Dreißig Minuten im Mai

Annäherungen an eine Terrorwarnung

Am 11. Mai schien es auch in Deutschland soweit zu sein. Irgendwann an diesem Freitagabend rückte auf der Homepage der Süddeutschen Zeitung die Schlagzeile „Horst Köhler und der Fall Klar“ noch unten, ein rotes Band verkündete „EILMELDUNG EILMELDUNG EILMELDUNG“ und eine schwarze Überschrift verriet: „US-Sender: Terroranschlag auf US-Bürger steht unmittelbar bevor“. „Übereinstimmenden Medienberichten zufolge“, so war auf Seite 1 der Zeitung weiterhin zu lesen, „gehen amerikanische und deutsche Behörden von geplanten Terrorakten aus. Auch ein vermeintliches Anschlagsziel wurde genannt. mehr ...“

Ein Klick weiter, unter „mehr“, war dann zu lesen:

In Deutschland könnte nach Einschätzung der US-Sicherheitsbehörden ein Terroranschlag unmittelbar bevorstehen. Die Bedrohung sei "sehr real", zitierte der US-Fernsehsender ABC am Freitag einen hochrangigen US-Sicherheitsbeamten.

Die Meldung stammte von 19.15 Uhr und verarbeitete vor allem Material von süddeutsche.de und der Nachrichtenagentur AP, die „EILMELDUNG“ lief auch um 19.24 Uhr noch. Doch so groß lief sie wohl nur hier: SPIEGEL Online etwa berichtete auf seiner Hauptseite überhaupt nichts, suedkurier.de beschränkte sich auf ein kleineres „Eilmeldung“-Bild – und dann war auch bei SZ-Online die „EILMELDUNG“ verschwunden. Kein rot mehr, keine akute Terrorgefahr: "Wirbel um angebliche Terrorpläne in Deutschland" lautete die neue Überschrift, und die erste Zusammenfassung endete nun mit dem Satz „Das Bundesinnenministerium widersprach den Meldungen.“ Das war gegen 19.34 Uhr. Es musste viel passiert sein in der letzten halben Stunde. Dann rückte Köhler wieder an seinen alten Platz.

Die ABC-Meldung scheint nur beim Internetangebot der Süddeutschen Zeitung zur großen „EILMELDUNG“ geworden zu sein – und man mag sich fragen, wie die ABC-Infos nach München gekommen sind. Schaute man nur hier ABC, nutzte man nur hier die ABCnews-Homepage, las man nur hier die AP-Meldung, die freilich auch in der New York Times erschien – oder funktionierten die professionellen Auswahlmechanismen anderswo besser? Und vor allem: Was machte das Berliner Innenministerium auf die US-Sender aufmerksam und ließ es so umgehend (am Freitagabend) reagieren?

Um 19.40 Uhr nahm sich dann auch SPIEGEL Online unter dem Stichwort „US Fernsehbericht“ des Themas an: „Aufregung um Anschlagswarnung für Deutschland“ meldete die Seite und teilte dann mit: „Binnen Minuten reagierten die Behörden: Die Hinweise seien Wochen alt, die Gefahr nicht gewachsen.“ Als Quelle des SpOn-Beitrags wurden (Redakteur) „als“ sowie AFP und Reuters angegeben.

Die Terrorwarnungen waren also offenbar vielfältig auf dem Informationshighway unterwegs. Irgendwann an diesem frühen Abend platzierte auch tagesschau.de eine knappe „Eilmeldung“ – und leitete damit quasi die zweite Welle der Terrorwarnung ein, ihre Dementierung: (Abb. 2 Anhang) „Ministerium dementiert“, so entwarnte tagesschau.de „Das Bundesinnenministerium hat einen Bericht des US-Senders ABC über unmittelbar bevorstehende Anschläge auf US-Einrichtungen in Deutschland dementiert. ABC hatte gemeldet, im Visier von Terroristen stehe insbesondere das Hauptquartier des US-Europakommandos nahe Stuttgart“. Um 19.47 Uhr stand die Eilmeldung noch im Netz – dann verschwand auch sie. Süddeutsche.de aktualisierte aktualisierte derweil seinen Text erneut – und dann war auch schon die beste Sendezeit angebrochen: die 20 Uhr-Nachrichten begannen. Terroristen sollen die Bedeutung des Abends schon früh erkannt haben. „Schieß jetzt nicht, Abdul!“, so beschreibt der Terrorismusforscher J. Bowyer Bell die vermeintlichen Bemühungen von Terroristen um Medien in den 1970er Jahren, „Es ist noch nicht Hauptsendezeit!“.

Die Hürde „Tagesschau“ im Ersten Programm nahm die Meldung aus Washington nicht. Der G8-Gipfel in Heiligendamm war das Thema - nicht die vermeintliche Terrorgefahr. RTL II hingegen brachte seinen Korrespondenten Peter Klein live auf den News-Schirm: „Ein Anschlag steht nicht unmittelbar bevor“, sagte er gegen 20.02 Uhr. Und das Radio? „US-Sender berichten von vereitelten Anschlägen in Deutschland“ (BR), „Das Bundesinnenministerium sieht keine unmittelbare Gefahr von Anschlägen auf US-Einrichtungen oder amerikanische Bürger in Deutschland“ (NDR Info). Der Deutschlandfunk ließ sich mit der ersten Entwarnung Zeit bis 21 Uhr: „Bundesinnenministerium: Keine unmittelbare Anschlagsgefahr für US-Bürger“ – verlautbarte Meldung Nr. 3. So eine richtige Nachricht war das ja auch tatsächlich nicht.

Dennoch war es nicht irgendeine Warnung, auf die sich die Medien bezogen. U.S., Germans Fear Imminent Terror Attack konnte man seit 12.24 p.m. bei Brain Ross, Chief Investigative Correspondent bei ABCnews, lesen. Dann war auch CNN so weit: Um 1.29 p.m. wurde (Standort: Washington) vermeldet (3:47 lautete der Titel: U.S. official: Terror plot in Germany 'very real threat'): „U.S. authorities say they have discovered a terrorist plot in the advance stages of planning against U.S. citizens or interests in Germany”. CNN bezog sich ausdrücklich auf ABCnews – doch der Inhalt war ein wenig anders: „German Interior Minister Wolfgang Schauble told reporters, ´The danger level is high. We are part of the global threat by Islamist terrorism´", heißt es bei ABCnews, das bereits eine Bildstrecke zum "Terror Threat in Germany" anbieten konnte. “German Interior Minister Wolfgang Schaeuble told ABC: ´The danger level is high. We are part of the global threat by Islamist terrorism´", wurde daraus bei CNN. Und plötzlich war die Aktualität noch dringlicher, exklusiver.

Die Terrorwarnung aus Washington fand in Deutschland fruchtbaren Boden vor – es war schließlich nicht die erste. Seit September hatte es immer wieder Warnungen gegeben. Am 20. April hatte die US-Botschaft – so etwa SPIEGEL Online (13.50 Uhr) mit Bezug auf „als/Reuters/dpa/ddp“ – vor einer „erhöhten Terrorgefahr in Deutschland“ gewarnt:

Die deutschen Sicherheitsbehörden teilen diese Sorge und arbeiten bereits seit längerer Zeit engstens mit der US-Seite zusammen, um alle geeigneten Maßnahmen in diesem Zusammenhang sicherzustellen.

Am 29. April fragte „RP Online“: Droht Deutschland ein Terroranschlag?. Am 10. Mai hieß es: Australien rät zur Vorsicht bei Deutschlandreisen. Hatte da die Meldung nicht eine gewisse Evidenz?

Kurios bleibt allerdings eine Meldung: freenet.de berichtet (unter Berufung auf ABC und mit Copyrighthinweis auf AFP): „Terroranschlag in Deutschland könnte kurz bevorstehen. US-Kaserne bei Stuttgart möglicherweise im Visier.“ Das kleine AFP-Foto zeigte – laut Unterschrift - sogar: „US-Soldat am Stützpunkt Patch Barracks." Datiert ist die Nachricht bereits auf 17.20 Uhr. Oder hatte sich hier nur jemand vertippt?

Nachrichten haben nichts mit Wahrheit zu tun. Nachrichten berichten nicht, was geschieht, sondern was andere für wichtig halten. Massenmedien beobachten also eigentlich gar nicht die Ereignisse, sondern Beobachtungen. Deshalb muss, was sich ereignet, damit es sich ereignet, mediengerecht sein.

Norbert Bolz

Das scheint auch für den Terrorismus zu gelten. Medien und Terroristen, so lautet eine populäre These, bedürfen einander, Peter Waldmann meinte gar, dass sich zwischen beiden „inzwischen ein festes Symbioseverhältnis eingespielt“ habe. Doch offenkundig kann Terrorismus auch ohne Terror und ohne Bilder in die Medien gelangen: In einige zumindest. Und er kann zumindest den Betrieb beschäftigen.

Um 20.54 betritt auch ein Politiker die Szene. Focus Online meldet:

Der SPD-Politiker (Dieter) Wiefelspütz hat den USA vorgeworfen, zu häufig vor Terroranschlägen zu warnen. Zuvor hatten US-Sender von einer unmittelbaren Anschlagsgefahr in Deutschland berichtet.

Um 20.55 Uhr äußert sich dann auch der erste Spezialist: „Unterdessen“, so AFP, „hat der Terrorismusexperte Rolf Tophoven empfohlen, nicht überzureagieren. ´Die Gefährdungslage ist unverändert hoch´, sagte er der Nachrichtenagentur AFP und verwies auf entsprechende Warnungen aus den USA vor einigen Wochen.“ Am nächsten Tag weiß die „Welt“ über „Focus“:

Islamisten drehten schon Abschiedsvideos
Eine fünfköpfige Islamisten-Gruppe hat den Terroralarm in den US-Medien ausgelöst. Die verdächtige Gruppe aus dem Rhein-Main-Gebiet ist in Pakistan militärisch ausgebildet worden. Den Sicherheitsbehörden unterliefen wohl auch Fahndungspannen.

Hamburger Abendblatt (AP) meldet am 15. Mai:

Neue Dimension des Terrors. Laut Innenminister Wolfgang Schäuble droht Deutschland eine neue Terror-Welle.

(Hans-Jürgen Krug)

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