Droht dem Amazonas eine Ölkatastrophe?

Hugo Chavez’ Pipeline von Venezuela nach Brasilien ist ökologisch und ökonomisch umstritten

Politisch links orientierte, doch nicht explizit kommunistische Regierungschefs auf den amerikanischen Kontinenten haben meist wenig Chancen, weil die USA einschreiten. Hugo Chavez in Venezuela ist eine der wenigen positiven Ausnahmen. Doch auch bei ihm sind nicht alle Projekte so großartig, wie sie klingen.

Im Frühjahr diesen Jahres wurde gejubelt: Hugo Chavez, der Präsident Venezuelas, wollte billige Energie auf den gesamten südamerikanischen Kontinent bringen und dazu eine Pipeline von gut 10.000 km Länge quer durch den Regenwald den Amazonas kreuzen lassen (Pipeline für Südamerika), um das venezolanische Erdgas in die Metropolen Brasiliens und Argentiniens zu transportieren und unter anderem Caracas in Venezuela mit Buenos Aires in Argentinien zu verbinden. Auch Uruguay, Bolivien und Paraguay sollten an diese Energieader angeschlossen werden. Ein Wirtschaftswunder in diesen armen Ländern wurde erhofft.

Erste Planungen für die Trasse der transamazonischen Pipeline (Bild: Petroleos de Venezuela)

Doch bald meldeten sich warnende Stimmen. So schrieb ein ehemaliger Vorstand der staatlichen Ölgesellschaft Venezuelas an die Washington Post, dass dieses Monsterprojekt einige unberücksichtigte prinzipielle Probleme aufweist. So befinden sich 90% der venezolanischen Erdgasreserven in Ölfeldern und können folglich nicht getrennt vom Öl ausgebeutet werden, ohne es unmöglich zu machen, das Öl anschließend noch aus dem Boden zu bekommen, weil dann der Förderdruck fehlt. Bereits von dem gegenwärtig in Venezuela geförderten Erdgas müssten 40% wieder zurück in die Ölfelder gepumpt werden, um diese zu erhalten und was im nächsten Jahrzehnt vernünftigerweise an Erdgas gefördert werden kann, reicht mit Mühe und Not, um den Bedarf im Land selbst zu decken.

Auch der Preis für die Pipeline ist viel zu hoch: Experten sind inzwischen der Ansicht, dass er im Bereich von 25 bis 30 Milliarden US-Dollar liegt, erste Schätzungen brasilianischer Offizieller lagen auch bereits bei 20 bis 24 Milliarden US-Dollar. Schon dieser Wert würde das Gas unbezahlbar machen; es wäre wesentlich wirtschaftlicher, es als Flüssiggas mit dem Schiff zu transportieren, zumal sowohl die Gasfelder als auch die Verbraucher am Meer liegen.

Doch das größte Problem ist das Risiko für die Umwelt: die Schneise, die durch den Regenwald geschlagen würde, um die Pipeline zu legen, würde bereits durch ihre Existenz das einzigartige Ökosystem des Amazonas gefährden. Hinzu käme, dass auch mit jeder Straße, die durch den Amazonas-Dschungel geschlagen wird, Menschen folgen, die den Regenwald weiter abholzen und anderes Unheil anrichten. Und dann käme natürlich noch die Frage der Folgen einer Explosion durch Sabotage oder versuchten Gasdiebstahl.

Da mittlerweile klar ist, dass die Pipeline alleine mit Erdgas nicht vernünftig zu betreiben ist, wird nun auch über den Transport von Öl und Benzin nachgedacht, wie der New Scientist in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Cláudio Maretti vom WWF bezeichnet die geplante Pipeline deswegen als absoluten Irrsinn: Neben der Problematik, Schneisen durch den Regenwald zu schlagen, wären die ökologischen Folgen eines Lecks katastrophal – und Pipelines durch abgelegene Landschaften neigen dazu, leck zu werden, durch mangelnde Wartung und Schlamperei wie in Russland ebenso wie durch Sabotage und Diebstahl.

Zwar hat der Orinoco-Ölgürtel in der Nähe von El Tigre in Venezuela die weltgrößten Ölreserven von gegenwärtig geschätzten 1,3 Billionen Barrels, doch die Friends of the Earth schätzen, dass der Pipeline alleine 45.000 km2 Regenwald zum Opfer fallen. Selbst wenn sie am Ende dann doch nicht gebaut wird, hat schon die Ankündigung schlimme Folgen, wie sich in der Vergangenheit bei anderen derartigen Großprojekten gezeigt hat, weil Siedler in die Nähe der Trasse ziehen und den Regenwald abholzen, in der Annahme, später an der Versorgung der Bauarbeiter verdienen zu können. (Wolf-Dieter Roth)