Dracula und die Faschisten: Mit Christopher Lee im Lande des spanischen Diktators

No compteu amb els dits

Eine (etwas andere) Vampirgeschichte in zwei Teilen

Nach dem Willen der spanischen Regierung sollen die Gebeine des Diktators Francisco Franco nicht mehr im "Tal der Gefallenen" liegen, als zentrale Reliquie in einer monströsen Gedenkstätte zur Feier des Faschismus. Die noch für dieses Jahr geplante Umbettung des Leichnams hat in Spanien zu einer heftigen Kontroverse über den Umgang mit einer lange totgeschwiegenen Vergangenheit geführt. Der spanische Avantgarde-Film hat sich des Themas schon vor einem halben Jahrhundert angenommen und davor gewarnt, die Vampire in ihren Gräbern ruhen zu lassen. Mit von der Partie war ein Schauspieler, der als Graf Dracula weltberühmt geworden war: Christopher Lee.

Die Gruft des Vampirs

Eine karge Gebirgslandschaft. Wir befinden uns im Valle de los Caídos, dem "Tal der Gefallenen" in der Sierra de Guaddarama, einer Bergkette nördlich von Madrid. Auf einem der Gipfel steht ein Kreuz aus Beton, 152 Meter hoch und 46 Meter breit. Das höchste freistehende Kreuz der Welt. Ein Monument der Unterdrückung. Die Kamera nähert sich dem Betonkreuz gleich mehrfach an: durch einen Schwenk über die Bergkette, durch einen Zoom, per Autofahrt durch den Föhrenwald unterhalb des Monuments.

Es gibt keine Einstellung, in der das Betonkreuz nicht bedrohlich wirkt. Das letzte Stück legt man zu Fuß zurück, immer mit dem Blick von unten nach oben. Wenn man das Auto durch eine Pferdekutsche ersetzt könnte das aus einem Hammer-Horrorfilm sein: Die Annäherung an Schloss Dracula. Überraschend daran ist, dass auf dem Berg nicht eine steinerne Burg thront, sondern ein Kreuz, das Symbol des christlichen Glaubens, mit dem man Vampire bekanntermaßen in die Flucht schlägt. Der vermeintliche Widerspruch wird sich im Laufe dieser Geschichte noch auflösen.

Die Gruft des Vampirs (17 Bilder)

Informe general

Alles ist monumental an diesem Ort, vom mit den vier Evangelisten und mit Darstellungen der vier Kardinaltugenden umrahmten Sockel des Kreuzes bis zum Eingangsportal der Basilika, über die das Riesenkreuz zu wachen scheint. Francisco Franco, der durch einen Militärputsch an die Macht gekommene Diktator, ließ die Gedenkstätte nach dem Ende des Bürgerkriegs von 20.000 Zwangsarbeitern errichten - von politisch Andersdenkenden, die er in Konzentrationslagern gefangen hielt und denen eine Verkürzung der Haft versprochen wurde. Mindestens 15 Menschen starben bei der lebensgefährlichen Schufterei, vermutlich mehr.

Das "Tal der Gefallenen" ist ein riesiges Massengrab. Knapp 34.000 Tote des Bürgerkriegs wurden hier beigesetzt oder verscharrt, teils anonym und teils identifiziert, Anhänger des Diktators, aber auch Republikaner, um den Eindruck abzuschwächen, dass an diesem Platz in 1000 Metern Höhe dem Faschismus und der Diktatur gehuldigt wird. Kernstück der Anlage ist die für den Bau der Basilika in den Granitberg getriebene Kaverne. Mit 262 Metern ist die Felsbasilika die längste Kirche der Welt, oder zumindest steht das so in den Reiseführern für die Touristen, die gern hierher kommen, weil das Escorial nicht weit entfernt ist, mit der Grabstätte von Philipp II. (auch ein Mann mit finsterer Vergangenheit).

Nachdem sie die Stufen zum Eingang überwunden hat nimmt uns die Kamera mit hinein in die Basilika. Man muss nicht selber dagewesen sein um zu ahnen, dass das ein sehr kalter Ort ist. Damit ist nicht so sehr die Temperatur gemeint als vielmehr die Atmosphäre. Hier ließ ein Kriegsverbrecher in 19-jähriger Bauzeit (von 1940 bis 1959) ein Monument errichten, das vorgibt, dem Lobpreis Gottes und der Jungfrau Maria zu dienen und doch den Sieg des faschistischen Diktators über die Republik und die Demokratie feiern sollte, am besten in alle Ewigkeit, mit der katholischen Kirche als Komplizin, eingebunden in Francos Herrschaftssystem durch die Ideologie des Nationalkatholizismus.

Die Kamera geht tiefer hinein in diesen Gruselbau, hin zum Hochaltar und wie magisch angezogen von einer Grabplatte, über der die Mönche aus dem zur Gedenkstätte gehörenden Benediktinerkloster jeden Tag die Eucharistie feiern, unter einer 42 Meter hohen Kuppel. Die Grabplatte ist das beliebteste Selfie-Motiv der Touristen. Eine Inschrift verrät, wer hier bestattet wurde: Francisco Franco, auch als Generalísimo (ein altertümliches Wort für Oberbefehlshaber) bekannt. Er selbst führte am liebsten den Titel por la gracia de Dios, Caudillo de España (durch die Gnade Gottes, Oberhaupt von Spanien).

Später in dem Film, den wir gerade sehen, wird die nicht enden wollende Macht- und Ämterfülle dieses Mannes aufgezählt, der im Zentrum des Franquismus stand, eines ganz auf ihn und seine Person zugeschnittenen Herrschaftssystems. So einer, der für sich selbst das Gottesgnadentum beanspruchte, ist nicht einfach weg, wenn er gestorben ist. Man wird das Gefühl nicht los, dass unter diesem Stein mehr als ein paar alte Knochen liegen. Im Vampirfilm würde sich bei Sonnenuntergang die Platte heben und Dracula käme aus seiner Gruft, auf der Suche nach neuen Opfern und frischem Blut.

Skandal um "Viridiana"

Spanien wurde seinen Diktator nicht durch eine Revolution los, sondern durch das Entschlafen eines kranken alten Mannes, am 20. November 1975. Das war ein Segen und doch auch ein Fluch, weil das Hinscheiden des Caudillo keinen radikalen Bruch mit der Vergangenheit verlangte und den "Pakt des Schweigens" beförderte, in dem man sich einrichtete, so gut es eben ging. Über den Bürgerkrieg und die anschließende Diktatur redete man lieber nicht. Auf ein gnädiges Vergessen hoffte wohl die Übergangsregierung, die nach Francos Tod beschloss, den Streit um die letzte Ruhestätte zügig zu beenden, indem sie Fakten schuf und die Leiche in das Valle de los Caídos überführen ließ.

In den ersten Monaten nach Francos Tod drehte der Katalane Pere Portabella ein Werk mit einem Titel, der fast so sperrig ist wie der Film lang: Informe general sobre algunas cuestiones de interés para una proyección pública (Allgemeiner Bericht über einige interessante Fragen für eine öffentliche Vorführung). Informe general ist eine knapp dreistündige Reflexion über das Spanien nach Franco. Der Film beginnt mit fünf gruseligen Minuten, dem soeben beschriebenen Besuch im "Tal der Gefallenen". Für Portabella war es nur logisch und konsequent, einleitend die Gruft des Vampirs aufzusuchen, weil ihm das Genre des Horrorfilms dabei geholfen hatte, in Zeiten einer strengen Filmzensur Kritik am Regime zu üben.

Eine besondere Rolle hatte Graf Dracula dabei gespielt. Also war es folgerichtig, das Grab des Blutsaugers in Augenschein zu nehmen und sich zu vergewissern, dass er wirklich tot war. Aber was heißt das schon bei einem Widergänger und Schattenwesen, das an der Grenze zwischen Leben und Tod durch die Kultur spukt? Informe general ist denn auch ein Film aus einem Zwischenreich, in dem die Diktatur noch nicht ganz gestorben ist und man sich in langen Gesprächsrunden fragt, ob und wie eine lebendige Demokratie aus ihr erwachsen kann.

Informe general ist außerdem der Abschluss einer informellen Vampirtrilogie, an deren Anfang die Zusammenarbeit Portabellas mit Christopher Lee stand. Die beiden drehten zwei Filme, die Lee für die außergewöhnlichsten seiner Karriere hielt. Da wird man ihm kaum widersprechen, wenn man sie gesehen hat. Leider ist das zu selten der Fall. In ihrer Andersartigkeit sind Cuadecuc Vampir und Umbracle so faszinierend wie eh und je. Und unheimlich sind sie obendrein. Sigmund Freud hätte sie geliebt. Seine Traumdeutung wäre die ideale Begleitlektüre. Selbstverständlich kann man sie auch ohne sehen.

Skandal um "Viridiana" (14 Bilder)

Umbracle

Die Vorgeschichte führt zurück in die frühen 1960er, als Franco begann, für die Aufnahme seines rückständigen und finanziell angeschlagenen Landes in die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft zu werben (die Vorläuferorganisation der EU). Spanien sollte sich als Kulturnation präsentieren, und dabei helfen sollte Luis Buñuel, der international renommierteste spanische Regisseur. Das Kulturministerium lud ihn ein, aus dem mexikanischen Exil in die Heimat zurückzukehren und einen Film zu drehen. Buñuel nahm an und schlug einen harmlos wirkenden Stoff vor: Die junge Novizin Viridiana besucht vor ihrem Eintritt in einen Nonnenorden das Landgut ihres Onkels.

Buñuel drehte dann aber kein Erbauungsstück über Frömmigkeit und das Leben auf dem Lande, sondern einen filmischen Albtraum über einen reaktionären Katholizismus, mit dem er die vermeintlichen Werte und ehrwürdigen Traditionen angriff, derer sich die Diktatur bemächtigt hatte, um ihre Herrschaft zu legitimieren. Das war ganz im Sinne von Pere Portabella, der 1959 die Produktionsfirma Films 59 gegründet und gleich zwei eindrucksvolle Filme hergestellt hatte, Carlos Sauras Die Straßenjungen und Marco Ferreris Der Rollstuhl. Bei Viridiana war er als Co-Produzent mit dabei.

Als den Franquisten dämmerte, was sie sich da eingehandelt hatten, hätten sie Viridiana am liebsten spurlos entsorgt. Das erwies sich als illusorisch, als eine über die Grenze geschmuggelte Kopie 1961 beim Festival von Cannes lief und mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Die Hilflosigkeit der Düpierten zeigte sich bei der Preisverleihung. Buñuel war nach Mexiko zurückgereist. Den Löwen nahm ein überforderter Vertreter der spanischen Regierung entgegen, der nicht wusste, was er tun sollte und seinen Posten verlor, als er wieder in Madrid war. Weitere Rücktritte folgten.

Buñuel hatte geliefert, nur nicht so wie erwartet. Viridiana wurde vom Vatikan als blasphemisch eingestuft (wegen Vergewaltigung, Selbstmord, Nekrophilie, einer Ménage à trois etc pp.) und in Spanien, für das er einen der begehrtesten Filmpreise der Welt gewonnen hatte, totgeschwiegen wie so vieles in dem Land. Des Regisseurs konnte man nicht mehr habhaft werden. Der Produzent des Films war noch da. Portabella wurde der Reisepass entzogen, weil er Schande über Spanien gebracht habe. Er erhielt ihn erst zurück, nachdem Franco gestorben war.

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