Donald Trump: Populismus als Politik

Der Medienwissenschaftler Georg Seeßlen über die Entstehung des "Mediengespenstes" Trumps aus der Popkultur

Am 20. Januar 2017 beginnt die Amtszeit des neuen US-Präsidenten Donald Trump. Der Unternehmer bricht mehrere demokratische Regeln. Eine wichtige, die der diplomatischen Sprache, gibt er für eine Politik der Konfrontation und Zuspitzung auf.

Das scheint seinen Erfolg auszumachen: Wie der Protagonist einer Show des Trash-TVs taucht Trump im Weißen Haus auf. Was dem eigenen Erfolg und der eigenen Nation nützt, nützt auch dem Rest der Welt, der das nur noch nicht kapiert hat. Dabei bekennt sich die Hauptrolle offen zum Trash, weil es der eigene Trash ist. Der Erfolg gibt dem Erfolg Recht.

Donald Trumps direkte Art wird die bestehenden Konflikte eher verschärfen; möglich ist auch, dass alte Wunden wieder aufgerissen werden. Kompromisse sind nicht die Stärke des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten. Er steht für die eigene Marke "Trump".

Der Medien- und Filmwissenschaftler Georg Seeßlen hat in seinem aktuellen Buch "TRUMP! Populismus als Politik" beim Bertz+Fischer Verlag den Blick auf den politischen Quereinsteiger aus einer etwas anderen Perspektive gewählt: Wie ist Trump aus der Popkultur entstanden und wie trägt er nun den Pop in Form von Populismus in die Politik?

Something wicked this way comes … War der Wahlsieg von Donald Trump im November 2016 bereits vorhersehbar?
Georg Seeßlen: Im klassischen Sinne einer rationalen Wahlprognose und im Sinne einer moderaten Demokratie-Erzählung war dieser Wahlsieg vermutlich eher nicht vorauszusehen. Wohl aber bereitete von Anfang an die merkwürdige Sicherheit - teils eher resignativ ("Es geht eben immer so weiter wie gewohnt"), teils zuversichtlich ("Das System übersteht auch eine solche Attacke, und vielleicht wird es dabei noch seiner selbst gewiss") - Unbehagen.
Der Wahlsieg von Donald Trump basiert unter vielem anderen auf dem Umstand, dass ihn sich ein Teil der politischen Kultur, ein Teil der kritisch-liberalen Öffentlichkeit, aber auch ein Teil "der Leute" einfach nicht hat vorstellen können. Und diese Unvorstellbarkeit, diese Unfähigkeit zu begreifen, was da eigentlich geschieht, begleitet uns auch in die eigentliche Amtszeit hinein. Jede neue Pöbelei, jeder neue Twitter-Angriff, jeder neue Bruch mit den Gepflogenheiten, der Sprache, der Moral einer Balance von Politik, Ökonomie und Person löst wieder diese Reaktion aus: "Das kann doch nicht wahr sein."
Deswegen schien es mir notwendig, neben die politische und rationale Erzählung der Demokratie (einschließlich ihrer Ausschläge nach links und rechts), in der ein Präsident Trump offensichtlich nicht wirklich zu erklären ist, die Erzählungen und die Bilder der Pop-Kultur heranzuziehen. In dieser zweiten Erzählung aus Game Shows, scripted reality, SitComs, Helden- und Schurken-Bildern aus Filmgenres, Stand-Up-Comedians, Casting-Shows und Trash-TV lässt sich manches erklären, was in einer Erzählung, die auf Interessen, Meinungen, Fakten und Debatten beruht, völlig unerklärlich bleiben muss. All das Kontrafaktische, das Selbstwidersprüchliche, das Vulgäre, das Clowneske, das willkürlich Boshafte, das Sprunghafte, das Ignorante, das effekthascherisch Inszenierte, das Spiel mit Mythen und Klischees usw. ist in einer politischen Erzählung unerträglich, in einer Pop-Performance aber gerade das, worauf es ankommt.
Funktionieren kann das freilich nur in einer Kultur, in der die Menschen die Grenzen zwischen den beiden Erzählungen weitgehend aus den Augen verloren haben.
Die Attraktivität des Kandidaten Trump lag Ihrer Meinung nach vor allem auch in seiner jahrzehntelangen Arbeit an einem Pop-Image. Er ist das Monster, das aus der Box hüpft und mit dem man die restliche Politik erschrecken kann.
Georg Seeßlen: Es ist wohl vom "alten Europa" her nicht so leicht vorzustellen, wie gegenwärtig Trump in den amerikanischen Medien war und wie er sich gegenwärtig machte. Das ging noch über die Fähigkeiten der medialen Selbstinszenierung und der Beeinflussung hinaus, die einer von Trumps Vorläufern, Silvio Berlusconi, in Italien erreicht hatte.
Trump war, als Bestseller-Autor (auch wenn er, wie behauptet wird, nicht eine Zeile seiner Bücher selber geschrieben hat), als Host einer eigenen Fernsehshow, die aus der fiesen Hire & Fire-Mentalität einen Vergnügungswert machte (und weiter macht, wenn auch ohne ihn), als bizarrer "Architekt", der sich Denkmäler wie den "Trump Tower" setzte, als Ratgeber in Sachen Erfolg, als Objekt der Klatschpresse, als vulgärer Usurpator von Symbolen, die einst dem "Establishment" zugeschrieben wurden (zum Beispiel Golfplätze, die unter Trump international zum Symbol der ökonomischen und ökologischen Rücksichtslosigkeit wurden), kurzum als Verkörperung all dessen, was zugleich erschreckend und faszinierend am verschärften Neoliberalismus sein kann.
Trump war das Gesicht eines neuen Erfolgsmenschen, und dabei schadete es kein bisschen, dass dieses Gesicht eben immer auch sehr bösartige und sehr komische Züge trug. Von Anfang an war sein Wahlkampf darauf angelegt, in genau dieser Maske die Politik zu erobern, das heißt, sich nicht den Spielregeln der Politik zu unterwerfen, sondern im Gegenteil die Politik diesem neoliberalen Erfolgstypen zu unterwerfen.
Was war dann das Problem der restlichen Politik?
Georg Seeßlen: Natürlich kann man eine Schuld bei Clinton und ihrem Team suchen. Viele kritische Geister sahen in ihrer Politik gefährliche Züge, auf jeden Fall nicht viel von einer Erneuerung. Aber das entscheidende Schauspiel boten und bieten eher jene Politiker und Medien der rechten Mitte, die sich nach anfänglichem Widerstand dem Trumpismus anschlossen und weiter anschließen.
Auch hier haben wir im europäischen Berlusconismus ein Vor-Bild: Gegen ein Bündnis aus mehr oder weniger authentisch Rechtsextremen, Neo-Nationalisten und Exzeptionalisten, fundamentalistischen Markt-Anarchisten, mafiös vernetzten Kleptokraten und einem Mittelstand in realer und manipulierter Abstiegsangst kann eine demokratische Zivilgesellschaft nur bestehen, wenn sie neue Ideen und neuen Zusammenhalt findet. Der Zusammenschluss der postdemokratischen Kräfte hingegen findet seine Schubkraft dagegen vor allem im Opportunismus und in der politischen und medialen Korruption.
Die Omnipräsenz Trumps scheint zu seiner Präsidentschaft geführt zu haben. Sie schreiben: "Es war nicht der Politiker, nicht einmal der reaktionäre, populistische, kapitalistisch-anarchistische Politiker, der die Wahl gewann, es war das Mediengespenst."
Georg Seeßlen: Ich fürchte, dass diese Erscheinung symptomatisch für den Zustand ist, den Colin Crouch die "Postdemokratie" genannt hat. Es ist ja nur konsequent, dass die mediale Vermischung von Politik und Entertainment wiederum Politiker-Typen hervorbringt, die sich als politische Entertainer durchsetzen. Das hat nicht nur eine erhebliche Komplexitätsreduzierung zur Folge - die berühmten, berüchtigten "einfachen Antworten", die Populisten nun einmal geben - sondern auch die fundamentale Immunität gegen Kritik. Ein Donald Trump ist durch rationale Kritik ebenso wenig zu erreichen wie seine Anhänger, man kann ihn nicht einmal besonders gut karikieren, weil er ja stets auch schon als seine eigene Parodie auftritt. Die härteste Kritik bringt er selber mit obszöner Offenheit auf den Punkt, wenn er behauptet, er könne rausgehen und jemanden erschießen, und die Leute würden ihn trotzdem wählen. Es gibt nur eine einzige Steigerung dieser hämischen Selbstanalyse: Nicht trotzdem, sondern gerade wegen einer solchen Aussage.
Jede Medienfigur ist moralisch komplex. Sie lässt immer auch Züge verdrängter Wünsche, Projektionen, Aggressionen etc. erkennen und ähnelt darin dem, was in der politischen Psychologie "der große Andere" genannt wird, eine teils fiktive übermächtige Figur, die nicht nur strenge Regeln setzt (immer ist die Grenze ein zentraler Begriff, immer geht es um ein Wir gegen die "Fremden"), sondern vor allem auch erlaubt.
Wie Berlusconi so ist auch Trump ein "Führer", der seinen Anhängern verspricht, ein Verhalten (auch im Alltag) zu erlauben, ja zu fördern, das gerade noch als unmoralisch, unfair, unvernünftig galt. Kein Wunder, dass dabei die Sexualität eine so wichtige Rolle spielt, negativ als Sexismus und als Homophobie, "positiv" als bizarre Männerphantasie einer sozialdarwinistischen Rekonstruktion.
Übrigens war ja nicht nur Donald Trump, sondern auch Hillary Clinton als Medienfigur vorgeprägt (unter anderem als Lisa Simpson im Weißen Haus), und immer als seltsame Mischung aus Moralisieren (political correctness), Karriere-Bewusstsein, "Establishment"-Manieren und erotischer Indifferenz. Weil beide Figuren also bereits medial vorgeprägt sind, konnte der Wahlkampf so vulgär reduziert werden als Rebellion des hedonistischen "erlaubenden" Mannes aus der unteren Mittelschicht gegen die machtbewusste und zugleich "verbietende" Frau aus der "Elite".
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