Drive-by-Killing in Thessaloniki

Costa Gavras: "Z"

Z von Costa-Gavras, wiedergesehen im Lichte der griechischen Schuldenkrise - Eine Reise durch die jüngere griechische Geschichte in drei Teilen

Und dann eines Sonntags der Ausflug mit dem Schiff Freude nach Ägina, der zum zweiten Mal von den Deutschen besetzten Insel, diesmal Touristen, während die Mütter politischer Gefangener darauf warteten, ihre Kinder sprechen zu können. Zwanzig im Gefängnis verbrachte Jahre, während die deutschen Touristen, in Shorts, den Photoapparat in der Hand - statt Stiefeln und Maschinenpistolen -, bewundernd die sinkende Sonne betrachteten.

Vassilis Vassilikos, Z

Monika Grütters, Kulturstaatsministerin, forderte bei der diesjährigen Verleihung des Deutschen Filmpreises mehr Mut zur Kunst und zu politisch relevanten Themen. Bei den Filmschaffenden mit dem Hang zur belanglosen Komödie stieß sie damit auf Ablehnung und Unverständnis. Was ist das eigentlich: ein politisch engagierter Film mit Kunstanspruch? Der Regisseur Costa-Gavras drehte von 1968 bis 1972 drei Filme mit Ives Montand, die zeigen, wie man ein explizit politisches Kino macht, ohne dabei langweilig zu werden, die Filmkunst zu verraten oder den Zuschauer zu bevormunden. Der erste von den dreien, Z, ist sehr aktuell, weil er uns daran erinnert, dass die griechische Staatskrise nicht nur wirtschaftliche Ursachen hat. Es gibt eine Vorgeschichte, in der ausnahmsweise nicht die Beutezüge des Dritten Reichs und die den Griechen vorenthaltenen Reparationszahlungen tragende Rollen spielen, sondern die Briten und die Amerikaner. Ganz ohne Nazis geht es aber trotzdem nicht.

Mit bunten Orden fängt es an. Protzig füllen sie die Leinwand. Zwei Stunden später werden wir sie wiedersehen. Sie werden an der gestärkten Uniformbrust hochrangiger Offiziere hängen, wenn uns der Film an einer der großen Utopien im Kino der 1960er teilhaben lässt. Ein Happy Ending à la Hollywood allerdings wird es nicht geben. Die Utopie zerschellt vielmehr am Zynismus der Macht und der Realpolitik. Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit, heißt es am Schluss des Vorspanns mit den Orden, sind nicht zufällig, sondern beabsichtigt. Erzählt wird eine wahre Geschichte.

Costa Gavras: "Z"

Am 22. Mai 1963 trat der überaus populäre Oppositionspolitiker Grigoris Lambrakis, Parlamentsabgeordneter der Vereinigung der Demokratischen Linken (alle anderen linken und linksliberalen Parteien waren in Griechenland verboten), in Thessaloniki bei einer Kundgebung für Frieden und Abrüstung als Redner auf. Danach wurde er Opfer eines Mordanschlags. Als er das Veranstaltungslokal verließ fuhr plötzlich ein dreirädriger, von Spiros Gotzamanis gesteuerter Kleinlaster auf ihn zu, obwohl die Polizei das Gelände weiträumig abgesperrt hatte. Auf der Ladefläche befand sich Manolis Emmanouilidis, der, wie sich später herausstellte, genauso zu einem rechtsextremen Geheimbund gehörte wie Gotzamanis. Im Vorbeifahren schlug Emmanouilidis dem Abgeordneten mit einem Knüppel auf den Kopf. Dieses von den Behörden zunächst als Verkehrsunfall mit Todesfolge deklarierte Attentat löste einen Politskandal aus, der den griechischen Staat auf ähnliche Weise erschütterte wie Watergate die USA. Z, einer der großen Politthriller aus der Zeit des Kalten Krieges, deckt die Hintergründe auf. Trotz seiner historischen Bezüge hat der Film - vergleichbar mit Hitchcocks Topaz - eine fast abstrakte, im Speziellen das allgemein Gültige suchende Qualität. Darum ist er in den letzten 50 Jahren kaum gealtert.

Im Weinberg der Faschisten

An Z beeindruckt, mit welchem Drive Costa-Gavras und seine Cutterin Françoise Bonnot diese Geschichte ausstatten, und welchen Sog sie dadurch entwickelt. Die dauernde Bewegung, unterstützt durch Raoul Coutard an der Kamera, ist ein Strukturmerkmal des Films. Obwohl nicht in jeder Szene linear erzählt, drängt er unaufhaltsam voran. Wahrscheinlich ist das ein Grund dafür, warum einem Z ein so positives Gefühl vermittelt, auch wenn er mit einer Antiklimax endet und Kontinuitäten aufzeigt, auf die ich gern verzichten könnte. Zuletzt habe ich hier bei Telepolis über eher statische NS-Propagandafilme mit Emil Jannings geschrieben und über Ilse Koch, die Gattin des Buchenwald-Kommandanten. Z, dachte ich mir, meiner unvollständigen Erinnerung vertrauend, müsste eine nette Abwechslung sein. Dynamik anstelle von altväterischem Dahergerede; keine Nazis; keine mir völlig unverständliche Form der Menschenverachtung; Mord zur Ausschaltung des politischen Gegners und also aus Motiven, die ich nicht billige, aber wenigstens nachvollziehen kann. Auch dieser schöne Traum scheiterte an der Wirklichkeit. Den Nazis entkommt man nicht so leicht. Das zeigt schon die erste Szene.

Costa Gavras: "Z"

Wir befinden uns in einem nicht näher bezeichneten Land im Mittelmeerraum. Der aus der Hauptstadt angereiste Staatssekretär hat das Ende seiner Ausführungen über den Schutz heimischer Reben vor Mehltau erreicht. Dreimal seien die Pflanzen mit einer chemischen Lösung zu besprühen, sagt er, und man wundert sich über die vielen Uniformen im Auditorium, bei diesem Vortrag über die Probleme der Landwirtschaft. Als jemand, der mit Heinz-Rühmann-Filmen aufgewachsen ist, und weil es um die jungen Triebe geht, erinnert man sich vielleicht vage an den Lehrer Brett in Die Feuerzangenbowle, der aus seinen Schülern gerade Bäume machen will, weil sie dann besser in Reih und Glied stehen können - so wie Jannings’ "Lange Kerls" in Der alte und der junge König.

Renate Rasp, die heuer verstorbene Tochter des großen Fritz (Der Schmale in Metropolis; Herr Schorin in Am grünen Strand der Spree; Veteran zahlreicher Edgar-Wallace-Filme), hat darüber ein Buch geschrieben, das 1967 für viel Empörung sorgte, weil es bei den durch das Dritte Reich geprägten Deutschen einen Nerv traf: In Ein ungeratener Sohn versucht ein Vater, seinen Stammhalter (!) durch Umerziehung in einen Baum zu verwandeln. Auch Jorge Semprún war vertraut mit der Vorliebe der Faschisten für solche Metaphorik aus dem Pflanzenreich und der Schädlingsbekämpfung. Als Gegner der Franco-Diktator war er ins französische Exil gezwungen worden, die Nazis hatten ihn von dort nach Buchenwald verschleppt, und als undogmatischer Linker war er kürzlich aus der spanischen Exil-KP ausgeschlossen worden, bevor er zusammen mit Costa-Gavras das Drehbuch zu Z schrieb. Mit totalitären Geisteshaltungen kannte er sich aus.

Der Mehltau, sagt der Staatssekretär, sei zur gleichen Zeit aufgetaucht wie eine ideologische Krankheit, von der die Menschheit befallen sei. Damit übergibt er das Wort an den Chef der Ordnungskräfte, der schon angefangen hat, sich zu langweilen. Der General kommt jetzt zur Sache und erläutert den Zuhörern, dass diese ideologische, von schädlichen Keimen und Parasiten ausgelöste Krankheit genauso bekämpft werden müsse wie der Mehltau. Schüler, Studenten und junge Arbeiter müssten besprüht werden wie die Reben, und der Militärdienst sei die beste Zeit, um einer Infektion des nationalen Baums der Freiheit durch den ideologischen Mehltau vorzubeugen. Es sei die Pflicht eines jeden Staatsdieners, die gesunden Elemente der Gesellschaft zu bewahren und die kranken zu heilen. Die Metapher vom Staatskörper, der vor (politischen) Krankheiten geschützt werden muss, werden wir im Laufe des Films noch mehrfach hören: bei der Versammlung einer rechtsextremen Organisation ebenso wie aus dem Mund der Schläger, die mit dem Knüppel auf Leute losgehen, für die im Weinberg der Faschisten kein Platz ist. "Geheilt" wird in diesem Staat mit brutaler Gewalt.

Der General hat auch etwas über das Phänomen der Sonnenflecken zu sagen. Diese hätten sich vervielfacht, seit "Ismen" wie Sozialismus, Anarchismus und Kommunismus auf der Welt seien. Gott weigere sich, den Roten Licht zu spenden. Seit dem Erscheinen von Beatniks, Provos und Pazifisten hätten Wissenschaftler eine weitere Zunahme der Sonnenflecken festgestellt. Und heute Abend plane der Feind eine Kundgebung in der Stadt. Da man in einer Demokratie lebe, werde man die Veranstaltung nicht verbieten. Man werde aber auch eine Gegendemonstration nicht unterbinden. Die Gegendemonstranten seien die Antikörper, die man brauche, um den Staat gesund zu erhalten und den ideologischen Mehltau abzuwehren.

Der politische Gegner als Krankheitserreger? Sonnenflecken als wissenschaftlicher Beweis für die Gottlosigkeit von Roten, Hippies und Beatniks? Geht’s noch? Pierre Dux, der Darsteller des Generals, sagte damals in einem Interview, er habe gezögert, einen solchen Heuchler und Widerling zu spielen, dann aber doch seinen Spaß gehabt, weil er sich mit Costa-Gavras darauf verständigt habe, ihn als ein wenig naive und auch komische Figur anzulegen. Er wirkt echt betroffen, als er sagt, dass Gott die Roten im Dunkeln stehen lässt. Im Kontext des Films macht das den General noch gruseliger, weil der Mann ungehindert als Chef der Polizei amtieren kann, statt wegen Gehirnerweichung aus dem Verkehr gezogen zu werden.

Costa Gavras: "Z"

Am Ende applaudiert das Publikum, als hätte es den Ausführungen eines großen Denkers gelauscht, und der General dankt mit dem Gruß der Faschisten. So etwas kennt man aus der deutschen Vergangenheit. Heinrich Himmler war ein Anhänger der Welteislehre (das mit den Sonnenflecken passt da gut hinein), träumte von der Züchtung des Urgermanen und glaubte an den Donnerkeil als technologische Superwaffe arischer Übermenschen. Adolf Hitler legte mit Mein Kampf ein Kompendium des gesammelten Schwachsinns vor, was immer für einen Lacherfolg sorgte, wenn Helmut Qualtinger später daraus vorlas. Trotzdem fungierte der eine als Chef der SS und der Polizei, und dem anderen jubelten die Deutschen als ihrem Führer zu. Hinterher zählte man die Opfer.

Innere Sicherheit

Die vom General erwähnten Feinde nennen sich "Freunde des Friedens" und treten für eine atomwaffenfreie Mittelmeerregion ein. Bei einer für den Abend geplanten Veranstaltung soll "der Doktor" sprechen, der im echten Leben Grigoris Lambrakis hieß und im Film ohne Namen bleibt, weil Costa-Gavras zwar eine wahre Geschichte erzählt, dies jedoch ohne Nennung der historischen Vorbilder, um die Perspektive nicht auf einen bestimmten Ort und einen bestimmten Personenkreis zu verengen. So hatte es schon Vassilis Vassilikos in der Romanvorlage gehalten, wo die Vertreter eines mit Keulen operierenden Regimes "Archegosaurus" oder "Mastodon" heißen. Ziel war es, aus den zur Verfügung stehenden Fakten das Modellhafte zu destillieren, den Mechanismus, der bei solchen Ereignissen in Gang gesetzt wird, unabhängig vom jeweiligen Gesellschaftssystem. Wenn man die überlieferten Reaktionen des Publikums zum Maßstab nimmt, gelang das sehr gut. Zuschauer in aller Welt (der Film wurde ein internationaler Erfolg, was die Reaktionäre furchtbar ärgerte) glaubten, auf der Leinwand einen General aus ihrem Land wiederzuerkennen.

Costa Gavras: "Z"

Bernard Fresson, den man vorher in einer kleinen, aber feinen Rolle in Alain Resnais’ wunderbarem Je t’aime, je t’aime hatte sehen können, spielt den Anwalt Matt, einen Aktivisten im Organisationskomitee der Freunde des Friedens. Matt erfährt von Herrn Bozini, dem Besitzer des für die Veranstaltung angemieteten Saales, dass dieser von der Vereinbarung nichts mehr wissen möchte. Bozini wurde unter Druck gesetzt, hat so viel Angst, dass er die Quittung für die Vorauszahlung verschlucken will und rettet sich in billige Ausflüchte. "Wer steckt dahinter?", fragt Matt. "Was ist der wirkliche Grund?" Die Antwort gibt der Film. Bozini schaut kurz hinüber zum rechten Bildrand. Da steht ein Mann mit Sonnenbrille. Bevor sich der Mann aus der Einstellung stiehlt bleibt noch Zeit für einen Blick auf die Zeitschrift, die er zu lesen vorgibt. Es ist die Ausgabe des Look-Magazins vom 28. Mai 1968, mit einer Titelgeschichte über "America’s Concentration Camps".

Der Artikel handelt vom Internal Security Act, auch als McCarran Act bekannt. Senator Pat McCarran, ein Rechtsaußen der Demokratischen Partei, war einer der wichtigsten Verfechter dieses 1950 verabschiedeten Sicherheitsgesetzes, das die Rechte politisch Andersdenkender beschnitt, um die Freiheit zu schützen, damals gegen den Kommunismus. Auch wenn die USA nicht mit dem Dritten Reich zu vergleichen sind: Der Internal Security Act war einer Demokratie nicht würdig. Man kann da schon mal an Orwells 1984 denken, oder an die "Schutzhaft" der Nazis. Peter Watkins hat daraus einen beklemmenden Film gemacht. In Punishment Park (1971) nützt Richard Nixon den McCarran Act, um den Rechtsstaat auszuhebeln und Gegner des Vietnamkriegs sowie andere Dissidenten in eine modernisierte Form von Konzentrationslager sperren zu lassen.

Costa Gavras: "Z"

Der Mann mit der Sonnenbrille ist unschwer als CIA-Agent zu erkennen. Als Kinozuschauer weiß man, dass CIA-Agenten eine Sonnenbrille tragen. Costa-Gavras verwendet populäre Muster und manchmal auch ein paar Klischees, weil er ein möglichst breites Publikum erreichen will, geht aber sehr innovativ mit den Regeln des Thrillers um. So entsteht ein vielschichtiger Film, der nur auf den ersten Blick so wirkt, als würde da mit eher schlichten Schwarz-Weiß-Mustern gearbeitet. Z bezieht seine Spannung nicht aus der Suche nach einem Mörder. Die Frage ist vielmehr, wie der Mord begangen wurde und ob die Schuldigen zur Rechenschaft gezogen werden. Nicht verantworten muss sich, das kann man gleich verraten, der US-Agent, obwohl er und seine Auftraggeber offenbar im Hintergrund die Fäden ziehen. Z bleibt da ganz realistisch, konzentriert sich auf die Inländer und weist doch darauf hin, dass die Griechen nicht allein für den Schlamassel verantwortlich sind, in dem sie stecken. Denn natürlich geht es, bei aller Abstraktion, auch um Griechenland.

Heilige Hellenen

Die Rede ist hier jetzt von der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und nicht von der Antike, nicht von den alten Griechen und vom Demos, der Polis, oder was der Gebildete sonst noch an Fremdwörtern in die Debatte wirft, wenn es um aktuelle Krisen geht. Wenn deutsche Fernsehsender ihre Leute nach Griechenland schicken, nehmen diese wie unter Zwang Aufstellung vor der Akropolis, um in der Anmoderation über die "jahrtausendealte Demokratie", Athen als die "Wiege der Demokratie" und dergleichen zu referieren, als hätte das etwas mit den gerade zu lösenden Problemen zu tun. Vom griechischen Schuldenberg führt aber so wenig ein Weg in das Athen von Platon und Sophokles, wie es eine institutionelle Kontinuität zwischen der vor 2500 Jahren praktizierten Form der Demokratie und demokratisch verfassten Staaten unserer Tage gibt.

Gegen den Zwang zum Verweis auf das antike Griechenland scheint niemand gefeit. Ein im Guardian veröffentlichter Aufruf von Intellektuellen gegen die Politik der Eurozone endet mit diesem schönen Satz: "Der Ort, an dem die Demokratie geboren wurde, gibt Europa die Gelegenheit, das Bekenntnis zu seinen Idealen im 21. Jahrhundert zu erneuern." Klingt gut. Nur: Was macht man jetzt damit? Bringt es uns weiter, wenn wir den - leicht wabernden - Geist der Akropolis beschwören, vielleicht garniert mit einem Bild des notorisch fremdgehenden Göttervaters Zeus, der sich in einen Stier verwandelt, um die junge Königstochter Europa zu entführen und anschließend zu vergewaltigen? Wo bleibt der Erkenntnisgewinn über das von den Gegnern der ewigen Sparerei beklagte Demokratieversagen? Hilft einem die Akropolis dabei, sich von Ökonomen, Finanzministern und EU-Technokraten zu emanzipieren, oder stärkt es deren Meinungshoheit, wenn wieder ein deutscher Moderationsroboter vor der durch die Vereinnahmung von allen Seiten in die Beliebigkeit entschwundenen Ruine steht, um den nächsten Beitrag aus dem Segment für Verelendungspornographie anzukündigen? Warum zur Abwechslung nicht mal über den Staat namens Griechenland reden, der durch das Londoner Protokoll vom 3. Februar 1830 ins Leben gerufen wurde (nicht irgendwann in grauer Vorzeit), statt dauernd die Akropolis-Keule aus dem Sack zu holen? Das hätte den Vorteil, dass es den Blick auf die heute in diesem Staat lebenden Menschen lenken würde (Platon darf man trotzdem lesen) und ein wenig von dem historischen Bewusstsein schaffen könnte, ohne das man meistens nicht versteht, was gerade so passiert.

Das zu konstatierende Demokratieversagen beginnt nicht mit unzureichend legitimierten, demokratische Verfahren aushebelnden Entscheidungen von Eurogruppe, IWF und EZB, und die Rückbesinnung auf die Antike - in der ich persönlich nicht würde leben wollen, weil ich mit ziemlicher Sicherheit ein Sklave wäre - erklärt auch nicht viel. Bleiben wir lieber bei diesem General in Z. Das Vorgehen gegen den "ideologischen Mehltau" rechtfertigen er und seine rechtsextremen Handlanger damit, dass man die Religion und den König schützen müsse. Hier ist die Information ganz hilfreich, dass rechtsgerichtete Generäle Anfang der 1950er den "Heiligen Bund hellenischer Offiziere" (Idea) gründeten, um die Monarchie zu erhalten und zu fördern. Das hatte die Monarchie auch dringend nötig, denn bei den griechischen Zivilisten war sie eher unbeliebt. Allerdings schützte der Bund den König auf Kosten der Demokratie (in Griechenland ohnehin ein zartes Pflänzchen) - durch Wahlfälschungen beispielsweise, und indem man die Opposition an der Ausübung ihrer Rechte hinderte.

Costa Gavras: "Z"

Das geht etwa so: Der Oberst, Chef der Sicherheitsorgane in der Stadt, setzt eine scheinheilige Miene auf, als er dem Doktor (alias Lambrakis) und seinen Freunden erklärt, dass er politisch völlig neutral sei, einen geeigneten Saal für die Versammlung der Atomgegner aber leider nicht freigeben könne - wegen baurechtlicher Mängel, die bisher keinem aufgefallen sind. Costa-Gavras kommentiert das mit einem Kameraschwenk nach oben, bis die unteren Enden von zwei Bilderrahmen sichtbar werden, die dort über der Welt hängen. Die Neugier des Zuschauers ist also geweckt, wenn nun Yves Montand dort hinauf blickt, während der Oberst über seine "politische Neutralität" redet. Im Gegenschuss sehen wir die Bilder eines Mannes und einer Frau, nur dass Raoul Coutard jetzt das Licht so eingerichtet hat, dass man die Gesichter nicht erkennen kann, weil Costa-Gavras seinem Verfahren treu bleibt, historische Personen durch das Publikum identifizieren zu lassen, das in diesen Film ein wenig an eigener Denkarbeit investieren muss, um den politischen Implikationen folgen zu können (die Kriminalgeschichte versteht man auch ohne diese Eigenleistung). Was sind das da für Leute?

Costa Gavras: "Z"

Vergessen wir die üblichen Verdächtigen aus der griechischen Mythologie, König Kreon von Theben etwa, oder seinen Kollegen König Laios, den Vater von Ödipus. Dann hat man es schnell raus, selbst wenn man das Paar noch nie zuvor gesehen hat. Im Kontext des Films kann es sich nur um den König und die Königin von Griechenland handeln, um Paul I. (ein Neffe von Kaiser Wilhelm II. und Träger des Bayerischen Verdienstordens) und seine Gemahlin Friederike von Hannover, eine Enkelin von Wilhelm II. Eines ihrer drei Kinder, Sophia, ist die Mutter des aktuellen Königs von Spanien. Nein, keine Angst. Das soll kein Ausflug in die Welt der Boulevardmagazine werden, wo adeligen Schickimickis gehuldigt wird, als sei es ein Verdienst, Geld und ein paar Inzestprobleme geerbt zu haben. Es bringt uns vielmehr zu der Frage: Warum hatten die Griechen in den 1960ern einen König, wir hingegen keinen Kaiser mehr?

Friederike von Hannover und Paul I.

Warum hängt ein König an der Wand?

Die simple, und somit stark vereinfachte Antwort ist diese hier: Weil es nach dem Zweiten Weltkrieg günstiger war, ein besiegter Eroberer zu sein als das Opfer deutscher Raubzüge und weil in Griechenland nicht die republikanisch eingestellten Amerikaner die künftige Staatsform bestimmten wie bei den Deutschen (West), sondern die der Monarchie sehr zugetanen Briten (der Griechenkönig Georg II. und sein brüderlicher Nachfolger, besagter Paul I., waren auch mit Königin Victoria verwandt). Letzteres ist verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Griechenland doch eigentlich kein Kriegsverlierer, sondern ein souveräner, von der Naziherrschaft befreiter Staat war. Solche Bevormundungen aber hatten da bereits eine lange Tradition.

Als Alternative zum "Schon die alten Griechen …"-Ansatz bietet sich der Blick auf das Jahr 1821 an. Damals revoltierte ein Teil der (in sich zerstrittenen) Griechen gegen die osmanischen Besatzer und kämpfte für die Errichtung einer unabhängigen Republik. Bis 1825 neutralisierten sich die Kriegsparteien. Dann schickte der Herrscher von Ägypten Truppen, weil der Sultan des Osmanischen Reiches versprochen hatte, ihm die eroberten Gebiete zu überlassen. Das wollten Frankreich, Russland und Großbritannien unbedingt verhindern. Zur Wahrung ihrer finanziellen und strategischen Interessen stellten sie eine Flotte zusammen, die den türkisch-ägyptischen Streitkräften 1827 bei der Schlacht von Navarino die entscheidende Niederlage beibrachte.

Der Sultan musste schließlich die griechische Unabhängigkeit anerkennen. Von der Idee eines republikanischen Griechenland allerdings hielten die europäischen Großmächte gar nichts, wegen der Ansteckungsgefahr. Um einer Ausbreitung des republikanischen Gedankens in Europa vorzubeugen einigten sie sich im Londoner Protokoll von 1830 darauf, dass der neue Staat eine Monarchie sein sollte. Unterstützt wurden sie von den Teilen der griechischen Gesellschaft, die bestrebt waren, ihre unter osmanischer Besatzung genossenen Privilegien zu sichern: von reichen Kaufleuten beispielsweise, von noch reicheren Reedern und auch von der orthodoxen Kirche, die derzeit gegen den vielfach geforderten Aufbau eines Katasteramtes opponiert, weil sie als zweitgrößte Grundbesitzerin des Landes (nach dem Staat) ordentlich Steuern zahlen müsste. Da richtet man doch lieber Suppenküchen ein und erfreut die Armen mit einer milden Gabe.

Offiziell aus der Taufe gehoben wurde das Königreich Griechenland bei der Londoner Konferenz von 1832, mit Athen als Hauptstadt. Jetzt musste noch ein König her. Bloß kein Grieche!, dachten sich die Europäer. Weil Prinz Leopold von Sachsen-Coburg und Gotha abgelehnt hatte (er wollte lieber König von Belgien werden), setzten die Großmächte Prinz Otto von Bayern auf den Thron. Mit einem Wittelsbacher konnten die Russen genauso leben wie die Franzosen und die Briten. Und weil natürlich auch die künftigen Untertanen gefragt wurden, durfte deren Nationalversammlung das Ganze absegnen. Die undankbaren Griechen allerdings, die für eine Republik ihr Leben riskiert hatten, waren verbittert. Schon früher mit schönen Privilegien ausgestattete Familienclans hingegen fanden einen importierten König gut, weil sie sich von einem solchen Monarchen Vorteile versprachen. Ein Fremder, so das Kalkül, kannte die Verhältnisse nicht und würde an den korrupten, nicht dem Land, sondern seinen Eliten nützenden Strukturen wenig ändern. So falsch war das nicht.

Für die griechische Sache enthusiasmiert

In Deutschland wird gern behauptet, dass die Griechen heute eine funktionierende Verwaltung hätten und alles gut wäre, wenn sie König Otto und seine aus Bayern mitgebrachten Fachleute nur hätten machen lassen. Man kann es auch anders sehen. Otto war der Sohn des Griechenland-Fans Ludwig I., dem München den - von den Nazis für ihre Aufmärsche missbrauchten - Königsplatz verdankt. Nehmen wir also an, dass er mit den besten Absichten in die Ägäis fuhr. Aber das Gegenteil von gut ist bekanntlich gut gemeint. Otto stützte sich auf dieselben korrupten Familien- und Nepotismuskasten wie vor ihm die Osmanen, verordnete seinen Untertanen ein Erziehungsprogramm, das sich an philhellenischen Idealen orientierte statt an der Wirklichkeit und war von den Krediten fremder Mächte abhängig, die ihre eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen verfolgten.

Dem Absolutismus war der König deutlich mehr zugetan als einer Verfassung mit garantierten Bürgerrechten, die ihm das Staatsvolk mühsam abtrotzen musste. Die innere Zerrissenheit des Landes versuchte er mit (geliehenem) Geld zu kitten. Aufmüpfige Freiheitskämpfer, die von den aus Bayern mitgebrachten Soldaten nicht zu besiegen waren, wurden als Staatsbedienstete angestellt oder mit gut dotierten Posten in der Armee versorgt. Zeitweise war jeder zehnte Soldat ein Offizier, und weil jedes Grüppchen dieselben Vorteile wollte wie die anderen, standen bald 70 Generäle auf der Gehaltsliste.

Am Ende ging die Sache schief. Nach Aufständen und einem Militärputsch sah sich Otto I. 1862 zum Abdanken gezwungen. Er hinterließ bayerisches Bier, einen Schuldenberg, einen aufgeblähten Beamtenapparat und eine furchtbar teure Armee. Das als Hinweis an gewisse CSU-Politiker, die im deutschen Fernsehen über "die Griechen" schwadronieren, die scheinbar von Natur aus faul und korrupt sind. Man braucht keinen Ausflug in die Völkerkunde, um zu verstehen, warum der griechische Staat so ist, wie er sich uns heute darstellt. Griechenland ist nicht korrupt, weil die Bevölkerung korrupt ist, sondern weil es jahrhundertelang fremdbestimmt war und sich die jeweiligen Herrscher auf korrupte, meist auch noch unfähige Geld-, Polit- und Militäreliten stützten. Das war der ideale Nährboden für das Entstehen eines verkrusteten Klientelsystems, das sich den Staat zur Beute machte. Bayern war da ganz vorne mit dabei. Ob es die Griechen, nach der Revolution sich selbst überlassen, besser gemacht hätten, weiß ich nicht. Interessanter ist die Frage, wie man die Vetternwirtschaft in einen modernen Staat mit einer funktionierenden Verwaltung transformieren kann. Das ist ein Generationenprojekt. Wer denkt, dass Alexis Tsipras oder ein anderer Ministerpräsident es in drei Jahren schaffen kann, bis zum nächsten Hilfsprogramm, verwechselt ihn mit Herakles, den Schirmherrn der Paläste.

Als echter Wittelsbacher entwickelte Otto I. eine rege Bautätigkeit. Eines der teils mit Geld aus Bayern und teils auf Pump errichteten Gebäude kennt jeder Fernsehzuschauer. Neben der Akropolis ist es das beliebteste Hintergrundmotiv der deutschen TV-Korrespondenten, weil jetzt das Parlament dort untergebracht ist. Meiner Beobachtung nach präferiert das ZDF das Parlament, während sich die durch den Bayerischen Rundfunk vertretene ARD zur Akropolis hingezogen fühlt (mit gelegentlichen Abstechern zum Parlamentsgebäude). Es wäre unfair, den aus dem Freistaat entsandten Reportern zu unterstellen, dass sie sich für den Burgberg in Athen entschieden haben, weil sich aktuelle Griechenland-Klischees unbeschwerter verbreiten lassen, wenn man vor so einer antiken Ruine steht. Umgekehrt könnte man ihnen nämlich vorwerfen, dass sie vor dem Parlamentsgebäude Stellung beziehen, weil sie ihren Informationsauftrag nur erfüllen können, wenn ein München-Bezug gegeben ist, es also schon wieder mehr um die Bayern geht als um die Griechen.

Über solche Standortfragen müssten wir heute gar nicht reden, wenn man dem ursprünglichen Plan Karl Friedrich Schinkels gefolgt wäre, das schmucke Schloss, das so ein König natürlich haben muss, auf die Akropolis zu bauen (die Idee stammte vom preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dem Vater von Kaiser Wilhelm I.). Doch daraus wurde nichts. Die ersten Entwürfe für das jetzige Parlamentsgebäude lieferte Leo von Klenze, der Hofarchitekt von Ludwig I., für den Klenze und sein Konkurrent Friedrich von Gärtner München zum "Isar-Athen" umgestalteten. Eigentlich ist das eine ganz lustige Idee. Man baut die bayerische Hauptstadt im Stil der alten Griechen um und stellt den neuen Griechen (denen des Jahres 1836, als Otto I. den Grundstein legte) einen klassizistischen Palast hin, in dem dann ein aus Bayern eingeführter König residiert. Nicht amüsiert waren die Untertanen (zumindest die Republikaner unter ihnen), weil das Palais das Selbstverständnis eines Monarchen repräsentieren sollte, den sie nie gewollt hatten. Die undankbaren Gesellen.

Auch König Otto bekam nicht, was er sich gewünscht hatte. Finanzierungsprobleme, Sachzwänge und (Münchner) Intrigen führten zur Ausbootung Leo von Klenzes. Erledigt wurde der Schlossbau schließlich von Friedrich von Gärtner, der die Aufgabe mit dem ihm eigenen Pragmatismus anging und sich durch die Begegnung mit dem real existierenden Griechenland nicht aus dem Konzept bringen ließ. Wer griechische Politiker nicht mag darf frohlocken. Sie sitzen jetzt beim Verabschieden der von Brüssel und Dr. Schäuble verlangten Spar- und Reformpakete nicht in dem künstlerisch weit anspruchsvolleren, von den örtlichen Gegebenheiten inspirierten Palais, das Klenze gern errichtet hätte, sondern in einem vor allem durch seine Nüchternheit charakterisierten Bau, der für Friedrich Stauffert, damals eine Art Stadtbaurat von Athen, mehr Fort als königliche Wohnung war, "die Residenz eines Fürsten […], in dessen Land immer Winter herrscht." Leo von Klenze war frustriert. "Wie innig habe ich Griechennarr […] mich für diese griechische Sache enthusiasmiert […]", schreibt er in seinen Memorabilien, "und was ist daraus geworden? Der König von Bayern, der König Otto und alle seine Leute, welche nach Griechenland gesendet worden sind, sind nach und nach verbraucht, bloßgestellt, das Land in Verwirrung gebracht, ich selbst als Künstler mit meiner Wirksamkeit in Hellas einer Ersparung […] aufgeopfert."

Vom "Ochi" zur Großen Troika

Nachdem die verwirrten Griechen König Otto aus dem Land geworfen hatten zog Prinz Wilhelm von Dänemark in das winterliche Schloss mit den "unheimlichen Korridoren", über die sich Stauffert gegruselt hatte. Ihn hatten die Großmächte zum neuen König bestimmt. Für Griechenland war das auch nicht unbedingt ein Segen, aber wenigstens wurde so etwas wie Stabilität erreicht, weil der Prinz als Georg I. eine - wenngleich eher kurzatmige - Dynastie begründete. Georg I. ist ein Vorfahre des ehemaligen Konstantin II., der heute mit einem dänischen, auf Constantino de Grecia ausgestellten Pass in London lebt und immer noch denkt, dass er der König von Griechenland ist. Fans des europäischen Hochadels sollten nicht zu enttäuscht sein. Der Mann darf sich auch "Seine Majestät König Konstantin II. von Griechenland, Prinz von Dänemark" nennen, aber nur außerhalb von Griechenland.

Wer ins Ausland transferierte Vermögen sucht, um sie zur Linderung der Schuldenkrise heranzuziehen: Der ehemalige König der Hellenen profitierte vom Beitritt seiner früheren Untertanen zur Europäischen Union. 2000 sprach ihm der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine (teilweise) Entschädigung für seine vom griechischen Staat enteigneten Ländereien zu, nachdem er mit einer Klage vor dem griechischen Verfassungsgericht gescheitert war. Weggenommen hatten sie ihm die 1967 putschenden Obristen, die erst seine Bundesgenossen waren und dann seine Feinde, weil er einen Gegenputsch angezettelt hatte. Die Zeit berichtete damals, dass die neuen Machthaber ein Hauptschloss und sieben kleinere Residenzen einkassiert hatten, drei Jagdhütten, zwei Luxusjachten und 85 Kraftfahrzeuge (darunter zwei Rolls-Royce), und die jährliche Apanage in Höhe von umgerechnet 2,6 Millionen Mark zahlten sie ihm auch nicht mehr, seit er ins Ausland geflüchtet war. Der Monarch musste sich jetzt Sorgen machen, ob er ein längeres Exil standesgemäß durchhalten konnte. Der arme Mann.

Seine Majestät und mehr noch Seiner Majestät Vater, König Paul I. (das ist der, der - in Z - beim Oberst an der Wand hängt), haben damit zu tun, dass es vielen republikanisch gesinnten, mit der Geschichte ihres Landes vertrauten Griechen sauer aufstieß, als nach ihrem Hilfsantrag von 2010 plötzlich das Wort von der "Troika" durch die Medien spukte, die sie nun retten werde. Zwei von drei Mitgliedern der "Großen Troika" des Zweiten Weltkriegs, Winston Churchill und Josef Stalin (der Dritte im Anti-Hitler-Bund war Franklin D. Roosevelt), einigten sich in einem geheimen Abkommen darauf, dass das noch zu befreiende, seit 1941 von deutschen, italienischen und bulgarischen Truppen besetzte Griechenland in einem neu zu ordnenden Europa zur britischen Einflusssphäre gehören sollte. Bald danach stellte sich heraus, dass damit schon wieder über die Köpfe der Griechen hinweg bestimmt worden war, in was für einer Art von Staat sie leben sollten.

Weil - nicht immer, aber oft - alles mit allem zusammenhängt sei hier noch daran erinnert, wie es zur Besetzung durch Nazi-Deutschland kam. 1940 forderte Mussolini, im neutral gebliebenen, vom Diktator Ioannis Metaxas regierten Griechenland Truppen stationieren und von dort auch gegen andere Länder operieren zu dürfen; andernfalls würde er sich das Recht dazu einfach nehmen. Am 28. Oktober sagte Metaxas sinngemäß "Nein" (Ochi) zu dem Ultimatum. Das bedeutete Krieg. Mussolinis Truppen griffen von Norden her an, die Bevölkerung empfing sie mit lauten "Ochi"-Rufen, die Italiener holten sich eine blutige Nase. Nach der militärischen Niederlage seiner Verbündeten sah sich Hitler gezwungen, selbst in Griechenland einzumarschieren. Das verzögerte den Russland-Feldzug, mit für das Dritte Reich fatalen Konsequenzen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der 28. Oktober zum nationalen Feiertag erklärt. Er ist der zweitwichtigste nach dem Unabhängigkeitstag (25. März, zum Gedenken an die Befreiung von den Osmanen). Mit dem Ochi-Tag können sich auch die Nicht-Faschisten identifizieren, weil da nicht der faschistische Diktator Metaxas gefeiert wird (oder nur von dessen Anhängern), sondern ein stolzes Griechenland, das seine Würde und seine Selbstbestimmung verteidigt und "Nein" zu unannehmbaren Forderungen des Auslands sagt. Wer meint, dass der Text des von Tsipras angestrengten Referendums zu den Sparplänen der Eurogruppe unverständlich war hat völlig recht und liegt doch total daneben. Inhalte haben gegen Symbolik einen schweren Stand. Tsipras wäre schön blöd gewesen, wenn er seine Landsleute nicht zu einem "Ochi" aufgerufen hätte - unabhängig davon, wozu sie "Ja" oder "Nein" sagen sollten. Durch das mehrheitliche "Ochi" der Wähler (Symbolik) wurde es für ihn leichter, in Brüssel "Ja" zu den Forderungen der Gläubiger (Inhalte) zu sagen. Das ist gar nicht so paradox, wie es zunächst erscheinen mag. Schwierig wird es, wenn man aus den Höhen der Symbolik in die Niederungen der Politik und der Reformprogramme hinabsteigen muss.

Monarchisten gegen Republikaner

Wir wissen jetzt, warum ein Prinz aus Bayern und seine Gattin, Amalie, Herzogin von Oldenburg, König und Königin von Griechenland wurden und warum die griechischen Volksvertreter in einer Trutzburg mit unheimlichen Korridoren sitzen. Wir wissen nicht, warum es im traditionell republikanisch eingestellten Griechenland 1963, als Grigoris Lambrakis ermordet wurde, noch immer eine Monarchie gab, die der Chef der Ordnungskräfte verteidigen will, indem er Andersdenkende mit einem Pflanzenschutzmittel besprüht (ob er wohl von Dow Chemical beliefert wird, dem Hersteller von Agent Orange?). An dieser Stelle sollte man sich ins Gedächtnis rufen, dass die Gründer der Werte- und Solidargemeinschaft namens Europäische Union unter dem Eindruck der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts standen, als sie die Idee vom "gemeinsamen Haus Europa" entwickelten (nicht von einer Ruine auf einem Hügel in Athen). Die Griechen hatten nach dem zweiten dieser Kriege wieder einmal Pech.

Wer ein Datum für den Beginn der griechischen Nachkriegsgeschichte haben will könnte es mit dem April 1944 versuchen. Unter den griechischen Streitkräften, die im von den Briten kontrollierten Ägypten stationiert waren, gab es damals eine Revolte. Die absehbare Niederlage des Dritten Reiches hatte eine Debatte darüber ausgelöst, wie die Griechen ihr Land gestalten sollten. Die Meuterer in der von reaktionären bis rechtsradikalen Monarchisten dominierten Armee forderten die Abdankung der (königstreuen) Exilregierung und die Ausrufung der Republik. Der britische Premierminister war jedoch der Meinung, dass Griechenland nach seiner Befreiung zur konstitutionellen Monarchie zurückkehren müsse, um den ihm zugedachten Platz in der Nachkriegsordnung einnehmen zu können. Winston Churchill ließ die Meuterei niederschlagen und Tausende griechischer Soldaten internieren.

Sehr sensibel war das nicht von Churchill. Mit der Monarchie verhielt es sich wie mit vielen Dingen, die einem Land von außen aufgezwungen werden: Sie hatte die Griechen mehr getrennt als vereint, und 1924 war sie durch ein (allerdings dubioses) Referendum abgeschafft worden. 1935 hatten die Royalisten den exilierten Georg II. zurückgeholt, und dieser hatte den von 1936 bis 1941 regierenden General Metaxas unterstützt, der zwar Mussolini die Stirn geboten hatte, aber eben ein Diktator war. Das Königshaus war deshalb extrem unbeliebt. Anfangs war sogar die EDES in ihrer Mehrheit republikanisch gesinnt, eine konservative, nach der Invasion der Achsenmächte gegründete Widerstandsorganisation. Ungleich größer und bedeutender war die Nationale Befreiungsfront (EAM). Die rund 1,5 Millionen Mitglieder der antimonarchistischen, in allen Schichten der griechischen Gesellschaft verankerten EAM wurden später pauschal als kommunistische Terroristen verunglimpft. Tatsächlich war die EAM sehr breit gefächert. Politisch deckte sie ein Spektrum ab, das von stalinistisch bis linksliberal reichte. Das Land war tief gespalten, der Frontverlauf sehr unübersichtlich. Die etwa 50.000 Partisanen der Volksbefreiungsarmee ELAS (der militärische Arm der EAM) kämpften gegen die Besatzer, gegen die von der Marionettenregierung in Athen aufgestellten Sicherheitsbataillone, gegen die rechtsextreme "Organisation X" und auch gegen die EDES, die zeitweise mit den Deutschen kollaborierte und dann von den Briten unterstützt wurde, nachdem sich ihre Führung (heimlich) zur Monarchie bekannt hatte.

Nach der Kapitulation des Dritten Reichs lösten die Alliierten die deutsche Wehrmacht auf, was nach der Wiederbewaffnung keine echte "Stunde Null" ermöglichte, aber doch den Aufbau einer Bundeswehr erleichterte, die sich trotz unguter Kontinuitäten zu etwas entwickelte, vor dem Demokraten keine Angst haben müssen. In Griechenland machte man mit dem weiter, was da war. In der Vorkriegszeit hatte der eng mit dem Palast kooperierende Diktator Metaxas die Republikaner unter den Offizieren aus der Armee entfernt. Diejenigen von ihnen, die es nach der Invasion nach Ägypten schafften, wurden unter britischer Oberaufsicht wieder eingesetzt, weil es den griechischen Streitkräften an gut ausgebildetem Personal mangelte. Aber nach dem Krieg war die Armee weniger durch im Kampf erlittene Verluste geschrumpft als vielmehr dadurch, dass man die liberalen Elemente erneut aus ihr entfernt hatte. Diese nun wieder stramm rechtsgerichtete, von monarchistischen Kommunistenhassern dominierte Armee traf auf die Kämpfer der linken EAM, die schon vor dem Abzug der Deutschen große Teile des Landes unter ihre Kontrolle gebracht und dort eigene Verwaltungsstrukturen gebildet hatte.

Bei den Historikern gibt es hier zwei Denkschulen. Die eine berichtet von einer Graswurzelbewegung, aus der heraus die Linken eine echte parlamentarische Demokratie geschaffen hätten. Die andere hält das für eine unzulässige Verklärung der Wirklichkeit und wendet ein, dass sich am Ende die Stalinisten durchgesetzt und aus Griechenland eine Diktatur nach sowjetischem Vorbild gemacht hätten. Beides bleibt graue Theorie, weil Churchill eigene Pläne hatte und diese in der Praxis nun auch durchsetzte. Die Linken sollten das Erkämpfte aufgeben, obwohl sie eigentlich die Sieger waren. Die wichtige Positionen bekleidenden EAM-Leute wurden vorerst von den argwöhnisch beäugten Briten abgelöst, was selten harmonisch verlief. Es gab schwere Kämpfe mit Toten und Verwundeten.

Unter Georgios Papandreou wurde eine provisorische Regierung der nationalen Einheit gebildet, der aus dem Exil heimgekehrte Politiker genauso angehörten wie Vertreter der EAM. Diese Regierung zerbrach unter anderem daran, dass man sich nicht über den Aufbau einer neuen Armee verständigen konnte. Die EAM wollte einer Entwaffnung ihrer Kämpfer nur zustimmen, wenn auch die aus Ägypten zurückgekommenen Streitkräfte ihre Waffen abgaben. Als die Verhandlungen gescheitert waren, zog sie am 1. Dezember 1944 ihre Minister aus der Regierung ab und rief für den 3. Dezember zu einer Kundgebung in der Innenstadt von Athen auf. Dort gingen britische Truppen gewaltsam gegen Demonstranten vor; unterstützt wurden sie von griechischen Polizei- und Sicherheitskräften, die zuvor mit den Nazis kollaboriert hatten. Das war der Auftakt zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit Hunderten von Toten.

Keine Demokratie in unserem Sinne

Seit griechische Politiker Motorrad fahren und präpotente Auftritte hinlegen, in denen sie die Malaise ihres Landes mit nicht geleisteten Reparationszahlungen vermengen, ist es in deutschen Mainstream-Medien üblich geworden, dem Bild von Griechenland als Urlaubsparadies und Pleitestaat eine Facette hinzuzufügen, in der es um die Verbrechen der SS und der Wehrmacht geht. Vor der Sommerpause reiste Reinhold Beckmann als ARD-Reporter in die Ägäis. Zu sehen gab es Urlauber am Strand; Operettensoldaten vor dem Parlament; reiche Steuerhinterzieher; Varoufakis als Popstar; Frauen, für die Schäuble ein SS-Mann ist; das Elend der kleinen Leute. Und zwischendurch fuhr der Reporter nach Distomo, um eine Überlebende des dort begangenen Massakers bei der Hand zu nehmen und sich die Schädel der Ermordeten zeigen zu lassen. Was bei so etwas herauskommt ist ein Betroffenheitsjournalismus, der für ein paar feuchte Taschentuchmomente gut ist und letztlich so wenig einen Erkenntnisgewinn bringt wie die ins Bild gerückte Akropolis, weil der Gebührenzahler hinterher so klug ist als wie zuvor.

Was hat die Gedenkstätte in Distomo mit einem Armenkrankenhaus in Athen zu tun? Gar nichts, wenn man es so hintereinander schneidet wie in dieser "Reportage", die sich geschichtsbewusst gibt, ohne sich für Geschichte zu interessieren. Varoufakis fordert im Interview einen Marshallplan, wie er Deutschland nach dem Krieg zuteil geworden sei, und Beckmann scheint nicht zu wissen, dass es einen solchen Plan längst gegeben hat, mit für Griechenland desaströsen Konsequenzen. Für solche Details hat diese Sendung keinen Platz, weil zwischen einem Massaker im Juni 1944 und Griechen, die 2015 keine Krankenversicherung haben, nur ein Filmschnitt liegt. So tappt man in die Sentimentalitätsfalle und liefert (beim mitfühlenden Beckmann sicher ungewollt) denen die Argumente, die es ungehörig finden, wenn die Griechen ihr heutiges Elend in einen Zusammenhang mit der Besetzung ihres Landes durch Nazideutschland bringen. Einen solchen Zusammenhang gibt es sehr wohl, aber er erschließt sich einem nur, wenn man die Welt nicht zu sehr durch die deutsche Brille betrachtet, sondern auch in den Blick nimmt, was geschah, als die Wehrmacht abgezogen war - und was ohne die Invasion der Wehrmacht so nicht stattgefunden hätte.

Im Februar 1945 wurde unter britischer Vermittlung ein Abkommen unterzeichnet, das die Wiederherstellung der Bürgerrechte, eine Entwaffnung der ELAS-Kämpfer, die Entfernung von Rechtsradikalen aus Polizei und Militär sowie noch für 1945 ein Referendum darüber vorsah, ob Griechenland eine Monarchie oder eine Republik sein sollte. Die ELAS gab nur einen Teil ihrer Waffen ab. Polizei und Militär taten nicht einmal so, als würden sie sich von den Faschisten und Kollaborateuren in ihren Reihen trennen. Im September 1945 beschloss die Regierung, vor der versprochenen Volksabstimmung eine Parlamentswahl abzuhalten. Die Rechten waren inzwischen längst dabei, Landsleute zu verfolgen, die zur Linken gehörten oder auch nur im Verdacht standen, mit diesen zu sympathisieren. Lincoln MacVeagh, der Botschafter der USA, berichtete dem Außenministerium von rechtsradikalen Exzessen in Griechenland und von der Organisation X, die bereits Verhaftungslisten mit den Namen von Kommunisten und anderen Feinden erstelle.

Der Historiker Yiannis P. Roubatis zitiert in seinem Buch Tangled Webs aus einer Depesche vom Oktober 1945, in der MacVeagh auch vermeintlich Gutes zu vermelden hat. Solange die Armee politische Partei sei, schreibt der Botschafter, könne aus Griechenland keine "Demokratie in unserem Sinne" werden. Das sei leider nicht zu ändern, habe aber den Vorteil, dass die Armee in ihrer jetzigen Verfassung keinen Aufstand der Kommunisten zulassen werde. Außerdem gebe es einen kommunistisch kontrollierten Teil (geschätzte 15 Prozent) des Militärs, der wiederum ein Eingreifen der Streitkräfte zu Gunsten der Rechten verhindern werde. Anzustreben sei daher nicht eine politisch neutrale Armee (ohnehin nicht realisierbar), sondern ein "Gleichgewicht der Kräfte". Aus diesem scheinbaren Pragmatismus spricht die - aus Afghanistan, dem Irak oder Libyen bekannte - Tendenz amerikanischer Funktionsträger, sich die Lage schön zu denken oder ein weitgehend fiktives Szenario zu entwerfen, das die eigenen Entscheidungen begründen kann. Die 15 Prozent waren aus der Luft gegriffen. Kommunistische Offiziere, die in der griechischen Armee etwas hätten kontrollieren können, gab es im Oktober 1945 nicht mehr. MacVeagh weist in seiner eigenen Depesche auf die engen Verbindungen des Generalstabschefs zur Organisation X hin.

Bei der von Briten und Amerikanern als wichtiger Schritt zur Demokratie gepriesenen Parlamentswahl vom 31. März 1946 gingen die Monarchisten als Sieger hervor. Allerdings hatten die Kommunisten und andere linke Gruppierungen die Wahl boykottiert, und die Amerikaner hatten ein Kriegsschiff in die Ägäis entsandt, was die Rechten als Ermunterung verstanden, die Verfolgung ihrer Gegner zu intensivieren. Man kann deshalb fragen, was für eine Demokratie das war, in der sich ein großer Teil der Bevölkerung dem politischen Prozess entfremdet fühlte, Rechtsextreme die Armee dominierten und nun die alten, in der Besatzungszeit von der EDES und der ELAS ausgetragenen Kämpfe zwischen Rechts und Links wieder aufflammten, bis ein Bürgerkrieg daraus geworden war, der das Land erneut verwüstete und eine Spaltung zementierte, unter der Griechenland bis heute zu leiden hat. Ein - von den Kommunisten ebenfalls boykottiertes - Referendum erbrachte am 1. September eine Mehrheit für die Wiedereinführung der konstitutionellen Monarchie.

Trotz nachvollziehbarer Gründe war der Boykott von Wahl und Referendum taktisch unklug. Die Rechten nahmen das Geschenk dankend an und konnten fortan behaupten, die Mehrheit des Volkes hinter sich zu haben, bewiesen durch zwei Abstimmungen. Die Rückkehr des Königs verschärfte die Polarisierung innerhalb der griechischen Gesellschaft. Daran änderte sich auch nichts, als Ende 1947 Paul I. seinem durch die Nähe zum Diktator Metaxas diskreditierten Bruder auf dem Thron nachfolgte. Mit ihm hängt nicht irgendein Frühstücksdirektor beim Sicherheitschef an der Wand. Costa-Gavras signalisiert mit den Bildern des Königspaares, in welches politische Lager der Oberst gehört. Nicht jeder griechische Royalist war ein Anti-Demokrat. Die Reaktionäre in den Führungsebenen von Polizei und Militär waren es sehr wohl.

Sicherheit und kommunistische Banditen

Die Befreiung von den Nazis hätte die Gelegenheit zu einem Neuanfang geboten. Stattdessen wurden alte Wunden wieder aufgerissen und neue geschlagen. Die Briten handelten dabei mehr nach politischer Opportunität als im Interesse des griechischen Volkes, für das sie eine Verantwortung hatten. Die Amerikaner waren intern wenig begeistert von der Monarchie-Option, zeigten sich nach außen hin aber solidarisch mit ihren britischen Bündnispartnern (und schickten auch zum Monarchie-Referendum ein Kriegsschiff, mit ähnlichen Konsequenzen wie bei der Parlamentswahl). Im Februar 1947 teilten die Briten den Amerikanern mit, dass sie nicht länger in der Lage seien, die griechische Regierung militärisch und finanziell zu unterstützen. Meinungsführer im Weißen Haus, im US-Außenministerium und im Pentagon waren inzwischen die Falken, die für ein starkes amerikanisches Engagement plädierten, weil Griechenland sonst an die Kommunisten fallen werde, und danach der Nahe Osten. Am 12. März 1947 hielt Präsident Truman eine Rede vor dem Kongress, in der er erklärte, dass es für die nationale Sicherheit unerlässlich sei, "freien Völkern beizustehen, die sich der angestrebten Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder durch äußeren Druck widersetzen". Die Verkündung der "Truman-Doktrin" gilt allgemein als der Beginn des Kalten Krieges.

Griechenland, so Truman in seiner Rede, sei ein demokratisch regiertes Land, das durch die terroristischen Aktivitäten einiger Tausend von Kommunisten geführter Bewaffneter in seiner Existenz bedroht sei und um Hilfe gebeten habe. Darum möge der Kongress die nötigen Gelder bewilligen, um den Griechen die Freiheit und die Demokratie zu bewahren. Er ließ weg, dass die um Hilfe ansuchenden "Demokraten" gerade mit der Zwangsumsiedlung ganzer Dörfer beschäftigt waren; dass sie Bauern daran hinderten, sich um ihr Vieh zu kümmern und die Felder zu bestellen, um den Feind von der Versorgung abzuschneiden; dass sie die nicht regierungskonforme Presse knebelten; und dass die Polizei und halboffizielle Prügeltrupps mit großer Brutalität auf die "Kommunisten" in der Zivilbevölkerung losgingen (wer ein "Kommunist" war bestimmten die Reaktionäre in den Sicherheitsorganen). Der US-Kongress billigte das Hilfsprogramm. Weitere Finanzmittel würden folgen, von denen ein großer Teil in den griechischen Militäretat floss.

Die griechische Regierung stimmte der Entsendung amerikanischer Berater zu. Diese Berater definierten die Bedingungen, unter denen das Geld ausgezahlt wurde und hatten damit Einfluss auf die politischen, ökonomischen und militärischen Belange des Landes. Dann unterzeichneten der griechische Ministerpräsident und der US-Botschafter ein Wirtschaftsprogramm. Das war am 8. Juli 1947. Ebenfalls in der ersten Juliwoche informierte der Ministerpräsident MacVeagh über die Entscheidung seiner Regierung, überall im Land Massenverhaftungen vorzunehmen, um einen Staatsstreich der Kommunisten zuvorzukommen. Der Botschafter tat nichts, um das zu verhindern, obwohl der bestens vernetzte britische Geheimdienst nichts von einem geplanten Staatsstreich wusste. In der ersten Julihälfte wurden etwa 15.000 Verdächtige verhaftet und in auf den Inseln eingerichtete Lager deportiert. MacVeagh spricht in seinen Telegrammen nach Washington von "Banditen und ihren kommunistischen Anführern". Einer von denen, die Jahre auf den Inseln zubringen mussten, war der Vater von Costa-Gavras. Der Regisseur versichert, dass sein Vater nie Kommunist war. Er hatte als Republikaner im Widerstand gegen die Deutschen gekämpft.

In einer Welt, in der Griechenland eine wichtige geostrategische Rolle im Ost-West-Konflikt zufiel, war für solche Unterscheidungen kein Platz. Die kommunistische Gefahr musste unbedingt gebannt werden. Im Sommer 1947 drohten die Amerikaner mit der Aussetzung der Militär- und Wirtschaftshilfe, um zwei Ziele zu erreichen: 1. Die Bildung einer Mitte-Rechts-Regierung, die zumindest den Anschein erweckte, eine breite Basis in der griechischen Bevölkerung zu haben (unter Ausschluss von allen, die irgendwie links von der Mitte waren). 2. Eine griechische Armee, die auch nach ihrer Neuorganisation unter einer rechtskonservativen (bis rechtsextremen) und antikommunistischen Führung stand. Beide Ziele wurden erreicht, weil die griechischen Partner ein Zudrehen des Geldhahns fürchteten. Eine Verhandlungslösung im Bürgerkrieg (und also wohl die einzige Möglichkeit zur Überwindung der inneren Spaltung) rückte damit in weite Ferne.

Die Kampfhandlungen zogen sich noch bis Herbst 1949 hin. Dann musste die Demokratische Armee Griechenlands (DSE) aus Finanznot aufgeben. Die DSE wurde von Titos Jugoslawien mit Geld und Waffen unterstützt, weil Stalin die mit Churchill getroffene Vereinbarung respektierte, aber von der moskautreuen KP kontrolliert. Als Tito sich mit Stalin zerstritt, beendete er die Hilfen für die DSE. Die griechischen Militärs hatten sich inzwischen an üppige Geldflüsse gewöhnt, was die Amerikaner damit rechtfertigten, dass nicht nur äußere Feinde abgewehrt, sondern die griechischen "Banditen" bekämpft werden mussten, um die innere Sicherheit zu garantieren. Auch nach dem Bürgerkrieg verfolgten die USA eine Politik, die grundsätzlich immer diejenigen unterstützte, die den eigenen strategischen Interessen am meisten nützten.

Die Fixierung auf Sicherheit und Stabilität ging nicht nur zu Lasten der - echten oder eingebildeten - Kommunisten, sondern auch der liberalen Kräfte, mit denen man für beide Seiten akzeptable Kompromisse hätte finden müssen, weil die Interessen der Amerikaner nicht deckungsgleich mit denen der Griechen waren. Natürlich sollte Griechenland eine Demokratie sein, mit Bürgerrechten und einer freiheitlichen Gesellschaft. Aber es gab übergeordnete Gesichtspunkte. Die USA hätten beschlossen, heißt es in einem Protokoll des National Security Council von 1951, "die Einhaltung demokratischer, rechtsstaatlicher politischer Praktiken zu fördern und auch den Schutz der bürgerlichen Freiheiten, soweit es mit der Sicherheit des Staates vereinbar ist". Griechenland führte der nun eingeschlagene Weg in die Militärdiktatur.

Tod eines Nationalhelden

1952 trat Griechenland der NATO bei. Die griechische Regierung erlaubte die Einrichtung jener NATO- bzw. US-Stützpunkte, gegen die in Z die Freunde des Friedens protestieren, und von den USA gab es dafür weitere Militär- und Wirtschaftshilfen. Das war ein Förderprogramm für um US-Gelder wetteifernde Eliten. Die nationalen Belange waren nicht ganz so wichtig, wenn dafür die eigenen Partikularinteressen bedient wurden. 1952 war auch das Jahr, in dem Nikos Beloyannis getötet wurde, der für viele Griechen, und nicht nur solche von weit links, ein Nationalheld ist. Der Kommunist und Widerstandskämpfer Beloyannis (alternative Transkriptionen: Belojannis oder Belogiannis) saß beim Diktator Metaxas und den Nazis im Gefängnis, schloss sich nach seiner Flucht den Partisanen an, war während des Bürgerkriegs in der DSE aktiv, setzte sich nach deren Niederlage ins Ausland ab und kam bald zurück, um in Athen die Ortsgruppe der verbotenen KP Griechenlands neu aufzubauen. Im Dezember 1950 festgenommen, wurde er in einem Massenprozess vor ein Kriegsgericht gestellt und mit einigen Kameraden zum Tode verurteilt. General de Gaulle und international bekannte Künstler wie Jean Cocteau, Jean Paul Sartre und Charlie Chaplin baten ebenso erfolglos um seine Begnadigung wie 159 Abgeordnete der britischen Labour Party und der Tories (bei der ehemaligen Schutzmacht hatten inzwischen viele erkannt, was man in Griechenland angerichtet hatte). Beloyannis wurde hingerichtet, weil er angeblich Staatsgeheimnisse an eine fremde Macht (die Sowjetunion) verraten hatte.

Wie wenig der Bürgerkrieg 1949 zu einem friedlichen Abschluss gekommen war ist daran zu erkennen, dass die Länder des Ostblocks noch Ende der 1950er Flüchtlingskontingente aufnahmen. Das ist gar nicht so lange her und rückt noch näher an die Gegenwart heran, wenn man weiß, dass zahlreiche der aus Griechenland Geflohenen - und deren Kinder - erst in den 1980ern dorthin zurückkehrten (sofern sie nicht in ihrer neuen Heimat blieben oder gestorben waren). Der 1981 zum Ministerpräsidenten gewählte Andreas Papandreou war der erste Regierungschef, der ernsthafte Repatriierungsmaßnahmen einleitete. Viele von den damals Jüngeren, auch aus der nächsten Generation, leben jetzt in Deutschland, wo sie mit fortschreitender europäischer Integration bessere Chancen für sich sahen als in Griechenland. Es wird interessant sein zu beobachten, ob eine griechische Regierung versuchen wird, die jungen Leute zurückzuholen, die heute aus wirtschaftlichen Gründen abwandern, und wann das sein wird.

Rund 9000 Griechen kamen nach dem Bürgerkrieg in Ungarn unter, wo sie, soweit bekannt, vorbildlich eingegliedert wurden. Flüchtlinge aus 263 griechischen Ortschaften gründeten 50 Kilometer südlich von Budapest ein eigenes Dorf, das 1952 mit 1850 Menschen seine höchste Einwohnerzahl erreichte und zunächst den wenig originellen Namen "Griechendorf" trug. 1953 wurde es in Beloiannisz umbenannt, nach Nikos Beloyannis. Wer mal Gelegenheit hat, Kali patrida, syntrofe (1986) zu sehen, Lefteris Xanthopoulos’ Film über die Bewohner von Beloiannisz und ihren schwierigen Weg zurück: Es lohnt sich und verrät einem viel über Griechenland, wenn man sich nicht auf die Debatte über guten oder schlechten Kommunismus versteift, die es dem bei den Festivals von Thessaloniki und Locarno prämierten und dann in die Ideologieecke gestellten Film sehr schwer machte, ein Publikum zu finden.

Im sozialistischen Osteuropa, auch außerhalb von griechischen Emigrantenkreisen, wurde Nikos Beloyannis als Märtyrer der Arbeiter und Bauern gefeiert. In der DDR organisierte man Protestmärsche der Werktätigen, als ihn das griechische Militärtribunal verurteilte. Auf dem Gelände der Hochschule für Ökonomie in Berlin-Karlshorst (heute: Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin) wurde ein von René Graetz geschaffenes Beloyannis-Denkmal errichtet, und die Erfurter Firma Topf & Söhne, die Buchenwald und Auschwitz mit Verbrennungsöfen beliefert hatte, wurde 1952 in NAGEMA VEB Maschinenfabrik "Nikos Belojannis" umbenannt (keiner kann sich aussuchen, wie er posthum geehrt wird). Leute mit DDR-Sozialisation haben möglicherweise ein ganz anderes Griechenland-Bild (und in der Folge auch eine andere Einstellung zu den Rettungs- und sonstigen Programmen) als Bürger der alten BRD. Seltsamerweise nimmt man das im Westen kaum zur Kenntnis.

Nach der Lesart in Deutschland Ost war Beloyannis ein Opfer des US-Imperialismus, und da insbesondere von John Peirifoy, einem fanatischen Antikommunisten, der von 1950 bis 1953 US-Botschafter in Griechenland war, eine ihm genehme Mitte-Rechts-Regierung (mehr Rechts als Mitte) wenn nicht installierte, so doch aktiv beförderte und als Freund der Königsfamilie deren Einfluss stärkte. Dieser Diplomat ging so undiplomatisch zu Werke, dass sein Name zum heute noch benutzten Synonym für die brachiale Einmischung ausländischer Funktionäre in die griechische Politik wurde. Der DDR-Version zufolge sorgte Peurifoy für den Justizmord an Nikos Beloyannis. Auszuschließen ist das nicht. Zumindest fällt es schwer zu glauben, dass die griechischen Machthaber Beloyannis trotz der internationalen Proteste hingerichtet hätten, wenn der Botschafter es nicht gebilligt hätte. Wer mehr über den Fall Beloyannis wissen und dabei etwas über die Griechen und den in die Gegenwart herein reichenden Kalten Krieg erfahren will lese Das Gebot von Dido Sotiriu: ein gutes Buch, das in Griechenland bereits knapp 40 Auflagen erreicht hat und in deutscher Übersetzung beim Romiosini Verlag erschienen ist (leider nur noch antiquarisch erhältlich).

Bilder an der Wand

Auch Picasso setzte sich für Nikos Beloyannis ein. Er fertigte eine Skizze von ihm an, die er "Mann mit der Nelke" nannte (wie ein berühmtes Gemälde Jan van Eycks), weil Beloyannis immer mit einer Nelke in der Hand vor dem Militärgericht erschien. Eine Reproduktion hängt bei den Mitstreitern des Doktors (alias Lambrakis) in Z an der Wand, anstelle des Königs und der Königin. Das heißt nicht, dass die Freunde des Friedens moskauhörige Kommunisten sind und einen Arbeiter- und Bauernstaat nach Vorbild der DDR errichten wollen. Es heißt, dass sie ein anderes Griechenland wollen als jenes der undemokratischen, die Bürgerrechte mit Füßen tretenden Antikommunisten, das im Prozess gegen Beloyannis seine hässliche Fratze gezeigt hatte. Beloyannis soll von amerikanischen Verhörspezialisten gefoltert worden sein und ebenso von Landsleuten, die ihr Handwerk bei der Gestapo gelernt hatten. Als Zeugen der Anklage traten frühere Nazikollaborateure auf, und das Verfahren machte deutlich, wie viele von ihnen ihre Karrieren bei Polizei und Armee fortsetzen konnten oder dort neue Jobs erhielten, während Widerstandskämpfer als Staatsfeinde verfolgt wurden.

Costa Gavras: "Z"

Da Z ein Film des gern mit einem Augenzwinkern inszenierenden Regisseurs Costa-Gavras ist, darf bei allem Ernst der Humor nicht fehlen. Nachdem wir bei den für mehr Demokratie und Freiheit und weniger Waffen streitenden Freunden des Friedens die Picasso-Skizze gesehen haben bringt uns die nächste Szene in das Büro des Bezirksstaatsanwalts. Er wird mit einer Einstellung charakterisiert, in der am unteren Rand gerade noch Platz für seinen Kopf bleibt, weil über ihm fünf oval gerahmte Bilder hängen. So führt man lächerliche Figuren ein. Die Damen und Herren in den Rahmen kenne ich nicht. Wahrscheinlich sind sie königlichen Geblüts, denn im damaligen Griechenland war es der Karriere dienlich, sich als Royalist zu geben. Ich habe nicht weiter nachgeforscht, weil die eigentliche Botschaft in der Menge liegt.

Costa Gavras: "Z"

Wer eine klare Haltung und eine politische Überzeugung hat, kommt mit einem Bild wie dem von Beloyannis aus. Ein Karrierist dagegen hängt sich so viele Bilder an die Wand, dass für ihn selbst (und eine eigene Meinung) kein Platz mehr übrig ist. Bei einer Herrschaft der Linken würden da fünf eingerahmte Kommunisten hängen, und unter deutscher Besatzung womöglich Hitler, Goebbels und Mitglieder der von den Nazis geduldeten griechischen Marionettenregierung, oder vielleicht Offiziere der den Deutschen zuarbeitenden Sicherheitsbataillone. François Périer trägt einen Führer-Gedächtnisbart und spielt den Bezirksstaatsanwalt als schmierigen Opportunisten, der vor jeder seiner Aktionen überlegt, in welche Richtung er buckeln soll und wen er drangsalieren oder herablassend behandeln kann, ohne seinen Posten damit zu gefährden. Der Mann ist eine Witzfigur wie der General, der Experte für Mehltau und Sonnenflecken. In einem korrupten Staat wie diesem hindert das beide nicht daran, herausgehobene Stellungen zu bekleiden, in der sie großen Schaden anrichten können.

Costa Gavras: "Z"

In Z wird das durchexerziert. Die Freunde des Friedens hören von einem Mordkomplott gegen den Doktor. Sie informieren den Bezirksstaatsanwalt. Der ruft beim Chef der Sicherheitsorgane an. Der Oberst ist nicht da. Der Staatsanwalt lässt ausrichten, dass er angerufen hat. Es gibt jetzt eine Aktennotiz, mit der er nachweisen kann, dass er die Sache nicht auf die leichte Schulter genommen hat. Damit ist das abgehakt. In jeder Bürokratie der Welt könnte man sich das so ähnlich vorstellen. Hier kommt hinzu, dass der Oberst nicht zu sprechen ist, weil er sich um das Komplott kümmern muss, hinter dem er selber steckt, zusammen mit dem General. Später, wenn der Doktor im Sterben liegt, werden sich der Staatsanwalt, der Oberst und der General zu einer Krisensitzung treffen. Alle werden sich tief bestürzt geben und so tun, als wüssten sie von nichts. Und alle werden wissen, dass die anderen nur so tun, als hätten sie nichts gewusst. Costa-Gavras inszeniert dieses Schmierentheater wieder mit grimmigem Humor.

Kampf ohne Ende

Es ist schon richtig, dass man ab einem bestimmten Punkt selber schuld ist an dem Schlamassel, in dem man steckt. Richtig ist außerdem, dass Deutschland wegen des Zweiten Weltkriegs Griechenland gegenüber eine besondere Verantwortung hat. Aber auch die USA und Großbritannien haben eine besondere Verantwortung, weil sie nach der Befreiung die Weichen für eine Entwicklung stellten, deren Konsequenzen bis heute zu spüren sind. Es geht da nicht um neue Schuldzuweisungen, sondern darum, die Vergangenheit nicht auf das Massaker von Distomo zu reduzieren wie ARD-Reporter Beckmann, weil das letztlich nur den Schlussstrich-Politikern und sonstigen Exponenten des "gesunden Volksempfindens" in die Hände spielt, die sich in der Talkshow über die faulen Griechen empören. Die Griechen sind nicht faul, aber sie haben ein gutes Gedächtnis.

Als Bill Clinton 1999 zum Staatsbesuch nach Athen kam und dort auf eine Welle des Antiamerikanismus stieß, rang er sich zu einer Entschuldigung für die traurige Rolle durch, die sein Land dort jahrzehntelang gespielt hatte. Sollte Hillary es ins Weiße Haus schaffen, könnte sie den schönen Worten ihres Gatten Taten folgen lassen. Erwünscht wären Maßnahmen zur Stärkung der Demokratie und zum Stopp der sozialen Desintegration sowie ein Diskurs, der sich ausnahmsweise um die Werte einer aufgeklärten Zivilgesellschaft dreht und nicht um jene von EU-Technokraten oder Hedgefonds-Managern wie dem Schwiegersohn der Clintons (soviel Polemik muss erlaubt sein). Ohne ein geschärftes historisches Bewusstsein wird das nicht gehen.

Ein Blick auf die Nachkriegszeit könnte auch den Ausweg aus der Folklore-Hölle weisen, in der "die Griechen" ewig Ouzo trinken und Sirtaki tanzen, statt hart zu arbeiten und ihre Steuererklärung auszufüllen, weil das ihr Nationalcharakter ist. Mit einem irgendwie gearteten Nationalcharakter nichts zu tun hatte es, als zuerst die Briten und dann die Amerikaner in einem von Diktatur, Nazigräueln und Bürgerkrieg gebeutelten Land ein politisches System etablierten, das sich auf die reaktionärsten Elemente der Gesellschaft stützte, weil bei der Verteidigung der freien Welt gegen den Kommunismus der Zweck die Mittel heiligte. Dabei kam das Simulakrum einer Demokratie heraus. Gefördert wurde nicht so sehr die demokratische Gesinnung als vielmehr "die Eliminierung der Linken als politischer Faktor […] und die Schaffung einer Regierung, die gewillt war, den Interessen der Schutzmächte zu dienen", fasst Roubatis die Strategie von Briten und Amerikanern kurz zusammen (Tangled Webs).

In Griechenland gab es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zehn Jahre lang Kampf. Alte Oligarchen sicherten ihre Privilegien, neue korrupte Cliquen betraten die Bühne, und die Kleptokratie durfte sich frei entfalten, solange sie antikommunistisch blieb. Die besten Köpfe der Opposition starben, landeten im Gefängnis, im Umerziehungslager oder im Exil. Einen solchen Aderlass kann niemand verkraften. Für die Amerikaner war das von Vorteil, weil sie nicht mit nennenswertem Gegenwind rechnen mussten. Für die griechische Gesellschaft war es fatal, weil eine Demokratie vom Wettstreit der Ideen lebt, nicht von "Sicherheit" auf Kosten der Meinungsfreiheit und des Rechts auf Dissens.

Die Konsequenz war eine sich von Generation zu Generation fortpflanzende Klientelpolitik, weil sich unter diesen Umständen keine Kultur des mit demokratischen Mitteln ausgetragenen Konflikts und des Interessenausgleichs in Form von Kompromissen entwickeln konnte, ohne die eine Demokratie nicht funktioniert, auch wenn das Aushandeln von Kompromissen mitunter extrem mühsam ist. Ein Bürgerkrieg, der für beendet erklärt wird, weil eine der beiden Parteien pleite ist, schwelt immer weiter, ändert seine Gestalt und taucht bei Krisen in Form unvereinbarer Gegensätze wieder auf, auch wenn nicht erneut zu den Waffen gegriffen wird. Wenn griechische Politiker in der aktuellen Schuldenkrise in eine aus früheren Jahrhunderten bekannte Staatsbeleidigungs- und Demütigungsrhetorik abgleiten, ist das nicht nur südländisches Pathos. Da kommt zum Ausdruck, dass es in dieser Gesellschaft nie wirklich verheilte Wunden gibt.

Einigen in der "Koalition der Radikalen Linken" (Syriza) bzw. deren Abspaltung, der "Volkseinheit", wird vorgeworfen, dass sie den Bürgerkrieg fortsetzen und - als "Kommunisten" - doch noch in ihrem Sinne entscheiden wollen. Nehmen wir an, dass dem so wäre. Dann wäre immer noch festzuhalten, dass solche Versuche nur möglich sind, weil dieser Krieg nie auf eine für alle Konfliktparteien akzeptable Weise abgeschlossen wurde. Giorgos Varoufakis übrigens wurde 1946 für drei Jahre in ein Umerziehungslager auf der Insel Makronisos gesteckt. Sein Sohn, der ehemalige Finanzminister der Regierung Tsipras, war damals noch nicht auf der Welt, aber schon groß genug, seinen Onkel im Gefängnis zu besuchen, als dieser nach dem Militärputsch von 1967 von den Obristen eingekerkert wurde. Das gegen den Onkel erlassene Todesurteil wurde nicht vollstreckt. Ein Gnadenerweis war das nicht unbedingt. In Griechenland hatte so etwas Methode (Beloyannis beispielsweise wurde erst nach dem zweiten Todesurteil hingerichtet, und Mikis Theodorakis, von dem noch zu reden sein wird, wurde lebendig begraben und wieder ausgebuddelt). Es diente der Zermürbung des politischen Gegners. Viele Griechen haben eine ganz ähnliche Familiengeschichte, was für ihr Denken und Handeln möglicherweise genauso wichtig ist wie - sagen wir - die Spieltheorie oder ein Studium in Essex.

Friedenskundgebung in Thessaloniki

Griechen, die links von der Mitte standen und sich nach dem - formalen - Ende des Bürgerkriegs auf legale Weise politisch engagieren wollten, waren auf die Vereinigung der Demokratischen Linken (EDA) angewiesen. Alles andere war verboten. Ein Hoffnungsträger der EDA war der charismatische, im Widerstand gegen die Besatzungsmächte aktiv gewesene Grigoris Lambrakis, ein gelernter Gynäkologe und erfolgreicher Leichtathlet (von 1936 bis 1953 hielt er den Landesrekord im Weitsprung). Lambrakis arbeitete als Universitätsdozent und betrieb eine kleine, privat finanzierte Armenklinik. 1961 zog er als Abgeordneter von Piräus in das griechische Parlament ein. Als Mitbegründer und Vizepräsident der "Kommission für Internationale Abrüstung und Frieden" (EDYE) nahm der Gegner des Vietnamkriegs regelmäßig an nationalen und internationalen Friedenskundgebungen teil.

Grigoris Lambrakis 1963

Lambrakis hatte keinen geheimen Plan, Griechenland an die Sowjetunion auszuliefern. Er trat für die Abrüstung ein. In gewissen Kreisen machte ihn das zum Staatsfeind, und dies umso mehr, als sein Linksbündnis im Aufwind war und mit großen Zugewinnen bei den nächsten Wahlen rechnen durfte. Am 22. Mai 1963 flog er nach Thessaloniki, um bei einer Protestkundgebung gegen die Stationierung amerikanischer Polaris-Mittelstreckenraketen zu sprechen. Das klingt einfach und ist doch wieder sehr vertrackt. Es war kein simples "Ami go home!", das da propagiert wurde. Strategie der NATO (und der sie anführenden USA) war es, potentiellen Angreifern durch die Stationierung konventioneller Streitkräfte an den Grenzen zu signalisieren, dass man bereit und in der Lage war, das Bündnisgebiet zu verteidigen. Die Ausnahme war Griechenland.

Thessaloniki liegt im Norden, wo viele Griechen sich im Kalten Krieg durchaus bedroht fühlten, weil ihr Land an die kommunistisch regierten Staaten Jugoslawien, Bulgarien und Albanien angrenzte. Von dort waren erst die Truppen Mussolinis und dann die Wehrmacht gekommen, bulgarische Verbände hatten die deutschen und italienischen Besatzer entlastet. Einen nennenswerten US-Truppenstützpunkt gab es im Norden aber nicht. Die Amerikaner zogen Stützpunkte im Süden vor, insbesondere auf Kreta. Aus ihrer Sicht war das verständlich. Im Ernstfall waren ihre Soldaten dort besser vor feindlichen Angriffen geschützt, und strategisch wichtige Ziele im Mittleren Osten und in Nordafrika waren schneller zu erreichen. Aus Sicht vieler Griechen bedeutete das, dass sie Teil eines Militärbündnisses waren, in dem ihre eigenen Sicherheitsinteressen hintan stehen mussten, wenn es den Amerikanern in den Kram passte. Das war nicht geeignet, die Akzeptanz für die ohnehin schon sehr umstrittene Stationierung von US-Raketen zu steigern.

Jetzt muss doch auf die alten Griechen Bezug genommen werden, weil Costa-Gavras zentrale Szenen seines Films auf öffentlichen Plätzen ansiedelt. Der Marktplatz (Agora) war von großer Bedeutung für die Entwicklung der attischen Demokratie. Hier wurde der - in gemeinsame Beschlüsse überführte - Meinungsstreit der freien Bürger ausgetragen, statt sich dem Diktat einer in der Burganlage auf dem Hügel (Akropolis) residierenden Herrscherkaste zu unterwerfen. In Z ist die Agora der Ort der Gewalt und der Unterdrückung politisch Andersdenkender. Es geht los, als Studenten vor dem Picadilly-Kino [sic] Flugblätter verteilen, um über die Verlegung der Friedenskundgebung zu informieren. Ein eigens angekarrter, den Volkszorn simulierender Schlägertrupp prügelt auf die jungen Leute ein. Die Szene wirkt so realistisch, weil sich die beteiligten Laien mit vollem Einsatz ins Kampfgetümmel werfen und es dabei ein wenig übertreiben (es gab Verletzte).

Costa Gavras: "Z"

Auf dem Spielplan des Kinos stand zuletzt Zwei glorreiche Halunken (1966), Sergio Leones Western über ein vom Bürgerkrieg zerrissenes Land. In einem Thriller über einen politisch motivierten Mord im Jahre 1963 ist das, streng genommen, ein Anachronismus und doch auch wieder nicht, denn die namenlos bleibende Lambrakis-Figur steht stellvertretend für die ermordeten Politiker des Jahrzehnts, von Ben Barka über John F. Kennedy bis zu seinem Bruder Bobby. Die besten Italowestern rechnen mit einer als ungenügend empfundenen, dem Tod entgegentaumelnden Gesellschaft ab und sind von jenem revolutionären Geist getragen, der auch die jungen Kinogeher beseelte. Die Zensoren gerieten darüber in helle Aufregung, warnten wie immer bei von einer dubiosen Norm abweichenden Gewaltdarstellungen vor der Verrohung der Jugend und malten den Untergang des christlichen Abendlandes an die Wand. Costa-Gavras kommentiert das mit der ihm eigenen Ironie. Bei ihm rücken die Kräfte der Reaktion an, um alle niederzuknüppeln, die sich vor dem Kino eingefunden haben, um Gebrauch von ihrem demokratischen Recht auf Versammlungsfreiheit zu machen. Besondere Freude an der Gewalt haben die beiden Anführer des Schlägertrupps, Vago und Yago. Diese beiden sind definitiv keine Cineasten. Zur Gewalt "angereizt" (wie es im Zensorenjargon heißt) wurden sie nicht durch das Sehen von Italowestern im Kino, sondern bei Hinterzimmertreffen mit einem Biedermann, der früher mit den Nazis kollaboriert hat und schon an Verbotslisten zur Bekämpfung einer aufgeklärten westlichen Kultur arbeitet.

Der Termin für die Friedenskundgebung in Thessaloniki war mit Bedacht gewählt. An diesem Tag trat das Bolschoi-Ballett in der Stadt auf. Lambrakis wollte auf die Heuchelei einer Gesellschaft hinweisen, die ihre kulturellen Beziehungen zur UdSSR zelebrierte und zugleich die Polaris-Raketen aufstellen ließ. Bei Costa-Gavras wird daraus keine Gegenüberstellung von Hoch- und Populärkultur, er verbindet vielmehr Bereiche, die nach dem Willen der Machthaber strikt getrennt sein sollten. Die Szene mit der Prügelei vor dem Kino endet mit einer Einstellung aus Obersicht. Von da wird - wieder aus Obersicht - auf den Platz vor der Oper überblendet. Dort strömen die Spitzen der Gesellschaft zusammen, um den Gastauftritt des Balletts zu genießen, oder wenigstens so zu tun als ob. Der General wird später sagen, er sei kein Schwuler und nur hingegangen, um nach kommunistischen Sympathisanten Ausschau zu halten. Tatsächlich ist er einer von denen, die sich dort nur sehen lassen, um hinterher jede Verantwortung für den Tod des Doktors von sich weisen zu können. Dieser Ballettabend ist im wahrsten Sinn des Wortes eine Alibiveranstaltung.

Costa Gavras: "Z"

Auf dem Programm steht Prokofjews Romeo und Julia, was - in Form zweier verfeindeter Familien in Verona - das Bürgerkriegsmotiv aus Leones The Good, the Bad and the Ugly fortführt (warum im deutschen Titel aus drei Hauptfiguren zwei wurden bleibt das Geheimnis des Verleihs). Im Griechenland der frühen 1960er verschärften sich die sozialen Gegensätze, weil die Rechtsregierung die Steuern erhöhte, während die Löhne auf einem niedrigen Niveau verharrten. Es wäre nicht weiter schwer gewesen, das in ein paar Agitprop-Momente à la Eisenstein umzumünzen: Die werktätige Bevölkerung wird niedergeknüppelt, während die Schmarotzer aus der High Society in einem mit dem Steuergeld der Arbeiter subventionierten Tempel der elitären Hochkultur dem Luxus frönen. Costa-Gavras macht etwas ungleich Interessanteres daraus, indem er nach dem Vorplatz des Theaters nicht die Reichen im Foyer zeigt, ein Champagnerglas in der Hand, sondern das Objektiv einer Photokamera einmontiert.

Costa Gavras: "Z"

Bunte Bilder oder ungeschminkte Wirklichkeit?

Die Kamera gehört einem Photojournalisten, der eigentlich wegen des Bolschoi-Balletts in der Stadt ist, dann aber von einem Kollegen auf die Vorgänge rund um die Rede des Abgeordneten aus der Hauptstadt aufmerksam gemacht wurde und jetzt auf dem Platz zwischen dem Hotel des Doktors und dem Versammlungslokal steht. Das wirft die Frage auf, welche Bilder man schießen sollte, um sie der Öffentlichkeit zu zeigen: Die von den Machthabern gewünschten bunten Photos von der Hautevolee, die sich im Theater versammelt hat, um zu demonstrieren, dass sie nicht nur Geld und Einfluss besitzt, sondern auch Kultur? Oder Bilder von einer politischen Realität, in der die Agora in der Hand reaktionärer Schläger ist? Der Film bezieht eindeutig Stellung. Die Medien, sagt er, werden ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nur gerecht, wenn sie da hingehen, wo die Bruchstellen sind und die Konflikte sichtbar werden.

Man beachte die Uniformierten vor dem Theatergebäude, die den hohen Herrschaften die Wagentüren öffnen und für Sicherheit sorgen. Solche Polizisten hätte man sich zum Schutz der jungen Leute vor dem Kino gewünscht. In Westdeutschland hatte Z im November 1969 Premiere. Wer den Film damals sah und sich nicht nur durch die Bunte informierte wird sich unwillkürlich an den Staatsbesuch des Schahs von Persien vom 27. Mai bis 4. Juni 1967 erinnert haben, begleitet von einem in der BRD nie dagewesenen Polizeiaufgebot. Es waren überwiegend Studierende, die am 2. Juni vor dem Rathaus Schöneberg in Westberlin gegen den Herrscher auf dem Pfauenthron und sein von Briten und Amerikanern gestütztes Folterregime protestierten. Die Polizei blieb zunächst untätig, als die "Jubelperser", mit Holzlatten und Stahlrohren bewaffnete Schläger, auf die Demonstranten einprügelten und ging dann mit Wasserwerfern gegen die Studierenden vor.

Zum Ärger der Springerpresse und der Illustrierten, die Auflage mit Photos von einem Märchenprinzen aus dem Orient und seiner schönen Gattin machen wollten, waren die Demonstranten auch wieder da, als das holde Paar eine Aufführung von Mozarts Zauberflöte in der Berliner Oper besuchte. Polizeipräsident Erich Duensing hatte offenbar vergessen, dass er nicht mehr Offizier der Wehrmacht war und ordnete von seinem "Gefechtsstand" aus die Leberwursttaktik an: "Nehmen wir die Demonstranten als Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt." An diesem Abend wurde der Student Benno Ohnesorg von Polizeiobermeister (und IM der Stasi) Kurras erschossen.

Eine Königin der Nacht gibt es in Z nicht. Der Komponist heißt Mikis Theodorakis. Doch das Opfer wird auch da getötet, während man in der Nähe klassische Musik spielt. Besonders gruselig wird das, wenn man den historischen Kontext berücksichtigt und verstanden hat, warum diese Musik in Z gespielt wird. "Nazikollaborateur", soviel vorweg, hat in Griechenland eine andere Bedeutung, als man hier bei uns denkt.

Mehr im zweiten Teil von Drive-by-Killing in Thessaloniki: Schützen wir das christliche Abendland.

Anzeige