Drohnenmacht Türkei

"Operation Anka": Videospiel des türkischen Rüstungskonzerns TAI (Bild: Screenshot YouTube-Video

Lange Jahre haben nur die USA, Israel und Großbritannien Kampfdrohnen eingesetzt. Jetzt liegt die Türkei bei der alltäglichen Nutzung und dem Verkauf der Waffen vorn

"Operation Anka": Videospiel des türkischen Rüstungskonzerns TAI (Bild: Screenshot YouTube-Video

Vergangene Woche hat die Regierung in Ankara eine Kampfdrohne nach Nordzypern verlegt. Damit gehört die Türkei zu jenen Ländern, deren Militär bewaffnete Drohnen außerhalb ihres Hoheitsgebietes stationiert. Die "Bayraktar TB2" war nach einem fünfstündigen Flug vom Luftwaffenstützpunkt in Dalaman auf dem Militärflughafen Geçitkale bei Famagusta gelandet. Dem voraus ging eine Genehmigung durch die Türkische Republik Nordzypern. Nach Angaben der türkischen Regierung wurden außerdem unbewaffnete Drohnen zur Aufklärung nach Famagusta geflogen, laut türkischen Zeitungen folgen weitere.

Die "Bayraktar TB2" soll türkische Gasbohrungen vor der seit 1974 geteilten Insel absichern und Druck auf Zypern und Griechenland ausüben, die Anspruch auf Gasfelder im östlichen Mittelmeer anmelden. Der Schritt dürfte sich auch gegen Israel richten, nachdem die türkische Marine kürzlich ein israelisches Forschungsschiff abgefangen hat.

Der türkische Verkehrsminister Tolga Atakan stellt die Stationierung als Reaktion auf den Kauf israelischer Drohnen durch Zypern dar. Zur Überwachung ihrer ausschließlichen Wirtschaftszone hatte die Regierung in Nikosia im Oktober für 13 Millionen Euro vier Drohnen des Typs "Aerostar" von der Firma Aeronautics beschafft. Mit einem Abfluggewicht von 230 Kilogramm sind sie zwar deutlich leichter als die "Bayraktar TB2", befördern mit 50 Kilogramm aber eine ähnliche Nutzlast. Beide Drohnen verfügen über ein Reichweite um die 200 Kilometer.

Die "Baraktar TB2" im Werk des Herstellers. Bild: Bayhaluk/CC BY-SA-4.0

"Bayraktar TB2" und "Anka"

Hersteller der "Bayraktar TB2" ist die Firma Baykar. Sie gehört dem MIT-Doktoranden Selçuk Bayraktar, der vor drei Jahren in die Familie des Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan eingeheiratet hat. Bayraktar wird als Gründervater der türkischen Drohnenindustrie verehrt. Mittlerweile wird seine unbewaffnete "TB2" von einheimischen Polizei- und Grenzbehörden, Geheimdiensten und dem Militär geflogen.

Seit 2017 soll sich der militärische Bestand der "Bayraktar TB2" auf beinahe hundert Stück verdoppelt haben, davon sind etwa die Hälfte bewaffnet. Auch die ebenfalls bewaffnungsfähige "Anka", der kleinere Konkurrent "Bayraktar TB2", wird vermutlich in einer Stückzahl von rund 30 Exemplaren vom Militär geflogen. Die von Turkish Aerospace Industries (TAI) hergestellte Drohne kann in einer neuen Version über Satelliten gesteuert werden und erreicht damit eine größere Reichweite. Die "Anka" transportiert bis zu 200 Kilogramm und damit viermal so viel Nutzlast wie die "Bayraktar TB2". Beide Drohnen können in neueren Versionen inzwischen länger als 24 Stunden in der Luft bleiben.

Neun Drohnenbasen in der Türkei

Laut Dan Gettinger, dem Autor der Studie "The Drone Databook", hat die türkische Regierung eine umfangreiche Infrastruktur für den Betrieb der Drohnen aufgebaut. Die Stützpunkte befinden sich demnach an Flughäfen im Südosten des Landes, entlang der syrischen Grenze sowie an der Ägäis- und Mittelmeerküste. Gettinger zählt seit 2018 sieben neue Flughäfen mit Einrichtungen für Drohnen, die Gesamtzahl der Drohnenbasen soll auf mindestens neun gestiegen sein.

Die "Anka" in ihrer unbewaffneten Ausführung. Bild: MilborneOne/CC BY-SA-4.0

Mindestens seit 2014 fliegt die Armee mit der "Bayraktar TB2" Angriffe im türkischen Teil Kurdistans. Die mit Panzerabwehrraketen bewaffnete Drohne wird seit 2016 außerdem im Irak und in Syrien eingesetzt, inzwischen fliegen sie auch im Rahmen des militärischen Einmarsches der Türkei in Rojava. Das US-Magazin The Intercept schreibt, beinahe jeden Tag feuere eine türkische Drohne entweder auf ein Ziel oder markiere ein Ziel für Kampfbomber und Hubschrauber. Mehrere tausend Menschen sollen in den letzten Jahren von Drohnen getötet worden sein, bei vielen dieser Angriffe starben nachweislich auch Zivilisten.

Drohnenkrieg in Libyen

Im Sommer hatte die libysche Tripolis-Regierung ein Dutzend "Bayraktar TB2" gekauft, um damit bei der Luftwaffe fehlende Kampfflugzeuge zu kompensieren. Sie werden gegen General Haftar eingesetzt, der seinerseits mit Kampfdrohnen des Typs "Wing Loong" aus China angreift.

Der Bürgerkrieg in Libyen wird damit zum Stellvertreterkrieg zwischen der Türkei und Russland, dessen Regierung die Haftar-Truppen unterstützt. Beide Regierungen umgehen ein UN-Waffenembargo für Libyen, das eigentlich von der EU-Militärmission EUNAVFOR MED im Mittelmeer kontrolliert werden soll.

Die chinesische "Wing Loong" ist Gegnerin der "Bayraktar TB2" im libyschen Drohnenkrieg. Bild: Kalabaha1969/CC BY-SA-4.0

Haftars "Wing Loong"-Drohnen sollen von den Vereinigten Arabischen Emiraten geflogen werden. Da auch die Regierung in Tripolis vermutlich keine Drohnenpiloten hat, werden ihre unbemannten Flugzeuge von türkischen Soldaten gesteuert. Die Drohnenflotte in Tripolis wurde Berichten zufolge jedoch stark dezimiert. Seit Mai sollen mehrere türkische "Baraktar TB2" und Bodenstationen bei Luftangriffen zerstört worden sein, weitere Verluste musste die Tripolis-Regierung angeblich im August, im September und im Oktober verzeichnen. Die Tripolis-Regierung soll außerdem über israelische "Orbiter"-Drohnen verfügen, die vermutlich ebenfalls über die Türkei oder auch Aserbeidschan geliefert wurden. Mindestens drei von ihnen sind abgestürzt.

Drei große Lieferungen aus der Türkei

Vor einer Woche soll eine weitere "Bayraktar TB2" von Haftar-Truppen abgeschossen worden sein. Einen Tag darauf hatte die gleiche Luftwaffe Hangars auf den Flughäfen in Tripolis und Misrata bombardiert. Der Angriff soll auf eine dritte Drohnenlieferung aus der Türkei gezielt haben, die nach dem umstrittenen Abkommen über einen Seekorridor zwischen Ankara und Tripolis in Libyen angekommen waren. Dabei könnte eine zweistellige Zahl von "Bayraktar TB2" zerstört oder flugunfähig gemacht worden sein.

Eine abgestürzte "Bayraktar TB2" in Libyen. Bild: Twitter-Account Harry Boone

Die "Wing Loong" scheint im libyschen Drohnenkrieg die Oberhand zu behalten. Sie ist der amerikanischen "Predator" bzw. "Reaper" nachempfunden und gehört damit zu einer anderen Gewichtsklasse als die "Bayraktar TB2". Auch die US-Luftwaffe fliegt mit unbewaffneten "Reaper" in Libyen, im November wurde eine Maschine - angeblich versehentlich - durch die Haftar-Armee abgeschossen. Das US-Afrikakommando in Ramstein macht hingegen ein von Russland geliefertes Luftabwehrsystem, das von russischen Söldnern bedient worden sein soll, für den Abschuss verantwortlich. Einen Tag zuvor war bereits eine italienische "Reaper" aus ungeklärten Gründen in Lybien abgestürzt. Nach Regierungsangaben soll sich die Drohne im Rahmen der italienischen Militärmission "Mare Sicuro" im Einsatz gegen Schleuser befunden haben.

Kooperation mit der Ukraine

Mit dem Einsatz in Kurdistan und Libyen gilt die "Bayraktar TB2" als "kampferprobt" und lässt sich damit gut vermarkten. Baykar liefert die Drohne unter anderem nach Katar. Auch die Regierung der Ukraine hat für 62 Millionen Euro 12 Exemplare bestellt (Ukraine kauft türkische Kampfdrohnen. Sie werden zunächst auf der Luftwaffenbasis Starokostiantyniv im Westen der Ukraine getestet. Ihre Einsatzbereitschaft ist erst hergestellt, nachdem Angehörige der ukrainischen Luftwaffe in der Türkei in der Bedienung ausgebildet worden sind.

Türkische Kampfdrohnen fliegen demnächst in der Ukraine. Bild: Press Office of the President of Ukraine/Mykola Lararenko

Die Ukraine und die Türkei wollen außerdem in der Entwicklung neuer, bewaffneter Drohnen zusammenarbeiten. Baykar hat hierfür eine Kooperationsvereinbarung mit dem ukrainischen Raketenhersteller Ukrspecexport unterschrieben. Die Firma könnte die Bewaffnung für eine neue Drohne liefern, die Baykar derzeit unter dem Namen "Akıncı" entwickelt. Mit zwei Triebwerken ist sie als Langstreckendrohne der MALE-Klasse konzipiert.

Türkische Hersteller entwickeln Langstreckendrohnen

Die "Akıncı" wird über Satelliten gesteuert, was die Reichweite gegenüber der "Bayraktar TB2" oder der einfachen Ausführung der "Anka" erheblich vergrößert. Ihre Nutzlast wird mit fast 1,5 Tonnen angeben, wovon 900 Kilogramm als Bewaffnung unter den Flügeln transportiert werden können. Unbewaffnet kann die "Akıncı" mit optischen Sensoren, Radaranlagen oder Technik zur elektronischen Kriegsführung ausgestattet werden.

Die noch nicht flugfähige "Akıncı" bei einer Präsentation. Bild: CeeGee/CC BY-SA-4.0

Auch der Konkurrent Turkish Aerospace Industries entwickelt eine Langstreckendrohne mit zwei Motoren. Die "Aksungur" soll über vergleichbare Fähigkeiten wie die "Akıncı" verfügen und wurde im März erstmals geflogen. Vor zwei Wochen hat auch die "Akıncı" ihren ersten Testflug absolviert. Medienberichten zufolge soll das System im nächsten Jahr einsatzbereit sein und wird zunächst mit Luft-Boden-Raketen mit einer Reichweite von 250 Kilometern ausgerüstet. Ein erster Test der Waffe wurde von Baykar als erfolgreich bewertet. Der Firma zufolge kann die "Akıncı" auch bei Luftkämpfen eingesetzt werden.

Mehr Geld für den Schwiegersohn

Vor einem Monat hatte der britische Guardian berichtet, dass der britische Rüstungskonzern EDO an der Bewaffnung der "Bayraktar TB2" beteiligt war. Demnach ist das Gestell für die kleinen Raketen der türkischen Drohne von einem britischen Fabrikat kopiert. Der Erdogan-Schwiegersohn und Baykar-Chef hat den Bericht dementiert und schreibt, die britische Technologie habe sich als unbrauchbar herausgestellt, weshalb die Firma ein eigenes Raketengestell entwickelt habe.

In einem Erlass ermöglicht Präsident Erdoğan jetzt weitere 95 Millionen Euro für die Weiterentwicklung der "Bayraktar TB2" und der "Akıncı". Die Förderung zielt auf Fähigkeiten zur Flugführung und Verbesserung von Bodenkontrollstationen und soll dazu führen, dass über 1000 neue Mitarbeiter eingestellt werden. Vermutlich geht es hauptsächlich um Verfahren zur Steuerung der Drohnen mithilfe von Satellitenkommunikation.

Drohnenkrieg für das Volk

Das Militär in der Türkei ist vermutlich das erste der Welt, das nun auch bewaffnete Quadrokopter einsetzt. Die rund 25 Kilogramm schweren Drohnen stammen von der in Ankara ansässigen Firma Asisguard und sind mit einem Maschinengewehr ausgestattet. Die "Songar" soll über eine Reichweite von 10 Kilometern verfügen und bis zu 200 Schuss Munition mitführen. Die Ziele werden mit Kameras und einem Laserentfernungsmesser berechnet und erfasst, angeblich können die Quadrokopter auch in Schwärmen operieren. Ihre Auslieferung ist noch für dieses Jahr angekündigt.

Der 25 Kilogramm schwere "Songar" soll noch dieses Jahr ans Militär ausgeliefert werden. Bild: Asisguard

Die türkische Bevölkerung wird unter anderem mit Computerspielen auf den Drohnenkrieg eingestimmt. Die unbemannte Unterstützung der Militäroffensive auf die kurdische Stadt Afrin vor zwei Jahren gab es für Android-Handys eine Zeitlang im Playstore zum Nachspielen, mittlerweile ist die App aber nicht mehr verfügbar.

Turkish Aerospace Industries bietet jedoch unter Namen "Operation Anka" immer noch ein ähnliches Spiel zum Download an. Gespielt werden verschiedene Szenarien von Krieg und Terror, die Drohnen sind dabei entweder zur Aufklärung oder zur bewaffneten Unterstützung von Bodentruppen unterwegs. (Matthias Monroy)