"Digitales Objekt mit guter Fahrmöglichkeit"

Alles geht im Cyberspace. Wenn man dazu nur nicht so viele Chips bräuchte. Bild: S. Hermann & F. Richter auf Pixabay (Public Domain)

Stilblüten zum Abschluss des 15. Digital-Gipfels der Bundesregierung

Wer das Gefühl hat, zu wenig über Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und das "Internet der Dinge" zu wissen, muss immerhin keine Komplexe bekommen, wenn er oder sie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (beide CDU) darüber reden hört. Wer allerdings Angst vor der zunehmenden digitalen Abhängigkeit hat, wird sich von Merkels Ansage "Es wird keinen Gegenstand mehr geben, der nicht irgendwo digitalisiert ist", - und dann würden ganz viele Chips gebraucht -, auch nicht beruhigen lassen.

Das Auto der Zukunft sei "mehr ein digitales Objekt mit einer guten Fahrmöglichkeit als ein klassisches Auto mit ein paar Chips drin", erklärte Merkel bei der Online-Diskussion "Ausblick: Wirtschaft digital 2030" mit Altmaier und Achim Berg, dem Chef des Digitalverbandes Bitkom, am Dienstag zum Abschluss des 15. Digital-Gipfels der Bundesregierung.

Wer sich das "klassische Auto mit ein paar Chips drin" nicht als alten Fiat mit Krümeln von Paprika-Chips auf den Sitzen vorstellt, muss sich fragen, ob die Übergänge nicht fließend sind - und wozu das "digitale Objekt mit guter Fahrmöglichkeit" sonst noch gut sein soll. Vielleicht als "Smart Home", wenn die Mieten für klassischen Wohnraum weiter steigen? Oder muss es zu nichts weiter gut sein, solange es kreditwürdige Dumme gibt, die es trotzdem kaufen und abbezahlen, bis das Nachfolgemodell erscheint? Und überhaupt, was ist, wenn es gehackt wird? Darauf gab es in dieser Runde keine Antwort.

Schulische Digitalisierung: "Der Einstieg ist geschafft"

Zunächst ging es um den mutmaßlich durch die Pandemie ausgelösten Digitalisierungsschub und um die Digitalisierung an den Schulen, von der Merkel meint, da gebe es "noch viel zu tun, aber der Einstieg ist geschafft". Bei einer Bitkom-Befragung, deren Ergebnisse Anfang Mai veröffentlicht wurden, waren allerdings 77 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder der Meinung, dass die Digitalisierung der Schulen zu langsam voranschreite. 40 Prozent ging es sogar "viel zu langsam".

Zum Online-Distanzunterricht hatten Eltern auch laut einer im April veröffentlichten Studie ernüchternde Aussagen gemacht - und das, obwohl das Ergebnis als "sozial positiv verzerrt" gelten muss, was die häuslichen Voraussetzungen angeht, da vor allem Eltern mit höheren Bildungsabschlüssen an der Umfrage teilnahmen. Zwischen 41,5 und 68,2 Prozent der Befragten gaben an, dass in den jeweils beurteilten Fächern noch gar kein Unterricht per Videokonferenz stattgefunden hatte.

Wie viele Kinder und Jugendliche - vor allem aus weniger privilegierten Verhältnissen - durch die Lockdown-Maßnahmen während der Pandemie schulisch auf der Strecke bleiben, werden die nächsten Monate und Jahre zeigen. Darauf ging aber in dieser Diskussionsrunde auch niemand ein.

Bei den Erwachsenen hat der Umstieg zur digitalen Arbeit nach Einschätzung der Kanzlerin besser geklappt als gedacht. "Wir haben immer noch große Schwächen im Ausbau der Hardware, aber wir haben immerhin so viele Zoom-Konferenzen und Webex-Konferenzen und sonstige Konferenzen geschafft, die man unserem Netz gar nicht zugetraut hätte", so Merkel. Bitkom-Präsident gab zu bedenken, dass auch Ältere und Menschen mit Migrantionshintergrund besser erreicht werden müssten, um eine erfolgreiche "Dekade der Digitalisierung" voranzutreiben.

Altmaier schämt sich jetzt seltener für Funklöcher

Der 1958 geborene Altmaier gab sich betont bescheiden und sagte, er komme aus einer Generation, die schon das Faxgerät als technologischen Fortschritt empfunden habe - er wisse aber natürlich inzwischen, was ein Smartphone sei und wie es funktioniere. Auch schäme er sich inzwischen seltener, wenn er in Deutschland im Auto mit ausländischen Gesprächspartnern telefoniere. "Mein Eindruck ist, die Zahl der Funklöcher ist weniger geworden und das ist ermutigend", erklärte der Bundeswirtschaftsminister.

Mit einem eigenen Digitalministerium wäre es nach Einschätzung von Merkel nicht wesentlich schneller gegangen: "Ich glaube, wir hätten nicht so sehr viel mehr geschafft", so die Kanzlerin. "Luft nach oben" sehe sie auch noch in Wirtschaft und Verwaltung. "Wir sind ein Land, das vor der Digitalisierung auch schon recht gut funktioniert hat", betonte Merkel, deshalb sei bisher der gefühlte Innovationsdruck nicht so groß gewesen. In den USA hätte es nach ihrer Einschätzung mehr Impulse aus der Privatwirtschaft gegeben, hierzulande müssten Altmaier und die Bundesregierung das europäische Cloud-Projekt "Gaia X" erst den Unternehmen schmackhaft machen.

Auch im Umgang mit den Gefahren der Künstlichen Intelligenz gibt es laut Altmaier in Deutschland und den USA Mentalitätsunterschiede - wenn Elon Musk diese Gefahren erst in rund 200 Jahren kommen sehe, führe das in den USA nicht zum Stillstand.

Subtext der gesamten Veranstaltung: Wir kochen zwar in Deutschland noch mit Wasser, aber wir arbeiten daran, uns von allem, was nicht virtuell ist, zu emanzipieren. (Claudia Wangerin)