Dihydrogen-Monoxid: Der Horror muss ein Ende haben!

Dihydrogen-Monoxid gehört zu den gefährlichsten Chemikalien überhaupt - doch nur wenige wissen das

Die farb-, geruch- und geschmacklose Substanz tötet jedes Jahr zehntausende von Menschen und ist für Millionen von Verletzungen verantwortlich. In gasförmigem Zustand kann es schwerste Verbrennungen verursachen; in fester Form führt oft schon das bloße Berühren zu schmerzhaften Gewebeschäden. Wird Dihydrogen-Monoxid eingeatmet, dann ist fast unweigerlich ein qualvoller Erstickungstod die Folge.

Trotz der enormen Gefahr hat bis heute noch kein Staat die Verbreitung von Dihydrogen-Monoxid verboten. Das wäre auch nicht sinnvoll. Dihydrogen-Monoxid ist nämlich nichts anderes als Wasser. Die irreführende Bezeichnung ist sogar chemisch korrekt, denn sie zeigt an, aus was die bezeichnete Substanz besteht: aus zwei Teilen Wasserstoff (Hydrogenium) und einem Teil Sauerstoff (Oxigenium). Auch die eingangs erwähnten Horror-Eigenschaften von Dihydrogen-Monoxid sind nicht übertrieben: Wasser ist in gasförmigem Zustand (Wasserdampf) bekanntlich sehr heiß und kann daher Verbrennungen verursachen. Was es mit dem Berühren festen Wassers (unter Laien auch als "Eis" bekannt) und dem Tod durch Einatmen auf sich hat, ist nun nicht mehr schwer zu erraten.

Schon eine kurze Internet-Recherche zeigt, dass es sich bei Dihydrogen-Monoxid um einen weit verbreiteten Scherz handelt. An deren Anfang stand - wer hätte es geahnt? - ein Studentenulk. Im Jahr 1989 kamen die US-Studenten Eric Lechner und Lars Norpchen auf die Idee, den chemischen Namens des Wassers auf die beschriebene Weise zu missbrauchen. Die beiden entwarfen ein Flugblatt, auf dem sie mit reißerischen Worten zehn der wichtigsten Gefahren des Dihydrogen-Monoxid aufführten, und verteilten es auf dem Campus der Universität Santa Cruz in Kalifornien. Offenbar verfehlte das Pamphlet seine Wirkung nicht, und so starteten Lechner und Norpchen weitere Aktionen, um ihre Mitmenschen vor der todbringenden Chemikalie zu warnen. 1990 wies Lechner beispielsweise in einem Internet-Diskussionsforum darauf hin, dass Dihydrogen-Monoxid eine wichtige Rolle bei der Explosion der Challenger-Raumfähre gespielt hatte. Er fügte hinzu, dass sich die gefährliche Substanz selbst mit den besten Filtermethoden nicht völlig aus Wasser entfernen ließe.

Dihydrogen-Monoxid-Pfützen auf öffentlichen Straßen sind keine Seltenheit mehr.

1994 stellte Craig Jackson, ein Bekannter von Lechner und Norpchen, erstmals eine Informationsseite zum Thema Dihydrogen-Monoxid ins Netz. "Der unsichtbare Killer" hieß es in der Überschrift, gefolgt von Parolen wie "Der Horror muss ein Ende haben!". Dihydrogen-Monoxid, so erfuhr der erstaunte Leser, werde in der Industrie als Lösungs- und Kühlmittel eingesetzt - nicht zu vergessen die Verwendung in Kernkraftwerken, bei der Herstellung von Styropor, als Löschmittel, bei Tierversuchen, bei der Schädlingsbekämpfung und in der Nahrungsmittelindustrie. Angesichts dieser entwaffnenden Argumente entwickelte sich Jacksons Web-Seite schnell zum Insider-Tipp im damals noch überschaubaren Internet. 1995 veröffentlichte die Science-Fiction-Zeitschrift "Analog Magazine" eine Dihydrogen-Monoxid-Warnung in Form einer Anzeige und sorgte damit für weitere Publicity.

So richtig an Fahrt gewann die Dihydrogen-Monoxid-Problematik jedoch erst, als 1997 der 14-jährige Nathan Zohner ins Geschehen eingriff. Der Schüler aus dem Staat Idaho beteiligte sich an einem lokalen Forschungs-Wettbewerb und entschied sich dabei für Dihydrogen-Monoxid als Thema. Zohner verfasste zunächst einen Text mit dem Titel "Dihydrogen Monoxide - The Unrecognized Killer", in dem er die größten Risiken des gefährlichen Stoffs zum Besten gab. Diesen Text gab er 50 seiner Mitschüler zu lesen und bat sie anschließend um eine schriftliche Einschätzung. 43 Personen (also 86 Prozent) sprachen sich für ein Verbot der scheinbar so gefährlichen Chemikalie aus, 6 verhielten sich neutral, und nur ein Befragter durchschaute den Schwindel.

Für das kuriose Ergebnis konnte Zohner den ersten Preis des Forschungs-Wettbewerbs einstreichen. Auch die US-Presse berichtete ausführlich über die erstaunlichen Arbeiten des Schülers. James K. Glassman, ein Journalist der Washington Post, schlug sogar vor, den Begriff "Zohnerismus" in den Sprachgebrauch aufzunehmen. Als Zohnerismus definierte er eine Aktion, bei der jemand korrekte Sachverhalte zu irreführenden Aussagen verdreht. Ein typischer Zohnerismus war für Glassman der Fall der US-Firma Dow Corning, die Brustimplantate für Frauen herstellte. Eine ganze Lawine von Schadenersatz-Klagen trieb diese Firma in die Pleite, obwohl bis heute kein Zusammenhang zwischen den Implantaten und irgendwelchen Krankheiten nachgewiesen ist.

Nach Zohners Publicity-Erfolg zog das Thema Dihydrogen-Monoxid immer weitere Kreise. 1998 gründete der US-Amerikaner Tom Way die "Dihydrogen Monoxide Research Division" und verschaffte dieser eine Heimat im Internet (www.dhmo.org). Ways Web-Seite ist heute die wichtigste Informationsquelle zu Dihydrogen-Monoxid. Dort erfährt der Interessierte beispielsweise, dass die gefährliche Substanz erstaunlich viele Namen hat: Neben Dihydrogen-Monoxid ist auch Dihydrogen-Oxid, Hydrogen-Hydroxid, Hydronium-Hydroxid oder Hydritsäure chemisch korrekt. Wer wollte angesichts solch schön klingender Bezeichnungen noch das schnöde Wort "Wasser" gebrauchen?

Ways Web-Seite zeigt außerdem, dass sich die Dihydrogen Monoxide Research Division auch um das Thema Forschung bemüht (immerhin heißt sie ja "Research Division"). Zahlreiche einschlägige Untersuchungen - darunter Zohners Pionierarbeit - hat Way für die Nachwelt festgehalten. So sammelte eine Gruppe von Schülern aus Glasgow nicht weniger als 341 Unterschriften für einen Verzicht auf Dihydrogen-Monoxid im Schullabor. Einige Hobby-Meinungsforscher erzielten bei Umfragen klare Mehrheiten für ein gesetzliches Dihydrogen-Monoxid-Verbot. Auch in Israel sprachen sich Befragte mehrheitlich für ein Ende des Dihydrogen-Monoxid-Wahnsinns aus.

Trotz der israelischen Schützenhilfe blieb der Dihydrogen-Monoxid-Hoax zunächst vor allem eine amerikanische Angelegenheit. Dies sollte sich jedoch ändern. In Deutschland kam der Stein im Jahr 2000 ins Rollen, als der Mobilfunk-Anbieter Vodafone in München eine Antenne auf einem Wohngebäude installieren wollte. Im Nachbarhaus betrieb der Kommunikations- und Datentechnik-Spezialist Manfred Penzkofer einen Laden. Da sich dieser zunächst in einem Vodafone-Funkloch befand, konnte Penzkofer genau feststellen, wann die Antenne ihren Funkbetrieb aufnahm. Zu seiner großen Überraschung stellte er fest: Noch bevor der neue Sendemast angeschaltet wurde, beklagten sich Penzkofers Nachbarn über Schlafstörungen. Für diese machten sie natürlich die neue Technik auf dem nahe gelegenen Gebäude verantwortlich. Allein die Anwesenheit einer Antenne genügte also, um den Menschen den Schlaf zu rauben. Als sich im benachbarten Unterschleißheim dann auch noch eine Bürgerinitiative gegen eine weitere Antenne (dieses Mal vom Anbieter E+) formierte, platzte Penzkofer endgültig der Kragen. "Ich musste meinem Frust irgendwie Luft machen", erklärte er gegenüber der Telepolis.

Man müsse den Leuten nur etwas vor die Nase setzen, was wissenschaftlich klingt, und schon wird es geglaubt, meint Dihydrogen-Monoxid-Experte Manfred Penzkofer. Bild: M. Penzkofer

Da ihn die Mobilfunk-Panik seiner Mitmenschen an den Dihydrogen-Monoxid-Hoax erinnerte, den er aus dem Internet kannte, beschloss Penzkofer, eine deutsche Sektion der Dihydrogen Monoxide Research Division zu gründen. Diese ist seit 2003 unter www.dhmo.de im Internet zu erreichen. Penzkofer machte sich die Mühe, die meisten Texte der Originalseite auf Deutsch zu übersetzen, und fügte einige eigene Inhalte hinzu. Penzkofers Internet-Auftritt lockte schnell einige Hundert Dihydrogen-Monoxid-Interessierte pro Tag an.

Durch Penzkofers Ableger hat Dihydrogen-Monoxid inzwischen auch in Deutschland eine gewisse Medienpräsenz erreicht. Auch die Telepolis berichtete 2004 über eine weltweite Dihydrogen-Monoxid-Verschwörung und warnte: "So ist nach Meinung von US-Wissenschaftlern der Stoff unter anderem Hauptbestandteil des sauren Regens, er trägt zur Erosion natürlicher Landschaften bei, beschleunigt die Korrosion vieler Metalle und, wie der Autor aus eigener schmerzhafter Erfahrung weiß, kann er sogar das Versagen elektrischer Geräte verursachen - mit bisweilen fatalen Folgen." Nur, wer genau hinsah, entdeckte am oberen Seitenrand das Wort "Glosse".

Nach über zehn Jahren Dihydrogen-Monoxid-Erfahrung kann Penzkofer über viele irritierte Reaktionen berichten. "Sie müssen den Leuten nur etwas vor die Nase setzen, was wissenschaftlich klingt, und schon wird’s geglaubt", kommentiert der Münchener Unternehmer seine Erfahrungen. "Sicherlich würde auch eine Schlagzeile wie 'Natrium-Chlorid auf bayerischen Brezeln’ oder 'Siliziumdioxid im Sandkasten’ große Empörung auslösen." Von der Bürgerinitiative in Unterschleißheim, die sich gegen die Mobilfunk-Antenne stark machte, hat Penzkofer dagegen in letzter Zeit nichts Empörtes mehr gehört. Penzkofers Fazit: "Entweder, die haben’s eingesehen, oder die Antenne hat sie alle dahin gerafft."

Der Text erschien in ähnlicher Form erstmals in der Zeitschrift "Skeptiker" (1-2011).

Klaus Schmeh ist Informatiker, nebenberuflicher Journalist und Mitglied der esoterikkritischen "Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften" (GWUP). Zudem schreibt häufig über Verschlüsselung. In der Telepolis-Buchreihe von ihm erschienen: "Versteckte Botschaften. Die faszinierende Geschichte der Steganografie". Seine persönliche Homepage: www.schmeh.org

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