Doktor Waus Chaos Computer Film

"Die Vertreibung aus dem Hacker-Paradies"

Maecks und Schwerdorfs Dokumentarfilm reiht die Belege hierfür weitgehend chronologisch und strukturiert nacheinander auf: Am Anfang davon steht der BTX-Hack, der die notwendige Gegenöffentlichkeitsarbeit des CCC angesichts der allzu utopischen Kommunikationsträume der deutschen Politik inszeniert.

Aber auch jene Ereignisse zählen dazu, die gezeigt haben, dass Hacking nicht allein im Computer oder den Datennetzen stattfindet, sondern dass an diesen Computern eine gesellschaftliche und politische Realität hängt, die sich gelegentlich auch brutal äußern kann: in den Strafverfolgungen, die im Anschluss an den "NASA-Hack" (1987) stattfanden, im "KGB-Hack", der 1989 den Tod des Hackers Karl Koch (hagbard) zur Folge hatte, und im Tod des Hackers Boris Floricic (Tron) im Jahre 1998, nachdem dieser ein abhörsicheres "Cryptophon" entwickelt hatte.

"Alles ist Eins. Außer der 0", Wau Holland. Bild: allesisteins.film / Neue Visionen Filmverleih

Diese Geschehnisse haben eine "Paranoia" im CCC heraufbeschworen, die in gegenseitigem Misstrauen kulminierte, wie der Film in Videoausschnitten von Tischgesprächen und Podiumsdiskussionen zeigt. Der erste Pressesprecher Steffen Vernéry gab seine Position im Zuge dieser Ereignisse auf. Die Öffentlichkeitsarbeit, die verständlicherweise zentral für eine Gruppierung wie den CCC ist, bildete ab dann das zweite Strukturelement des Films: Andy Müller-Maguhn, der Vernéry nachgefolgt ist, bleibt dabei der zentrale Talking Head; Constanze Kurz und Linus Neumann kommen nach ihm zu Wort.

Spätestens, als nach etwa zwei Dritteln des Films über den Rückzug Wau Hollands (zunächst in den Thüringer Wald, dann nach Jena und schließlich nach Berlin) und seinen Tod im Jahr 2001 berichtet wird, ist klar, dass es sich bei "Alles ist Eins" keineswegs um ein "Bio-Pic" handelt und dass diese Geschichte der Hacker keine abgeschlossene Historiografie, sondern eine fortlaufende Erzählung ist.

Denn der Geist Wau Hollands schwebt weiterhin als Denkstruktur über der Szene. "Waus Erben", wie Glaser sie nennt, sind weiterhin aktiv, wenn es um die Kritik an der biometrischen Datenerfassung (Fingerabdrücke in Personaldokumenten oder Gesichtserkennungssysteme am Berliner Südkreuz) geht, um den Bundestrojaner oder die internationalen Geschehnisse, die mit den Namen Edward Snowden, Chelsea Manning und Julian Assange verknüpft sind.

Überall entstandene und entstehende Hackerspaces, der jährlich stattfindende Chaos Communication Congress und die Wau-Holland-Stiftung bilden in einer Zeit, in der Computer nach und nach aus dem Gesichtsfeld und dem Bewusstsein ihrer Nutzer verschwinden (weil sie ubiquitous geworden sind), die soziale Infrastruktur und das Kommunikationsnetz der Hacker. Von dort aus gelangen immer noch Informationen an die Öffentlichkeit und unters Volk, die nun nicht mehr allein die Politik, sondern auch die IT-Großkonzerne wie Google und Facebook kritisieren. Dieses Erbe thematisiert der Dokumentarfilm in seinem Ausblick überaus deutlich.

"Kann ja sein, dass ich mal telefonieren muss"

Aber wie die Hackerkultur selbst, so referenziert auch der Film auf jene Technik, die stets zugleich Problem und Lösung, Gegenwart und Utopie ist. "Alles ist Eins" ist auch ein Computerfilm, der die Geräte zwar im Hintergrund hält, sie aber eben doch auch nicht verschweigt. Immer ist irgendwo ein Homecomputer zu sehen, ein Terminal, ein PC, ein Akustikkoppler, Tastaturen, Mäuse, Monitore.

Die Stille Omnipräsenz der Technik im Film dient (neben den antiquierten Bildformaten, Ton-, und Videoqualitäten des Archivmaterials) gleichermaßen als "Leitfossil", das die historische Relevanz der Aussagen unterstreicht, wie auch als Hinweis darauf, wie Allgegenwärtig diese technischen Artefakte als Bausteine unserer IT-Geschichte waren und immer noch sind. "Alles ist Eins. Außer der 0" ist damit nicht nur ein Film über Menschen am Computer, sondern auch über Computer als Extensionen des Menschen - als Werkzeuge, Kommunikationsinstrumente, Kunstproduzenten, Beweismittel und Hinterlassenschaften.

Die Geschichte der deutschen wie internationalen Hackerszene lässt sich zwar chronologisch nacherzählen, die Auswahl, Akzentuierung und Reihung der dazu verwendeten Archivfunde bleibt dabei jedoch stets idiosynkratisch. Die Rolle, die die Apparate dabei spielen, ist hingegen unzweideutig.

Wau Holland bezeichnet die Computer selbst als "Knoten im Informationsnetz", mittels derer wahres und falsches Wissen proliferiert wird. Daher mutet es zunächst befremdlich und sogar anachronistisch an, wenn in einigen der Peter-Glaser-Inserts Archivvideos auf CMB-Rechner-Monitore montiert werden. Vielleicht gibt uns der Film damit aber auch einen Hinweis auf seine eigene Existenzweise als "Informationsprodukt", das durch den Kanal, durch den es läuft, formatiert wird.

Ein Dokumentarfilm zeigt nie die Wirklichkeit, sondern immer nur eine Wirklichkeit. Insofern lässt sich das Schlusswort Wau Hollands auch als Aufruf verstehen, die Platonische Medienhöhle hin und wieder zu verlassen: "Die unmittelbare Erfahrung ist wichtig und diesen ganzen virtuellen Dreck, den sollen sich einige mal abschminken."

"Alles ist Eins. Außer die 0", startet am 29.7. in den Kinos

(Stefan Höltgen)