Dirty Jean-Paul Sartre

Die Philosophie der Straße und der antiurbane Terror

Wissen wir wirklich, was wir an Jean-Paul Sartre haben, wenn wir anlässlich seines Geburtstages am 21. Juni 1905 in Paris sein diesjähriges Jahrhundertjubiläum feiern? Die abgedroschenen Leersätze des Existenzialismus? "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt..."? Oder den moralischen Charakter dieses einzigartigen Mannes? Seinen negativen, später linken politischen Humanismus? Einem monströsen Multitalent wie Sartre muss man anders beikommen. Sartre war ein Hard-Core-Philosoph..

.. mit der Unerbittlichkeit eines minutiös beobachtenden Schriftstellers und der wagemutigen Leidenschaft eines progressiven Intellektuellen. In seinen Werken entwickelte er einen Film Noir der ganz besonderen Art: eine Philosophie, die mit schonungslosen Nahaufnahmen und wuchtigen Bewusstseinsschnitten nur so gespickt ist. Eine Philosophie, in der die reale Straße als urbaner, großartiger, aber auch desillusionierender Durchgangsort der Modernität und des modernen Lebens auftritt. Keiner hat sie so ernst genommen wie dieser Denker. Und eben dies macht seine Biographie und sein literarisch-philosophisches Werk so unübersichtlich, so ungemein lebendig wie schmutzig.

Eine akademische Odyssee

Sartre war kein akademischer Gelehrter, der weltabgewandt in universitären Sphären vor sich hin forschte und lehrte. Paulhan teilte ihm mit, die Professoren Wahl und Brunschvicg seien Anfang März 1940 (vgl. Tagebücher) bereit, Sartres Schrift "L'imaginaire" als Dissertation anzunehmen. Die mit dem Verlag vereinbarte Publikation müsse verfahrensgerecht "hinausgezögert" werden (wörtlich Paulhan). Sartre stimmte zu. Ein kleiner Unfall ließ die Promotion scheitern. Der Verlag hatte bereits gedruckt und lieferte aus. So blieb Sartre unpromoviert. Doch er war kein Jammerlappen, sondern ein Lausejunge. Sogleich äußerte er den Verdacht, dass Paulhan seine edle Einladung ins Reich der Akademie absichtlich verzögert habe, um Sartre, den Neunmalklugen und Non-Stop-Publizisten, doch lieber fern zu halten. Also ein "Fußtritt" gegen "meinen Hochmut" und "meine Eitelkeit", wie Sartre über sich selbst, wie sonst wenige, zu spotten in der Lage war.

Auf gleicher Höhe sind Menschen keine Ameisen

Er war vor allem Schriftsteller und Autor, ein publizistischer Denker, der einen Großteil seiner Zeit in den Cafés produzierte, Unmengen von Zeitungen, Büchern und Menschen verschlang und zahllose Notizen zusammenschrieb, zu bestimmten Uhrzeiten dort Gäste empfing, um mit ihnen zu essen, zu trinken und sich auszutauschen; er hatte immer Stimmen und Geräusche im Ohr, um mit einem kurzen Aufsehen vom Tisch die Ideen und Eindrücke im Kopf auf Ereignisse im Raum oder draußen auf dem Boulevard zu beziehen. Leben und Schreiben, Wahrnehmen und Notieren waren für ihn eins. Der Anti-Held aus der Erzählung "Herostrat" (1936) verhält sich genau diametral zu Sartres eigener Methode, er sucht den überlegenen Standpunkt von oben, um die Menschen zu Objekten seiner terroristischen Philosophie zu machen:

Die Menschen muss man von oben sehen. Ich machte das Licht aus und stellte mich ans Fenster: ... Ich beugte mich vor und fing an zu lachen: wo war er denn, jener berühmte "aufrechte Gang", auf den sie so stolz waren: sie waren auf dem Bürgersteig plattgedrückt, und zwei lange Beine kamen halb kriechend unter ihren Schultern hervor.

Manchmal war es nötig, wieder in die Straßen hinunterzusteigen. Um ins Büro zu gehen, zum Beispiel. Ich erstickte. Wenn man auf gleicher Höhe mit den Menschen ist, ist es viel schwieriger, sie wie Ameisen zu betrachten: sie berühren einen.

Sartre, Herostrat

Sartres Philosophie ist dagegen "ein Bordell ohne Wände" (Marshall McLuhan). Eine intensive, spannungsvolle Auseinandersetzung mit der Welt. Nicht im abstrakten metaphysischen Sinne einer umgreifenden Kosmologie. Sondern im phänomenologischen Sinn, eine vitale Erfassung der konkreten Lebenswelt in ihren unendlichen Verästelungen und Kreuzungen im städtischen Raum, die Beobachtung der Masse, aber auch der Individuen mit ihren Konfrontationen, in einem ständig sich verändernden Feld zwischen gegenwärtiger Wahrnehmung und zukünftigem Handlungsentwurf, mitten im inneren und äußeren Aufruhr, mitten in der verdeckten Affäre und im offensichtlichen Skandal.

Ein Hauch von Nichtsesshaftigkeit, von Unbehaustheit, von Clochardismus umweht ihn, diesen fast nur öffentlichen Menschen, der so gut wie keinen privaten Rückzug, auf jeden Fall keine Residenz kannte, bis auf sein schmuckloses Appartement an der Rue Bonaparte. Dies mag auch an der provisorischen (Nach-) Kriegssituation gelegen haben. Daran, dass die Cafés zu den wenigen beheizten Orten in Paris gehörten, in denen man viele noch mittellose Schriftsteller, Musiker, Künstler aus allen möglichen Ländern traf, bevor sie berühmt wurden. Sartres rasanter Aufstieg, zusammen mit seiner Weggefährtin Simone de Beauvoir, zur Kultfigur des Existenzialismus ist ohne das offene Leben und beiläufig präzise Beobachten in den Cafés, Kellern und Jazz-Clubs nicht denkbar. Nur so konnte der neue, demokratisch-antibourgeoise Lebensstil der freiwilligen Outsider und künstlerischen Rebellen im zunächst noch von der deutschen Wehrmacht besetzten Paris glaubhaft zu einer modernen und urbanen Philosophie avancieren.

Kettenraucher, Kobold, Kinoliebhaber

Sartre, das monströse Multitalent, Kettenraucher um die 40, der lange brauchte, um ein Jugendlicher zu werden, der auf einem Auge wüst schielende, charmant ausgelassene Kobold einer neuen, freien Literatur und Philosophie, der aus einer gutbürgerlichen Familie stammende platonische Prinz mit den Locken eines Engels, der vehemente Agitator und Widerstandskämpfer, der unermüdliche Journalist ("Les Temps Modernes", "La Cause du Peuple"), der ultrapolitische Aktivist, der hochproduktive populistische Theaterautor, der brillante Romancier und Essayist, der luzide, dabei sprunghafte Denker als Philosoph der Moderne, der Tausendsassa, Literat und Kinoliebhaber, der in Abstraktionen und in Bildern zugleich denkt, diese Figur ist nicht als ein monolithisches National-Monument oder als globalistische Wunschfigur eines Super-Gerechtigkeits-Nomaden misszuverstehen. Die Ablehnung des Literaturnobelpreises 1964 ist nur ein Zeichen dafür, wie sich Sartre selbst gegen falschen Kult zu wehren versucht hat.

Überall Rivalitäten und gefährliche Liebschaften

In Bernard-Henri Lévys jüngst bei dtv erschienener Monographie, einer packenden Untersuchung zu Sartres Leben und Denken, zur Ideengeschichte und Werkbiographie, wird der Aspekt einer Philosophie der Straße durchaus deutlich. Lévys Riesen-Essay umspannt eine Epoche und bietet ein instruktives Panorama der Philosophie des 20. Jahrhunderts aus französischer Perspektive mit ihren heftigen innenpolitischen Fraktionskämpfen. Sie machen Sartres unorthodoxe Antworten und seine gesellschaftlichen Provokationen verständlich.

Lévys Buch erschien 2000 in der Editions Grasset & Fasquelle unter dem Titel "Le siècle de Sartre. Enquête philosophique". Gezeigt wird, wie Sartre in und für sein Jahrhundert zum einzigartigen denkerischen Medium wurde. Die deutsche Ausgabe, von Petra Willim hervorragend übersetzt, trägt den Titel: "Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts." Das klingt ungleich traditioneller und überspielt die Komplexität der Jahrhundertfrage im Buch. Als Jahrhundertmensch war Sartre auch ein bedeutender Philosoph. Doch Lévy zieht es vor, ihn "einen der größten", ja, den "totalen Intellektuellen" zu nennen.

Der Meistertitel "größter Philosoph des 20. Jahrhunderts" geht an den deutschen Herausforderer im Schwarzwald, Martin Heidegger, den deutschen Denker der ontologischen Differenz, des abstrakten Seins, des menschlichen Daseins, der ins Sein hinaus-stehenden Ek-sistenz, des Verfalls der Menschen zum massenweisen, indifferenten "Man", der Eigentlichkeit und der Uneigentlichkeit, der Geworfenheit, des Entwurfs und der Zeitlichkeit, der Sorge und des Seins zum Tode. Ein Denker, der seine inbrünstige politische und philosophische Unterstützung gegenüber den Nazis auch auf Drängen liberaler und jüdischer Freunde von Paul Célan bis Hannah Arendt nie zurückgenommen hat. Bereits in seiner ersten heißen Rezeptionsphase ist Sartres kritische Distanz zu spüren:

Aber das Wesentliche war sicherlich mein Widerwille, mir diese barbarische und so wenig gelehrte Philosophie nach der genialen akademischen Synthese von Husserl einzuverleiben. Es schien, als sei mit Heidegger die Philosophie wieder in die Kindheit zurückgefallen ...

Sartre, Tagebücher, Februar 1940

Lévys Panorama holt Sartre konsequent vom Sockel des Denkers und steckt ihn dorthin, wo sein Ruhm begann, auf die Straße, in die Bistros und in die Cafés. Die Philosophie der Straße beginnt damit, dass sich die Relationen zwischen Subjekt und Objekt ständig schmerzhaft verschieben. Lévy beginnt mit Sartres schonungsloser, schamfreier und kaltschnäuziger Art, seine Liebschaften zu genießen, ja auszuweiden und an seine Lebenspartnerin Simone de Beauvoir schriftlich zu verraten. Mit ihr, "Castor" genannt, die ihn in ihren Briefen als "meinen süßen Zwerg", "mein kleines Ungeheuer" anredet, hat Sartre eine freie, auf Ehrlichkeit festgestellte Beziehung und vor allem den exakten Rapport der Abenteuer und Affairen mit anderen vereinbart.

Frolo und Esmeralda, oder nach Lévy ein Paar wie aus Laclos "Gefährliche Liebschaften", ein modernisierter Valmont mit seiner Merteuil, die beide eine Wette auf die allzu vorhersehbaren Eigenschaften und Verhaltensweisen der ausgesuchten erotischen Opfer abschließen und sich darüber in ihren romanhaften Briefen verbreiten, während sie ihren jeweiligen Geliebten Treue vorgaukeln oder ihnen ankündigen, sie in Literatur zu verewigen. Jean-Paul und Castor schaffen sich ihren erotischen Boulevard. Was es zu lesen gibt: Klatsch, delikate Psychogramme, Unerbittliches, Peinigendes, Peinliches, Demütigendes über körperliche und sexuelle Details, Spuren wie von frisch erbeuteten Leichen, literarische Karikaturen, von denen wahre Liebende nichts wissen wollen:

diese Beine (irgendeiner jungen Dame), die pieken wie ein schlecht rasiertes Männerkinn, ihre tropfenförmigen Arschbacken, fest, aber unten schwerer, breiter als oben.

Sartre, Briefe, Bd. 1, S. 195

Das liegt nicht so fern von dem Gegenbild im "Herostrat", der wütenden Herrschaft über den eigenen und anderen Körper:

Ich habe nie intim mit einer Frau verkehrt: ich hätte mich bestohlen gefühlt. ... Am ersten Samstag in jedem Monat ging ich mit Léa in ein Zimmer des Hotels Duquesne. Sie zog sich aus, und ich schaute sie an, ohne sie zu berühren. Manchmal lief das ganz von selbst in meiner Hose; ein andermal hatte ich Zeit genug, nach Hause zu gehen, um es mir selbst zu besorgen.

Sartre, Herostrat

Um so obszöner, wenn hinter der Entblößung des Fleisches n i c h t Henry Miller steht, der seine eigene Potenz gleich mit zur Schau stellt und jede abtrennende Beschreibung sogleich in gemeinsame Action münden lässt, weil für ihn als Amerikaner Ficken und Tippen ein lustvolles Synonym bilden, s o n d e r n ein gallischer Gnom, ein Asterix ohne Zaubertrank, von der Natur benachteiligt, innerlich zerrissen, im entscheidenden Moment des Beischlafs oft hilflos. Einer, der alles, was er erlebt, denkt und notiert, als sei es "vor-verurteilt", weil er es an seine Übermutter in der dritten Person richtet: "Sie, mein kleiner Richter", mein "Zensor", meine "gute Ratgeberin".

In dieser grausam-lustvollen Doppelung von Triumph und Niederlage, Distanz und Nähe, Verführung und Hinrichtung, Verrat und Treue steckt die ganze Verschlagenheit und Gemeinheit, die Ambivalenz der Straße: Die Straße, nicht als Medium der Versiertheit, des geschickten Verkehrs, sondern des gefahrvollen Ausgesetztseins, der Verirrung, fast mit der Sucht, den schlimmstmöglichen Unfall zu erleiden, zu sterben und danach aufzuerstehen in völlig wiederhergestellter Verfassung. Man stelle sich Chaplin und Sartre Seite an Seite vor. Vagabundierende Untreue kopuliert mit der verdrucksten antibürgerlichen Aufrichtigkeit der ganz anderen Art.

Die Wahrheit wird unangenehmer Gestank

Er macht dem immer neu parfümierten Paris der romantischen Liebespaare den zynischen Garaus. Der Name Sartres steht für eine exoterische, paradoxe Form der Philosophie, die "Birth of the Cool" und "Fahrstuhl zum Schafott" intoniert. Blue Note, senex puer, greiser Junge, junger Greis, Trompeten-Keller. Die Liebe zur Weisheit - nicht mehr als abgeklärte Innerlichkeit von Idealismus und Moral. Jugendlichkeitswahn und Altersangst ineinander gestapelt. Die zu früh eingeübte Perspektive eines Diogenes "in der Tonne", als unzensierter, ja operativer Einschnitt ins eigene und andere Leben, als "Vivisektion" (Nietzsche), als frostiger Blues der modernen Zerrissenheit, der Fragmentierung und der Austauschbarkeit der Subjekte im Großstadtgetriebe.

Sartres Position steht für eine aggressive und doch die Lust bewahrende Verschwörung von Philosophie, Liebe und Leben, für eine explosive Mode, deren schwarze Rollkragenpullover und graue Straßenanzüge keineswegs die heldenhafte Befreiung des Frankreichs durch die politisch kastrierten Uniformen signalisieren. Unermüdlich verbreitet Sartre den Aufruf zur vorbehaltlosen Selbstbefreiung durch Desillusionierung, durch Konfrontation mit dem Unangenehmen. Als individualistische Ein-Mann-Partei, als ein anarchistischer, zunehmend linksradikalisierter Staat im Staate, als misstrauisches Gegengewicht zur "verlogenen" Nachkriegspolitik des aus dem Londoner Exil heimgekehrten Präsidenten Charles de Gaulle, der der klassischen "Gloire de la France", dem alten Ruhm Frankreichs zuarbeitet.

Als ob es ein durch Nazismus, Okkupation und Vichy-Regime zerrissenes Land nicht gegeben hätte. Immer wieder scheint der Staatsmann de Gaulle die ätzende Kritik Sartres hinzunehmen, wenn die Partei oder die politischen Organe endlich zugreifen wollen. Sartre fleht geradezu um Festnahme. Aber de Gaulle wittert die publizistische Falle. Und sein Respekt wird aus monarchischem Kalkül gespeist: de Gaulle äußert sich wie ein Sonnenkönig: "Einen Voltaire verhaftet man nicht."

Ein philosophischer Roman: "Der Ekel"

Überzeugend weist Lévy nach, dass in Sartres weniger bekannter Epik, vor allem in seinem frühen Roman "Der Ekel" (1938) die ganze Philosophie der neuen Wahrnehmung steckt. "Der Ekel" schildert einen Streifzug des Ich-Erzählers Antoine Roquentins durch die Straßen einer imaginären Provinzstadt Bouville, angereichert durch Eindrücke aus Berlin (wo Sartre 1933/34 am Institut Français arbeitete), London, New York und Paris, im atemlosen Gang durch die atmosphärischen Schauer der Nacht, in denen sich die Lage der Dinge zur gespenstischen Übermacht aufwirft und den Anti-Helden auf die eigene Nichtigkeit stößt, während seine Subjektivität im Fegefeuer von Ekel, Hass und Verachtung entflammt und verbrennt.

Allerdings muss sich Roquentin seinen Weg aus der vermauerten Position der überlieferten Philosophie auf die Straße noch freikämpfen:

Luzide, reglos, verlassen ist das Bewusstsein zwischen Mauern gesetzt; es dauert. Niemand bewohnt es mehr. Eben noch sagte jemand ich, sagte mein Bewusstsein. Wer? Draußen gab es sprechende Straßen, mit bekannten Farben und Gerüchen. Zurück bleiben anonyme Mauern, ein anonymes Bewusstsein. Das gibt es: Mauern und zwischen den Mauern eine lebende und unpersönliche kleine Transparenz. ... Vergessenes Bewusstsein, im Stich gelassen zwischen diesen Mauern, unter dem grauen Himmel.

Sartre, Der Ekel

Der Reigen des "gespaltenen, trügerischen und schließlich wiedergefundenen Bewusstseins, dieses Bild von einer plötzlich leeren Figur, die einer Vielzahl von Stimmen ausgeliefert ist, welche in ihren Ohren tönen, sie verschlingen, die Verwandlung des Geräusches der Dinge in eine innere Stimme und der inneren Stimme ins Nichts - hätte all dies ohne die Lehrsätze aus "L'Imaginaire" (Das Imaginäre) und "Die Transzendenz des Ego" ersonnen werden können?" (Lévy)

Sartre verabschiedet sich von der älteren französischen Literatur, vom auf die Mythologie der Antike bezogenen Klassizismus eines Gide. Seine Schreibweise bewegt sich auf dem Asphalt und inmitten der Menge.

Ich komme in kleinen Schritten voran. Ich überrage die beiden Ströme um einen Kopf und sehe Hüte, ein Meer von Hüten. Die meisten sind schwarz und steif. Ab und zu wird einer von einem Arm gelüftet und entblößt einen zart spiegelnden Schädel.

Sartre, Der Ekel

Und er atmet den metropolitanischen Rhythmus auch da, wo er das Bürgertum und Kleinbürgertum (der Provinz) attackiert und durchlöchert. Sicher, Sartres Literatur "engagiert" sich, auf eigentümliche Weise, aber wofür? Für die Aktualität, für die Gegenwärtigkeit im Hier und Jetzt. Literatur als Lebensentwurf, als Entweder-Oder, nicht als Flucht in die Fantasy oder die reine politische Utopie.

In seiner Abhandlung "Was ist Literatur?" versteht Sartre unter Engagement gerade nicht, wie ihm häufig unterstellt wird, eine von außen herangetragene soziale oder politische Funktion. Engagiert ist Literatur für Sartre, wenn sie in ihren sprachlich-stilistischen Mitteln die Welt, eine Situation, das Leben eines Individuums, einer Familie oder einer Gruppe aktuell und gegenwartsnah für die Leser ihrer Epoche zu erschließen vermag, durch subtile, ungeschminkte und dabei geschliffene Arbeit am Material, an den Wörtern und ihren Bedeutungen. Sartre schwärmt von "vor Ort frisch gepflückten Bananen".

Der Begriff der engagierten Literatur ist eingekeilt von Sartres intensiver journalistischer Tätigkeit, vom Begriff der Tagesaktualität und den vielen unübersichtlichen Ressorts einer Zeitung, in denen Teams jeden Universal-Schriftsteller schlagen. Sartre will die innere Politik, den inneren Journalismus, das urbane Parlando der literarischen Texte entfesseln, um die Entwürfe möglicher Existenz weiterzutreiben.

Am Modell der urbanen Straßen und der großen Boulevards gemessen, sind Sartres Dramen beinahe exklusive Orte, Kammern, Konklaven. "Hinter geschlossenen Türen" prallen Figuren, Positionen und Gegenkräfte plakativ aufeinander. Die Literatur der französischen Romanciers, vor allem Gustave Flauberts, den Sartre so verehrte und dem er die gigantische Untersuchung "Der Idiot der Familie" widmete, ist dagegen in anderem Sinn boulevardesk, weil sie auf der Straße der öffentlichen Wörter und Bedeutungen die individuelle Existenz eines dem "Realismus" verfallenen Schriftstellers in seinem positivistischen Selbstwiderspruch (als Sohn eines Chefchirurgen) als einen objektiven Prozess der unerbittlichen Bewusstwerdung im Kontext seiner Familie und seiner Epoche zu verdeutlicht versucht. Flaubert liquidiere dabei die Subjektivität des Künstlers:

Der Künstler ist leer, seine Inspiration ist draußen, sie durchstöbert unablässig das Reale, um es in Mögliches zu verwandeln, das heißt in Schein...

Sartre, Der Idiot der Familie

Transzendenz der Dingwelt, Kontingenz des Ego

Sartres Philosophie bleibt oft antithetisches Fragment, bietet Opposition und hochintelligenten Einwand gegen das, was die französischen und deutschen Vorgänger behauptet haben. Ausgehend von der Phänomenologie des deutsch-jüdischen Philosophen Edmund Husserl und der Daseins-Analytik seines Schülers Martin Heidegger in "Sein und Zeit", bricht Sartre in seinem ersten philosophischen Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" (1943) die alte Relation von Subjekt und Objekt in einer paradoxen Struktur auf.

Die klassische Subjekt-Philosophie wird verlassen: Für Sartre gibt es kein "Cogito - ergo sum", wie bei Descartes; es gibt kein reines, konstantes Denken, und aus einem solchen Denken (Cogito) gibt es auch keine Ableitung (ergo) einer konkreten Existenz (sum). Die Trennung zwischen Denkwelt und Körperwelt ist eine hinfällige Abstraktion. Ebenso kritisch steht Sartre der "unerschütterlichen" Bastion des reinen Denkens gegenüber, im Sinne eines transzendentalen synthetisierenden Ichs, das bei Kant und noch mehr bei Hegel eine kontinuierliche Bewusstseinsstruktur und einen objektiven Weltaufbau leisten soll.

In Sartres Philosophie kehrt die scheinbar unsystematische Struktur des Boulevards wieder: Das erkennende, fühlende, handelnde Ich ist kein absoluter Ort, keine Festung. Das Ich ist keine Welt eines unantastbaren oder unsichtbaren Innen. Das Bewusstsein ist kein reines, bloß inneres Zeitphänomen (dies zweifelte schon Kant an) von dem aus die Realität der räumlichen Außenwelt allererst bewiesen und auskonstruiert werden müsste. Die Dinge sind im Raum bereits ebenso real wie in der Zeit.

Als körperliche Einheit nennt sich das Individuum "Ich" ("Moi"). Und als solche ist es nur eine kontingente, zufällig in die raumzeitliche Welt geworfene Vielheit, ein entwicklungsfähiges Konglomerat von Mensch, Tier und Ding unter vielen anderen Dingen. Als hauchdünnes "ich" ("je"), als anfälliger Funke des Bewusstseins, besitzt das Subjekt keine Fertig-Essenz, kein statisches Wesen, keinen transzendentalen Über-Ding-Charakter, keine Welten-Bau-Vollmacht.

Das "ich" beruht allein auf dem freiheitlichen und spontanen Aktstatus des Individuums, es enthält die jederzeit mögliche, oft heimtückische Bewusstwerdung, die aber keineswegs mit durchgängiger Bewusstheit und stabiler Vernunft zu verwechseln ist. Sie besteht in der Fähigkeit jederzeit zu sich selbst in Distanz zu gehen, den Raum der Möglichkeiten zu eröffnen und zu vernichten.

Transzendent ist die Situation

Sartres Genialität setzt das körperliche "Moi" und das bewusstseinsfähige "je" rein innerweltlich an und damit jederzeit von außen, vom Blick des anderen her einsehbar und entzifferbar, als Objekt unter Objekte: Es gibt kein metaphysisches Jenseits, aber auch kein absolutes Subjekt, kein monadisch abgeschlossenes Innen, keine letzten Geheimnisse, es gibt nur noch Grade der Intimität und Stufen der Erfahrung.

Das Subjekt ist ein Partikel in Heideggers Man, ein durch das Gerede der Menge und der Masse gefährdetes, verführbares, aber auch gespeistes Wesen, somit beinahe ein schläfriges, dann wieder plötzlich aufschreckendes Phantom in einer vor sich hin brummenden Wolke. Vorrangig ist die Seite der Dinge, der "Sachen selbst" (Husserl), die in ihrer Vielfalt, Heterogenität und Diskontinuität das "ich"-Bewusstsein zugleich herausfordern und bedrohen.

Transzendent ist für Sartre nicht "der Mensch", schon gar nicht sein metaphysischer Geist, transzendent ist für ihn die Situation, mit allen Wegen, Hindernissen und Irrwegen, durch die der Mensch wahlweise zum Gefangenen oder zum Passanten wird, zu demjenigen, der erkennen und entscheiden soll, was er noch nicht ist, was er werden und wohin er sich wenden kann. Transzendent ist nicht das Ego, diese Fiktion, diese unbestimmte Leerstelle, sondern die Dingwelt in ihrer radikalen Andersheit, ihrer hinterhältigen Alterität, mit ihrem unauslotbaren Reichtum an Facetten, Rissen und Widersprüchen.

Die Spannbreite Sartres: Er entblößt das Subjekt mit einem Schlag von den autoritären Instanzen Gott, Transzendentales Ich, Über-Ich, Identität, Wahrheit, Moral etc. Und er hält dabei doch am Subjekt als geschwächte, letzte Hypothese gegenüber der Welt der bloßen Dinge fest. Als eine poröse Leerstelle von unhintergehbarer Freiheit, als ständig aus und in die Zukunft revidierbarer Entwurf durch die Intentionalität des Bewusstseins, durch die Struktur der Offenheit von Wahrnehmung, die Vermittlung der Sprache und die Herausforderung zur Wahl in jeder anstehenden Situation.

"Herostrat"- oder die terroristische Seite der Existenz-Philosophie

Wer sich gegen diese neue Philosophie der Straße und des Werdens sperrt, muss notwendigerweise in einem philosophischen Terrorismus enden. Sartres Erzählung "Herostrat" (1936) formuliert dies radikal aus. Auch der Anti-Held Antoine Roquentin in "Der Ekel" lehnt sich gegen die Welt und die Situation der Straße vor allem mit innerem Widerstand auf, in seiner spätmetaphysischen, diabolisierenden Wahrnehmung, Imagination und Reflektion, seinem Horror gegen die materielle Existenz von Ich und Welt. Doch der philosophische Desperado Paul Hilbert in "Herostrat" bereitet sich darauf vor, eines Tages in aller Öffentlichkeit, vor den Augen der Welt, seinen Revolver einzusetzen, in einer Mischung von letzter Spontaneität und langwieriger Kalkulation.

Wenn ich die Straße hinunterging, fühlte ich in meinem Körper eine sonderbare Macht. Ich hatte meinen Revolver bei mir, dieses Ding, das explodiert und knallt. Aber nicht mehr aus ihm schöpfte ich meine Sicherheit, sondern aus mir: ich war ein Wesen von der Art der Revolver, der Petarden und Bomben. Auch ich würde eines Tages, am Ende meines düsteren Lebens explodieren und die Welt mit einer Flamme beleuchten, grell und kurz wie ein Magnesiumblitz.

Sartre, Herostrat

Hilbert will die Situation der Straße, das Medium der Dynamik zwischen den Menschen und den Dingen ins Extrem treiben. Er will austesten, ob die plötzlich ausbrechende, aus dem Nichts erscheinende Gewalt die ihm unerträgliche Situation abschafft und auflöst, ob sich die Vielheit der individuellen Welten in eine einzige Welt verwandeln lässt:

Danach ging ich nicht mehr ohne meinen Revolver aus. Ich sah den Rücken der Leute an und stellte mir je nach ihrem Gang vor, auf welche Weise sie fallen würden, wenn ich auf sie schösse. Sonntags nahm ich die Gewohnheit an, mich vor dem Châtelet aufzustellen, wenn die klassischen Konzerte zu Ende waren. Gegen sechs Uhr hörte ich ein Klingelzeichen, und die Logenschließerinnen kamen und hakten die Glastüren fest. Das war der Anfang: die Menge kam langsam heraus; die Leute gingen mit schwebendem Schritt, die Augen noch traumverloren, das Herz noch voll hübscher Gefühle. Viele von ihnen blickten erstaunt um sich: die Straße musste ihnen ganz wunderlich vorkommen. Da lächelten sie geheimnisvoll: sie schritten von einer Welt in die andere. In der anderen war ich und wartete auf sie.

In der Metropole Paris führt der offene Einsatz eines Revolvers mit sechs Patronen zu einer nach heutigen Maßstäben vergleichsweise überschaubaren Tat. Allein in der Imagination bläht sich die Waffe auf zum Fetisch einer verabsolutierten Identität, wird sie zum schicksalhaften Unglücksrad von Macht und Ohnmacht. Ihr noch verdeckter Gebrauch bringt Paul Hilberts Feigheit, Selbstüberschätzung und Verachtung der anderen zum Vorschein.

Das grauenvolle Experiment, der mörderische Anschlag hat schon begonnen. Zunächst in Gedanken, dann in Briefen, an prominente, dem "Humanismus" verpflichtete Schriftsteller, mit einem Vorsatz versehen wird die Tat ausgeheckt. Die Macht des imaginären Entwurfs, die Souveränität des noch nicht ausgeführten Vorhabens ist ungleich größer als ihre faktische Umsetzung. Die sechs Opfer sollen auf einem Pariser Boulevard per Zufallsprinzip ausgewählt werden. Solange noch nichts geschehen ist, fungieren als potentielles Opfer alle anderen, die Menge schlechthin. Und der neue Herostrat genießt es in seiner Phantasie, den Mitmenschen die Maske der humanen Würde zu nehmen, ihre Souveränität zu verletzen und zu zerstören.

Ich ging auf den Boulevards spazieren, mitten unter meinen künftigen Opfern, oder ich schloss mich in meinem Zimmer ein und schmiedete Pläne.

Sartre, Herostrat

Die Geburt des Bösen aus der Hybris eines negativen Idealismus

Der kalte methodische Wahnsinn, mit dem ein Individuum den anarchistischen Anschlag auf die urbane Menschenmenge als persönlichen und zugleich allgemeingültigen Angriff gegen die Masse per Zufalls-Opferung plant und ausführt, ist kein verzweifelter Amoklauf. Er enthält wichtige Bestimmungselemente aus Sartres Philosophie: Die Erweckung des bewusstseinsfähigen "je" zu einer trügerischen metaphysischen Größe, die sich über das "Moi" des eigenen Körpers und des Körpers der anderen und der Menge erhebt.

Die Geburt des Bösen aus der Hybris eines negativen Idealismus, einer Selbstvergottung und Fremdverdammung, die das andere nur als Dressur des eigenen rigiden Ideals zulässt, die die Materie, den Körper und die Menge im entblößten und entfesselten Zustand nur als pure Bedrohung ansieht. Die Selbsterfahrung der eigenen Unzulänglichkeit, Fragilität und Begierde wird in die Identifikation mit dem organlosen Körper überführt: die metallische Todesmaschine, der Revolver, enthält den gesamten Prozess der Metaphernbildung und metonymischen Bedeutungsverschiebung: Identität, Austauschbarkeit, Masse, Organlosigkeit, die fetischistische Widergewinnung von Potenz, Macht und Erektion und die orgiastische Liquidation.

Ich hatte meine rechte Hand in die Tasche gleiten lassen und umfasste mit aller Kraft den Griff meiner Waffe. Nach einer Weile sah ich mich, im Begriff auf sie loszuballern. Ich holte sie wie Flaschen herunter, sie purzelten übereinander, und die Überlebenden, von Panik ergriffen, fluteten in das Theater zurück, wobei sie die Scheiben der Türen zerbrachen. Es war ein sehr aufregendes Spiel ...

Sartre, Herostrat

Die Durchführung verläuft nicht so reibungslos wie geplant. Denn sie muss zwangsläufig auf der offenen Straße, inmitten der Menschen, von Angesicht zu Angesicht stattfinden. Und diesmal erfordert sie eine unerhörte Stellungnahme, äußerste Selbstüberwindung und blitzschnelles Agieren, - den souveränen und professionellen Umgang mit einem Situationsdruck, der den Täter aus seinen trägen cineastischen Allmachtsphantasien reißt. Die Auswahl und die Begegnung mit dem ersten Opfer, einem dicken gleichgültigen Mann, gerät zur blutigen Farce.

Die animalischen Energieströme der Boulevards bauen sich schlagartig vor dem bloßgestellten Täter wie ein auswegloses Labyrinth auf. Nachdem er sein Opfer mit drei Bauchschüssen ungeschickt niedergestreckt hat, zeigt der Täter Gefühle, er unterbricht den Anschlag, rennt los und irrt sich in der Fluchtrichtung. Er gerät immer tiefer in die aufgebrachten Menge, ins Dickicht eines von ihm selbst weiter angefachten Aufruhrs, der ihn zu verschlucken droht. Mord ist kein Theater, sondern Arbeit am ungeschlachten Skandal der Existenz. Die heroische Geste des souveränen Anschlags wird verpatzt, sie hat nur in der Phantasie existiert.

Da verlor ich den Kopf: Ich wollte nicht von dieser Menge erstickt sterben. Ich schoss noch zweimal. Die Leute fingen an zu kreischen und liefen auseinander. Ich rannte in ein Café. Die Gäste, an denen ich vorbeilief, sprangen auf, aber sie versuchten nicht, mich aufzuhalten, ich durchquerte das Café in seiner ganzen Länge und schloss mich auf der Toilette ein. Es war noch eine Kugel in meinem Revolver.

Sartre, Herostrat

Ein humaner Antihumanismus

Der metaphysische Humanismus, jede Fixierung auf ein idealisiertes oder übermächtiges Wesen des Menschen, artet nach Sartre in Antihumanität aus. Daher kann nur ein methodischer Anti-Humanismus, der die ganze Spannbreite von "Gut und Böse", von Fülle und Mangel im Auge hält, die Humanität als Möglichkeitsspielraum bewahren. Eine umfassende, negative, kritische Position, die gegen einfache und feste Menschen- und Weltbilder andenkt und anrennt, die auch das Unmenschliche aufrichtig in den Blick rückt. Die Epoche des (nur) positiven Humanismus, der Renaissance und der Aufklärung ist zu Ende. Sartre wird zum Zeitgenossen eines Lacan, zum Wegbereiter des Strukturalismus und der poststrukturalen Denker wie Foucault, Barthes, Derrida und Deleuze, auch wenn diese Sartres Vorleistungen später relativieren.

Ablehnen muss Sartre jeden stereotypen Humanismus des Guten, Wahren, Schönen und Edlen in allen Menschen. Aber ebenso die reaktionäre Beschwörung einer natürlichen Gemeinschaft oder einer historisch auserwählten Nation, wie sie Faschismus, Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus propagieren (vgl. z.B. "Überlegungen zur Judenfrage"). Zu den gefährlichen Wunschbildern zählt Sartre auch die Verklärung der Kindheit zum Paradies der Unschuld und die Annahme einer moralische Utopie, der Idylle des reinen Guten, wie er sie, zumal in eigener Sache ("Die Wörter") bekämpft:

Das schlimmste war, dass ich die Erwachsenen im Verdacht hatte, ihrerseits zu heucheln. Die Wörter, mit denen sie mich anredeten, waren Bonbons: unter sich sprachen sie ganz anders. ... Später werde ich erzählen, durch welche Säuren die deformierenden Klarheiten zerfressen wurden, die mich umgeben hatten, wann und auf welche Weise ich die Gewaltsamkeit erlernte und meine Hässlichkeit entdeckte - sie war lange Zeit mein negatives Prinzip, die Kalkgrube, worin sich das Wunderkind auflöste -, wodurch ich dazu gebracht wurde, systematisch gegen mich selbst zu denken.

Die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, der Stalinismus und der Faschismus wollten aus der Jugend einen neuen Menschen und aus der mobilen und durchlässigen Gesellschaft eine gereinigte Gemeinschaft auf der Basis von Rechtlosigkeit, massenweisen Verbrechen, Deportationen und Liquidationen formen. Dabei haben sie sich der Strategien der idealisierenden Verführung, eines plakativ positiven Humanismus und einer heroisch verkitschten Jugendlichkeit bedient, wie sie Sartre so vehement angriff. Für den Biographen Lévy schlägt der unreflektierte, positive Humanismus im Zeichen der totalitären Systeme in sein antihumanes, keineswegs zimperliches Gegenteil um, in Hochmut, Menschenverachtung, Selektion und Ausrottung.

Die linksradikale Gegenwelt und der präsozialistische Boulevard

Es fällt Lévy keineswegs leicht, den "frühen" Sartre, jenen erfolgreichen Shooting-Star der 40er und 50er Jahre, und den folgenden antitotalitären Denker und Intellektuellen vom "späteren", ungezogenen, alternden Sartre, der unter die Maoisten geht, zu trennen. Auch dieser "spätere" Sartre läuft immer wieder zu philosophischen und literarischen Spitzenleistungen auf. Sartre nennt dies selbst seine immer noch existente bürgerliche Seite.

Seine antibürgerliche Hälfte aber radikalisiert das Prinzip der Straße, er wandelt sich vom Flaneur zum Provokateur und Demonstranten, er mischt sich unter das "banale" Volk, tritt ein für die unterdrückten Rechte der Arbeiter, solidarisiert sich mit Studenten und Schülern, schließt sich letzten radikalen linken Gruppierungen an, gibt Demonstrationen eine intellektuelle Stimme, zieht an die Tore der Macht, hält offene Tribunale ab, in denen der Kapitalismus in allen seinen Verzerrungen verurteilt wird, versucht das französische Proletariat als revolutionäres Subjekt zu aktivieren, wo er nur kann.

Aus heutiger, etwas zu puristischer Sicht mag es so aussehen, als verrate Sartre den frühen, skeptisch-pessimistischen Standpunkt des philosophischen Kampfes gegen fixierende individuelle und kollektive Identitäten durch seine politischen Anfälle und Ausfälle: so im Apparatschik-Optimismus zugunsten totalitärer Regimes; oder durch die handgestrickte Legitimation der "Volksdienlichkeit" bestimmter Terrorstrategien von linken Widerstandsbewegungen.

Zu seinen angeblichen "Sünden" gehören die freiwillige Propaganda für den Stalinismus, während im "Ostblock" die Köpfe rollen; die Hofberichterstattung rund um die Uhr beim selbstgefälligen Castro; das Encounter mit dem französischen Maoismus; der Flirt mit dem Terrorismus inklusive dem Besuch in Stammheim mit der Kritik an den Haftbedingungen der RAF-Mitglieder, und die Appelle, die Entführungen, Lynchjustiz und Retro-Mobbing an kapitalistischen Chefs empfehlen. 1970 argumentiert Sartre typischerweise (in: Plädoyer für die Intellektuellen):

Die individuelle Gewalt, die überhaupt keine Resonanz hat, ist sinnlos. ... Sicherlich, ob ein Gewaltakt von der Masse bejaht wird oder nicht, ist schwer zu bestimmen und sehr schwankend. Seine Berechtigung muß sich in der Tat selbst ausdrücken. Es muß aber auf jeden Fall eine erzieherische Gewalt sein. ... Arbeiter sperrten ihren Chef ein und verboten ihm, pinkeln zu gehen. Der Chef war gezwungen, auf den Teppich zu machen. Ein Skandal in vielen Milieus. Wie berechtigt dieser Schock tatsächlich ist, erfährt man, wenn man die Arbeiter fragt, warum sie das gemacht haben. Wenn sie nämlich am Fließband arbeiten und austreten gehen wollen, dann demütigt sie der Vorarbeiter, indem er ihnen antwortet: Pinkel doch in deine Hose!

Dennoch: Sartres linkspopulistische Erweiterung des Existenzialismus, sein methodisches Zugehen auf den Marxismus, war auch in theoretischer Hinsicht nie bloße Anpassung. Sondern produktiver Dialog, Kritik und Modifikation der statischen Dialektik, die immer apriori Recht behalten wollte. Sartre beabsichtigte die existenzialistische Reform (ein fürchterliches Wort) des Marxismus. Das Dogma der Allgemeingesetzlichkeit von Hegel, Marx, Engels und Lenin sollte durch die Instanz der individuellen Freiheit, durch die Dimension des subjektiven Lebens wieder zu einer unberechenbaren Produktivkraft dynamisiert werden, die sich durch den Gleichschritt der Geschichte nicht abschaffen ließ.

Das Eintauchen in die linksradikale Gegenwelt schien nötig, um eine greifbare politische und vor allem publizistische Position außerhalb der bürgerlichen Welt zu erreichen, die Sartres übergeordneter und einflussreicher Perspektive konkreten Biss zu verleiht, um die Lügnerei und Korruption des Westens anzuprangern: die Klassengesellschaft, die rechtlich abgesicherte Ausbeutung der Arbeiter, den mörderischen McCarthyismus, das Wettrüsten, den fortgesetzten Kolonialismus Frankreichs in Algerien, den Vietnamkrieg und nicht zuletzt die Unterdrückung der Palästinenser, deren Selbstbestimmung, so Sartre, nicht nur von Israel (dem von ihm unterstützten jüdischen Staat), sondern gerade auch von den feudalen arabischen Diktaturen blockiert werde.

So erhellend Lévys Darstellung der philosophischen Denklinien Sartres ist, fragwürdig werden seine Ausführungen, wenn er Sartres komplexe politische Bewegungen und Schwankungen auf eine einzige, noch dazu religiöse Kehre von 1940, das Erlebnis des Kriegsgefangenenlagers Stalag XII D auf den Anhöhen bei Trier zurückführt. Simone de Beauvoir: "Weit davon entfernt, sich erniedrigt zu fühlen, nahm er eifrig am Gemeinschaftsleben teil." Im "Selbstporträt mit siebzig Jahren" sieht Sartre in der Mobilmachung, die auch ihn, trotz seines Sehfehlers, zunächst erfasste, den Übergang zu einem neuen Selbstverständnis: "Dort also bin ich ... vom Individualismus und vom reinen Individuum der Vorkriegszeit zum Sozialen, zum Sozialismus gelangt." Hier fällt Lévy allzu gerne auf den Propagandisten, auf den alles und alle bedienenden Medien-Sartre in eigener Sache herein. Ein Gegenzitat:

Der Krieg ist ein Sozialismus. ... Alles, was ich benutze, gehört der Kollektivität. Und nichts verbindet mich damit, denn dieses Kollektive ist, eben dadurch, daß es kollektiv ist, unpersönlich. Für mich ist in Wirklichkeit der Eintritt in den Krieg nicht durch die Aufhebung meiner individuellen Güter gekennzeichnet, da ich nie welche hatte. Ich habe weder Haus noch Möbel noch Bücher noch Nippes. Ich esse im Restaurant, ich habe an Kleidung gerade das unbedingt Notwendige. Der Krieg hat mich vielmehr mit einer Fülle von Zeug überhäuft, das der Kollektivität gehört und für das ich keine Verwendung habe; Helm, Gasmaske, Koppel, Schuhe, Gewehr usw. So bin ich wider Willen im Sozialismus. Und vom Sozialismus geheilt, wenn es noch einer Heilung bedurft hätte.

Sartre, Tagebücher, September 1939

Gegen Lévys Annahme spricht auch: Die unterstellte Kehre kommt einfach zu früh. Die brillanten Werke wie "Der Ekel" (1938) oder die philosophische Grundlegung "Das Sein und das Nichts" (1943) und ihr gesamter Umkreis wären nach dieser "Logik" nur noch Makulatur, weil der philosophische Individualist biographisch bereits ein eingegliederter Sozialist war, der aber alle bürgerlichen Leser darüber hinwegtäuschte. Wenn das nicht totalitäre Untergangsphantasien sind: Die "ungeheure Befriedigung" "in der Masse" unterzutauchen, "eine Nummer unter Nummern" zu sein, halfen ihm angeblich dabei, "die Widersprüche in seinem Antihumanismus" zu lösen (de Beauvoir verklärend in: "Der Lauf der Dinge"). Wieso ist von dieser linken Gehirnwäsche und Heiligenlegende in den früheren Werken nur in parodistischer Form die Rede, so in der Figur des Autodidakten in "Der Ekel"?

Handelt es sich beim frühen Sartre, dem fragilen und dabei so ungezogenen, für die Straße offenen Individualisten, um eine vorübergehende, spätbürgerliche Glückssträhne, hinter der ein sozialistisch gefärbtes Dauertrauma angesichts der selbst miterlebten politischen Katastrophen des Jahrhunderts steht? Der Philosophie wird nur dann weitergeholfen, wenn das Projekt Sartre und die Idee eines postbourgeoisen und präsozialistischen Boulevards im Zeichen der Globalität ethisch und politisch fruchtbar weitergedacht wird.

Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir's Grabdstätte in Montparnasse

50.000 Menschen, die bei seiner Beerdigung am 19. April 1980 wie eine Demonstration durch Paris ziehen, geben ein Zeichen dafür, dass sein Name und seine Botschaft noch längst nicht erledigt sind.

Literatur:

Bernard-Henri Lévy: "Le Siècle de Sartre. Enquête philosophique". Editions Grasset & Fasquelle, Paris 2000. Deutsche Ausgabe: Sartre. Der Philosoph des 20. Jahrhunderts. Aus dem Französischen von Petra Willim. Deutscher Taschenbuch Verlag. München 2005. ISBN 3-423-34176-9. 672 Seiten. 15 Euro.

Das gesammelte philosophische, literarische und autobiographische Werk Jean-Paul Sartres ist in zum Teil neu übersetzten Einzelausgaben im Rowohlt-Verlag erschienen. (Peter V. Brinkemper)

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