Dreifache Zahl der Coronavirus-Toten in Italien?

Bild: Pietro Luca Cassarino / CC BY-2.0

Italien gibt offiziell an, dass bisher mehr als 26.000 Menschen an Coronavirus gestorben sind, aber es dürften deutlich mehr sein

Jeden Abend gibt der italienische Zivilschutz die neuen Daten zur Coronavirus-Pandemie um 18.00 Uhr bekannt. Am Samstag wurden wieder 415 Tote verkündet. Demnach soll die Gesamtzahl auf 26.384 angestiegen sein. Die Zahl der aktiv Infizierten sank im Vergleich zu Vortag von 106.527 auf 105.847. Noch immer befänden sich 21.533 Covid-19-Erkrankte in Krankenhäusern, davon 2.102 Patienten auf der Intensivstation. Auch hier zeigt sich eine weitere Entspannung, es sind 71 weniger als am Vortag. Im Ansteckungszentrum Lombardei gab es erneut 103 Tote, allerdings waren es am Vortag noch 166.

Vor allem die Zahl der Toten ist allerdings auch in Italien, wie im anderen Coronavirus-Epizentrum Spanien, hoch umstritten. Denn es ist bekannt, dass in die offiziellen Zahlen in beiden Ländern die Toten aus Alten- und Pflegeheime meist genauso wenig einfließen - anders als in Frankreich - wie die Menschen, die zu Hause gestorben sind und die mangels Test nicht ermittelt werden.

In der Lombardei wurde in einigen Gemeinden längst im Abgleich zu üblichen Sterberaten deutlich, dass die die reale Zahl der Toten deutlich höher liegen muss, das viele Tote einfach nicht getestet wurden oder werden. Was lokal von Ärzten und Bürgermeistern festgestellt wurde, haben nun Forscher auf das gesamte Land übertragen. So haben Daniele del Re von der Universität Sapienza in Rom und Paolo Meridiani, Forscher am Nationalen Institut für Kernphysik, die italienischen Zahlen genauer untersucht.

Sie kommen zu dem Schluss, dass die reale Zahl der Toten drei Mal so hoch als die sein könnte, die offiziell verlautbart wird. Sie haben veröffentlichte Daten des Zivilschutzes mit den veröffentlichten Todeszahlen aus Stadtarchiven verglichen. In den Amtsblättern tauchen die Zahlen aller Verstorbenen auf und für die beiden Forscher ergaben sich große Unstimmigkeiten.

Meridiani und Del Re verwendeten in ihrer Untersuchung Daten des italienischen Statistikamts (Istat) aus fast 1700 Gemeinden im Zeitraum von 1. März bis zum 4. April, die gemäß Istat eine repräsentative Auswahl in Bezug auf die italienische Bevölkerung darstellen. So sei das Wachstum bei der Zahl der Todesfälle in einigen Städten im Vergleich zu anderen sehr unterschiedlich. In Bergamo zum Beispiel, einem der Epizentren der Pandemie, habe sie sich verdreifacht, während der Anstieg dagegen in Rom nur gering ist.

Die beiden Forscher sprechen ausdrücklich an, dass nicht alle zusätzlichen Toten tatsächlich auch Coronavirus-Tote sein müssen, denn es habe auch Menschen gegeben, die sich wegen anderer Beschwerden nicht ins Krankenhaus getraut haben, da sie Angst hatten, sich anzustecken. Zudem hatten sich wegen der Überlastung des Gesundheitssystems in einigen Regionen Operationen oder andere medizinische Maßnahmen verzögert, weshalb sich die Sterblichkeit deshalb ebenfalls erhöht haben dürfte. In dieser Hinsicht ist auch eine kürzlich von der Italienischen Gesellschaft für Kardiologie durchgeführte Umfrage. Sie ergab, dass im ganzen Land seit Ausbruch der Pandemie die Zahl der wegen Herzinfarkt ins Krankenhaus eingewiesenen Menschen um 50% zurückgegangen ist. Eine Verzerrung der Daten gibt es aber auch in die andere Richtung, die die beiden Forscher ansprechen. Denn die Zahl der Verkehrstoten und die Zahl der Toten am Arbeitsplatz haben sich wegen des Lockdowns massiv verringert.

Übersterblichkeit im Widerspruch zu offiziellen Zahlen

Zu ganz ähnlichen Ergebnissen wie die beiden Forscher kommt auch eine Untersuchung von weiteren fünf italienischen Forschern, die in verschiedenen Regionen eine deutliche Übersterblichkeit feststellen, aber ebenfalls einen auch klaren Widerspruch zu den Zahlen sehen, die offiziell als Covid-Tote geführt werden. In der umfassenden Untersuchung zeigen Enrico Bucci, Luca Leuzzi, Enzo Marinari, Giorgio Parisi, Federico Ricci Tersenghi auf, dass zum Beispiel allein in der Lombardei eine Übersterblichkeit zwischen dem 23. Februar und dem 4. April von 15.600-15.800 vorliegt, aber nur 8905 davon werden offiziell als Coronavirustote gewertet. Waren das in der Lombardei 57% mehr, waren es in der Emilia-Romagna sogar 65% mehr, in Mailand 64% und in Piacenza sogar 71%.

Schaut man sich die Zahlen in Frankreich an, wo ehrlicherweise auch die Toten in Alten- und Pflegeheimen (Ehpad) ausgewiesen werden, dann zeigt sich, dass Frankreich nun 22.614 Coronavirus-Tote ausweist. Davon sind gut 14.000 in Krankenhäusern verstorben und zusätzlich noch einmal fast 8600 in Heimen. Angesichts der Feststellungen der italienischen Forscher und den Zahlen aus Frankreich kann man grob überschlagen auch in Italien und Spanien etwa 60% zu den offiziellen Zahlen hinzuzählen, die in beiden Ländern veröffentlicht werden.

Dann ist Frankreich derzeit nicht dabei, Spanien bei der Gesamtzahl der Toten in Europa den 2. Rang abzunehmen, denn Spanien gibt geschönte 23.190 Tote an. Zählt man hier also noch einmal 60% hinzu, ist man bei einer Zahl von gut 37.100. In Italien wären das also schon gut 42.200. In Spanien dürften die 60% allerdings eher zu niedrig angesetzt sein, wie Daten aus verschiedenen Regionen zeigen. Denn die Zahlen, die von dort an das Gesundheitsministerium gewertet werden, werden nicht in die offizielle spanische Statistik übernommen.

So stellte gerade auch die regierungsnahe Zeitung El País fest, dass die Hauptstadtregion Madrid dem Ministerium schon 13.911 Coronavirus-Tote gemeldet hat, aber in der offiziellen spanischen Statistik tauchen mit 7.577 davon nur gut die Hälfte auf. 6334 fallen unter den Tisch, davon fast 5600 aus Heimen. In diesem Fall wurden auch die Toten einbezogen, die in ihren Wohnungen verstarben. Noch krasser werden die Zahlen aus Katalonien in Madrid aufgehübscht. Katalonien zählt bisher 9.646 Coronavirus-Tote.. In der offiziellen spanischen Statistik wird mit 4566 aber nicht einmal die Hälfte gezählt. (Ralf Streck)