Dozent des Jahres?

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Schluss mit Wettbewerbs- und Elitedenken!

Es war einmal ein junger Mann, der, gerade volljährig geworden, in den Sommerferien etwas Geld für einen neuen Monitor verdienen wollte. So einen großen Kasten mit Bildröhre, fünfzehn Zoll. Das war anno 1998 noch etwas Besonderes.

Also heuerte er bei einer großen Einzelhandelskette an, die gerade von einer noch größeren amerikanischen Einzelhandelskette aufgekauft worden war. So saß er denn an seinen Ferientagen im Overall mit Firmenlogo an der Kasse, zog die Waren der Kunden über den Scanner, tippte Codes für Obst und Gemüse ein und regelte die Zahlung per Bargeld, Scheck oder EC-Karte.

Wie es sich für den Amerikanischen Traum gehörte, gab es neben wöchentlichen Motivationstrainings auch den "Mitarbeiter der Woche". Und da die Kassenaufsicht den jungen Mann mehrmals lobte, wie schnell er arbeite und wie wenige Fehler er dabei mache, rechnete er sich Chancen auf diesen Titel aus. Darum versuchte er, noch schneller zu arbeiten und noch weniger Fehler zu machen.

Dieser Motivationsschub war jedoch von kurzer Dauer. Schließlich erlebte er Woche für Woche, wie stets Kolleginnen mittleren Alters zur Mitarbeiterin der Woche bestimmt wurden. Und oft waren es sogar dieselben! Die Kriterien, nach denen der Titel vergeben wurde, blieben ihm verborgen. Wahrscheinlich ging es, wie bei Klassensprecherwahlen, vor allem um Beliebtheit. Da brauchte man als Hilfskraft wohl keine Hoffnungen zu haben.

Ein Morgen mit Folgen

Eines Morgens wurde der junge Mann angerufen, ob er nicht schon früher kommen könne. So schwang er sich denn aufs Fahrrad und radelte fünfzehn Minuten, ohne zu ahnen, dass es sein letzter Arbeitstag im Einzelhandel sein würde.

Es gab dort die Regel, dass sich die Kassierer nur an einem Automaten hinter den Kassen Getränke holen durften, also außerhalb des eigentlichen Verkaufsbereichs. An just diesem Tag war der Automat aber kaputt. Durstig wie pragmatisch kam der junge Mann, als gerade keine Kunden an seiner Kasse standen, auf den Gedanken, sich eine Colaflasche aus dem Kühlschrank innerhalb des Verkaufsbereichs zu holen. Er nahm einen Schluck und verständigte die Kassenaufsicht, um dafür zu bezahlen.

Pech, dass ihn just an diesem Tag mit dem kaputten Getränkeautomaten, in dem Moment, als keine Kunden kamen und in der Sekunde, als er sich die Flasche holte, ein Kaufhausdetektiv beobachtete. Zwar wurde die Flasche bei der Kassenaufsicht bezahlt, doch einige Minuten später holte man ihn vom Arbeitsplatz, um ihn in eine Art Verhörzimmer zu bringen. Dort saßen drei Männer, darunter ein Kaufhausdetektiv.

Den Mitarbeitern sei doch verboten, sich an den Kühlschränken für die Kunden zu bedienen. Mit dem Öffnen der Flasche sei zudem der Diebstahl vollzogen worden. Schock, Tränen, Hausverbot. Die Betriebsrätin holte ihn ab und brachte ihn, ohne jegliche Bemerkung, zum Personalausgang. Die Geschäftsführung räumte später zwar ein, nicht von der Diebstahl-Theorie auszugehen. Doch Regeln seien nun einmal Regeln.

So lernte der junge Mann, wie man vom gelobten, loyalen Mitarbeiter innerhalb von Minuten zur Unperson werden konnte. Immerhin hatte er so noch mehr von seinen Sommerferien. Und das bis dahin verdiente Geld reichte auch für den Monitor. Goodbye Einzelhandel!

Im Jahr 2020

Rund 22 Jahre später erreichte den nun nicht mehr ganz so jungen Mann eine E-Mail der Direktion des universitären Instituts, an dem er arbeitete. Aufgrund seiner besonderen Leistungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wäre von studentischer Seite oft sein Name erwähnt worden. Und die Direktion sehe es auch so, dass er ein hervorragender Dozent ist. Daher würde man ihn gerne zum Dozent des Jahres küren.

Die anfängliche Freude über die Anerkennung wurde so schnell fade, wie die damalige Cola aus dem Kundenkühlschrank. Denn einerseits passte dieses alljährliche Ritual mit Student(in) und Dozent(in) des Jahres weder zu seinen Vorstellungen von den Aufgaben einer Universität noch zu seinen egalitären Werten. Und andererseits fing mit der Nominierung durch das Institut der ganze Trubel überhaupt erst an:

Die Dozenten des Jahres der Institute treten nämlich im K.O.-Verfahren wie die Gladiatoren gegeneinander an, um den Dozenten des Jahres der Fakultät zu finden. Unter diesen wird nach einer weiteren K.O.-Runde der Dozent des Jahres der Universität bestimmt. Wahrscheinlich geht es so weiter, bis man dann Miss oder Mister Teacher of the Universe gefunden hat. Und im nächsten Jahr beginnt alles aufs Neue.

So schrieb der Mann noch am selben Abend eine Ablehnungsmail, schlief eine Nacht darüber und schickte sie dann ab. Im Gespräch mit einem anderen Kollegen erfuhr er einige Tage später, dass sich die Kriterien für die K.O.-Runden von Jahr zu Jahr ändern würden; das spricht nicht gerade für deren Güte. Und ein anderer Kollege, der den Zirkus zweimal am eigenen Leib mitgemacht hatte, hielt den ganzen Aufwand für etwas übertrieben.

Wie es der Zufall so wollte, erschien am Tag mit der Ablehnungsmail in der Universitätszeitung ein Artikel über Wissenschaftler, die der Universität den Rücken kehren. Darin wurden lange bekannte Fakten noch einmal aufsummiert: Tagtäglich würden die Mitarbeiter der Uni satte 2000 unbezahlte Überstunden aufbringen. Fast ein Drittel der Wissenschaftler fühle sich am Ende eines Arbeitstags völlig erschöpft. Und drei Viertel hielten den Arbeitsdruck für zu hoch.

Willkommen in der Realität

Nein, statt dem alljährlichen Zirkus um die X des Jahres, im Wesentlichen eine PR-Veranstaltung, sollte man einen kollektiven Trauermarsch abhalten. Einen Trauermarsch für das Ende der Universität! Denn seit mindestens zwanzig Jahren werden deren Budgets, in vielen Ländern auf der Welt und gerne auch von Aufstieg-durch-Bildung-Sozialdemokraten, immer weiter gekürzt beziehungsweise nur unzureichend angepasst. Und so bleiben dann immer weniger Mittel pro Student(in).

In diesen desolaten Zuständen werden die Forscher und Dozenten, viele machen beides, immer abhängiger von Vorgaben aus Politik oder von Drittmittelgebern privater Stiftungen und aus der Wirtschaft. Das ist ein klarer Verstoß gegen die Magna Charta Universitatum, also die Leitlinien, die sich die Universitäten 1988 selbst gegeben haben, zum 900. Jubiläum der Universität von Bologna. In diesem Sommer hätte die Erklärung erneuert werden sollen, doch dann kam die Corona-Pandemie dazwischen.

Führende Forscher aus den biomedizinischen Wissenschaften kritisierten schon vor Jahren den Hyperwettbewerb mit seinen negativen Folgen für Leben und Arbeiten der Betroffenen. Und auch in deutschsprachigen Medien schrie man Laut, man müsse die Wissenschaft retten. Was hat's gebracht?

The show must go on

Natürlich ist nicht alles schlecht. Es gibt nach wie vor viele Idealisten - und die intrinsische Motivation ist bei vielen sehr hoch, was sie natürlich auch anfällig für Ausbeutung macht. Warum beispielsweise jemandem einen festen Vertrag über eine volle Stelle geben, wenn es eine Kette von Jahresverträgen über eine halbe Stelle auch tut? Das ist nur markt-logisch.

Oft heißt es, in der Wissenschaft brauche man viel Frustrationstoleranz. Das stimmt zwar, ab dem Moment, in dem man um Plätze in den internationalen Fachzeitschriften und um Fördermittel kämpft. Man sollte sich aber auch fragen, ab wann Frustrationstoleranz in Selbstverleugnung übergeht.

Die Bemerkung eines Professors aus dem Bekanntenkreis, endlich komme er, dank der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Absage unzähliger unnötiger Meetings, wieder zu seiner Forschung, spricht Bände. Es ist ein offenes Geheimnis, dass man beim Aufstieg auf der Karriereleiter immer mehr vom Wissenschaftler zum Wissenschaftsmanager wird. Manager, für die es normal geworden ist, Banalitäten als Erkenntnisfortschritte zu verkaufen.

Die Publikationsliste muss schließlich immer länger werden. PR-Abteilungen, wie sie sich inzwischen jede Universität und jedes Forschungsinstitut leistet, sorgen für den Zuckerguss auf dem Medienkuchen. Hin und wieder entlarve ich solche Meldungen dann als den Wirbel um nichts, der sie sind. Ich könnte jeden Tag solche Beispiele finden, doch erbaulich wäre das nicht. Haben wir fürs Publizieren, um zu publizieren, den Weg der Wissenschaft eingeschlagen? Und ist es dann noch ehrlich, unseren Studierenden das Hohelied der Forschung zu singen?

Wir haben nun jahrelang diskutiert, protestiert, demonstriert, teils sogar gestreikt. Und die Ministerien danken es uns oft mit weiteren Kürzungen. Ich will nicht zum Aushängeschild dieser Mängelverwaltung werden, die sich mit ihren Elite-Clubs eine schöne Fassade gibt. Daher habe ich auch schon vor Jahren meine Nominierung für die Junge Akademie der Niederländischen Königlichen Akademie der Wissenschaften durch meine Fakultät abgelehnt.

Diese erhabenen Zirkel sind, ebenso wie die Dozenten des Jahres, für mich eher Teil des Problems als Wege zur Lösung. Ich glaube nicht mehr daran, dieses System von innen heraus reparieren zu können. Auch noch so viele Studentinnen und Studenten im "kritischen Denken" auszubilden, wird daran nichts ändern. Diejenigen, die sich nicht an den Status quo anpassen wollen, werden eher andere Wege gehen. Und übrig bleiben genügend Opportunisten.

Diese Show wird immer weitergehen, bis genügend ihre Arbeit niederlegen.

Postskriptum

Just in dem Moment, als ich den Punkt hinter den Schlusssatz gesetzt hatte, erreichte mich die Nachricht eines Bekannten, der gerade frisch promoviert ist und nun seine erste Postdoc-Stelle antritt. Er machte mich auf den ZEIT-Campus-Artikel "Hört auf, Schäfchen zu zählen!" vom 16. September aufmerksam. Darin echauffieren sich ein Althistoriker und ein Literaturwissenschaftler, beide selbst Mitglieder der Szene-üblichen Elite-Clubs, über den Wahnsinn wissenschaftlicher Laufbahnen.

Das tumbe Zählen von Veröffentlichungen oder eingeworbenen Drittmitteln zur Beurteilung von Wissenschaftlern sei eine Farce. Anstatt auf den "Impact Factor" zu schielen, einen Indikator für Popularität einer Zeitschrift, solle man "lieber ausgewählte Publikationen tiefgründig lesen". Über den Unsinn des Impact Factors schrieb ich schon 2007 - es ist einer der am wenigsten gelesenen Artikel meiner Bloggerzeit. Und die Sache mit den "exzellenten Schafen", zu denen wir unsere Studentinnen und Studenten ausbilden, ist nun auch schon fünf Jahre alt.

Im Übrigen gelang es meinen Master-Studenten Jahr für Jahr in Windeseile, den Unsinn dieses Impact Factors offenzulegen. Dass er sich dennoch seit vielen Jahrzehnten als Maß aller Dinge hielt, sagt sehr viel über das Bildungsniveau unserer Wissenschaftspolitiker aus - und derjenigen, die ihnen folgen. Aber alles muss natürlich zähl- und objektivierbar sein, selbst wenn es nur objektivierter Mist ist.

So kommen denn auch unsere Elite-Wissenschaftler in der Zeit zum Ergebnis, man müsse nur besser, dafür aber weniger messen. Wie das aussehen soll, verraten sie uns leider nicht. Und ja, auch gute Lehre müsse man irgendwie belohnen. Hat jemals jemand schlechtere Lehre gefordert? Wurde seitdem etwas Wesentliches an den akademischen Karrierestrukturen geändert? Nein.

In Konsequenz stimmen auch diese Akademiker, die sich vordergründig kritisch geben, in das Hohelied der Exzellenz und des betriebswirtschaftlichen Denkens von Mess- und Vergleichbarkeit, von Anreizen über Leistungsprämien ein. Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben. Für ein kurzes Rauschen im Blätterwald war's ganz schön.

Dieser Artikel erscheint ebenfalls im Blog "Menschen-Bilder" des Autors.

(Stephan Schleim)