Drohnen über AKWs: eine Sicherheitsbedrohung?

Frankreich: Ein von Greenpeace beauftragter Experte hält der Politik Szenarien vor, in denen Drohnen verwundbare Stellen der AKW-Anlagensicherung ausnutzen

"Erobere den Himmel mit der ultimativen Drohne von ...", wirbt der Hersteller eines Quadrokopters. Die Fernsteuerungen der propellergetriebenen Fluggeräte sind mittlerweile kleine Computer, mit denen allerhand zu steuern ist. Müßig darauf hinzuweisen, dass Multikopter in großer Artenvielfalt im Handel leicht erhältlich sind. Es ist ein vielversprechender Markt mit großen, noch ungeahnten Anwendungsmöglichkeiten, nicht nur für den privaten Spaß, sondern auch kommerziell. Weswegen Regulierungen der Lufträume neu diskutiert werden. Einige der ungeahnten Anwendungsmöglichkeiten werden von Politikern allerdings nur ungern in den Blick genommen. Zum Beispiel, wenn es um die Sicherheit von Kernkraftwerken geht.

"Diese Apparate sind keine Spielzeuge, sondern Maschinen, die dazu fähig sind Anweisungen zu folgen und sie auszuführen, entweder direkt oder auf autonome Weise". Mit dieser Aussage wurden am Montag der französische Ministerpräsident, seine Kabinettsmitglieder, die französische Aufsichtsbehörde für die Sicherheit von Atomkraftwerken, hohe Sicherheitsbeamte und Parlamentarier konfrontiert.

Hintergrund sind 17 bislang ungeklärte Überflüge von Minidrohnen über AKWs im Nachbarland. Die Kurs der Regierung in der Angelegenheit war ganz klar: Entdramatisieren, kein Grund zur Sorge. Doch die staatsräsonable Beruhigungspille hatte in der Öffentlichkeit nur eingeschränkte Wirkung, natürlich gab es beunruhigte Kritiker, darunter auch Abgeordnete und natürlich Organisationen, die keine Beruhigungspillen schlucken wollen, wenn es um die Sicherheit von Kernkraftwerken geht.

Sicherheit nach Vorgaben des 20 Jahrhunderts

Greenpeace Frankreich hatte einen Bericht zur Gefährdung der Sicherheit der AKWS durch die kleinen Drohnen angefordert, bei dem britischen Experten John Large. Von ihm hörten die Regierung, die Abgeordneten und die Sicherheitsbeamten dann die oben genannte Aussage, dass die kleinen Drohnen keine Spielzeuge seien - und dass die Sicherheitseinrichtungen der AKWs auf diese Eindringlinge des 21. Jahrhunderts gar nicht eingestellt sind, sondern noch in Plaungsschemas des vorigen Jahrhunderts verharren. Erste Alarmsignale also.

Der Greenpeace-Bericht wird leider, auf Wunsch der Organisation selbst, noch (?) nicht veröffentlicht und auch von den weiteren, detaillierteren Aussagen John Larges kommen - bislang - nur Auszüge an die größere Öffentlichkeit. Man wolle keine Hinweise für Strategien geben, begründet Greenpeace den Schritt und auch Large hält sich an die Vorgabe.

John Large dürfte all' denjenigen bekannt sein, die sich näher mit den Umständen der Kernschmelze in Fukushima beschäftigt haben. Damals engagierte ihn Greenpeace für eine Studie zur Verschleierungstaktik von Tepco, die das Verhalten wider besseren Wissens des Betreiber des AKWS Fukushima Daiichi bloßstellte (Tepco konnte die Kernschmelze in Echtzeit verfolgen). Dementsprechend haben Greenpeace wie auch John Large ihre Gegner, die deren Darstellungen allein schon mit dem Verweis auf die Namen und deren Parteilichkeit zu entkräften suchen. Das zeigt sich auch an den Beteuerungen der Unabhängigkeit gegenüber Greenpeace, die Large gegenüber den Parlamentariern herausstrich.

Waffen-und Bombenabwürfe: Angriffsszenarien

Ungeachtet dieser Polemik ist es interessant, welche Gefährdungsszenarien Large ermittelte. Er geht im ersten Schritt davon aus, dass die Minidrohnen nach einer abgestuften, vielfältigen Strategie eingesetzt werden können, als Verbund, einzeln, mit ferngesteuerten, individuellen, situativen Handlungsanweisungen oder im "follow-me"-Modus, der mehrere Drohnen folgen oder als autonome Einheiten programiert. Sie haben den Vorteil, dass sie vom Radar nicht erfasst werden und damit schon bestimmte Sicherheitssysteme unterlaufen. Da sie kleinere Lasten tragen können, wären kleine Bomben vorstellbar, die zu mehreren auch die Sprengwirkung vergrößern können. Zu den Lasten könnte auch Giftgas gehören, um Wachpersonal auszuschalten. Oder dass sie Waffen für Eindringlinge am Boden abwerfen.

Die Drohnen könnten neuralgische Stellen der AKWs angreifen. Large nennt hier zwei Bereiche: die Stromversorgung und die Kühlwasserpumpen. Interessant ist, dass sich der Experte hierbei auf einen Bericht zur Sicherheit der französischen AKWs bezieht, der nach der Fukushima-Katastrophe von der zuständigen Sicherheitsbehörde Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) ausgearbeitet wurde. Dieser Bericht, so Large, lieferte ihm Hinweise, an die er sonst wenn überhaupt nur mit großen Mühen geraten wäre.

Für Außenstehende ist es ebenso mühsam, falls überhaupt möglich, in jedem einzelnen Fall der französischen AKWs nachzuvollziehen, ob dem zum Beispiel tatsächlich so ist, dass die Kühlwasserpumpen derart ungeschützt sind, dass sie von überfliegenden Drohnen oder Eindringlingen, die mithilfe der Drohnen freie Bahn haben, ohne größeren Aufwand außer Betrieb zu setzen sind. Large hält für möglich, dass der Kühlprozess derart unterbrochen werden kann, dass es zu schwerwiegenden Folgen kommt, letztlich zu einem Station Blackout.

Kühlwasser- und Stromversorgung als neuralgische Punkte

Dabei hält er sich weitgehend an einen Ablauf, welcher dem der zur Kernschmelze in Fukushima führte, sehr ähnelt, wie ihm Kritiker vorwerfen. Seiner Ansicht nach wäre ein solcher Prozess mit geschickter Hilfe der Mini-Drohnen in Gang zu setzen. Die Kühlwasserpumpen befände sich, wie er in einem Interview behauptet, bei AKW-Anlagen in Frankreich an freier Luft und seien damit verwundbar. Inwieweit die Kühlsysteme aber so arbeiten, dass sie nicht durch die Störung eines sichtbaren Funktionsteils leicht ausgeschaltet werden können, weil sie noch weitere nicht sichtbare Sicherungen oder Ersatzapparate haben, darauf geht Large nicht im Detail ein.

Kritiker verweisen dagegen darauf, dass der Fukushima-Supergau ein Sonderfall war, nicht so leicht wiederholbar. Die politische Motivation dahinter spielt natürlich eine Rolle.

Und in diesem Punkt trifft Large, egal welche Wahrscheinlichkeiten seinen Szenarios konkret zukommen, auf jeden Fall eine wunde Stelle. Selbst die EDF räumt ein, dass man von einem umgesetzten Lernprozess nach Fukushima nicht sprechen kann. Nach Fukushima wollte man die Sicherheitsmaßnahmen der AKWs nach einem General-Konzept überschrieben mit "noyau dur" (zu deutsch "harter Kern") grundlegend verbessern, nur: es ist nichts oder kaum etwas passiert, das Projekt lahmt.

In der Öffentlichkeit ist das wenig bekannt, entweder weil dies nur selten in die Topnachrichten kommt oder weil darüber nur in "Nischenpublikationen" berichtet wird. Der politischen Führung in Frankreich, die auf Kernkraft setzt, kann das nur recht sein. Sie hatte auch in der Frage der AKW-Drohnenüberflüge sehr darauf geachtet, dass daraus keine Beunruhigung entsteht. Das zeigte sich auch darin, dass es zwar - nach einiger Zeit des Zögerns - eine Erlaubnis gab, die "Fun-Kopter" abzuschießen, aber bislang ist das nicht passiert. Könnte ja sein, dass jemand den Schuss hört. Das wär dann ein offenkundiges Zeichen dafür, dass man das für keinen Spaß mehr hält und beunruhigt ist. (Thomas Pany)