Diyarbakir - Stadt-Zerstörung und Enteignung

Sur nach der Zerstörung

Die Zerstörung von Städten und Dörfern im Südosten der Türkei dauert unvermindert an. Damit einher geht die Vertreibung der kurdischen Bevölkerung

Ein UN-Bericht kritisiert die seit 2015 andauernde systematische Zerstörung von Siedlungen und Städte mit überwiegend kurdischer Bevölkerung. Er wirft der Türkei massive Menschenrechtsverletzungen vor: Folter, Gewalt, Mord und Vertreibung. Rund 355.000 Menschen seien im Südosten vertrieben worden. Durch Enteignungen und städtebauliche Veränderungen wie zum Beispiel in Diyarbakir-Sur, erzwingt die Regierung einen ethnischen, sozialen, kulturellen und demografischen Wandel in der Region.

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Alter Mann blickt von Sur aus auf die Hevsel Gärten. Foto: Elke Dangeleit 2014

Diyarbakir-Sur 2014: Ein alter Mann sitzt einsam auf einem Hocker und blickt durch eine Lücke in der über 4000 Jahre alten Stadtmauer hinunter auf die weite Ebene mit den Hevsel-Gärten an den Hängen des Tigristals. Innerhalb der Festungsmauer befindet sich die Altstadt, auch Surici oder Sur genannt.

Befand sich die Altstadt, muss man korrekterweise sagen, denn sie existiert fast nicht mehr. Mehr als ein Drittel der Altstadt ist schon abgerissen, die Bewohner vertrieben. Satellitenaufnahmen zeigen das Ausmaß der Zerstörung. Eine seit 4000 Jahren besiedelte Stadt mit einer spezifischen Kultur geht unter.

Foto der Provinzverwaltung: Luftaufnahme von Sur vor den Zerstörungen

Die Altstadt mit seinen engen Gassen, den vielen historischen Gebäuden, Kirchen, Moscheen, Gräbern, Badehäusern und Brunnen und dem bunten multikulturellen Treiben war eine touristische Attraktion und fehlte in keinem Reiseführer. 1988 wurde die Altstadt innerhalb der Stadtmauer unter Denkmalschutz gestellt, darunter 595 Bauwerke.

2012 beschloss die Kommunalverwaltung einen "Surici-Erhaltungsplan", der von der türkischen Regierung damals noch unterstützt wurde. Sie beantragte die Aufnahme der "Festung von Diyarbakir und der Kulturlandschaft Hevsel-Gärten" in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes. Anfang 2015 wurden die Altstadt und die Gärten aufgenommen. Die Freude war groß unter der Bevölkerung, die mit ihrer Kommunalverwaltung schon 2011 begonnen hatte, die Altstadt behutsam zu erneuern und die heruntergekommen Grünstreifen entlang der Festungsmauer in Parks zu verwandeln.

Spielende Kinder zeigen das Peace-Zeichen in Diyarbakir-Sur 2014 Foto: Elke Dangeleit

Doch die Freude währte kurz. Nachdem die türkische Regierung die Friedensgespräche mit der PKK für beendet erklärt hatte, begannen Ende Juli die Repressionen gegen die Bevölkerung im kurdischen Südosten der Türkei. Die Jugendlichen in den Städten errichteten Barrikaden und lieferten sich heftige Kämpfe mit der Polizei. Diese verhängte daraufhin mehrtägige Ausgangssperren. Auch die Altstadt von Diyarbakir war von Anfang September bis Mitte Oktober 2015 davon betroffen. Bei diesen Auseinandersetzungen starben jedes Mal mehrere Menschen, Tausende verließen fluchtartig die Stadt.

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Foto der Provinzverwaltung: Satellitenfoto vom 16. Mai 2016

Am 2. Dezember 2015 wurde eine Ausgangsperre für den östlichen Teil Suricis verhängt, die bis heute andauert. Das Militär griff die Bevölkerung mit Panzern, Mörsern und anderen schweren Waffen an. Sie bombte sich durch die engen Gassen und nahm keine Rücksicht auf historische Gebäude oder Monumente. Auch die Festungsmauer, die direkter Bestandteil des UNESCO-Weltkulturerbes ist, wurde vom Militär und den Spezialeinheiten bewusst beschädigt: Eisenstangen wurden metertief ins Gemäuer einbetoniert, Anbauten angebracht und die kleinen Durchgänge zubetoniert. Am 11. Dezember wurde die Ausgangssperre kurzzeitig für einen Tag ausgesetzt, was zu einer Massenflucht aus dem Ostteil der Altstadt führte.

Vor den Auseinandersetzungen lebten 57.000 Menschen in den sechs Stadtteilen der Altstadt. Über 22.000 Menschen flohen und verloren über Nacht Haus und Habe. Der Ostteil von Sur wurde danach komplett abgeriegelt. Am 21. März 2016 beschloss die Regierung die Enteignung der gesamten Altstadt einschließlich der Moscheen, Kirchen und anderen Monumenten.

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