Drohender Ansturm der Wanderratten

Bild: Earth'sbuddy / CC-BY-SA-3.0

Rattenbekämpfung ist eine mäßig erfolgreiche Ewigkeitsaufgabe. Durch warme Winter und zu große Trockenheit breitet sich die Population zunehmend aus, gleichzeitig entwickeln sie Resistenzen gegen die verfügbaren Gifte

Rattus

Ratten sind die weltweit am weitesten verbreiteten Kleinnager und der erfolgreichste Kulturfolger. In London machten sich die Ratten im Juni 2019 selbst im altehrwürdigen Buckingham-Palast und im Parlamentssitz Westminster breit. Die Königin "was not amused". Während die Kammerjäger ihrer Majestät sich bemühten, den britischen Ratten den Exitus zu bereiten, debattierten ein Stockwerk höher die Abgeordneten den politischen "Brexit".

Die Ratten gehören zur Familie der Langschwanzmäuse. Es handelt sich um weltweit rund 65 Arten. Darüber hinaus gibt es einzelne Arten, von deren Existenz man weiß, die aber noch nicht wissenschaftlich erfasst und beschrieben wurden. In Europa leben zwei Rattenarten: Die Hausratte (Rattus rattus) und die Wanderratte (Rattus norvegicus). Beide besitzen Knopfaugen und ein braungraues Fell.

Die Wanderratte hat einen gedrungenen Körper mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 8-30 Zentimetern und einem nackten Schwanz von 14-22 Zentimetern. Ausgewachsene Tiere können ein Gewicht bis zu 500 Gramm erzielen. Die Hausratte ist etwas kleiner. Sie wird nur 16-20 Zentimeter lang, hat dafür aber einen längeren Schwanz von 19-25 Zentimetern. Die so genannte Labor- oder Farbratte ist eine domestizierte Zuchtversion der Wanderratte, die von ihren Besitzern als Haustier gehalten werden. Der Geruchssinn dieser Nagetiere ist gut entwickelt, ihr Gehörsinn reicht bis in den Ultraschallbereich.

Wanderratte. Bild: Reg Mckenna / CC-BY-2.0

Ratten sind schlaue und soziale Tiere. Die besser erforschten, kulturfolgenden Arten leben in Gruppen von bis zu 60 Tieren, wobei die Gruppenmitglieder sich am Geruch erkennen. Gruppen setzen sich aus einem oder mehreren Männchen und mehreren Weibchen zusammen, beide Geschlechter etablieren eine Rangordnung. Es sind territoriale Tiere, die Reviere werden gegen Eindringlinge verteidigt.

Beide Rattenarten stammen ursprünglich aus Südostasien. Die Hausratte kam vor zweitausend Jahren mit der römischen Besiedlung nach Mitteleuropa; die Wanderratte kam zu Anfang des 18. Jahrhunderts aus Russland und breitete sich in Europa aus. Sie hat mittlerweile die Hausratte verdrängt, so dass letztere nahezu ausgestorben ist.

Ernährungsweise

Ratten sind im Prinzip Allesfresser. Sie fressen alles, was auch Menschen essen und darüberhinaus noch Seifen, Papier, Bienenwachs, Pelze, etc.. So drangen Ratten Anfang 2018 in die Universitätsbibliothek in Stuttgart ein und knabberten dort die Bücher an: 200 Regalmeter waren mit Rattenkot so verdreckt, dass sie entsorgt werden mussten, knapp 8.000 Bücher wurden zerstört. Die Eindringlinge bevorzugten die sozial-, wirtschafts- und rechtswissenschaftliche Literatur aus den Sechziger- bis Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Der Schaden belief sich auf etwa 200.000 Euro. Die Bekämpfungsmaßnahme dauerte ein Dreivierteljahr. Soviel "Bildungshunger" ist eher selten.

Die Arten, die in der Nähe des Menschen leben, finden ihre Nahrung häufig in Vorratslagern, auf Feldern oder im Abfall. Sie ernähren sich aus ungesicherten Komposthaufen, Müllsäcken, etc.. Eine Konsumgesellschaft, die jedes Jahr 18 Millionen Tonnen unverdorbener Lebensmittel einfach wegwirft, darf sich über die Ausbreitung der Ratten nicht beschweren.

Die in der Natur lebenden Arten bevorzugen meistens Samen, Körner, Nüsse und Früchte, ergänzen den Speiseplan aber mit Insekten und anderen Kleintieren. Wanderratten sind vorwiegend Fleischfresser, zu ihrer Beute zählen Vögel und deren Eier, kleine Säugetiere und andere Wirbeltiere aber auch Fische.

Ausbreitung und Vermehrung

(Kanal-)Ratten leben im unterirdischen Abwassersystem der Städte und Gemeinden. Sie lieben Bauruinen, Müllplätze, Gerümpel und Buschwerk, wenn es ihnen Unterschlupf und hinreichend Nahrung bietet.

Ratten weisen verschiedene biologische Eigenschaften auf, die ihre Ausbreitung fördern:

  • Sie können sich erstaunlich schmal machen, was ihnen beim Erobern von Lebensräumen hilft. Wo ein Rattenkopf durchpasst, passt auch die ganze Ratte durch.
  • Weil sie so beweglich sind, kommen Ratten fast überall hin.
  • Sie können sehr gut graben.
  • Sie können geschickt klettern und sich an Wänden und in Rohren senkrecht nach oben bewegen, so dass sie manchmal in einem oberen Stockwerk durch ein Toilettenbecken wieder herauskommen.
  • Sie können bis zu drei Minuten tauchen und drei Tage durchgängig schwimmen.
  • Als Allesfresser können Ratten jeden beliebigen Lebensraum bevölkern.

Zu ihrer Ausbreitung trägt insbesondere ihre hohe Vermehrungsrate bei: Innerhalb eines Rudels sind die Weibchen alle zur gleichen Zeit fruchtbar. Ratten-Weibchen werfen pro Wurf sechs bis acht Ratten. Diese benötigen in der Regel drei bis vier Wochen, ehe sie selbständig sind. Wanderratten werden ab einem Alter von drei Monaten selbst geschlechtsreif, Hausratten nach drei bis fünf Monaten. Aufgrund des kurzen Geburts-Zyklus und der schnellen Geschlechtsreife der Jungtiere kann sich ein Ratten-Rudel, sofern ungestört, sehr schnell vermehren. Ist ein ausreichend großes Nahrungsangebot vorhanden, gibt es nur wenige limitierende Faktoren. So kann schnell ein erheblicher Befall entstehen, welcher gezielt bekämpft werden muss.

Im realen Rattenleben produziert ein Weibchen pro Jahr rund 500 Kinder und Kindeskinder; theoretisch kann eine Wanderratte pro Jahr sogar 1.952 Nachkommen erzeugen.

Wie viele Ratten in Deutschland leben, ist nicht bekannt. Es fehlen schlichtweg valide Daten, da es methodisch nicht möglich ist, die Population in einem größeren Gebiet überhaupt zu erfassen. So bilden die Ratten eine nagende, schädliche Untergrundarmee unsichtbarer, nachtaktiver Fluchttiere, und dies ist vielen Einwohnern auch ganz lieb so, dass sie von den Ratten möglichst wenig mitbekommen.

Vier Tage alte Wanderatten. Bild: Alexey Krasavin / CC-BY-SA-2.0

Statt eine absolute Zahl für den Rattenbestand zu nennen, behilft man sich in der Regel damit, dass man angibt, wieviele Ratten im Vergleich zum Menschen in einem bestimmten Gebiet leben. Oft heißt es, dass Verhältnis sei 1:1. Allerdings wies der "Spiegel" darauf hin, dass diese veraltete Angabe recht willkürlich ist und historische Ursachen hatte:

Hartnäckig hält sich zudem das Gerücht, dass pro Einwohner eine Ratte in einer Stadt lebt. Für Berlin würde das mehr als 3,7 Millionen Ratten bedeuten, für Hamburg immerhin gut 1,8 Millionen.
Allerdings basiert diese Theorie auf einer mehr als hundert Jahre alten Untersuchung. Der britische Forscher William Richard Boelter ging im Jahr 1909 davon aus, dass pro Acre (umgerechnet 4047 Quadratmeter) eine Ratte lebt. Großbritannien war zu der Zeit 40 Millionen Acres groß und hatte zufällig 40 Millionen Einwohner. Daher stammt die These eine Ratte pro Einwohner.

Andere gehen davon aus, dass doppelt so viele Ratten wie Menschen leben, also 2:1. Manche sprechen davon, dass im landesweiten Durchschnitt auf jeden Menschen 1 bis 1,5 Ratten kommen, in den Großstädten sei das Verhältnis 2 bis 2,5 zu 1. Andere Schätzungen sind noch wesentlich höher, lassen sich aber weder bestätigen noch dementieren. Schädlingsbekämpfungsunternehmen gehen von einem Bestand von 150 bis 200 Millionen Wanderratten in Deutschland aus. Andere nennen eine Zahl von 300.000.000 Tierchen.

Demgegenüber ist die Zahl der an die Behörden gemeldeten Rattensichtungen keineswegs ein Maßstab für die tatsächliche Größendimension des Rattenvorkommens. Zweimal im Jahr steigt saisonbedingt die Zahl der Sichtungen: Im Frühjahr werden die Ratten durch die erhöhten Temperaturen aus dem unterirdischen, warmen Kanalsystem an die Erdoberfläche gelockt, wo sie sich in Parks und Ruinen einen neuen Unterschlupf suchen. Wenn es im Herbst wieder kälter wird, wandern die Ratten über die öffentlichen Straßen zurück in die Kanalisation. Ansonsten sind die scheuen Wildtiere scheinbar verschwunden.

Schon jetzt wohnt die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Räumen, bis 2030 soll dieser Anteil weiter auf 60 Prozent steigen, so dass auch die Zahl der braunen Ratten - nach dieser Rechnung - zunehmen wird.

Vermehrtes Aufkommen oder gar Rattenplage?

Die Ausbreitung der Ratten hängt nicht zuletzt von den Klima- und Umweltbedingungen ab. Durch die warmen Winter 2017/18 und 2018/19 blieb die "natürliche Selektion" aus. Selbst alte und kranke Tiere haben die Winterzeit überstanden. Hinzu kam, dass es relativ trocken war, so dass keine Ratten bei Hochwasser in den überfluteten Abwasserschächten ersoffen sind. Stattdessen wuchsen die Populationen an und breiteten sich aus, ein Phänomen, mit dem in Zukunft noch öfters zu rechnen ist.

Da das Thema "Ratten" mit Ekel, Ängsten und Tabus konnotiert ist, wiegeln die städtischen Behörden und Rathausparteien eher ab, um einen Imageschaden für ihre Kommune zu vermeiden. Nur in Ausnahmefällen, wenn sich das Problem nicht länger verschweigen lässt, wird eine örtlich begrenzte "Rattenplage" konstatiert. Zumindest konnte man in den letzten zwei Jahren eine leichte Zunahme des Rattenbefalls feststellen. Betroffen ist insbesondere das Ruhrgebiet als urbaner Großraum mit zahlreichen Industrieruinen und Gewässern, aber auch andere Städte. So mussten in Berlin die Schädlingsbekämpfer im Jahr 2018 insgesamt 11.414 Mal ausrücken, das war gegenüber dem Vorjahr eine Steigerung um 14 Prozent. "Fast jede Stadt hat Probleme mit Ratten", bekennt Thomas Guske, Vorsitzender des NRW-Landesverbandes der Schädlingsbekämpfer

  • Ahlen (52.582 Einwohner am 31.12.2018): Während es in den Jahren 2017 und 2018 jeweils 29 amtlich registrierte Sichtungen gab, waren es im ersten Halbjahr 2019 schon 22 Fälle. Für die Rattenbekämpfung im lokalen Abwassersystem wendet die Stadt jährlich 50.000 Euro auf.

  • Bielefeld (333.786 Einwohner): Anfang 2019 gab es in der Kleingartenkolonie in Bielefeld-Sennestadt eine vermehrtes Rattenaufkommen im Bereich Lahnweg, Naheweg und Württemberger Allee sowie im Süden rund um die Innstraße und den Illerweg. Herbeigelockt wurden die Tiere anscheinend durch die Komposthaufen und falsche Tierfütterung. Im örtlichen Baumarkt waren daraufhin die Rattenfallen nahezu ausverkauft.

  • Bonn (327.258 Einwohner): Experten kamen 2018 zu der Einschätzung, dass in der alten Bundeshauptstadt bis zu fünf Ratten pro Einwohner leben würden, das entspräche einer Gesamtpopulation von ca. 1,5 Millionen Tiere. Besonders betroffen sind die Stadtteile Bad Godesberg, mit dem alten Regierungsviertel, Beuel, sowie das Rheinufer und der Hofgarten, sowie die Straßen Max-Planck, Kortrijker, Mallwitz und Paracelsus. Selbst der Hauptsitz der Berufsfeuerwehr am Lievelingsweg 112 war Ende 2018 betroffen. Zur Rattenbekämpfung gibt die Stadt jährlich lediglich 25.000 Euro aus.

  • Dinslaken (67.525 Einwohner): In Dinslaken-Hiesfeld war im Juni/Juli 2019 Jahr insbesondere der Außenbereich der städtischen Kindertagesstätte in der Riemenschneiderstraße betroffen. Die Kita hatte sich nach Absprache mit dem zuständigen Fachdienst Kinder- und Jugendförderung bei der Stadt dazu entschlossen, die Eltern oder Erziehungsberechtigten der Kinder zunächst nicht über die Rattenpräsenz zu informieren, räumte Stadtsprecher Thomas Pieperhoff ein. "Wir haben die Sorgfaltspflicht in diesem Fall eingehalten. (…) Die Kita-Leitung muss die Eltern in diesem Fall nicht informieren."

  • Dorsten (74.736 Einwohner): Mitte Dezember 2014 verursachte eine Ratte durch einen Kabelbiss einen Kurzschluss in einer 10-Kv-Stromstation zwischen en Ortsteilen Wulfen und Lembeck. Daraufhin fiel in mehreren hundert Häusern in Alt-Wulfen der Strom aus, im benachbarten Ortsteil Barkenberg gab es zeitweise keinen Internet- und keinen Fernsehempfang.

  • Dortmund (587.010 Einwohner): Im Jahr 2016 gab die Stadtentwässerung Dortmund bekannt, dass auf jeden Einwohner sechs Ratten kommen. Mitte März 2018 musste die Kindertagesstätte St. Aposteln in der Dortmunder Nordstadt geräumt werden. Die Stadt ruft ihre Bürger einmal jährlich zu einer konzertierten Rattenbekämpfungsaktion auf. "Um den Rattenbefall in Dortmund einzudämmen, ruft die Stadt zu einer gemeinsamen Bekämpfungsaktion im Februar auf. (…) Vom 14. bis zum 28. Februar (2019, G. P.) will es die Stadt Dortmund den Plagegeistern ungemütlich machen - und ruft zu einer gemeinsamen Bekämpfungsaktion auf. (…) Dabei kann jeder, der zur Rattenbekämpfung verpflichtet ist, selbst entscheiden, wie er vorgeht."

  • Duisburg (498.590 Einwohner): In Duisburg-Homberg war im Mai 2019 das Vier-Sterne-Hotel "Rheingarten" betroffen. Ein Rattenrudel machte sich über den Müll des Hotels genüsslich her. "Die Rattenpopulation explodiert", erklärte ein Anwohner.

  • Ennepetal (30.075 Einwohner): Hinter dem Baumarkt in der Neustraße gibt es seit Herbst 2017 ein Rattenproblem. Die Tiere leben in der dortigen Hanganlage und kommen nur morgens und abends aus ihren Löchern. Zunächst ging die Stadtverwaltung davon aus, dass das Problem in wenigen Wochen gelöst sei: Der Standort für die Müllcontainer wurde regelmäßig gesäubert, Fraßköder ausgelegt. Allerdings sabotierten mehrere "Tierschützer" die Hygienemaßnahme. Sie legten gezielt Obst und andere Leckereien aus, um die Ratten anzulocken. "Die Fütterung verhindert aktiv, dass die Beköderung erfolgreich ist," beklagte der städtische Pressesprecher Hans-Günther Adrian. "Die Population ist zumindest eingedämmt. Ob es gelingt, sie komplett zu eliminieren, wissen wir aber nicht."

  • Gelsenkirchen (260.654 Einwohner): Im Stadtteil Rotthausen beklagten sich die Einwohner im Juni 2019 über ein erhöhtes Rattenaufkommen im Umfeld der lokalen Sparkasse. Von den 11.000 Abwasserschächten im Stadtgebiet werden 5.000 Gullys jedes Frühjahr vom Betreiber Gelsenwasser mit Ködern bestückt.

  • Hamm (179.111 Einwohner): Ulrich Witzig, der einzig verbliebene Schädlingsbekämpfer in Hamm, geht davon aus, dass in der Regel mit zwei Ratten pro Einwohner zu rechnen ist, allerdings habe sich die Rattenpopulation seit 2018 noch weiter erhöht. Im Hammer Westen an der Ecke Wörthstraße/Langer Straße war ein ganzes Wohnhaus über mehrere Jahre massiv befallen. Die Eigentümerin hatte ihr Haus aus der Gründerzeit langsam verkommen lassen, während sie mit Migranten aus Südosteuropa weiterhin Kasse machte. Als sich immer mehr Nachbarn beschwerten, nahmen Mitarbeiter des Umweltamtes das Haus im Juli 2019 in Augenschein, durften es aber - aus rechtlichen Gründen - nicht betreten, um eine richtige Inspektion vornehmen zu können. Stattdessen konnten sie die Eigentümerin lediglich anschreiben und sie bitten, Abhilfe zu schaffen. Außerdem konnte die Stadt auf den Nachbargrundstücken Rattenfallen aufstellen. Unter dem Stadtgebiet liegen 800 Kilometer Abwasserkanäle mit rund 25.000 Schächten, die mindestens einmal im Jahr vom zuständigen Lippeverband beködert werden.

  • Holzwickede (17.118 Einwohner): In der Presse hieß es im Juni 2019: "In Holzwickede kam es zu einer regelrechten Rattenplage. Die Gemeinde hat Maßnahmen ergriffen. Nun bittet sie die Bürger um Mithilfe." Am Emscherpark und am P+R-Parkplatz am Hauptbahnhof wurden Rattenköderstationen eingerichtet.

  • Köln (1.085.664 Einwohner): Angesichts eines massiven Rattenbefalls in den Klassenräumen, im Küchenbereich und auf dem Schulhof mussten die beiden Grundschulen Ernst-Moritz-Arndt-Schule und die Grüngürtelschule in Köln-Rodenkirchen (Mainstraße) vom 10. bis zum 12. April 2019 geschlossen werden, damit eine professionelle Rattenbekämpfung durchgeführt werden konnte. Betroffen waren rund 800 Schüler. Die Schulleitungen informierten die Eltern: "Wir können die Situation so nicht verantworten. Deshalb haben wir uns aus Hygienegründen zum Schutz Ihrer Kinder entschlossen, den Schulbetrieb einzustellen."

  • Krefeld (227.020 Einwohner): Im Stadtrat gab es im September 2016 heftige Auseinandersetzungen darüber, wieviele Ratten in der Stadt leben. Die SPD-Fraktion geht von einer Gesamtpopulation von rund 1.000.000 Tieren aus, während die anderen Parteien die Zahl mit 600.000 bis 1.000.000 bezifferten. Der Leiter des Ordnungsamtes Georg Lieser wiegelte ab: "Die allgemeine Beschwerdelage deutet nicht auf ein erhöhtes Rattenproblem hin. Angaben zu einer Gesamtpopulation von Ratten in Krefeld liegen der Verwaltung und der Netzgesellschaft Niederrhein nicht vor." Besonders betroffen waren die alte Gladbecker Straße, der Westwall, die Vagedesstraße am Friedrichsplatz und zuletzt der Moritzplatz. Im September 2019 gab es rund um das Helios-Klinikum ein vermehrtes Rattenaufkommen.

  • Marl (83.941 Einwohner): In Marl verursachte eine Ratte am 7. Oktober 2019 durch Kabelbiss einen Kurzschluss im Keller des Rathauses. Die Computeranlage fiel aus. Zwei Tage musste die Stadtverwaltung ihre Arbeit einstellen. Nach 2016 und 2018 war dies schon der dritte Rattenangriff auf das Rathaus.

  • Schwerte (46.340 Einwohner): Im Frühling 2015 breiteten sich die Ratten von einem Bahngelände aus und drangen auch in Privathäuser rund um die Robert-Koch-Straße ein. Versuche der Stadt, die Plage einzudämmen, scheiterten, weil die Tiere immer wieder Rückzugsräume am Bahndamm fanden. Der Druck der Nachbarn auf die Stadt nahm zu, weil sich immer wieder Tiere durch Türen nagten und auch in den Wohnhäusern auftauchten. Erst als die Stadt Anfang 2016 gemeinsam mit der Bahn gegen die Plage vorging, konnte man die Rattenpopulation eindämmen. Dazu wurde die Vegetation am Bahndamm gerodet, und so dafür gesorgt, dass es keine Rückzugsmöglichkeiten mehr gab. Dann legte ein beauftragtes Unternehmen Gift-Köder aus.

  • Unna (58.633 Einwohner): Der Spielplatz in der Salinenstraße im Stadtteil Königsborn ist seit 2014 stillgelegt, weil die Schädlingsbekämpfer das dortige Rattenproblem einfach nicht in den Griff bekommen. Die Dauer der dortigen Rattenbekämpfungsmaßnahmen war - gewissermaßen - am Rande des Erlaubten. Auch die Gartenvorstadt im Süden von Unna hat ein Rattenproblem. Der städtische Abwasserbetreiber begann am 12. August 2019 damit, in seinem Kanalsystem Köder auszulegen. Aufgrund der Größe des Netzwerkes dauert die Aktion bis zum Oktober.
    (…)

Gesundheitsgefahren

Ratten sind Vorrats- und Materialschädlinge. Sie verursachen Frassschäden und Verschmutzungen an Lebensmitteln in Küchen, Kellern und Lagerräumen. Zudem können Ratten aufgrund ihres Nagens Stromkabel anknabbern und so Brände auslösen, aber auch Abwasserleitungen, Balken, Bretter, Möbel und Türen zerstören. Während man früher beim Hausbau Rohre aus Steingut verwendete, benutzt man heute Kunststoffrohre. Die sind billiger, leichter und daher für die Bauarbeiter besser handhabbar. Allerdings haben die Plastikrohre einen entscheidenden Nachteil, den man erst im Lauf der Zeit bemerkte: An den Übergangs- und Knickstellen gibt es scharfe Kanten, die von den Ratten gerne angeknabbert werden. Sie beißen ein Loch in das Rohr und legen dort eine Bruthöhle an, indem der freigeschaufelte Sand mit dem Abwasser einfach weggespült wird. Auf diese Weise können sich die Ratten leichter innerhalb und außerhalb der Gebäude ausbreiten. Nicht zuletzt geht von den Ratten einer erhebliche Geruchsbelastung aus, da jede Wanderratte pro Monat rund 2.000 Kotballen aussetzt.

Noch schwerwiegender als die ökonomischen Schäden sind die gesundheitlichen Risiken, die von Ratten ausgehen können. Ratten übertragen als so genannte Vektoren Krankheitskeime oder dienen diesen als Reservoir. Die verschiedenen Rattenarten können weltweit etwa 120 verschiedene Infektionskrankheiten direkt oder indirekt übertragen, ein Teil dieser Infektionen ist auch in Europa verbreitet. Nur in seltenen Extremfällen, etwa in Kriegszeiten, greifen Ratten Menschen an, die verletzt oder wehrlos sind, oder wenn sich die Ratte bedroht fühlt und keine Fluchtmöglichkeit hat.

Die Nager übertragen unter anderem folgende Infektionskrankheiten auf den Menschen: Bandwürmer Hymenolepis diminuta aber auch der Zwergbandwurm (lat. Hymenolepis nana), der "nur" eine Länge von 4 bis 9 Zentimetern erreicht,

  • Cholera (Vibrio cholerae oder Vibrio el Tor),
  • Fleckfieber (Rickettsia prowazekii),
  • Hanta (Hantaviridae, wie z. B. den Puumala-Virus),
  • Hepatitis E (HEV)
  • Leptospirosen (rund 200 verschiedene, bakterielle Serotypen der Gattung Leptospira), insbesondere "Morbus Weil" durch Leptospira interrogans,
  • Pest (Yersinia pestis),
  • Rattenbissfieber (RBF) (Streptobacillus moniliformis), u. a. Haverhill-Fieber,
  • Ruhr (Entamoeba histolytica),
  • Salmonellosen wie z. B. Paratyphus (Salmonella Typhi),
  • SARS (Coronavirus SARS-CoV),
  • Sodoku (Spirillium minus),
  • Tollwut (Lyssavirus)
  • Toxoplasmose (Einzeller Toxoplasma gondii),
  • Trichinose (Trichinella spiralis),
  • Tuberkulose (insbesondere Mycobacterium tuberculosis),
  • Tularämie (Francisella tularensis),
  • Typhus (Salmonella typhi),
  • (…)

Diese Zusammenfassung kann nur als eine derzeitige Momentaufnahme verstanden werden. Ständig werden neue humanpathogene Erreger oder Erregersubtypen in Nagetieren nachgewiesen, betont das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. (LAVES) in Oldenburg.

Von den genannten Krankheiten stellen in Deutschland besonders das Hanta-Fieber und die Leptospirose heutzutage eine reale Gefahr dar: Das hämorrhagische Hanta-Fieber wird meist durch (Rötel-)Mäuse, aber auch durch Ratten übertragen. Die Übertragung auf den Menschen erfolgt meist respiratorisch über die Atemwege, manchmal auch oral über den Mund, gelegentlich durch Kontaktinfektion, etwa durch Nagetierbisse. Die Inkubationszeit beträgt je nach Virustyp zwischen 5 und 60 Tagen. Zu den Symptomen gehören abrupt einsetzendes Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, Blutdruckabfall, Sehstörungen und eine vorübergehende Nierenschädigung. Die Erkrankung heilt meist folgenlos aus. Etwa 1-2 Prozent der deutschen Bevölkerung weisen Hantavirus-spezifische Antikörper auf. Die Zahl der gemeldeten Erkrankungen liegt jedoch weit darunter, was zum einen darauf hinweist, dass die Infektion häufig ohne klinische Symptome abläuft, zum anderen aber auch bei klinischen Symptomen (Nierenschaden) nicht immer an eine infektiöse Ursache gedacht wird. Im Jahr 2016 wurden bundesweit 282 Fälle erfasst, 2017 hingegen 1731 Personen, im Jahr 2018 wiederum "nur" 235 Erkrankte.

Die Leptospirose ist die für Menschen gefährlichste durch Rattenkot oder -urin übertragene Infektionskrankheit. In etwa 90 Prozent der Fälle verläuft die Leptospirose ähnlich wie eine Grippe: Fieber, Schüttelfrost, Kopf- und Gliederschmerzen. Die Erkrankung kann bis zu vierzig Tage andauern. Sie ist bei Kanalarbeitern als Berufskrankheit anerkannt. Sie tritt aber in Deutschland nur selten auf: 2018 wurden gerademal 117 Fälle gemeldet.

Rattenkot im Keller eines Wohnhauses. Bild: © Túrelio / CC-BY-SA-3.0

Kanal- und Waldarbeiter dienen der bio-medizinischen Forschung als "Versuchskaninchen". Weiterhin sind Ratten auch Reservoire von Krankheitserregern im Freiland. Diese Erreger können durch Zecken und Flöhe (z. B. Xenopsylla cheopis) auf den Menschen und Tiere übertragen werden (z.B. Borrelia burgdorferi). Außerdem übertragen sie Tierseuchen wie Maul- und Klauenseuche (MKS), Geflügelpest, Kuhpocken oder Schweinepest.

Neuerdings sind die Ratten auch mit multiresistenten Erregern infiziert. In Berlin sind 13,6 Prozent der untersuchten Ratten befallen. In der österreichischen Hauptstadt Wien hat man 2016/17 nachgewiesen, dass 14,5 Prozent der gefangenen Ratten mit multiresistenten Enterobakterien befallen waren, 59,7 Prozent waren mit multiresistenten Staphylokokken besiedelt. "Bei 9 der 62 Ratten wurden 8 multiresistente Escherichia coli und zwei Enterobacter mit der gefürchteten NDM-1-Resistenz gefunden, gegen die viele Antibiotika wirkungslos bleiben", hieß es dazu im Ärzteblatt.

An dem Forschungsprojekt waren die Freie Universität Berlin und der Verein "InfectoGnostics Forschungscampus Jena e. V." an der Uni Jena beteiligt. Über die genaue Rolle von Ratten in der Epidemiologie von multiresistenten Keimen ist aber bisher nur wenig bekannt. Angesichts des lückenhaften Forschungsstandes nahm Prof. Dr. Rainer G. Ulrich, Laborleiter beim Institut für neue und neuartige Tierseuchenerreger (INN) beim Friedrich-Löffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems bei Greifswald kein Blatt vor den Mund. In einem Interview mit dem "ZDF" erklärte er Mitte 2017:

Momentan ist der Stand der Dinge, dass wir kein Monitoringsystem haben, wir aber praktisch keinerlei Informationen oder wenige Informationen haben zu den Krankheitserregern haben, die bei Ratten vorkommen. Wir würden uns wünschen, dass wir Daten haben zu Ratten aus unterschiedlichen Habitaten, beispielsweise aus dem urbanen Raum, aus zoologischen Gärten, aus landwirtschaftlichen Betrieben. Wir bräuchten systematische Studien, wir bräuchten Studien, die nach Zoonoseerregern natürlich schauen, also solchen Erregern, die von der Ratte auf den Menschen übertragen werden. Aber wir interessieren uns auch für Erreger, die rattenspezifische Erreger sind, weil wir auf Basis dieser Erreger möglicherweise neue Tiermodelle entwickeln können für entsprechende Erreger, die verwandt sind mit den rattenspezifischen Erregern.

Durch das Bevölkerungswachstum und die zunehmende Urbanisierung, die Ausbreitung der Rattenpopulationen und das Vordringen von tropischen Infektionskrankheiten in bisher gemäßigte Klimazonen durch die Erderwärmung gehen die Wissenschaftler davon aus, dass die Gesundheitsgefahren in Zukunft noch zunehmen werden: "Die dichte menschliche Bevölkerung, die zunehmende Interaktion mit der städtischen Tierwelt und das wärmere städtische Mikroklima begünstigen die Entstehung von Krankheiten, die von wildlebenden Tieren auf den Menschen übertragen werden", erklärten die Forscher.

Rattenbekämpfung

Die Städte und Gemeinden geben auf ihren jeweiligen lokalen Webseiten ähnlich lautende Tipps zur Prävention eines Rattenbefalls heraus:

  • auf Sauberkeit und Ordnung am Gebäude achten,
  • Vogel-/Futterhäuschen zu jeder Jahreszeit vermeiden, keine übertriebene Fütterung von Wildtieren,
  • Näpfe von Haustieren nicht draußen stehen lassen bzw. nach der Fütterung zügig entfernen,
  • keine Essensreste in der Toilette entsorgen,
  • Müllbereiche sauber und geschlossen halten, defekte Tonnen austauschen lassen,
  • Küchenmüll nur in geschlossenen Plastiktüten in die Mülltonne werfen,
  • Müllsäcke erst am Abholtag rausstellen,
  • keine Plastikmülltüten als Ersatz für eine Mülltonne verwenden,
  • kein Fastfood in die Natur wegwerfen,
  • keine Entsorgung von Fleisch oder Knochenresten auf Komposthaufen,
  • kein Entenfüttern in öffentlichen Parkanlagen,
  • Büsche, Sträucher und Bodendecker sind regelmäßig zurückschneiden, möglichst so, dass diese keine Versteckmöglichkeit bieten, dies gilt auch für Grabstätten,
  • Überprüfung von Abwassersystemen auf evtl. Schäden, Gebäudeschäden (Türspalten und Ritze) und defekte Hausanschlüsse müssen repariert werden, unvergitterte Kellerfenster müssen verschlossen werden.

Die biologische Lebenserwartung einer Ratte ist sehr begrenzt. Eine Hausratte lebt nur ein Jahr, eine Wanderratte kann theoretisch zwei Jahre alt werden, aber aufgrund der aktiven Rattenbekämpfung und verschiedener Fressfeinde werden auch die Wanderratten in urbanen Gebieten nur selten älter als ein Jahr.

Zu den natürlichen Feinden der Ratten zählen im städtischen Bereich die (Haus-)Katzen und Hunde, soweit diese nicht völlig degeneriert sind. In der Natur bzw. im ländlichen Bereich werden Ratten von Füchsen, Steinmardern, Steinadlern, Uhus und Waldkäuzen gejagt. Wo Ratten in der menschlichen Umwelt auftauchen, müssen sie möglichst schnell bekämpft werden, weil sie nicht von alleine wieder verschwinden. Dabei lassen sich Ratten aufgrund ihrer sozialen Intelligenz sehr viel schwerer fangen als Mäuse. Sie kommen in Familienverbänden vor und lernen vom Schicksal ihrer Familienmitglieder. Ihre Rudelbildung erschwert ihre Bekämpfung. Eine gefangene Ratte hält Kontakt zu ihren "Verwandten" und vermittelt ihnen die Einsicht, dass sich mit dieser oder jener Apparatur eine Gefahr verbindet. Durch den Einsatz von Lebendfallen, die einfach nur eine größere Version von Mausefallen sind, werden deshalb weniger der anwesenden Ratten gefangen, als durch tödliche Schlagfallen, die mit einem Bolzen den Schädel und die Wirbelsäule der Tiere zertrümmern. Im Rahmen der mechanischen Bekämpfung müssen die Zugangswege zum befallenen Keller, Scheune oder Lagerraum in jedem Fall blockiert werden, um einem weiteren Befall im Vorfeld vorzubeugen.

In einer Schlagfalle genangene Ratte. Bild: Ramon Susqueda / Public Domain

Die Tötung von Ratten mithilfe von ausgelegten Giftködern ist in Industrieländern die bei weitem verbreiteste Methode der Rattenbekämpfung. Gesetzliche Grundlage für ihren Einsatz ist die EU-Biozidverordnung Nr. 528/2012 vom 1. September 2013. Bei den Giften handelt es sich i. d. R. um Rodentizide. Die Gifte der so genannten "ersten Generation" (First-generation anticoagulant rodenticides - FGAR), wie z. B. Warfarin, gelten als veraltet und werden nur noch von Privatpersonen eingesetzt; die von professionellen Schädlingsbekämpfern gegenwärtig eingesetzten Mittel gehören zur "zweiten Generation" (SGAR) oder "dritten Generation" (TGAR) an. Der Nachteil dieser moderneren Gifte ist, dass sie in der Umwelt nur sehr langsam abgebaut werden.

Pappbox mit Rattengiftköder. Bild: © Túrelio / CC-BY-SA-3.0

Rattengifte wie z. B. Bromadiolon, Difenacoum oder Flocoumafen, etc. enthalten den Wirkstoff 4-Hydroxycumarine. Diese Substanz stoppt die Blutgerinnung. Ein solches Antikoagulanz lässt die Tiere innerhalb von drei Tagen verenden. Bei Wikipedia heißt es dazu:

Das seit etwa 1954 erwähnte Verhalten, dass Ratten bei jedem neuen Nahrungsangebot angeblich einen Vorkoster ausschicken würden, um die Nahrung auf Verträglichkeit zu testen, ist eine Fehlinterpretation des natürlichen Sozial- und Fressverhaltens von Ratten. Ratten zeigen bei der Nahrungsaufnahme sehr komplexe Verhaltensweisen, um beispielsweise Nahrungsphobien, die das Erschließen neuer Nahrungsreserven verhindern oder einschränken könnten, zu vermeiden. Bisher unbekannte Nahrung - in der Natur gibt es wenig hochgiftige Nahrung, wohl aber potentiell nahrhaftes Material, das gelegentlich bakteriell oder viral oder auf andere Weise verunreinigt ist - wird häufig zuerst von neugierigen und unerfahrenen Jungtieren gefressen und ist in den meisten Fällen unbedenklich und ohne negative Konsequenzen für das Tier. Doch als soziale Tiere nehmen sich Ratten generell gegenseitig wahr, auch während und nach dem Fressverhalten, und Wohlsein, oder ungewöhnliches Verhalten, oder im Extremfall Tod - eventuell verbunden mit einem bestimmten Geruch, wird dementsprechend entweder positiv (verstärkend) oder negativ (warnend) registriert, weshalb Rattengifte so entwickelt wurden, dass sich ihre tödliche Wirkung erst lange nach der Nahrungsaufnahme manifestiert (zeitverzögerte Wirkung, Rodentizide zweiter Generation).

Die Köder enthalten u. a. Haferflocken oder Mais, sehen aus wie Seifen und sollen süßlich schmecken, das lockt die Ratten an. Wenn es kalt wird, müssen sich die Ratten Fett anfressen, dann setzten die Schädlingsbekämpfer bevorzugt Köder mit hohem Fettanteil ein. Zum Schutz anderer Tiere wird das Gift als Pellet, Paste oder gepressten Block in speziellen Köderboxen aus Kunststoff ausgelegt.

In der Regel findet zwei bis vier Wochen nach der ersten Belegungsaktion mit Ködern eine Nachkontrolle statt. Dort, wo Köder angenagt sind, wird im Rahmen einer so genannten Pulsbeköderung nachgelegt. So erstreckt sich eine erfolgreiche Bekämpfungsmaßnahme auf ca. sechs Wochen, darunter ist es nicht zu machen. Warnschilder müssen Anwohner auf die Gift-Maßnahme hinweisen. Eine längerfristige Permanentbeköderung ist mittlerweile gesetzlich verboten bzw. nur in Ausnahmefällen "bei erhöhter Befallsgefahr" noch erlaubt. Es wird empfohlen, die getöteten Ratten zu verbrennen, da andere Tiere sonst diese Ratten fressen und sich dadurch ebenfalls vergiften könnten.

Allerdings wird ein Teil der Ratten im Laufe der Zeit gegenüber dem Gift immun, dann dient das Gift den Ratten lediglich als willkommenes Nahrungsmittel. Dies könnte langfristig insgesamt fünf Gifte der ersten oder zweiten Generation (Chlorphacinon, Coumatetralyl, Bromadiolon, Difenacoum und Warfarin) betreffen. Zur Immunisierung trug auch bei, dass in früheren Jahren viele private Hausbesitzer die verfügbaren Giftmittel falsch eingesetzten. Als Resistenzgebiete gelten heutzutage bereits Nordwestdeutschland (südliches Emsland mit der Grafschaft Bentheim und der Raum Cloppenburg-Vechta), verschiedene Großstädte (Berlin, Frankfurt, Hannover und Stuttgart) und mehrere Städte im Ruhrgebiet (Herne, Herten, Lünen, Wesseling, etc.). Hochdosierte Gifte wurden mittlerweile verboten, was wiederum negative Folgen zeitigte, wie das "ZDF" berichtete:

Schädlingsbekämpfer beklagen, dass die Jagd auf Ratten immer komplizierter werde. Ein Grund ist eine EU-Verordnung, die eigentlich gut gemeint war: Durch sie sollte verhindert werden, dass zu viel Rattengift in die Umwelt gelangt und Menschen beziehungsweise andere Tiere durch ausgelegtes Gift in Gefahr geraten. Das Problem: Vor der Verordnung konnten Schädlingsbekämpfer eigene Giftköder anfertigen, mit frischen Materialien, wie zum Beispiel Äpfeln. Jetzt sind vorgefertigte Köder vorgeschrieben, die für die Ratten oft weniger attraktiv sind. Das verlängert die Bekämpfung und macht sie teurer. Dazu kommt, dass die Gifte in manchen Fällen jetzt abgeschirmt werden müssen, etwa durch Bauzäune. Ein Mehraufwand, der kostet.

In der Bundesrepublik werden jährlich immerhin rund 870 Tonnen Giftköder in kleinen Dosen gegen die Nager ausgelegt.

Auch für Haustiere und andere Nicht-Zieltiere sind die Gifte gefährlich. Sie werden daher nur in Köderboxen ausgelegt. Eine Hauskatze muss das Gift nicht selbst gefressen haben, es reicht, wenn sie eine Maus oder Ratte verspeist hat, die kurz vorher das Gift aufgenommen hatte. Man spricht dann von einer "Sekundärvergiftung". Im Fall einer Vergiftung dient Vitamin K als Gegenmittel.

Die in den Ködern verwendeten Rattengifte sind auch für Menschen meist gesundheitsschädlich, seltener auch giftig (Gefahrenstoffkennzeichnung "T"). Daher ist bei ihrer Anwendung und dem Umgang besondere Vorsicht, insbesondere auch im Hinblick auf evtl. im gleichen Haus bzw. Umfeld lebende Kleinkinder, die alles in den Mund stecken. Besonders fatal ist, dass die Giftwirkung erst verspätet eintritt und die Symptome oft nicht als eine Kontamination mit Rattengift assoziiert werden. Zahnfleischbluten, Müdigkeit und blutiges Erbrechen treten manchmal erst nach Tagen auf, bei Erwachsenen können sogar Monate bis zum Ausbruch der Symptome vergehen.

Außer den genannten Rodentizide werden seltener auch Begasungsmittel (z. B. Kohlendioxid, Hydrogencyanid oder Aluminiumphosphid) eingesetzt. Dadurch können kurzfristig und vorübergehend rund 95 Prozent einer Population getötet werden.

Trotz der jahrzehntelangen Bemühungen, die Ratten zu dezimieren, gilt eines als sicher, man wird sie nie ganz ausrotten können. Der Tierarzt Dr. Henning Wilts aus Landau prophezeite:

Ich glaube, Schaben und Ratten sind die, die als letztes die Welt bevölkern. Einfach, weil sie sich sehr schnell einstellen können auf verschiedene Lebensbedingungen - seien es Strahlung, Pestizide, Giftstoffe, mit denen wir teilweise nicht so gut klarkommen wie die Ratten.

Behörden-Dschungel und Kompetenzgerangel

Rattenbekämpfung kostet Geld und daher stellt sich die Frage, wer zahlt? Angesichts der Kosten und der jahrelangen Finanznot vieler Kommunen ist dies keine unbedeutende Frage. Die Beantwortung hängt zunächst einmal davon ab, wo der Rattenbefall festgestellt wurde - auf öffentlichem oder auf privatem Grund.

Privatpersonen dürfen unter Beachtung der Gebrauchsanweisung und der einschlägigen Vorsichtsmaßnahmen die im Fachhandelt erhältlichen und für diesen Gebrauch zugelassenen Gifte der ersten Generation (Chlorophacinon, Warfarin, etc.) in oder um Gebäuden herum anwenden, nicht aber im Freiland. Seit 2012/2013 dürfen stärkere Rattengifte (Difenacoum, Brodifacoum, etc.) nur noch von beruflichen Schädlingsbekämpfern in Gebäuden oder im offenen Gelände eingesetzt werden. Restbestände der Giftköder müssen als Sondermüll entsorgt werden.

Gewerbliche Haus- oder Grundstückseigentümer sind für die Bekämpfung der Ratten gemäß Infektionsschutzgesetz voll verantwortlich und müssen die Kosten hierfür selbst aufbringen. Müssen nur Köder ausgelegt werden, kann man sich diese für ein paar Euro in der Apotheke, im Baumarkt oder der Samenhandlung selbst besorgen. Der Einsatz eines professionellen Schädlingsbekämpfers kostet rund 100 bis 150 Euro: Haben die Ratten jedoch Gänge gegraben, die die Platten auf dem Bürgersteig lockern, so dass für die Passanten Sturzgefahr droht und umfangreichere Ausschachtungsarbeiten vorgenommen werden müssen, kommen bei den heutigen Handwerkerpreisen schnell ein paar Tausend Euro zusammen. Kommen Hausbesitzer ihrer Verpflichtung zur Rattenbekämpfung nicht nach, können die Ordnungsämter Verwaltungszwangsmaßnahmen androhen. Im Rahmen dieser Ersatzvornahme beauftragt dann die Stadt ein Schädlingsbekämpfungsunternehmen mit den notwendigen Maßnahmen und treibt dann die Kosten über die Justizkasse beim Hauseigentümer ein.

Dann beginnt der Streit, ob der betroffene Teil des Bürgersteigs auf öffentlichem oder privatem Grund liegt. Bei Hauseingängen und an Straßenecken ist dies nicht immer eindeutig erkennbar. Hier hilft nur ein Blick in die einschlägigen Karten beim Katasteramt. Zu einem weiteren Streitfall können Schäden an der unterirdischen Kanalisation führen: Für den ständigen Rattenbefall der Mischwasserstränge (Abwasser- und Regenwasser) ist der kommunale Abwasserentsorger zuständig, der dazu ein- bis zweimal im Jahr routinemäßig an den Steigleitern ausgewählter Gully-Schächte Giftköder aufhängt. Um Resistenzen zu vermeiden, setzt man jedes Jahr einen anderen Giftstoff ein. Jedoch für die unterirdischen Zuleitungen vom Mischwasserkanal zu den Wohnhäusern und Industriegebäuden sind allein deren Besitzer zuständig, auch wenn diese Zuleitungen z. T. unter dem öffentlichen Gehweg verlaufen und gar nicht zugängig sind. Tritt hier ein Schaden bzw. Rattenbefall auf, der sich irgendwann an der Erdoberfläche bemerkbar macht, müssen die Hauseigentümer selbst für die Bekämpfung der Kanalratten aufkommen. So hält sich die Stadt schadlos und wälzt alle Kosten auf den einzelnen Bürger und Steuerzahler ab.

Hinzu kommt, dass bei einem Rattenbefall auf öffentlichem Grund verschiedene Stadtbehörden zuständig sein können. Das kommunale Grünflächenamt ist zuständig, wenn eine Grünanlage oder Kinderspielplatz betroffen ist. Das Umweltamt schreitet ein, wenn ein erhöhtes Rattenvorkommen im Bereich von (wilden) Müllkippen festgestellt wird. Das Tiefbauamt schreitet ein, wenn Ratten aus dem unterirdischen Kanalnetz ausgebrochen und unter den Bürgersteigen Gänge gegraben haben, die die Verkehrssicherheit der Fußgänger bedrohen. Für die routinemäßige Rattenbekämpfung im örtlichen Abwassersystem ist der kommunale oder überregionale Abwasserverband zuständig. Schließlich schaltet sich auch das städtische Ordnungsamt mit ein, wenn in den genannten Fällen die "öffentliche Sicherheit" bedroht ist.

Allerdings nehmen die Behörden den Befall nur auf, die praktische Bekämpfung wurde schon vor Jahren an kommerzielle Schädlingsbekämpfungsunternehmen ausgelagert. Allerdings ist die Bezeichnung "Schädlingsbekämpfer" nicht gesetzlich geschützt, folglich kann sich jeder Tierquäler so nennen. So sind nur rund die Hälfte der Firmen Mitglied im Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verband e. V. (DSV) mit Sitz in Essen:

In den DSV aufgenommen werden kann nur derjenige Betrieb, der die hohen gesetzlichen Anforderungen für Schädlingsbekämpfung in Deutschland (dies sind die höchsten Anforderungen in Europa) erfüllt. Die Professionalität eines Betriebes erkennen Sie neben anderen Merkmalen beispielsweise an einer CEPA-Certified Urkunde (CEPA = Confederation of European Pest Management Associations, G. P.). Gerade in diesem sensiblen Bereich fühlen sich die Mitgliedsbetriebe des DSV für ein hohes Maß an Verbraucherschutz verantwortlich und werden durch Verbandsmaßnahmen, wie z. B. durch ständige Information von Fachzeitschriften, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen und anderen Aktivitäten zur Qualitätssicherung und Verbesserung unterstützt.

Die Ausbildung zum Schädlingsbekämpfer dauert drei Jahre; es ist nicht nur "ein krisensicherer Beruf mit Perspektive", sondern ein "Beruf aus Leidenschaft" für Leute, die "Lust auf täglich wechselnde Anforderungen" haben, verkündet der Verband.

Allerdings stößt diese kapitalistische Rattenbekämpfung ausschließlich durch Privatunternehmen mittlerweile an ihre Grenzen: Durch den allgemeinen Handwerkermangel ist in manchen Großstädten nur noch ein einziger Schädlingsbekämpfer mit entsprechendem Biozid-Sachkundenachweis verfügbar. Da "Schädlingsbekämpfer" in jugendlichen Kreisen kein Beruf ist, mit dem man reüssieren kann, mangelt es zudem an Nachwuchs, so dass in absehbarer Zukunft manche Städte über keinen einzigen Ungezieferexperten mehr verfügen werden: Während die Zahl der Ratten zunehmen wird, sinkt gleichzeitig die Zahl der Rattenbekämpfer. Zur Abhilfe müssen dann arbeitslose Akademiker als Quereinsteiger umgeschult werden. Allerdings sind talentierte Literaturwissenschaftler, die wundervolle Werkinterpretationen über die Tragikomödie "Die Ratten" von Gerhart Hauptmann verfasst haben, für die praktische Rattenbekämpfung wohl eher ungeeignet und viel zu sensibel.

Nachdem die Rattenpopulation bereits in den letzten beiden Jahren angewachsen ist, bleibt abzuwarten, wie sich in den kommenden Jahren die Ratten unter den veränderten Klima- und Wetterbedingungen weiter ausbreiten werden. Selbst die Stadt Hameln (57.510 Einwohner incl. Kinder) ist schon längst keine rattenfreie Zone mehr. (Gerhard Piper)