Djihad auf dem Balkan?

Polizei tötet schwer bewaffnete Pakistani in Mazedonien

Drohen den USA und ihren westlichen Alliierten Angriffe islamistischer Gruppen auf dem Balkan? Der mazedonische Innenminister Ljube Boskovski warnt vor diesem Szenario. Seine Polizeitruppen haben am vergangenen Samstag in einem Vorort der Hauptstadt Skopje sieben schwer bewaffnete Männer getötet, die sie verdächtigten, Anschläge auf westliche Einrichtungen vorbereitet zu haben. Nach Darstellungen des mazedonischen Innenministeriums hatten die Männer das Feuer eröffnet, als sie von einer Polizeipatrouille kontrolliert wurden. Bei den Getöteten wurden Maschinengewehre, Handgranaten, Raketenwerfer und Funkgeräte gefunden. Boskovski erklärte am Montag, dass zwei der Getöteten Männer Pakistanis seien, die auch in Afghanistan gekämpft hätten.

Der als sicherheitspolitischer Hardliner bekannte Boskovski geht davon aus, dass die Getöteten Teil eines Netzwerkes sind, das zusammen mit bewaffneten albanischen Nationalisten den Konflikt Mazedonien wieder eskalieren lassen möchte, um das Land ethnisch zu teilen. Der Zeitung Nova Makedonija sagte er außerdem, die Erschossenen hätten geplant "einen Angriff auf diplomatische Einrichtungen, höchst wahrscheinlich der USA, Deutschland, Großbritanniens oder anderer Länder der globalen Anti-Terror-Koalition" durchzuführen. Diese Informationen habe das mazedonische Innenministerium in den vergangenen zwei Wochen erhalten und deshalb die Patrouillenaktivität erhöht, was zu dem Gefecht geführt habe.

Das Scharmützel vom Samstag wirft ein Schlaglicht auf die angespannte Situation in Mazedonien. Zwar kommt es seit der Stationierung einer internationalen Truppe unter der Führung Deutschlands im vergangenen September kaum mehr zu offenen Gefechten zwischen den albanischen Nationalisten der offiziell demobilisierten UCK und mazedonischen Sicherheitskräften. Aber unter der Oberfläche schwelt der Konflikt weiter und droht wieder zu eskalieren sobald der Winter vorbei ist. Die Stationierung internationaler Truppen ist dabei in bestimmter Hinsicht Teil der Eskalationsdynamik. Albanische Nationalisten sehen sich durch ihre Präsenz ermuntert. Die mazedonische Regierung dagegen versucht, die internationalen Truppen in Stellung gegen die albanischen Nationalisten zu bringen.

Auch ein zweites Problem wird durch das Gefecht deutlich: Seit dem 11. September hat sich auch auf dem Balkan das politische Klima verändert. Die ehemals von den westlichen Mächten im Kampf gegen die serbisch-jugoslawische Regierung Slobodan Milosevics unterstützten albanischen und bosnischen Nationalisten, die sich teilweise über den Islam definieren, gehen zunehmend auf Distanz, vor allem gegenüber den USA.

Deutlich wurde dies zuletzt Mitte Januar in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Dort kam es zu heftigen Protesten islamischer Organisationen, als US-Soldaten eine Gruppe von sechs in Bosnien lebenden Algeriern inhaftierte und aus dem Land brachte, vermutlich auf den US-Stützpunkt Guantanamo Bay. Die US-Offiziellen warfen den Algeriern vor, Kontakt zu Al-Qaida zu halten und im Oktober einen Anschlag auf US-Basen in Bosnien geplant zu haben. Ursprünglich waren die Algerier von den bosnischen Behörden verhaftet worden. Als die US-Stellen aber keine Beweise für ihre Anschuldigungen erbrachten, wurde sie Mitte Januar vom Obersten Gerichtshof frei gesprochen. Das hinderte die US-Behörden aber nicht, die Männer zur Empörung islamischer Gruppen anschließend selbst zu inhaftieren.

Von westlichen Experten wird die Gefahr einer Konfrontation zwischen NATO-Truppen und islamistischen Gruppen auf dem Balkan als erheblich eingestuft. So schreibt der Südost-Europa Experte der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) aus Berlin, Wolf Oschlies, in einem Text unter der Überschrift Bosnien: Europäischer Stützpunkt des Osama bin Laden?: "Tatsache ist, daß Osama bin Ladens Mujahedin in die jüngsten Balkankriege involviert waren und frühere Verbindungen weiter aufrechterhalten." Detailliert geht er darauf ein, wie die auch vom Westen unterstützte bosnische Regierung unter Präsident Alija Izetbegovic Anfang der 90er Jahre mehrere tausend Mujahedin aus islamischen Ländern in ihre Armee integrierte, um die serbisch-jugoslawische Truppen zu bekämpfen. Zahlreiche Mujahedin blieben nach Ende des Krieges 1995 in Bosnien und sind dort heute eingebürgert.

Auch der NATO nahe brain trust International Crisis Group (ICG) setzt sich in einer Studie unter dem Titel Bin Laden and the Balkans mit dem potenziellen Konflikt mit den ehemaligen Verbündeten auseinander. Er kommt zu ähnlichen Schlüssen wie Oschlies:

Given the presence of ex-mujahidin in Bosnia, the tens of thousands of former military and paramilitary fighters in Bosnia, Kosovo and Macedonia who are Muslims by nationality, if not for the most part by observance, and the large deployments of U.S. and other troops in the region, some (though by no means all) senior Western sources describe the potential terrorist threat as significant.

(Boris Kanzleiter)