet, wie es z.B. im Konzept des Online-Katalogs der Architekturzeichnungen der Staatlichen Museen Kassel deutlich wurde. Arbeiten wie das Virtuelle Museum Karlsruher Türkenbeute, das von Susanne Erbelding vorgestellt wurde, setzen dagegen neue Maßstäbe in Sachen Design, Benutzerführung, Funktionsfülle, Zielgruppenorientierung, inhaltlicher Dichte und technischer Ausführung, was sie zu einem Vorbild für alle zukünftigen Ausstellungs- und Museumswebsites macht. Begleitet wurde das Projekt zudem durch eine ausführliche Evaluation des Nutzerverhaltens.

Ein virtuelles Museum baut auch die Gipsabgusssammlung antiker Skulpturen in Göttingen auf, welches von Daniel Graepler vorgestellt und in Zusammenarbeit mit der Firma Duehrkoph+Radicke erstellt wurde. Hier wurde besonders auf niedrige technische Anforderungen auf der Nutzerseite geachtet, da die Hauptzielgruppen Schulen und Universitäten in ihrer technischen Ausstattung meist einige Jahre der aktuellen Entwicklung hinterherhinken. Nichtsdestotrotz werden die Skulpturen teilweise mit einer innovativen Lasertechnik aufgenommen, die deutlich macht, welche Ergebnisse zur Zeit auf dem Bereich der 3D-Erfassung von Kunstobjekten erzielt werden können.

Allgemein ist der Trend zur Erzeugung von Synergieeffekten zu konstatieren. Sind in den letzten Jahren viele einzelne Digitalisierungsprojekte gefördert worden, liegt nun das Hauptaugenmerk der Förderer auf die Erzeugung von Netzwerken und Materialkonsolidierungen. Das bereits oben erwähnte Kompetenznetzwerk Langzeiterhaltung ist eines der Vorhaben, die diesem Trend verpflichtet sind. Ein weiteres ist das teilweise EU-finanzierte Projekt mit dem etwas sperrigen Namen DigiCult-Museen Schleswig-Holstein. Neben der Förderung der Dokumentationsbasisarbeit der Museen in Schleswig-Holstein wird hier vor allem ein Datenbank-Verbund angestrebt. Es geht dabei nicht nur um die digitale Abbildung und Verknüpfung der Museumsobjekte, die auch wirtschaftlich genutzt werden sollen, sondern auch um gemeinsame Adresslisten sowie Veranstaltungsankündigungen und Terminkalender für den Tourismus. Erstes Ergebnis aus der Vorbereitungsphase dieses ehrgeizigen Projekts, dass auf einer selbst programmierten Infrastruktur basiert, ist die gemeinsame Website der Museen Schleswig-Holstein.

Bereits eine Schritt in die Selbstständigkeit getan hat das ehemals aus eine Förderprojekt entstandene Göttinger Digitalisierungszentrum, das sich unter anderem für die Faksimile-Ausgabe der Luther-Bibel verantwortlich zeigt und von Andrea Rapp vorgestellt wurde. Das Zentrum hat sich auf die Digitalisierung von Texten aller Art spezialisiert. Ziel beim Scanvorgang ist hier nicht die Erzeugung originalgetreuer Abbilder, sondern ein besonders lesbares und damit benutzerfreundliches Ergebnis, was durch zahlreiche grafische Ausgleichsverfahren erreicht wird. Dabei werden die teils sehr kostbaren Vorlagen möglichst schonend und berührungsarm abgelichtet. Der Einsatz von Optical Character Recognition nimmt dabei immer mehr zu, was sich auch im Angebot eines kostenpflichtigen Zeitschriftenvolltextportals niederschlägt.

So innovativ und ehrgeizig die einzelnen Projekte auch sind, muss für alle noch die Frage beantwortet werden, was nach Ablauf der öffentlichen Förderung mit dem gesammelten Know-how und der aufgebauten Infrastruktur geschehen soll. Hier liegt eines der größten Probleme. Die "Türkenbeute" ist abgeschlossen und wird voraussichtlich nicht mehr weiter gepflegt, gewonnenen Erkenntnisse verschwinden im Aktenschrank. Ähnlich sieht es bei einer Vielzahl der Projekte aus diesem Sektor aus, doch das ist kein Vorwurf an die Macher.

Geisteswissenschafter sehen sich auf einmal in die Rolle eines Betriebswirts und/oder Firmenleiters versetzt und müssen bei der Arbeit an den eigentlichen Projektinhalten quasi nebenher ein tragfähiges Geschäftsmodell für die Folgezeit entwickeln. Selbst gestandene Unternehmensberater würden sich wohl an einem solchen Modell nicht nur in Zeiten der Kürzung von Mitteln im Kultursektor schwer tun. Von Seiten der deutschen Projektträger - EU, DFG, bmb+f u.a. - wird hier keinerlei Hilfestellung geboten. Es muss sich endlich auf Seiten der deutschen Förderer die Erkenntnis durchsetzen, dass eine Verstetigung geförderter Vorhaben ohne professionelle Beratung und Unterstützung von ihrer Seite nicht erwartet werden kann. Und in Einzelfällen vielleicht sogar gar nicht möglich ist.

Weiche Ware für harte Gegenstände

Ein Schwerpunkt der Veranstaltung war in diesem Jahr die Vorstellung von Museumsdokumentationssoftware am zweiten Tag. Laut Veranstalter waren alle maßgeblichen Hersteller in Deutschland vertreten und konnten den gesamten Tag vom Fachpublikum in separaten Räumlichkeiten auf den Zahn gefühlt werden.

Auch auf diesem kleinen, aber feinen Sektor sich viel getan. War den Produkten, die zum Teil schon seit den 1980er Jahren entwickelt werden, vor einigen Jahren ihre DOS- und Windows3.11-Vergangenheit noch deutlich anzusehen, zeigen sich nun alle in zeitgemäßen Gewand. Auch die Technik hat aufgeholt, sodass mit heutigen Produkten nahezu der gesamte Arbeitsbereich Museum inklusive Verwaltung abgebildet werden kann.

Die meisten Lösungen wie der Dauerbrenner ADLiB Museum, der Klassiker FAUST, das semiprofessionelle First Rumos oder der Platzhirsch MuseumPlus präsentierten sich als relationale Datenbanken, die in hohem Maße flexibel und auch vom Nutzer anpassbar sind, um allen Anforderungen aus der heterogenen Museumswelt gerecht zu werden. Schließlich haben sie den Anspruch, historische Industriemaschinen, aufgespießte Schmetterlinge und mittelalterliche Flügelaltäre gleichermaßen verwalten zu können. Daneben gab es auch Exoten zu bewundern, wie die hierarchische OpenSource-Datenbank GOS des Konrad-Zuse-Zentrums Berlin, mit der unter anderem das Deutsche Historische Museum seine Objekte verwaltet und online verfügbar macht.

Wie immer zu den Herbsttreffen der Fachgruppe Dokumentation des DMB kamen auch die Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten zusammen. Die Fachgruppe Dokumentation präsentierte sich als kleine, aber hochmotivierte Truppe, von der wesentliche Impulse ausgegangen sind und weiterhin ausgehen werden. Diese Impulse sind auch dringend notwendig, spielt doch die deutsche Museumslandschaft im internationalen Kontext kaum eine Rolle. Das wird sich möglicherweise bald ändern, wurde doch von der Fachgruppenleitung angekündigt, zukünftig die deutsche Mitarbeit im Internationalen Museumsbund ICOM erheblich auszubauen.

An Gruppen wie dieser wird deutlich, dass im Gegensatz zu häufig geäußerten Vorurteilen im Kultursektor nicht nur über Mittelkürzungen geklagt wird, sondern dass sich motivierte Leute neben ihrer eigentlichen Arbeit hinaus engagieren, um etwas zu bewegen. Die nächste Tagung des Deutschen Museumsbundes findet im Mai in Osnabrück statt. (Georg Hohmann)

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