Donald Trump: Populismus als Politik

Trump ist das "Gesicht" des Neoliberalismus in seiner Umschlagphase zu Rechtspopulismus und Anarcho-Kapitalismus

Lässt sich Trumps Aufstieg zum Gewinner der Präsidentenwahl auf andere Länder übertragen? Kann man aus seinem Erfolg etwas über Wesen und Formen populistischer Politik lernen?
Georg Seeßlen: Ganz gewiss, allerdings nicht, ohne auf unterschiedliche Voraussetzungen und Traditionen zu achten. Die Allianz von Neoliberalismus und Rechtspopulismus, der wir uns allenthalben gegenüber sehen, hat nicht überall die gleiche Form und sucht sich stets die Schwachpunkte der Mainstream-Gesellschaft und des politischen Systems. Aber es gibt Konstanten, die offenbar den Variablen gegenüber stehen, und nicht zuletzt sind die Rechtspopulisten dieser Welt offenbar schneller bereit, miteinander zu kooperieren als ihre Gegner.
Ob Trump und Putin wirklich ein so traumhaftes Buddie-Paar werden, sei dahingestellt, doch der symbolische Gehalt ihres Gleichklanges reicht vollkommen aus, um als Projektion einer neuen "Weltordnung" verstanden zu werden. Vernetzter Nationalismus, Machismo, Anti-Demokratie und Anti-Aufklärung, Medieninstrumentalisierung und drastische Attacke gegen alles, was als Gegnerschaft aufgefasst wird, Clanwirtschaft und Schaffung politisch-ökonomischer Hinterzimmer, Personenkult, Rückkehr zu überwundenen Familien- und Geschlechterbildern bei gleichzeitiger Akzeptanz sexueller Männerphantasien (darin im übrigen dem realen oder virtuellen "islamistischen" Gegner durchaus verwandt), Erzeugung einer medialen Bilder- und Erzählglocke, die gegen alles unliebsame aus der objektiven Wirklichkeit schützt, Freigabe von Sündenböcken für jedes Problem und jeden Konflikt, religiöse und nationale Bigotterie, Autokratie statt "Elite", mafiöse Strukturen, Kleptokratie, zwanghafte Steigerung der Aggressionspotenziale nach innen wie nach außen, gewaltsame Unterdrückung der Opposition … Die Agenda des Rechtspopulismus ist stets offen für weitere Schritte beim Abbau der Demokratie.
Welche Rolle spielen neoliberale Vorstellungen in Trumps Programm und seiner Kabinettzusammenstellung?
Georg Seeßlen: Wie gesagt: Möglicherweise ist Donald Trump das "Gesicht" (das Testimonial) des Neoliberalismus in seiner Umschlagphase zu Rechtspopulismus und Anarcho-Kapitalismus. Seine Administration wird einen weiteren Umbau des ohnehin fragilen Systems von check & balance versuchen. Aber genauso wahrscheinlich ist es, dass auf ein Strohfeuer der Trumpanomics die nächsten schweren Krisen folgen und Trump nicht derjenige ist, der dem Neoliberalismus zum "endgültigen" Erfolg verhilft, sondern derjenige, der seinen Zusammenbruch maskieren soll. Man mag bei den Besetzungs- und Treuhandspielen bereits ahnen, dass aus den großen Versprechungen des Neoliberalismus eine schiere Plünderungsökonomie entstehen kann.
Vielleicht mag ja alles nicht so schlimm kommen (das wird der Tenor der Mainstream-Diskurse sein, ich wette), vielleicht wird Trump Episode bleiben, die Selbstheilungskräfte einmal mehr wirken. Aber wesentlich unverzeihlicher als ein wenig "Schwarzmalerei" wäre es, die Gefahr auszublenden, die davon ausgeht, dass ein Rechtspopulist mit mehr ökonomischen Eigeninteressen als geografischen Kenntnissen das Amt des "mächtigsten Mannes der Welt" innehat.
Ein Foto, das Sie in Ihrem Buch besprechen, zeigt Trump hinter Clinton bei einem TV-Duell. In der Bildunterschrift wird auf den "lauernden Charakter" von Trump hingewiesen. Betrachtet man diesen Screenshot im Kontext der TV-Sendung, so ergibt sich eine Bewegung, die auch andere Sichtweisen nahelegen kann: Clinton verlässt ihr Rednerpult und nähert sich dem Publikum. Die Kamera folgt ihr, auch Trump dreht sich zu ihr, um nicht unvorteilhaft im Profil gezeigt zu werden. Könnte seine Position dann nicht auch als physikalische und rhetorische Wendung gelesen werden, dass er die Kamera mit seinem Gesicht bewusst sucht?
Georg Seeßlen: Ich glaube nicht, dass das eine dem anderen widerspricht.
Was wird ab dem 20. Januar 2017 auf uns zukommen?
Georg Seeßlen: Eine Menge Arbeit für Kritik, Analyse und aufklärerische Wachsamkeit.
Herr Seeßlen, vielen Dank für das Interview.
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