Douglas Adams und Infocom

Die Geschichte hinter dem nie veröffentlichten zweiten Anhalter-Spiel

In den 80er Jahren kamen zwei Legenden zusammen: Autor Douglas Adams und Spielefirma Infocom. Das Textadventure zu „Per Anhalter durch die Galaxis“ wurde zu einem riesigen Erfolg, doch die Fortsetzung schaffte es nie bis zur Veröffentlichung. Anlässlich einiger 20 Jahre alten internen Infocom-E-Mails haben sich ehemalige Infocom-Angestellte und externe Mitarbeiter nun zu der Geschichte hinter „Restaurant“ und seinem Vorgänger geäußert.

Kultautor Douglas Adams und die Textadventure-Pioniere von Infocom landeten mit dem ersten Spiel zu „Per Anhalter durch die Galaxis“ einen Riesenerfolg. Es wurde eines der bekanntesten Textadventures überhaupt und Interessierte können es noch heute online spielen. (Außerdem war es auch eines der bösartigsten Spiele, da man relativ zu Beginn des Spiels etwas vergessen konnte, was einen endlose Stunden erfolgreichen Spielens später in eine rettungslose Sackgasse führte.)

Dank des umwerfenden Erfolges von „Hitchhiker’s Guide to the Galaxy“ wurde schnell beschlossen noch eine Fortsetzung des Spiels zu veröffentlichen. Doch die Fans warteten vergebens, die Arbeiten wurden nie fertig gestellt.

Jetzt, ca. 20 Jahre später, ist von dieser Geschichte nicht mehr viel übrig. Douglas Adams ist tot, Infocom gibt es nicht mehr und auch das gesamte Genre der Textadventures ist (fast) untergegangen.

Doch ein kontroverser Blog-Artikel hat kürzlich wieder ein kleines Fenster in die Vergangenheit geöffnet. Jemand hat „die Infocom-Platte“ in die Finger bekommen - eine Festplatte voll mit internen Infocom-Daten und E-Mails, die irgendwie den Untergang und Ausverkauf von Infocom überstanden hat. Andy Baio, Autor des besagten Artikels, hat sich durch die E-Mails gewühlt und einige davon veröffentlicht. Sie zeichnen ein relativ zerstrittenes Bild von Infocom und involvierten Partnern – wahrscheinlich zu Unrecht. Michael Bywater, ein externer Autor in dem Projekt, setzt die E-Mails etwas in Kontext:

“Ich betone noch mal: Jeder war auf der gleichen Seite. Das Geschrei, das Andy Baio – aus dem Zusammenhang gerissen - veröffentlicht hat, ist nicht mehr Geschrei, das man während eines Fußballspiels hören würde, wenn sich das Team darum streitet, wer wann wie wo spielen soll.“

Unabhängig vom Ursprungsartikel hat sich der Kommentarbereich als goldene Fundgrube erwiesen. Zahlreiche ehemalige Infocom-Mitarbeiter und andere Involvierte haben sich zu Wort gemeldet. Da sich auch zahllose Fans eingeklinkt haben und unglücklicherweise eine unnötige Schlammschlacht um die veröffentlichten E-Mails entstanden ist, kann man die Kommentare inzwischen leider kaum noch überblicken. Am 25. April 2008 umfassten sie etwa 130 Seiten.

Daher hier eine Zusammenfassung, rekonstruiert aus dem Ursprungsartikel und zahllosen Kommentaren:

Hitchhiker’s Guide to the Galaxy – Teil 1

Der erste (und schließlich einzige) Teil des Anhalter-Spiels wurde von Douglas Adams zusammen mit dem Infocom-Programmierer Steve Meretzky geschrieben. Dieser bekam einen erstklassigen Eindruck von Douglas Adams Talent, Arbeit auf die lange Bank zu schieben:

„[Douglas Adams] erhob Verzögerung zur Kunstform. Als wir an dem ersten Spiel arbeiteten, hatte er gerade BEGONNEN an „Macht’s gut, und danke für den Fisch“ zu arbeiten – und das ENDGÜLTIGE Manuskript war bereits ein Jahr überfällig.“

Diese Eigenart von Douglas Adams wird wohl auch in seiner Biographie (geschrieben von M.J. Simpson) deutlich. Laut einem Kommentator wird darin unter anderem beschrieben, wie Douglas Adams von seinem Agenten in einem Hotelzimmer mehr oder weniger eingesperrt werden musste, um Verträge mit Verlagen zu erfüllen.

Auch bei dem Spiel Hitchhiker’s Guide to the Galaxy scheint Douglas Adams häufig durch Verschleppungen geglänzt zu haben, wie Steve Meretzky beschreibt:

„Douglas verschleppte wie verrückt als er und ich das erste Spiel schrieben. Der Unterschied [zu späteren Projekten] war, dass ich immer die anderen Versionen des Anhalters hatte, mit denen ich die Lücken füllen konnte, wenn Douglas es nicht tat. (Außerdem war ich richtig gut darin, seinen Schreibstil zu imitieren. [In der Endphase] meinte Douglas, dass er nicht mehr sagen könne, welche Teile er geschrieben hätte, und welche ich geschrieben hätte.)“

So kam das erste Spiel doch noch zu einem überaus erfolgreichen Ende.

Zwischenspiel: Bureaucracy

Nach dem großen Erfolg des ersten Teils war recht schnell klar, dass es eine Fortsetzung geben sollte. Doch Douglas Adams hatte erstmal genug von Per Anhalter durch die Galaxis und wollte sich lieber anderen Dingen widmen.

Infocom hätte die Fortsetzungen auch alleine machen können – der Vertrag erlaubte ihnen bis zu 6 Anhalter-Spiele mit oder ohne Douglas Adams zu produzieren – wollte aber lieber auf Douglas warten, wie es Steve Meretzky beschreibt:

„Wir WOLLTEN, dass Douglas an dem Spiel mitarbeitet, weil

  1. es hatte einen großen PR-Wert das sagen zu können und Douglas bei den ganzen Interviews dabei haben zu können. Und
  2. mit Douglas Mitarbeit würde es ein besseres Spiel werden. Im ersten Teil waren alle möglichen großartigen Ideen, auf die ich niemals allein gekommen wäre: Ein Inventar-Objekt namens „no tea“; eine Fehlermeldung des Spiels fällt durch ein Wurmloch und startet einen interstellaren Krieg; und wie das Spiel einen anlügt. Um nur ein paar zu nennen. Restaurant wäre ohne Douglas Mitarbeit ein gutes Spiel geworden, aber nicht das bestmögliche Spiel.“

Mike Dornbrook, langjähriger Infocom-Mitarbeiter, ergänzt:

“Wir mochten und respektierten [Douglas Adams] zu sehr um gegen seine Wünsche zu handeln, egal was der Vertrag erlaubte. […] Obwohl er – wie er selbst zugab – der weltschlimmste Verzögerer war, fanden wir es hart zu erwägen, mit Restaurant fortzufahren, bevor er bereit war.“

Also stimmte Infocom zu, mit dem zweiten Anhalter-Spiel zu warten, bis ein anderes Spiel mit Douglas Adams fertig gestellt war: Bureaucracy. Allerdings hatte wohl niemand geahnt, dass sich dieses über Jahre hinziehen würde.

„Niemand kann je die Geschichte der niemals fertig gestellten Anhalter-Fortsetzung verstehen – und vor allem die verschiedenen Einstellungen der Programmierer bezüglich der Arbeit daran – ohne die Geschichte von Bureaucracy zu verstehen.“

(Steve Meretzky)

Auch bei Bureaucracy gab es Schwierigkeiten mit Douglas Adams Neigung dazu, Dinge nicht plangemäß auf die Reihe zu bekommen. Steve Meretzky fasst das ewige Projekt, das er auch als chinesische Wasserfolter bezeichnet, zusammen:

„Während Douglas verzögerte kamen und gingen verschiedene Mitarbeiter – entweder weil sie des Wartens überdrüssig wurden und den Auftrag (oder bei der Firma) kündigten, oder weil sie anderen Projekten zugewiesen wurden, wo sie unmittelbarer nützlich sein konnten. Zu den Programmierern, die über die Jahre hinweg Bureaucracy zugewiesen wurden, zählten Marc [Blank], Tim [Anderson], Jeff O’Neill, Jerry Wolper und wahrscheinlich zwei oder drei andere, die ich vergesse. Das Spiel erschien schließlich 1987, zwei Jahre nach dem geplanten Termin, und selbst das geschah nur, weil Michael Bywater einsprang und für den noch immer aufschiebenden Douglas aushalf.“

Da mehr als 10 Co-Autoren in Bureaucracy involviert waren, stand auf dem Cover schließlich „Douglas Adams und die Mitarbeiter von Infocom“.

Restaurant / Milliways / H2

Mit dieser Vorgeschichte war kaum ein Programmierer dazu zu gewinnen, die Realisierung der Fortsetzung des Anhalter-Spiels (intern meist kurz Restaurant oder noch kürzer H2 genannt) auf sich zu nehmen. Jeder hatte Angst, wieder in einem ähnlichen Schlamassel wie Bureaucracy zu landen und sich mit ständig wechselnden Autoren herumschlagen zu müssen.

1987 wurde Michael Bywater angeheuert um die Geschichte zu schreiben. So wirklich erfolgreich verlief dies jedoch nicht, wie er selbst beschreibt:

„Es war Urlaubszeit und der Mann, mit dem ich zusammenarbeiten sollte, hatte einen lang-gebuchten Urlaub kurz nachdem ich eintraf. Das ‚Wunder’, das erwartet wurde sollte es denn ein Wunder geben, war, dass ich in einer sehr kurzen Zeit und ohne in irgendeiner Art Programmierer zu sein, ZIL sprechen können sollte. Dies, wie man sich vorstellen kann, ist nicht passiert und wir haben keinen anderen Weg gefunden um das Problem zu lösen.“

Später wurde von der Geschäftsleitung überlegt, H2 von einer anderen Firma, aber unter dem Infocom-Banner entwickeln zu lassen: Magnetic Scrolls in England. In den veröffentlichten E-Mails sehen die Infocom-Mitarbeiter das recht kritisch. Sie befürchten einen Image-Verlust für Infocom und fehlende kreative Kontrolle. Trotzdem hatten die beiden Firmen aber offensichtlich einen tiefen Respekt für einander. David Lebling kommentiert beispielsweise:

„[Magnetic Scrolls] waren großartige Leute, mit exzellenter Technologie und Ideen; sie waren der Wettbewerber, vor dem wir den meisten Respekt hatten.“

Ähnlich sieht das Anita Sinclair, Mitgründerin von Magnetic Scrolls:

„Wir haben Infocom wirklich wirklich wirklich gemocht. Wir mochten sie als Menschen. Wir mochten sie als Spieleentwickler. Wir mochten sie als Ingenieure. Wir wollten mit ihnen zusammenarbeiten, weil wir dachten, es würde Spaß machen. Wir dachten sie würden genauso denken – und hatten nie einen Grund daran zu zweifeln.“

Infocom-intern fanden sich schließlich doch noch Freiwillige, nämlich Steve Meretzky und Dave Lebling, um Restaurant bei Infocom realisieren zu können. Doch weder sie noch Magnetic Scrolls kamen schließlich dazu. Die Geschichte von H2 endet mit der von Infocom – im Mai 1989, als das Büro in Cambridge von Activision geschlossen und über die Hälfte der Mitarbeiter entlassen wurden.

Rückblickend sehen einige der ehemaligen Infocom-Mitarbeiter den Hauptgrund für den Untergang von H2 im der mangelnden Fähigkeit Infocoms, sinnvolle Teams zu bilden. Tim Anderson, einer der Entwickler, fasst dies so zusammen:

„Generell hat Infocom niemals Zusammenarbeit gemeistert, insbesondere mit externen Autoren. […]Es ist sehr schwer einen guten Programmierer zu finden, der auch ein guter fantasievoller Autor ist (nicht böse gemeint, Jungs); uns wäre es besser ergangen, wenn wir effektive Unterstützung für ein Modell gehabt hätten, in dem ein Game Designer Ideen, Text und Design entwickelt und die Programmierung von Leuten gehandhabt wird, die primär darin wirklich gut sind.“

David Lebling stimmt zu:

„Tim trifft, wie so oft, den Nagel auf den Kopf: Infocom hat Zusammenarbeit niemals gemeistert. […] unser Modell für Zusammenarbeit waren diese langen Nächte am MIT, als Zork zuerst geschrieben wurde, während Autor/Entwickler-Teams ein besseres Modell gewesen wären.“

Restaurant ist aber nicht nur diesem Problem zum Opfer gefallen. Es war wohl die Kombination aus nicht gemeisterter Zusammenarbeit und Douglas Adams aufschiebendem Talent, die H2 so lange verzögerten, bis es Infocom letztlich nicht mehr gab und das Spiel so nie realisiert wurde.

„Rückblickend hätten wir 1985 ohne Douglas mit der Fortsetzung beginnen sollen, anstatt abzuwarten und zu hoffen, er käme über seine „Ich bin es leid an Anhalter-Zeug zu arbeiten“-Periode hinweg.“

(Steve Meretzky)

Mehr über Douglas Adams

Aus den Kommentaren kann man bereits erkennen, dass Douglas Adams Arbeitsmoral wohl nicht gerade hoch geschätzt wurde. Mehr darüber dürfte auch in seiner Biographie zu finden sein.

Trotz dieser Probleme waren die meisten wohl doch froh, mit ihm zusammenarbeiten zu können. Steve Meretzkys Kommentar, für wie wertvoll er Douglas Adams Beiträge gehalten hat, wurde oben bereits zitiert. Auch Mike Dornbrook betont das gute Verhältnis noch einmal:

„Ich denke alle, die ihn kannten, werden zustimmen: Mit Douglas verbrachte Zeit war denkwürdig. Es machte Spaß mit ihm zusammen zu sein – er hatte eine weitreichende Neugierde, war ein fabelhafter Plauderer, ein großartiger Gastgeber, liebte gutes Essen und Wein (wie viele von uns wurden von Douglas mit Chateau d'Yqem bekannt gemacht?), und umgab sich mit einigen der interessantesten Menschen auf dem Planeten (wo sonst hätte man Abendessen gehabt mit Terry Jones, Sir Clive Sinclair, Alan Kay, Chris Cerf,…).“

Vielleicht gehören also auch die Infocom-Entwickler und ihre Verbündeten zu den Menschen, die 25. Mai, dem alljährlichen Handtuch-Tag zum Gedenken an Douglas Adams, wieder mit einem Handtuch durch die Öffentlichkeit laufen… (Florian Sander)