Drohnenkrieg in Raqqa

Die Zahl der durch Luftschläge getöteten Zivilisten soll ansteigen, US-Armee hat eine neue Taktik zum Einsatz von Kampfdrohnen im Stadtkampf entwickelt

Die kurdischen SDF-Verbände drängen langsam die noch in Raqqa verbliebenen Kämpfer des Islamischen Staats zurück. Es sollen sich noch 1000-2000 dort aufhalten. Die Kämpfe in der Stadt ziehen sich bereits mehr als zweieinhalb Monate hin. Nach Berichten wurden viele IS-Kämpfer bereits nach Deir ez-Zor verlegt, da dem IS klar ist, dass Raqqa nicht zu halten ist. Gekämpft wird dennoch wie in Mosul bis zum Schluss, bis die letzten IS-Kämpfer getötet wurden und die Stadt großflächig zerstört ist.

IS-Kämpfer, die sich ergeben haben oder festgenommen wurden, sollen nach Angaben von US-Militärs unterernährt sein und unter Amphetaminen stehen. Sie sollen an den Armen Einstiche aufweisen, die darauf schließen lassen, so Leutnant Ryan Dillon, ein Pentagon-Sprecher. Das zeige die verzweifelte Lage, nur mit Drogen könnten die IS-Leute noch wach bleiben und den "brutalen Kampf" überstehen. Wie in Mosul sind die Häuser und Straßen mit Sprengfallen gespickt, Angriffe werden von Selbstmordattentätern und mit Autobomben, auch mit Drohnen geführt, die gezielt Sprengsätze abwerfen, gekämpft wird von Hausdächern, in den engen Straßen und aus dem Tunnellabyrinth, das vom IS angelegt wurde.

Das mit einer IS-Drohne gemachte Bild soll einen Selbstmordangriff in Raqqa zeigen.

Noch sollen Zehntausende von Menschen in der Altstadt leben und nicht fliehen zu können oder zu wollen. Sie geraten zwischen die Kämpfe, zunehmend mehr Zivilisten sollen auch von den Luftangriffen der Koalitionsflugzeuge und -drohnen getötet werden. Nach Angeben SOHR sollen gestern alleine mindestens 42 Zivilisten, darunter 19 Kinder, durch Luftangriffe getötet worden sein. Zwischen dem 14. und dem 22. August habe man den Tod von 167 Zivilisten durch Luftangriffe dokumentiert. Die Zahl werde sich erhöhen, da es weitere schwer Verwundete gebe. SOHR spricht von "Massakern", die begangen werden.

Nach Airwars hat sich die Zahl der durch Luftangriffe der US-Koalition Getöteten seit Amtsantritt von Trump deutlich auf 12 Zivilisten und mehr täglich erhöht. Zwar liegen die vom Pentagon gemachten Zahlen viel niedriger, aber auch aus ihnen lässt der Trend ablesen. 40 Prozent der Opfer, die seit 2014 vom Pentagon zugegeben durch Luftschläge getötet wurden, sind in den ersten vier Monaten der Trump-Präsidentschaft entstanden. Airwars führt dies auf die Kämpfe um die Städte Mosul und Raqqa zurück, aber auch darauf, dass vom Militär weniger Rücksicht auf Zivilisten genommen wird. "Wir haben eine konstante Zunahme von zivilen Opfern in Raqqa beachtet", sagte Kinda Haddad von Airwars. Es würden zwischen 30 und 50 Luftangriffe in der Woche auf Raqqa stattfinden, 1600 Zivilisten seien ihnen bislang zum Opfer gefallen.

The Stripes will eine Evolution der Kriegsführung in Syrien festgestellt haben. Ein Pilot der US-Luftwaffe steuerte am 18. Juli eine bewaffnete Predator-Drohne in den USA. Er bekam mit, dass die kurdischen SDF-Milizen in Raqqa unter Beschuss kamen, die SDF-Einheit verlangte, dass die IS-Kämpfer durch die Drohne ausgeschaltet werden. Die von der Drohne abgefeuerte Hellfire-Rakete wurde auf ein Ziel gerichtet, das gerade einmal 50 Meter von den SDF-Kämpfern entfernt war.

Es sei mittlerweile normal, so Stripes, dass Raketen von Reaper- oder Predator-Drohnen, die meist von Piloten auf dem Stützpunkt Creech Air Force Base in Nevada "gefährlich nahe" zu Bodentruppen der kurdischen Milizen abgeschossen werden, die wie in Raqqa mit der Hilfe amerikanischer Spezialkommandos gegen den IS kämpfen. Mitunter werden die Luftschläge von US-Soldaten vor Ort gefordert, die aber von den SDF-Kommandeuren akzeptiert werden müssen. Das machen diese, so Leutnant Julian Cheater, wenn es etwa in einem Stadtkampf wie in Raqqa keine Alternative gebe. Permanent kreisen über der Stadt bewaffnete Drohnen und Kampfflugzeuge wie Geier, so Stripes, um sofort zuschlagen zu können.

Ohne die Luftangriffe hätten die SDF-Verbände nicht schon große Teile von Raqqa einnehmen können. Die Kommandeure lassen so zum eigenen Vorteil die Angriffe in unmittelbarer Nähe ihrer Kämpfer zu, es soll bislang noch keine Opfer gegeben haben. Manche der SDF-Kommandeure führen ein Gerät namens Rover mit sich, auf dem sie in Echtzeit sehen können, was die Kameras und Sensoren der Drohnen beobachten. Nach einem Drohnenpiloten können sie so den Piloten genau sagen, auf was diese schauen sollen. Piloten berichteten Stripes, sie könnten normalerweise vermeiden, dass Zivilisten zu Schaden kommen, weil die Drohnen lange kreisen können, die Bilder auf mehreren Schirmen beobachtet werden können und man mit Beobachtern vor Ort kommuniziere. Zudem seien die Ziel- und Leitsysteme besser geworden, so dass die Angriffe präzisier als früher ausgeführt werden können. Ein Reaper-Pilot sagte, dass er einen Scharfschützen, der sich hinter einem Fenster in einem dreistöckigen Gebäude aufhält, treffen könne.

Begonnen hatte dieser Einsatz von bewaffneten Drohnen in Kampfgebieten bereits letztes Jahr in Libyen, berichtet Stripes. Dort wurden erstmals, da Kampfflugzeuge nicht vorhanden waren, gefährlich nahe Drohnenangriffe bei den Kämpfen um Sirte gegen den IS eingesetzt, um den von den USA unterstützten Milizen zu helfen. Auch in Mosul sei diese Taktik bei der Eroberung ins Spiel gekommen.

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