Droht Athen ein neuer Lockdown?

Titel der Sonntagszeitung To Vima am 20.09.2020. Bild: Wassilis Aswestopoulos

Steigende Infektionszahlen haben in Griechenlands Hauptstadt eine neue Covid-19-Panik ausgelöst

"Athen droht zum neuen Bergamo zu werden", titelt die Sonntagszeitung To Vima in ihrer aktuellen Ausgabe. Sie beruft sich in ihrem Horrorszenario auf die Aussagen der führenden Virologen des Landes. Einer von vier aktiven Covid-Fällen im Land befindet sich innerhalb der Stadtgrenze von Athen.

Das Thema wurde von den gesamten Medien des DOL-Konzerns übernommen. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass die Medien des Konzerns bislang mit der Kritik an der Regierung sehr zurückhaltend waren.

Die Apokalypse des griechischen Gesundheitssystems scheint nicht so unrealistisch zu sein. Zwar klingt die Zahl der 78 Personen, die wegen Covid-19-Erkrankungen auf Intensivstationen liegen, für mitteleuropäische Ohren zunächst nicht bedrohlich. Jedoch sind im Großraum Attika nur noch 13 Intensivbetten für Corona-Patienten frei.

Es rächt sich, dass die Regierung in der ersten Phase der Pandemie von ihr installierte neue Intensivbetten feierte, diese aber faktisch nicht betriebsbereit und mit Personal zur Verfügung stellte. Auch jetzt beteuert die Regierung, dass sie schnellstens weitere Betten bereitstellen würde. Dass die Pflege auch Personal benötigt, scheint sich noch nicht in die Ministerien herumgesprochen zu haben.

Den Krankenhäusern im gesamten Land geht das Personal aus. Geplante Operationen müssen, wie im Venizelos Krankenhaus in Iraklio auf Kreta, verschoben werden. In den übrigen Krankenhäusern müssen die Ärzte mehrfache Schichten auch über die zulässige Höchstarbeitsdauer hinaus ableisten.

Leichtere Fälle von Covid-19 Erkrankungen sollen in die Covid-19-Hotels verwiesen werden, die der Staat für die Tourismussaison anmietete. Die Sorge über eine weitere Ausbreitung der Pandemie ist nicht nur auf Athen beschränkt. Eine Woche nach Schulbeginn wurden im Nomos Pella wegen Covid-19 sämtliche Schulen geschlossen. Auf Lesbos wurden sie noch nicht eröffnet. Die Internetpräsenz der Schulbehörden informierte am Sonntag über 35 wegen Covid-19-Fällen geschlossene Schulen.

Ab Montag gelten in Athen und der gesamten Region Attika verschärfte Pandemie-Regeln. Es ist eine Verschärfung der bereits jetzt geltenden Regeln, mit denen u.a. der Besuch von Gaststätten eingeschränkt und eine erweiterte Maskenpflicht verhängt wurde. So sind Ansammlungen von mehr als neun Personen weder im Freien noch im Privaten gestattet. Bei Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen sind nur zwanzig Teilnehmer zulässig.

Maskenpflicht und Home-Office

Es gilt an praktisch allen öffentlichen Orten eine Maskenpflicht. Das gilt auch im Freien, wenn der Mindestabstand von 1,5 Metern nicht eingehalten werden kann. Faktisch müssen damit auch Passanten, die eine Bushaltestelle passieren, eine Maske aufsetzen.

Vierzig Prozent der Arbeitnehmer im öffentlichen und privaten Dienst müssen ab Montag und zunächst bis zum 4. November in Telearbeit vom Home-Office aus arbeiten. Die Arbeitgeber sind verpflichtet, die verbindlichen Angaben zur Erfüllung dieser Pflicht an den Staat zu melden. Wenn die Quote nicht eingehalten wird, drohen hohe Strafzahlungen.

Für die Arbeitnehmer müssen drei verschiedene Gleitarbeitszeitbereiche mit Arbeitsbeginn ab sieben bis neun Uhr morgens gelten. Damit soll der vollkommen überlastete Öffentliche Nahverkehr entlastet werden. Der Zugang der Bürger zu persönlicher Vorsprach in Ämtern ist eingeschränkt.

Bis auf Supermärkte und Bäckereien dürfen Geschäfte nicht vor zehn Uhr morgens öffnen. Konzerte im Freien oder in geschlossenen Räumen sind verboten.

Ausnahmeregelungen für Freunde?

Hier gibt es eine umstrittene Ausnahmegenehmigung für Theater. Diese dürfen weiter offen bleiben. Dafür gesorgt hat offenbar Premier Kyriakos Mitsotakis höchstpersönlich. Kostas Markoulakis, ein der Regierungspartei Nea Dimokratia nahe stehender Schauspieler, feierte in sozialen Netzwerken, dass er mit einem persönlichen Telefonat beim Premierminister dafür gesorgt habe, dass die Theater "gegen den Ratschlag der Virologen" auf "Anordnung des Premiers" offen bleiben.

Eine "Zirkus-Regierung", urteilt die Zeitung EfSyn, die sich fragt, ob mit Musik eine Infektion droht, während diese bei Theateraufführungen am gleichen Ort ausgeschlossen sein soll. Sie fragt sich, ob das musikalisch mit Werken von Mikis Theodorakis untermalte Theaterstück "Omorfi Poli", das im Odeon des Herodes Atticus aufgeführt wurde, nun verboten wäre oder nicht?

Es ist eine rhetorische Frage, denn mit einem Anruf beim Premier gibt es offenbar für alles eine Ausnahmegenehmigung. Das ambivalente Verhältnis der Regierenden zu den selbst erlassenen Maßnahmen bleibt eine Konstante der Pandemie.

Dafür muss sich zumindest der Neffe des Premiers, der Athener Bürgermeister Kostas Bakoyiannis, beim Staatsanwalt rechtfertigen. Er erhielt aufgrund der Anzeige eines Bürgers für den 24. September eine Vorladung. Es geht um zwei denkwürdige öffentliche Auftritte des für seine Sorglosigkeit gegenüber Covid 19 notorisch bekannten Politikers. Er hatte während des Lockdowns im Frühjahr ein Straßenkonzert mit der Künstlerin Alkistis Protopsalti veranstaltet und den neu gestalteten Omonia-Platz eingeweiht.

In beiden Fällen wunderte er sich hinterher, dass diese Veranstaltungen für Menschenaufläufe gesorgt hatten. Wenige Tage vor der Verhängung der neuen Maßnahmen hatte Bakoyiannis ein Konzert der Sängerin Anna Vissis aufgesucht und sich dort fröhlich feiernd ohne Maske ablichten lassen. In der Zeitung Ta Nea, die ebenfalls zum DOL-Konzern gehört, griff der Kommentator Michalis Mitsou auch diesen Fall auf. Er bediente sich des Beispiels des Athener Bürgermeisters um damit pars pro toto die Arroganz der Herrschenden anzuprangern. Diese, so Mitsou, würden Regeln für andere erlassen, diese aber schlicht ignorieren.

Teile der Kirche gegen Covid19-Maßnahmen

Aus anderen Gründen als der Bürgermeister verstieß Vize-Immigrationsminister Georgios Koumoutsakos gegen die Regeln. Er entschuldigte sich, "es tut mir leid, dass ein spontaner aufrichtiger Wunsch und Bedarf an meinem Geburtstag, der in meiner Abwesenheit veröffentlicht wurde, ein Problem verursacht hat. Offensichtlich ermutige ich niemanden zu dieser Haltung. Im Gegenteil, ich fordere alle auf, die staatlichen Maßnahmen zugunsten der öffentlichen Gesundheit uneingeschränkt einzuhalten".

Was war geschehen? Koumoutsakos hatte an seinem Geburtstag, dem 17. September, eine Kirche aufgesucht und dabei am Heiligen Abendmahl teilgenommen. Dieses wird von der orthodoxen Kirche aus einem Kelch und mit einem Löffel an alle daran teilnehmenden Gläubigen gegeben. Ein Umstand, den der Professor für genetische Medizin, Manolis Dermitzakis, in Pandemiezeiten als gefährlich anprangert.

Dermitzakis hatte am 16. September im Fernsehen erklärt, dass die Praktik des gemeinsamen Löffels und Kelches beim Abendmahl verboten gehöre. Demgegenüber steht die Meinung zahlreicher Bischöfe, dass Covid 19 wegen dessen göttlicher Heiligkeit nicht auf das Abendmahl übertragbar sei. In Griechenland zählt eine große Zahl von Geistlichen zu den sogenannten "Coronaleugnern".

Der Professor geriet in die Schusslinie des erzkonservativen und wegen rechtsradikaler rassistischer Äußerungen verurteilten früheren Metropoliten von Kalavryta, Amvrosios. Dieser veröffentlichte am 17. September im kirchlichen Nachrichtendienst Romfea eine wütende Replik auf die Forderung des Professors, dem er fehlende Bildung vorwarf.

Koumoutsakos Abendmahl wurde von Romfea willkommen geheißen, und als Beleg dafür gewertet, dass die Regierung aufseiten der konservativen Kirchenvertreter stehe. "Ein Minister 'antwortet' dem Professor Dermitzakis hinsichtlich des Abendmahls", titelte Romfea und präsentierte als Beweisfoto, den Minister ohne Maske beim Abendmahl.

Dem Minister brachte dies eine öffentliche Rüge seitens des ministeriellen Staatssekretärs im Ministerium für Bürgerschutz, Nikos Chardalias. ein. Chardalias, der die Covid-19-Maßnahmen koordiniert und in zwei wöchentlichen Pressekonferenzen verkündet, meinte "wir alle sind Christen, geben damit aber nicht an".

Chardalias fuhr fort, "es muss klar und sicher sein, dass alle Mitglieder der Regierung ein gutes Beispiel vorgeben müssen und sich an die Regeln, deren Befolgung wir von den Bürgern verlangen, halten müssen". Koumoutsakos musste bis auf seine öffentliche Entschuldigung keine weiteren Konsequenzen ziehen.

Zu den weiteren Maßnahmen der Regierung zählt ein groß angelegtes Screening der Athener Bevölkerung mit Antikörpertests. Sollte sich die Ausbreitung der Pandemie in der Hauptstadt weiter im gleichen Rhythmus fortsetzen, dann sollen zunächst Ausgangsbeschränkungen für Personen, die älter als 65 Jahre sind, erlassen werden. Danach folgt ein Lockdown wie im Frühjahr. (Wassilis Aswestopoulos)