Donald Trump zur Pandemie: "Sie liegen im Sterben, das ist wahr"

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Mit der nahenden Präsidentschaftswahl zieht Trump taktisch Notbremsen, was den Umgang mit der Covid-19-Pandemie oder die Briefwahl betrifft, die er nun plötzlich empfiehlt

Während in Deutschland mit immer noch geringen, aber wieder ansteigenden Infektionszahlen viele Menschen wie in Berlin für das "Ende der Pandemie" dicht gedrängt und ohne Maske auf die Straße gehen und ein Ende der Maßnahmen fordern, gerät in den USA Donald Trump, der ebenfalls wie viele konservative Politiker und Anhänger der Republikaner lange die Pandemie herunterspielte - "weniger schlimm als eine Grippe" -, zunehmend in Bedrängnis. Geht es nach dem US-Präsidenten hat seine Administration die Corona-Pandemie gut im Griff. Am 20. Juli hatte er allerdings mit der Ausbreitung von Covid-19 und Rekordinfektionszahlen in einigen Bundesstaaten das Tragen von Masken empfehlen müssen.

Am Montag ließ er sein Wahlkampfteam sogar eine Wahlwerbung-Email versenden, in der er empfahl, Masken zu tragen, wenn eine soziale Distanzierung nicht möglich sei. Die Empfehlung gab er auch über einen Tweet weiter und erklärte in einem anderen, dass Covid-19 im ganzen Land zurückgeht.

Für Trump ist das Maskentragen ein schwieriges Thema, viele seiner Anhänger lehnen dies ab, Trump hatte sich auch lange geweigert, bei Auftritten in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen. Ein Mitarbeiter des Weißen Hauses soll gesagt haben, die Wende wäre wegen der schlechten Umfragewerte gekommen. Diesen dürfte sich auch verdanken, dass Trump wieder das Corona-Briefing aufgenommen hat, nun aber ohne Mitglieder der Corona-Arbeitsgruppe. Besonders mit dem Nationalen Infektionsberater Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID),lag sich Trump in den Haaren. Der hat immer wieder gewagt, Behauptungen von Trump richtigzustellen (Covid-19: Regierungsberater Fauci rät zum Tragen von Brillen und Gesichtsschutz). Trump hatte die Briefings mit der Beratergruppe im April eingestellt und Vizepräsident Pence für die Corona-Politik verantwortlich gemacht.

Ärger für Trump mit seiner Coronaviruspandemie-Beraterin, die die Lage plötzlich bedenklich findet

Ärger für Trump machte nun auch die Ärztin Deborah Birx, Koordinatorin der Corona-Arbeitsgruppe für das Weiße Haus, seit 2014 von Barack Obama ernannt als United States Global AIDS Coordinator fungierend. Bekannt wurde sie auch wegen ihrer Schals, mit denen sie in der Öffentlichkeit auftritt. Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, hatte bei einem Treffen mit dem Finanzminister Steven Mnuchin und Mark Meadows, dem Stabschef des Weißen Hauses, nach Medienberichten scharf Birx kritisiert, eigentlich ging es über ein weiteres Corona-Hilfspaket, das die Demokraten bislang ablehnen. Birx verbreite im Gegensatz zu Fauci Desinformation über die Pandemie, sie sei "die Schlimmste". Sie habe kein Vertrauen in sie, sagte sie gegenüber CNN, sie stehe immer nur bei Trump, wenn dieser falsche Behauptungen von sich gebe, ohne diese richtigzustellen.

Birx hatte im April ebenso wie Trump Optimismus verbreitet und erklärt, dass die Zahl der Infektionen in einigen Bundesstaaten bereits zurückgingen. Einen Tag zuvor hatte es eine neue Rekordzahl an Toten gegeben. Birx war anwesend und schwieg, als Trump vorschlug, gegen Covid-19 Desinfektionsmittel einzunehmen oder den Körper UV-Licht auszusetzen.

Wahrscheinlich auch, um der Kritik zu begegnen, verkündete Birx am Sonntag bei einem CNN-Interview, man sei in eine "neue Phase" der Pandemie eingetreten, das Virus sei nun weiter verbreitet als im Frühjahr: "außergewöhnlich" sei er verbreitet, nun nicht mehr nur in Städten, sondern auch auf dem Land. Man müsse die "super spreading"-Veranstaltungen beenden und "definitiv vorsichtiger" sein. Die Amerikaner müssten die Gesundheitsmaßnahmen einhalten, Masken tragen und Abstand halten.

Auch Vize-Gesundheitsminister Brett Giroir rief am Sonntag in einem NBC-Interview zum Tragen von Masken auf: "Eine Maske zu tragen ist unglaublich wichtig, aber 85 oder 90 Prozent der Menschen müssen sie tragen und Menschenmengen vermeiden. Das ist entscheidend - und kommt zum selben Ergebnis wie ein vollständiger Shutdown." Er befürwortete praktisch eine nationale Maskenpflicht und eine Begrenzung von Veranstaltungen in geschlossenen Räumen. Wenn das nicht geschehe, "wird sich das Virus weiterhin ausbreiten". Gefragt, was er von Hydroxychloroquin hält, das Trump immer wieder empfiehlt, verwies er auf Studien, die die Wirkungslosigkeit belegen: "Wir empfehlen es nicht als Behandlung."

Dazu kommt, dass die Gesundheitsbehörde CDC, die seit 14. Juli das Tragen von Masken empfiehlt, vorhersagte, dass die Zahl der Toten von jetzt über 154.000 bis zum 22. August auf 168.000 bis 182.000 ansteigen könnte. Im August müsse täglich zwischen 5000 und 11.000 mit Covid-19 verbundenen Todesfällen gerechnet werden.

Man muss sich nicht wundern, dass Trump gleich auf die Unbotmäßigkeit der Covid-Koordinatorin ungehalten reagierte. Am Montag schrieb er:

So sagte die verrückte Nancy Pelosi schreckliche Dinge über Dr. Deborah Birx, als sie auf sie losging, weil sie sich zu positiv über die sehr gute Arbeit äußerte, die wir im Kampf gegen das China-Virus leisten, einschließlich Impfstoffe und Therapeutika. Um Nancy etwas entgegenzusetzen, hat Deborah den Köder geschluckt und uns geschlagen. Erbärmlich!

Donald Trump

Zuvor hatte er erneut gefordert, die Schulen zu öffnen. Die Infektionszahlen seien nur höher, weil mehr getestet werde, behauptet er immer wieder. Und er empfahl einmal wieder auch das Anti-Malria-Mittel Hydroxychloroquin, das aufgrund mehrerer Studien keine Wirkung bei Covid-19 besitzt, dafür aber Risiken mit sich bringt. Abgesehen von New York und anderen Orten habe man "viel besser" das "China-Virus" bekämpft als die meisten anderen Länder. Viele dieser Länder hätten jetzt eine zweite Welle. Aber da sind die Medien: "Die Fake News machen Überstunden, um Amerika (& mich) so schlecht wie möglich aussehen zu lassen." Nach einer Umfrage sagen Zweidrittel der Amerikaner, die USA würden schlechter mit der Pandemie umgehen als andere Länder.

In einem Gespräch mit Axios behauptet er, dass die Pandemie in den USA unter Kontrolle sei. Aber er muss dazu einräumen, dass Covid-19 doch nicht nur eine Grippe sei, sondern weiterhin Menschen sterben und er nicht mehr machen kann, da sich täglich über 60.000 Amerikaner infizieren und tausend sterben:

Sie liegen im Sterben, das ist wahr. Und sie haben - es ist, wie es ist. Aber das bedeutet nicht, dass wir nicht alles tun, was wir können. Sie ist so weit unter Kontrolle, wie man es kontrollieren kann. Dies ist eine schreckliche Seuche.

Donald Trump

Plötzlich ist die Briefwahl sicher

Auch im Hinblick auf die Briefwahl scheint Trump eine schnelle Wende vollzogen zu haben. Bislang wollte er sie verhindern oder zumindest erschweren, um einen taktischen Vorteil zu erzielen, denn die demokratischen Wähler ziehen die Briefwahl wegen der Pandemie vor, während die republikanischen Wähler weniger Sorge vor einer Ansteckung vor und in den Wahllokalen haben. Trump warnte vor mit der Briefwahl einhergehenden Möglichkeiten des Wahlbetrugs und überlegte, sie mit einer Anordnung zu verbieten oder auch die Wahl gleich ganz zu verschieben (Warum Trump gegen die Möglichkeit der Briefwahl kämpft).

Aber gestern war er auf einmal anderer Meinung und forderte die Menschen in Florida, wo Biden und er in Umfragen in einem Kopf-an-Kopf-Rennen liegen, zur Briefwahl auf, die sicher sei. Dahinter steckt wie immer bei Trump ein Kalkül, keine grundsätzliche Position. Richtig ist, was Erfolg verspricht - und das kann sich von Tag zu Tag verändern.

Whether you call it Vote by Mail or Absentee Voting, in Florida the election system is Safe and Secure, Tried and True. Florida's Voting system has been cleaned up (we defeated Democrats attempts at change), so in Florida I encourage all to request a Ballot & Vote by Mail! #MAGA.

Donald Trump

Es stellt sich nämlich heraus, dass auch ein Teil von Trumps Wählern in Florida, aber auch in den Swing States Pennsylvania und Michigan, eine Briefwahl bevorzugen würde. Ohne diese Möglichkeit würden sie vielleicht auf das Wählen verzichten. Und da es in den Swing States um wenige Stimmen geht, will Trump, mit dem in Umfragen nur 41 Prozent der Amerikaner zufrieden sind, dieses Risiko nicht eingehen, auch wenn ohne Briefwahl möglicherweise die Demokraten größere Verluste einfahren könnten. In Florida geht es um 15 Prozent der Trump-Wähler, in Pennsylvania um 12 und in Michigan um 10 Prozent. 53 Prozent der Wähler würden in Florida eine Briefwahl aus Gesundheitsgründen bevorzugen, in Michigan und Pennsylvania ist es die Hälfte.

Landesweit liegt derzeit Biden vor Trump. Auch in Florida, wenn auch knapp, sowie in Michigan und Pennsylvania. (Florian Rötzer)