Dokusoaps und Rosamunde Pilcher bis 2014

Das ZDF startet einen neuen Kanal und will inhaltlich weitermachen wie gehabt

"ZDFneo" - zumindest der zweite Namensbestandteil des Senders klingt nicht unbedingt nach dem, womit der "staatsferne" Staatssender aus Mainz seinen neuen "Familienkanal" (der ab 1. November den ZDF-Dokukanal ablöst) füllen will.

Bianca - Wege zum Glück. Bild: ZDF

Liest man das mit dem 12. Rundfunkänderungsstaatsvertrag vorgelegte Programmkonzept, dann hätte "ZDFneo" eigentlich eine Art BR alpha Zwei auf die Beine stellen müssen:

Der ZDF-Familienkanal bietet ein Programm mit vielfältigen Inhalten aus den Bereichen Bildung, Kultur, Wissenschaft, Beratung, Information und Unterhaltung. Er bedient sich aller wichtigen Genres wie Dokumentation, Reportage, Fernsehfilm, Serie, Spielfilm, Magazin sowie Show/Talk und beschäftigt sich insbesondere mit Inhalten aus den Bereichen Gesellschaft und Erziehung, Ratgeber und Service, Wissenschaft und Natur, Geschichte und Zeitgeschehen sowie Kultur.

Alisa - Folge deinem Herzen. Bild: ZDF

Wirft man dagegen einen Blick auf das nun konkret vorliegende Programm, so scheint dieses dem vorgelegten Konzept (vorsichtig formuliert) nur bedingt zu entsprechen: Nachmittags laufen Wiederholungen von Telenovelas wie Bianca - Wege zum Glück und Alisa - Folge deinem Herzen, am frühen Abend Dokusoaps wie Hochzeitsfieber (eine vom "perfekten Dinner" abgeleitete Granada-Produktion, in der sich fünf Frauen einen mit "Traum-Flitterwochen" belohnten Wettkampf um die schönste Hochzeit liefern), Der Straßenchor (eine UFA-Produktion die Hartz-IV-Empfänger und Wohnungslose beim Singen für eine "neue Perspektive" vorführt), Mamas Traumjob (eine amerikanische Produktion, in der Mütter ihre Familien gegen eine Arbeitsstelle "eintauschen"), das bereits bei der Sendermutter gelaufene Mein Superschnäppchen-Haus, SOS Tierbabys, Liebe ohne Grenzen und die belgische Produktion Der Extremtester.

SOS Tierbabys. Bild: ZDF

Ab 20 Uhr 15 laufen Guido-Knopp-artige "Dokumentationsformate" wie Die Deutschen, ab 21 Uhr Serien wie Das Duo (ZDF-Krimi), GSI - Spezialeinheit Göteborg (Schwedenkrimi), Inspector Lynley (Mystery-Krimi), Miami Vice (1980er-Designer-Krimi), In Plain Sight (Frauenkrimi), Spooks (deutscher Untertitel: "Im Visier des MI5"), Hustle ("Unehrlich währt am längsten") sowie die Comedy-Reihen Taking the Flak und Seinfeld - allerdings in einer unbrauchbaren Synchronfassung. Darüber hinaus gibt es eine Musikshow namens neoMusic, in der die Top20 laufen und die im Web mäßig erfolgreiche Süper Tiger Show als Late-Night-Format. Auf die ursprünglich angekündigte Ausstrahlung der von Tina Fey konzipierten Sitcom 30 Rock wird dagegen nach aktuellem Stand verzichtet.

Süper Tiger Show

Dass das nach Privatfernsehkopie klingt, fand auch das Duopol aus ProSieben.Sat.1 und RTL, das sich entsprechend über die neue und aus Gebührengeldern finanzierte Konkurrenz beklagte.

Tobias Schmid, der Bereichsleiter Medienpolitik der Mediengruppe RTL Deutschland, zugleich Vizepräsident des Verbands privater Rundfunk und Telemedien (VPRT), meinte auf Nachfrage des Medienmagazins DWDL.de, das ZDF würde mit dem Kanal "dreist" die private Konkurrenz kopieren. Laut Schmid ist der neue Kanal "bis auf kaum nachweisbare Spurenelemente vollkommen frei von Bildung, Kultur und Information". "Das einzige, was das Programm von einem kommerziellen Veranstalter unterscheidet", ist ihm zufolge "dass wir in unseren Sendern auch Nachrichten ausstrahlen". Ein Dorn im Auge sind den Privatsendern dabei nicht nur die von ZDF selbst produzierten Trash-Formate, sondern auch, dass mit Gebührengeldern die Preise für ausländische Produktionen in die Höhe getrieben werden. "Wenn ARD und ZDF auf Einkaufstour gehen, hat das für uns keine positiven Effekte auf den Rechteerwerb", so Schmid.

Schmids Kollegin Annette Kümmel, Senior Vice President Media Policy bei ProSiebenSat.1, sprach von einem "öffentlich-rechtlichen Privatprogramm". "Das Positive daran", so Kümmel mit offenbarem Blick auf das genehmigte Programmkonzept und dessen Umsetzung mittels Dokusoaps, sei "dass damit endlich einmal klar gemacht wird, dass auch unsere Programme 'Orientierungs- und Ratgeberfunktion haben' und 'auf anspruchsvolle Weise Entspannung und intelligente Unterhaltung' bieten." ProSiebenSat.1-Pressesprecherin Petra Fink äußerte gegen über Telepolis, man werde sich nach dem Start von ZDFneo "sehr genau anschauen [...], ob [das Programm] mit der Ermächtigungsgrundlage übereinstimmt" und anschließend über "Maßnahmen" entscheiden.

Im Hauptprogramm will sich das ZDF offenbar weiter darauf konzentrieren, den Privatsendern die für die Zielgruppe zu alt gewordenen Zuseher abzunehmen. Nach Verhandlungen mit Rosamunde Pilcher über die Summe an Gebührengeldern, die der Sender der betagten Schriftstellerin zahlen muss, damit - so die Welt - die "Grundversorgung" bis 2014 gesichert ist, gab der Sender nun bekannt, dass er die Zusammenarbeit für insgesamt 30 weitere Folgen fortsetzen wird. (Peter Mühlbauer)

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