Dritthäufigste Todesursache medizinische Fehler?

Bild: Gaspare Traversi 1753/gemeinfrei

Nach einer Studie sollen medizinische Behandlungsfehler die Ursache von mehr als 10 Prozent aller Todesfälle in den USA sein

Die meisten Menschen sterben in den westlichen Ländern an Erkrankungen des Kreislaufsystems, in Deutschland mit 338.000 fast 40 Prozent. Meist handelt es sich um ältere Menschen über 65 Jahre. Krebs, auch bösartige Neubildung genannt, ist im Deutschland mit gut einem Viertel der Sterbefälle die zweihäufigste Todesursache und die bedeutendste im mittleren Lebensalter. Von über 860.000 Todesfällen in Deutschland in 2014 wurde als Ursache bei 34.667 an ein Unfall, Suizid oder eine vorsätzliche Handlung ermittelt, so das Statistische Bundesamt in einem Bericht, der 2016 veröffentlicht wurde. Häusliche Unfälle sind hier die häufigste Todesart. Als Folge von Komplikationen bei chirurgischen Eingriffen und medizinischer Behandlung werden 1.588 Todesfälle aufgeführt.

Wie in Deutschland werden Sterbeursachen auch in den USA und in 115 weiteren Ländern nach dem International Classification of Disease (ICD) klassifiziert. Medizinische Behandlungsfehler bzw. -irrtümer werden hier nur teilweise unter Y40-Y84 (Complications of medical and surgical care) aufgeführt. Menschliche oder systemische Fehler würden nicht aufgeführt. Daher liegen auch keine verlässlichen Zahlen darüber vor, wie viele Menschen durch medizinische Behandlung sterben. Nach Schätzungen, deren Zahlen weit auseinander gehen, sind es zwischen 210.000 und 400.000 Krankenhauspatienten, die in den USA nicht wegen ihrer Krankheiten oder Verletzungen, sondern durch ihre Behandlung sterben.

Nach Durchsicht von Untersuchungen über die (vorzeitige) Sterberate von Krankenhauspatienten aufgrund von medizinischen Irrtümern gehen Martin Makary und Michael Daniel von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore in einer im British Medical Journal (BMJ) erschienenen Studie von einer Schätzung von 251.454 Todesfällen für das Jahr 2013 oder 9,5 Prozent der Todesfälle aus - das betrifft aber nur diejenigen in Krankenhäusern, nicht die Todesfälle durch ambulante Behandlung, in Pflegeheimen oder in Folge der Behandlung Zuhause.

BMJ 2016

Alleine diese Todesfälle durch medizinische Irrtümer in Krankenhäusern, deren Zahl die Autoren noch als zu niedrig betrachten, würden die Todesursache "medizinischer Irrtum" zur drittgrößten nach Erkrankungen des Kreislaufsystems (611.000) und Krebs (585.000) machen. Es würden mehr Menschen an diesen im Prinzip zwar nicht gänzlich verhinderbaren, aber doch reduzierbaren Ursachen sterben als durch Atemwegserkrankungen (147.000), Unfälle (136.000), Schlaganfälle (133.000) oder Alzheimer (93.000). Zum Vergleich: 34000 Menschen starben 2013 durch Autounfälle, ebenso viele durch Schusswaffen.

Ein medizinischer Irrtum gilt, so schreiben die Autoren, als unbeabsichtigte Handlung. Er muss dem Patienten nicht schaden, kann aber eben auch tödliche Folgen haben. Irrtümer können auf individueller oder auf Systemebene geschehen. Zwar könne man Irrtümer nicht ausschalten, so die Autoren, aber man könne das Problem besser erfassen, um Maßnahmen zur Senkung von deren Häufigkeit und zur Minderung von deren Folgen zu entwickeln. In manchen Krankenhäusern würde zwar versucht, medizinische Irrtümer zu erfassen, aber das geschehe in den USA nicht konsequent und sei auch nicht vorgeschrieben.

Martin Makary, einer der Autoren, moniert: "Wir alle wissen, wie verbreitet dies ist. Wir wissen auch, wie selten dies offen diskutiert wird." Menschliche Irrtümer sind unvermeidlich, schreiben die Autoren, aber man müsse die Probleme erfassen, um die Vermeidung zu verbessern und aus Fehlern lernen zu können. So sollte auf dem Totenschein auch die Kategorie vorgesehen sein, dass der Tod durch die medizinische Behandlung erfolgt ist. Überhaupt würden medizinische Irrtümer nicht angemessen berücksichtigt. Das ist nachvollziehbar, wenn die Angehörigen des Berufsstandes, die für die Fehler verantwortlich sind, auch die negativen Folgen ihres Handelns herausstreichen sollen. (Florian Rötzer)