Drogenfrei und deutsch dabei

Wie Rechtsextremisten versuchen, die Jugendkultur des Hardcore und Straight Edge zu unterwandern

Dass Musik die Sprache der Leidenschaft ist, erkannte nicht nur der Komponist Richard Wagner. Dass Musik auch zur Überbringung von parteipolitischen und rechtsextremen Botschaften hilfreich ist, fiel auch Ian Stuart Donaldson ein, jenem Vorzeige-Rechtsextremisten und Sänger der britischen Rechtsrock-Legende Skrewdriver, einer Combo, die 1977 zunächst als Punkband begann. Stuart Donaldson trat 1979 in die rechtsextreme britische Partei National Front ein, organisierte Rock against Communism-Konzerte und gründete im Jahre 1987 das musikzentrierte, neonazistische Netzwerk Blood & Honour mit, das bis heute rechte Bands vernetzt. Stuart Donaldson ist tot, er starb bei einem Autounfall 1993. Auf dem rechten Musikmarkt hat sich hingegen einiges getan.

So wurde Blood & Honour nicht nur hierzulande im Jahre 2000 verboten. Rechtsrock hat sich auch seit den 90er Jahren ausdifferenziert, Rechtsrock ist eine Erlebniswelt. Zwar ging die Anzahl rechter Konzerte im letzten Jahr auf etwa 160 und auch die Produktionszahl rechtsextremer Tonträger in Deutschland auf 101 erschienene Cds/LPs zurück. Die Zahl aktiver Rechtsrock-Bands aber hat weiter zugenommen. In Deutschland gab es im letzten Jahr um die 180 Rechtsrock-Gruppen, die Konzerte veranstalteten oder Musik veröffentlichten. Zum Vergleich: 1989 erschienen erst sechs LPs rechtsextremer deutscher Bands, 1993 waren es 35 LPs und CDs.

Im Gegensatz zu den 80er und frühen 90er Jahren ist heute nur vielfach unklar, wer alles zur rechtsextremen Szene gezählt werden kann. Rechtsextremisten setzen keineswegs mehr nur auf klassischen Haudrauf-Rechtsrock im Vier-Vierteltakt, wenn dieser auch keinesfalls abgemeldet ist. Rechtsextremisten erfreuen sich an den Spieltraditionen des Dark Wave/Gothic, Neo-Folk, Industrial, Black Metal, und in den letzten Jahren auch zunehmend am Hardcore/Hatecore sowie am National Socialist Straight Edge (NS SE), einer drogenfreien Variante des Hardcore.

Was kommt da auf uns zu? Rechtsextreme Gesundheitsfanatiker mit Stromgitarren? Unterwanderungsbemühungen von Rechtsextremen im Bereich Hardcore sind keineswegs neu, aber sie nehmen zu. Seit Jahren setzen Rechtsextremisten auf flott gespielten Hardcore/Hatecore, einer spielerisch perfektionierteren, in der Regel professioneller produzierten und aggressiveren Spielweise des Punk. Hardcore entstand zunächst Ende der 1970er/Anfang der 80er Jahre in den USA aus der Punk-Bewegung, vornehmlich in Washington DC und in New York. Hardcore war, und ist auch heute noch, im linken Spektrum verwurzelt. Die Interpreten schrieben sich do it yourself und Antikapitalismus auf die Fahnen, teilten ein in Gut und Börse und landeten doch in den Verkaufsregalen. Ein Teil der Bewegung, die Straight Edge-Szene, gab sich pionierhaft drogenfrei.

Ihr Erkennungszeichen war ein gemaltes X auf dem Handrücken, das Jugendlichen in Amerika auf so genannten All-Ages-Konzerten unter 21 Jahren aufgetragen wurde, da an sie noch kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte. Ian MacKaye, Sänger der Punk-Legende Minor Threat (heute bei Fugazi) übertrug das X als Symbol in die Szene. Er hatte sich damit und in zwei Songtexten gegen den Profilierungszwang amerikanischer Pubertierender abgegrenzt, die sich über Sex und nächtliche Alkoholexzesse definierten. Jetzt galt Enthaltsamkeit, drogenfrei und Spaß dabei.

Jüngst tauchte nun im Internet ein Video von rechtsextremen Kräften auf, in dem versucht wird, Straight Edge als Begriff national zu besetzen. Dass es sich darin um Rechtsextremisten handelt, ist nicht gleich zu erkennen. Original getreu erzählen die jungen Männer und eine Frau die Geschichte der Straight Edge-Bewegung, auch der Look sitzt und gleicht den Originalen. Im Video handelt es sich um eine Gruppe um den 28jährigen Arnstädter Patrick Wiedorn, der aus dem Spektrum von Blood & Honour stammt. Die Jugendlichen tauchen wie Wiedorn auch in weiteren Clips der rechtsextremen Internetplattform Media Pro Patria auf, all das ist auch bei Youtube zu sehen. Dort wettern sie gegen eine multikulturelle Gesellschaft, gegen Rassenvermischung und fordern Artenschutz für Deutsche in der Bundesrepublik.

Das Video ist kein Streich verwirrter Rechtsextremer, mittlerweile gibt es eine internationale rechtsextreme Hardcore- und Hatecore-Szene. Die Interpreten heißen Blue Eyed Devils, Teardown, H8Machine (alle stammend aus den USA) oder Moshpit, Eternal Bleeding (beide Altenburg/Thüringen) oder Hope for the weak (Dresden/Sachsen). In den USA hat sich unter der neonazistischen Organisation Terror Edge ein regelrechtes drogenfreies und musikzentriertes Netzwerk gebildet mit einer Vielzahl von Bands, Labels und Szeneanhängern. Auch in Deutschland entstehen Strukturen. Das Label Until the End Records setzt auf NS Hatecore und probiert sich zugleich als Versandhandel. Das New Hate Zine nennt sich "NS HC-Online-Magazin" und vernetzt sich mit anderen rechten Hardcore-Labels, bespricht Bands und führt Interviews in der rechten Hardcore-Szene. Die Liste der Beispiele ließe sich fortsetzen.

Im Gegensatz zum Dark Wave/Gothic und Black Metal, wo sich viele Bands in einer Grauzone zwischen Okkultismus, Satanismus, Heidentum und Neonazismus bewegen, ist die rechtsextreme Hardcore-Szene (noch) relativ geschlossen. Zurecht lehnen die Rechtsextremismusforscher Christian Dornbusch und Hans-Peter Killguss in ihrem Buch "Unheilige Allianzen" über die Black Metal-Szene das Begriffspaar National Socialist Black Metal (NS BM) ab. Szenegänger und Interpreten ordnen sich häufig dem unpolitischen Spektrum zu, immer wieder wird auch eine Nähe zum Neonazismus verschwiegen oder geleugnet. Andere Szenegänger sehen neonazistische Bands, wie die Thüringer "Kultband" Absurd, nur als "Teil der Szene", wieder andere begrüßen sie einhellig. Die Gothic-Szene wiederum übt sich stark intellektuell, Interpreten beziehen sich teilweise, wie im Black Metal auch, auf Vordenker der "konservativen Revolution". Derart theoretische Bezugspunkte und vergleichbare personelle Überschneidungen mit der rechten Szene gibt es so in der Hardcore-Szene nicht.

Vermengungen aber sind nicht mehr wegzudenken: Neonazis besuchen Konzerte von nicht-rechten Hardcore-Bands, besonders gerne die von Hatebreed (USA). Das Hatebreed-Logo wurde auch gleich übernommen und in einen anderen rechten Schriftzug ("Hatecrime") verwandelt. Rechte Versandhändler wie der V7 Versand vertreiben neben klassischen NS-Hatecorebands auch nicht-rechte Gruppen wie die Ostberliner Punishable Act, und bei MySpace.com bleibt einem nichts mehr erspart: Hier profiliert sich die rechtsextreme Hard- und Hatecore-Szene um Bands wie Total War (aus den USA - nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen deutschen Thrash/Death Metal-Band aus dem Mainzer Raum!), Dawnfall (Brandenburg) oder Daily Broken Dream (Magdeburg/Sachsen-Anhalt). Hier heißt es auch mal "H8Edge Sieg Heil" und Bands wie Daily Broken Dream "adden" sich mit nicht-rechten Hardcore-Bands wie Hatebreed, Ignite (beide USA) oder Comback Kid (Kanada). Motto: Hallo ich bin Nazi, lass uns Freunde werden.

Da auf den ersten Blick oft nicht deutlich wird, dass es sich hier um neonazistische Aktivisten handelt, lassen Bands das auch zu. Die Berliner Tour-Booking-Agentur M.A.D zeigte sich einigermaßen erstaunt, als sie erfuhr, dass auch sie "Freund" der Rechtsextremen wurde. Im Netz triumphiert die große Unüberschaubarkeit. Hier wird von Rechts kopiert und umgedeutet, hier wird alles zu Hardcore und Hatecore was das Zeug hält. Hatecore ist, wie jeder andere ursprüngliche Musikstil auch, nichts aus rechter Brutstätte.

Der Begriff Hatecore ist auf die linke New Yorker-Band SFA (stands for anything) zurückzuführen, die ihren Stil 1990 selbstmarkierend auf ihrer Scheibe The New Morality als "New York City Hatecore" bezeichneten. Eine geschlossene linke Hatecore-Szene gab es aber nie. Sie war immer Teil der linken Hardcore-Szene, sie unterschied sich auch vom Bereich Straight Edge, gerade Bands wie SFA lehnten sich wieder am traditionellen Punk-Schick an, trugen Nietenarmbänder und griffen auch mal zum Bier.

Interessanterweise fusionieren in der rechtsextremen Szene die Bereiche Hatecore und Straight Edge (wenn auch nicht jede NS Hatecore-Band straight edge ist). So hat die NS HC-Band Anger Within nicht nur Songs gegen Alkoholismus für den nationalen Widerstand im Repertoire, sie lässt auch in einem Interview auf der Seite von Until The End Records verlauten, dass versoffene Kameraden nicht dem Bild eines "deutschen Freiheitskämpfers" entsprechen würden.

Wenig erstaunlich, rechtsextreme Kräfte sind seit Jahren um einen Imagewandel bemüht. Rechtsextreme kleiden sich rechts adrett mit Marken wie Thor Steinar, Masterrace, Patriot oder jüngst auch Erik and Sons. Rechtsextremisten tragen Palästinenser-Tuch als Affront gegen Israel und laufen umher wie Linke, um nicht aufzufallen. Und sie setzen an aktuellen Debatten an, so auch um alkoholisierte und ziellose Jugendliche. Die rechtsextreme deutsche Hatecore-Band Might of Rage drückt sich durchaus deutlich aus, wenn sie anführt, dass es heute "keine Schande" sei, seinen Körper "drogenfrei zu halten". Damit erreiche man ein breiteres Publikum. Die Thüringer Band Moshpit erklärt im rechtsextremen Magazin der Panzerbär, dass es ihr Hauptziel sei, mit ihrer Musik "unpolitische Leute oder Vertretungen anderer Meinungen" zu erreichen.

Seit Ende der 90er Jahre wurde Hatecore als Begriff zunehmend von rechtsextremer Seite okkupiert und umgedeutet. Dass Rechtsextreme sich nicht schon zuvor das rechte Bein in der Hardcore-Szene vertreten haben, mag verwundern. Hardcore war schon immer auch eine geschlechterkonservierende Praxis, männlich dominiert, ein Spielplatz für sich erprobende Männchen in der Aufmerksamkeitsgesellschaft, nur mit alternativem Hinweisschild. Hardcore, und gerade Straight Edge, war von Beginn an auch ein moralisch kanonisiertes Regelsystem, nur mit linksmissionarischer Ausrichtung. Feindbildprojektionen, die Einteilung in Richtig und Falsch sowie verfestigte Vorstellungen vom gesunden Geist und Körper waren bei einem Teil der Szene schon immer virulent.

Die Szene war zudem nie, ähnlich wie die Bereiche Metal und Gothic, migrantisch geprägt. Nur wenige Bands, wie die amerikanischen Bad Brains, waren schwarz. Die Probleme vieler Rechtsextremer, HipHop als rechte Erlebniswelt anzuerkennen, da es sich hier um "Niggermusik" handele, gab es im Hardcore nicht, wenn auch Hardcore wie der Rock' n Roll niemals Musik mit weißen Wurzeln sein kann. Und die Hardcore-Szene sah einigermaßen anständig aus. Man erinnerte mit all den bunten Kappen und peppigen Band-Shirts ein wenig an Zugehörige der HipHop-Szene, zugleich betrat man mit Tarnhose und martialischer Glatze die Bühne und ähnelte dem Skinhead-Dress. Ästhetische Umdeutungensversuche von Rechts waren eine Frage der Zeit.

Hardcore wurde für die Rechte aber vor allem auch inhaltlich durch sein antikapitalistisches Selbstverständnis interessant. Was im linken Spektrum als Anklage gegen Missstände verursacht durch Kommerzialisierung und als Forderung für mehr Gleichberechtigung unabhängig von ethnischer Zugehörigkeit formuliert wird, gerät in rechtsextremen Kreisen zur arterhaltenden Kampfansage: So klagt die rechtsextreme Hatecore-Band Brainwash in einem Internetmagazin an, dass mit der "Macht des Geldes gebrochen" werden müsse, damit eine "auf nationalen Pfeilern gefestigte Volksgemeinschaft" geschaffen werde. Die Rostocker Band Path of Resistance lässt im Neonazi-Magazin Rock Nord streng verlauten, dass es nicht möglich sei, den "real existierenden Kapitalismus" durch "eine andere kapitalistische Form" zu ersetzen.

Antikapitalismus, Globalisierungskritik und Antisemitismus sind der heutige ideologische Kitt der Rechtsextremen. Wer gegen Globalisierung ist, stimmt gegen die USA und so auch gegen Israel als Verbündeter. Wer gegen Israel und die USA ist, meint gegen eine mammonistische Weltherrschaft zu sein und nennt sich Antikapitalist. Antikapitalistisch motivierter Antisemitismus stellt auch eine Verbindung zwischen rechtem Black Metal und rechtem Hardcore her, wenn die Szenen auch sonst wenig gemeinsam haben. Er ist verbindendes Element zwischen Satanismus und Neonazismus für die Black Metal-Szene und bildet in Form antikapitalistischer Attitüde eine inhaltliche Schnittmenge zwischen Hardcore und Black Metal.

So sind die Kommerzialisierungs-Debatten in der Black Metal-Szene teilweise vom Vorwurf eines "Verrats" an der Szene begleitet, man würde sich so an "Judenfirmen" verkaufen. Das Christen- und Judentum gilt im Black Metal als Religion "der Schwächeren", Satanismus als "Religion des Willens und der Stärke". Hier hat der Teufel Hochkonjunktur. In der NS Hardcore-Szene hat der Teufel wenig verloren, hier setzt man vermehrt auf antikapitalistisch motivierte Enthaltsamkeit, die zugleich antisemitisch ist. So meint die deutsche NS Hatecore-Band Might of Rage in Bezug auf Straight Edge, dass sich vor allem "Nasen" am Tabakkonsum Geld verdienen würden, man so "Lügenausstellung(en)" bezahle und der Staat Israel finanziert werde.

Zunehmend entdecken neonazistische Kräfte die Themenbereiche Gesundheit und Umwelt für den nationalen Widerstand, und das tun sie gerade im Bereich Hatecore und Straight Edge, aber auch im Black Metal und Gothic werden Bezugspunkte zur Natur als Organismus für eine Gemeinschaft deutlich. Wer das Wortpaar Straight Edge im Internet googelt, landet auch schnell auf Seiten der Rechtsextremen, ohne dass es gleich zu erkennen ist. So klärt die ökofaschistische Seite über Straight Edge und Hintergründe auf, sie zitiert sogar Ian MacKaye von Minor Threat, den Begründer des Begriffs Straight Edge. Sie verlinkt sich auch zu linken Tierrechtsgruppen wie Free Animal e.V.. Damit hat man kein Problem. Free Animal e.V. wiederum distanziert sich von Vereinnahmungsversuchen dieser Art "in aller Schärfe", so die Worte des Vereins.

Rechtsextreme Bands lassen antikapitalistische Strategien mit ökofaschistischen Umweltaspekten verschmelzen. So singt die rechtsextremistische Gruppe Path of Resistance nicht nur mit antikapitalistischem Pathos gegen eine kapitalistische Welt an, sie verbindet ihren Wahn auch mit treuer Naturverbundenheit, versucht es aber mit gemäßigtem Ton. So heißt es im Song "Capitalism kills": "Capitalism kills - the animals - the mankind - the nature - the world". Diese Zeile könnte auch von einer linken Band stammen, im Übrigen gibt es auch eine gleichnamige nicht-rechte Hardcore-Band aus den USA. Die NS HC-Band Hope for the weak fordert wiederum in aller Klarheit, dass man schleunigst die "Zerstörung der letzten Reserven stoppen" müsse. Was die Grünen schon seit Jahren sagen und trotzdem nicht schaffen, kann man am rechten Rand auch.

Dass Rechtsextreme Drogenfreiheit und Naturverbundenheit zur nationalen Königsdisziplin erklären, ist so neu nicht. Das Thema Ökologie hatte bereits im 19. Jahrhundert in rechten Weltanschauungen eine erhebliche Bedeutung. Bestandteile nationalsozialistischer Ideologie lassen sich schon im Denken des Zoologen Ernst Haeckel (1834-1919) finden, der 1866 den Begriff der Ökologie als Wissenschaft einführte. Haeckel war Verfechter eines "Recht des Stärkeren", er verteidigte die Tötung von "verkrüppelten Kindern", "unheilbar Kranken", "Geisteskranken" und "Aussätzigen".

Auch im Dritten Reich wurden Lebensphilosophien Oswald Spenglers und Ludwig Klages' in den Nationalsozialismus eingegliedert, obwohl Spengler ein ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus hatte und sich gegen Adolf Hitler aussprach, jedoch Mussolini verehrte. Nach Spengler ist jede Kultur ein natürlicher Organismus. Pflanzen, Tiere, aber auch die Bereiche Kunst, Gesellschaft, Politik und Staat sind für ihn Lebenseinheiten, all das ist Ausdruck einer Volksseele. Durch Zivilisation verschwinde jedoch allmählich die gesamte kulturfähige Bevölkerung. Zivilisation sei der Tod einer Kultur.

Erst die Anti-AKW-Bewegung der 70er Jahre und die Grünen besetzten in den 80er Jahren durch die Verbindung von Umweltschutz und sozialer Frage den Begriff Ökologie von links, wenngleich ein ehemaliges Mitglied der Grünen, Herbert Gruhl, 1982 die in einigen linken Kreisen als ökofaschistisch geltende Ökologische Demokratische Partei (ÖDP) mit gründete. Zu dieser Zeit wurde auch die Straight Edge-Szene in den USA groß und kam wenig später in Deutschland an: ökologische Themen und Gesundheitsaspekte flossen in den Forderungskatalog einer Jugendkultur mit ein.

Im Gegensatz zu ökofaschistischen Vordenkern sprach man in der Szene jedoch zunächst von keiner "Ganzheit" der Natur, der sich Gruppen und Individuen unterzuordnen hätten. Die Straight Edge-Szene glich anfänglich einer revoltierenden asketischen Selbsterfahrungsgruppe, die Individualismus und Gleichberechtigung groß schrieb (und es auch heute noch tut). Ian MacKaye distanzierte sich auch immer wieder von konservativen Umdeutungsversuchen seines Slogans "I don't smoke, I don't drink, I don't fuck".

Zugegeben: Allzu freiheitsstrebend klang das nicht. Darum wurde Straight Edge auch häufig als festes Koordinatensystem verstanden. Anhänger der Szene praktizierten plötzlich keinen Sex mehr und prügelten sich auch mal mit Andersdenkenden, was MacKaye keinesfalls beabsichtigte. Straight Edge verkam so zu einem dogmatischen Imperativ in der Spaßgesellschaft und wurde auch für die Rechte interessant.

Zugleich gab es konservative und nationalistische Tendenzen in der Hardcore-Szene schon immer. Die amerikanische Band Warzone beispielsweise äußerte sich in den 80er Jahren kommunistenfeindlich und liebäugelte mit nationalistischen Positionen, wenn sie auch auf einem linken Label veröffentlichte. In den 90er Jahren gab es vermehrt Debatten im Bereich Straight Edge, vornehmlich um die "Hardline"-Bewegung um ihren Begründer Sean Muttaqi und um die vegane Straight Edge-Vorzeige-Band Earth Crisis. Sean Muttaqi konvertierte zum Islam, Earth Crisis wiederum griffen moralisierend zu ihren Instrumenten, gaben sich so erzkonservativ wie der Papst, positionierten sich stark heterosexuell und wetterten gegen Abtreibung. Hier ging so einiges.

Offenkundige rechte Unterwanderungsbestrebungen in der Hardcore-Szene aber gibt es erst seit der zweiten Hälfte der 90er Jahre, wenn sich auch die New Yorker-Hardcore-Band Youth Defense League (YDL) bereits 1987 im Blood & Honour-Magazin als antikommunistisch und nationalistisch präsentierte. In den letzten Jahren wehrte sich die Szene auch immer wieder mit Aktionen wie "Good Night White Pride" oder "Let's fight White Pride" gegen rechte Vereinnahmungsversuche. Zugleich deuten Rechtsextremisten die Aktionen um, so etwa in "Good Night Left Side". All das gleicht einem Bedeutungstennis nach dem Anti-Antifa-Prinzip, eine Aktion, die als Reaktion Rechtsextremer zur Bekämpfung der Antifa initiiert wurde. Mache das, was der Gegner macht.

Das soll den "Feind" bekämpfen, es sorgt aber vor allem für Verwirrung und soll rechtes Gedankengut in der Mitte platzieren. Agiert die Linke ähnlich, indem sie nach gleichem Prinzip mit dem Feuer am rechten Rande spielt, ist der Tabubruch nicht weit. In letzter Zeit gab es vermehrt Debatten um Hardcore-Bands aus dem Ruhrpott des Umfeldes der Crew RBS. Hier gibt man sich bewusst politisch inkorrekt, singt wie böse der Ruhrpott ist, setzt auf stumpf ist Trumpf und übt sich im "Violant Dancing", einer Tanzart, die kampfsportartigen Tritten im Publikum gleicht.

Unter der Zeile Welcome to Germany präsentiert sich die Band Reduction auch mal deutsch und stolz, in Interviews positioniert man sich wiederum als geerdete Demokraten. Keiner sei hier rassistisch, betont ein Mitglied der RBS-Gruppe im Fan-Magazin Ox. Provokation gelte als Stilmittel des "künstlerischen Ausdrucks". Wer das nicht verstehe, hätte heutzutage "ein sehr schweres Leben".

In der Tat: Gerade im Bereich HipHop haben Übertretungen immer für Verwirrung gesorgt und sie führten auch zu Fehlinterpretationen. Die Autoren Hannes Loh und Murat Güngör wollten mit ihrem Buch "Fear of a kanak Planet. HipHop zwischen Weltkultur und Nazirap" in der Szene ein Denkmal setzen, indem sie moralisch auf rassistische und deutschnationale Tendenzen im HipHop hindeuteten. Allerdings sah man Geister, die es so nicht gab. Bis heute gibt es keinen organisierten Wotan-Clan, trotz rassistischer und sexistischer Entgleisungen in der Szene. Und auch wenn das rechtsextreme Magazin Rock Nord bereits im Jahre 2001 orakelte, dass HipHop schneller "weiß" werde, als man denke, können Okkupationsversuche von Rechts im HipHop als bislang relativ gescheitert gelten.

Zugleich zeigten die Debatten in der HipHop-Szene, und sie sind letztendlich mit denen über die Gruppen aus dem Umfeld von RBS in der Hardcore-Szene zu vergleichen, dass man vielfach nicht mehr weiß (oder es nie wusste), wann man für Rechts anschlussfähig wird. Keine Frage: Bei all den Übertreibungsriten und Männlichkeitsübungen geht es vielfach "nur" um Positionierung, auch um Abgrenzung oder Tabubrüche. Es geht nicht um die Schaffung einer völkisch kollektivistischen oder ethnisch homogenen Gemeinschaft in einem starken Nationalstaat - was bei typisch neonazistischen Rechtsrock-Bands in der Regel der Fall ist. Gleichwohl rekurriert das Gehabe um Distinktion im HipHop und teilweise auch im Hardcore häufig auf Ethnizität oder auf die Zugehörigkeit zu einer Nation, Kultur, auf das Geschlecht und bildet so Mehr- und Minderheiten ab.

Vieles ist im globalen Gewühl durcheinander geraten, und immer wieder heißt es, und es steht fast in jedem Buch, dass der Rechtsextremismus dadurch "in der Mitte" angekommen sei, was auch stimmt. Gesagt werden muss aber auch, dass linke wie rechte Positionen in der Mitte Platz finden. Man wählt nicht nur vermehrt rechts, man wählt auch verstärkt links. Es multiplizieren sich nicht nur rechtsextreme Internetseiten (es gibt um die 1.000 deutsche rechtsextreme Webseiten mit Aufrufcharakter), die Selbstdarstellung im Netz nimmt generell zu. Insgesamt probieren sich Linke und Rechte in der Erlebnisoffensive. Das eine bedeutet dennoch keine Entwarnung für das andere, denn gerade im Gemenge großer Unüberschaubarkeit sind rechtsextreme Positionen umso anschlussfähiger.

Bei all dem muss man fragen, was das heute genau sein soll, Links und Rechts? Links und Rechts sind keine geschlossenen Überzeugungssysteme mit diametralen Stoßrichtungen, Links und Rechts bewegen sich in einem politischen Kontinuum und weisen durchaus Schnittstellen auf. So kam eine Studie der FU-Berlin der Forscher Bodo Zeuner und Richard Stöss (und andere) zum dem Ergebnis, dass jedes fünfte Gewerkschaftsmitglied heute ein rechtsextremes Weltbild hat.

Richard Stöss gelangt zudem in seinem Buch "Rechtsextremismus im Wandel" zu der Erkenntnis, dass die Anhänger rechtsextremistischer Parteien "nur" knapp zur Hälfte rechtsextremistisch eingestellt sind (der Rest verfügt dennoch über eine starke rechtslastige Gesinnung). Ohnehin wählt ein Teil der Rechtsextremen die Volksparteien. Jugend- und Musikkulturen sind nur Spiegel dieser Verhältnisse, sie sind Ausdruck von Überlappungen und Abbild einer Zeit, in der auch Konservatismen und rechte Weltanschauungen mit hedonistischen Prinzipien verschmelzen.

Die Rechte konnte von den Linken lernen. Darum klingen die Töne im Rechtsrock heute auch gemäßigter, was natürlich auch daran liegt, dass Bands nicht strafrechtlich belangt werden wollen. Vor allem aber will die Rechte salonfähig werden, darum will sie die Menschen auch dort abholen, wo sie stehen. Das ist der Kerngedanke von '68 unter dem Prinzip der Gleichberechtigung, wurde von Rechts nur umgedeutet. Das hat nur rein gar nichts mit einem Schwinden ideologischer Frontstellung zu tun: Rechtsextreme Musik bleibt Begleitmusik zu Rassenhass und Diskriminierung, sie bleibt Musik von Neonazis für Neonazis, aber eben auch für welche, die im Globalisierungsgewühl nicht wissen wo sie stehen sollen und Orientierung suchen.

Vornehmlich geriert sich die NPD heute zur globalisierungskritisch opponierenden Systemoffensive, sie mimt den netten Nachbarn, sie kooperiert zugleich mit neonazistischen freien Kameradschaften, wenn es auch immer wieder zu Reibereien kommt. Und sie setzt zunehmend auf Musik und auch auf NS Hatecore. Beispielhaft sei hier der "Bayerntag" der NPD in Regensburg im Jahre 2006 genannt, auf dem auch die bayerische NS Hatecore-Band Burning Hate spielte.

Die NPD findet so zu ihrer völkisch-nationalistischen und antikapitalistischen-rassistischen Ausrichtung nur die richtigen Töne zum Parteiprogramm. Sie nimmt auch als Veranstalterin von Rechtsrock-Konzerten einen immer wichtigeren Stellenwert ein: Im Jahre 2007 hat die NPD mindestens 32 Veranstaltungen direkt oder mit großer Unterstützung von insgesamt rund 160 bundesweiten Veranstaltungen im Bereich Rechtsrock und rechte Liederabende organisiert.

Die NPD verbindet musikalische Erlebniswelten mit rassistisch motivierter Globalisierungskritik. Kaum verwunderlich: Einer Untersuchung von Richard Stöss aus dem Jahre 2003 zufolge waren 85 Prozent der rechtsgerichteten Szene kapitalismuskritisch und 91 Prozent globalisierungskritisch eingestellt. Zugleich stellte Stöss rechtsextreme Einstellungen bei etwa einem Drittel der Kapitalismuskritiker, bei rund einem Viertel der Globalisierungskritiker und bei 38 Prozent der Antikapitalisten fest. Hier wird der ganze Kuddelmuddel in der viel zitierten Mitte nur umso deutlicher.

An den Entwicklungen der NPD wird noch eines deutlich: Rechtsextreme argumentieren und agieren heute im Argumentationsfeld neuer Öffentlichkeit, die Widersprüche zulässt aber zur Verbreitung rechtsgerichteter Inhalte führt. Widersprüchlich erscheint, dass der rechtsextreme Musikmarkt heute international ist, sich in diesem aber antiglobalistisch positioniert wird. Vorbei ist die Zeit, als es nur Funny Sounds (um ihren Betreiber Torsten Lemmer ) und Rock-O-Rama (um ihren Betreiber Herbert Egoldt, der vor zwei Jahren verstorben ist) als führende Labels zur Verbreitung rechter Musik gab.

Gegenwärtig existieren um die 40 rechtsextremen Produktions- und Vertriebsunternehmen in Deutschland, die Zahl der bundesweit aktiven rechtsextremistischen Versandhändler, bei denen Tonträger und andere Propagandamaterialien erhältlich sind, liegt mit 91 noch weitaus höher (Verfassungsschutzbericht 2006). Im Gegensatz zu den 80er Jahren werden die Labels aber von bekennenden Neonazis betrieben (so war Herbert Egoldt zu keiner Zeit in die rechtsextreme Szene eingebunden, er machte "nur" Geld mit Rechtsrock). Und vorbei ist auch die Zeit, als deutsche Rechtsrock-Gruppen wie Störkraft oder Endstufe nur deutsche Namen hatten und auf deutsch sangen. Bemerkenswert ist schon, dass es einen Trend hin zur Amerikanisierung von Namen und Texten im deutschen Rechtsrock und gerade im Hardcore gibt, man aber zugleich in den Chor der Entrüsteten gegen Amerika einstimmt. Es gibt sogar internationale Band-Besetzungen.

Ein globalisierter Musikmarkt führt zur weltweiten Distribution rechtsextremer Inhalte. Sangen und musizierten Rechtsextreme lange Zeit in Hinterstübchen, in Wirtshäusern und Gaststätten, gibt es heute musikalische Ergüsse zur Volksverhetzung nicht nur als Eventkultur durch zahlreiche Konzerte. Sie gibt es auch per Mausklick für Nazi 2.0 zwischen Gothic, Black Metal, Tekkno, hart, härter, Hatecore und werden so allen zugänglich. Rechtsextreme Musik ist so widersprüchlich wie zeitgemäß: Bewegt man sich in Deutschland, versteht man sich als deutschnational und probiert es auch mal mit drogenfrei und deutsch dabei. Bewegt man sich auf internationalem Parkett, glorifiziert man die weiße Rasse über Staatsgrenzen.

Zurecht hat der Politologe Thomas Grumke in diesem Zusammenhang von "globalisierten Antiglobalisten" gesprochen. Hier versucht man einigermaßen flexibel zu bleiben. Bei all den Verwirrungen in und Anpassungsleistungen an die Mitte bleibt Rechtsextremismus dennoch vor allem eines: so plakativ wie dumm. Der Feind ist immer der "Andere", das Andere bleibt nur bis zu einem gewissen Grad austauschbar, Schuld aber haben immer Andere. Und daran wird auch das kleine bisschen Offenheit für schnellen Hardcore nichts ändern. (Jens Thomas)

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