zurück zum Artikel

Dschihad in Amsterdam?

Der Mord an dem Filmemacher van Gogh durch einen Muslim führte zu Anschlägen auf Kirchen und Moscheen

Nach der Ermordung des islamkritischen Filmemachers Theo van Gogh [1] in der Innenstadt von Amsterdam durch einen Niederländer mit marokkanischen Eltern kommt das westliche Nachbarland nicht mehr zur Ruhe. Anschläge [2] gegen moslemische Einrichtungen häuften sich in den letzten Tagen, Brandanschläge auf Kirchen folgten. Bei der Beerdigung des Filmemachers am Dienstag schlugen die Wogen noch einmal hoch. Doch ob sich die Situation in der nächsten Zeit wieder beruhigen wird, ist fraglich.

Schon sieht man in der "Welt" den Dshihad in Amsterdam [3] am Werk. Eine Sichtweise, die auch in den Niederlanden in letzter Zeit Anhänger gewonnen hat. Hinter dem Mord an dem zwar bekannten, aber wegen seiner rechtspopulistischen Ansichten äußerst umstrittenen Filmemacher wird die Handschrift des internationalen islamistischen Terrors gesehen. Womöglich soll der Mord der Beginn einer ganzen Anschlagsserie sein. Als Indiz dafür wird ein mehrseitiger Brief [4] genommen, den der van-Gogh Attentäter am Tatort hinterlassen hat. Dieses Bekennerschreiben beschuldigt van Gogh, den Islam beleidigt zu haben, und enthält eine Liste von Personen, denen ebenfalls mit Anschlägen gedroht wird.

Die niederländische Staatsanwaltschaft wollte nicht ausschließen, dass van Goghs Attentäter Kontakte zu einer Gruppe mit dem Namen Salafia Jihadia unterhalte, die für die Anschlagsserie gegen jüdische Einrichtungen, verschiedene Hotels und das belgische Konsulat in Casablanca im Mai 2003 verantwortlich gemacht wird, bei der zahlreiche Menschen starben. Schon lange wird zwischen Verbindungen zwischen den Anschlägen in Casablanca und den Bombenattentaten gegen das Madrider U-Bahnsystem Verbindungen und von dort zum Al-Qaida-Netzwerk hergestellt [5]. So wähnen viele Niederländer ihr Land jetzt im Visier des internationalen Terrorismus. Drohungen der Gruppe al-Tawhid al-Islami, die Anschläge auf die Moschee und gegen Muslims zu rächen, geben diesem Gefühl natürlich noch mehr Nahrung.

Die Ermittlungen erweisen sich als schwierig, zumal der Attentäter van Goghs bisher die Aussage verweigert. So ist auch bis jetzt offen, ob der Attentäter den Mord alleine plante und ausführte oder ob er Unterstützer hatte. Die niederländische Polizei hatte kurz nach dem Mord 8 Männer festgenommen, die aus Marokko stammten und mit den Attentäter bekannt waren. Sie wurden aber anschließen wieder frei gelassen. Nun wird nach einem Syrer gefahndet [6], der angeblich in Kontakt mit verschiedene Terrorzellen in den Niederlanden stehen und an Planungen von Terroranschlägen beteiligt gewesen sein soll.

Die aus Somalia stammende rechtsliberale Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali [7] steht mittlerweile unter Polizeischutz. Sie wurde in dem Bekennerschreiben als "ungläubige Fundamentalistin" bezeichnet und bedroht. Ayaan Hirsi Ali hat sich als vehemente Islamkritikerin einen Namen gemacht. Sie hat das Drehbuch für den Film "Submission" geschrieben, der Theo van Gogh die Feindschaft nicht nur islamistischer Kreise eingebracht hat. Auch gemäßigte Moslems sahen in dem Film ihre Religion diskreditiert.

Die Gründe, warum ausgerechnet in den traditionell liberalen und säkularen Niederlanden eine Art Kulturkrieg droht, liegen allerdings auch in der Innenpolitik unseres Nachbarlandes. Mit dem Aufstieg des Rechtspopulisten Pim Fortuyn [8] wurde die tolerante, minderheitenfreundliche Politik in den Niederlande immer mehr in Frage gestellt. Er hatte sogar Chancen, Premierminister in Amsterdam zu werden, wurde aber von einen Aktivisten der Tierrechtsbewegung kurz vor den Parlamentswahlen ermordet (Das Pim-Dean-Syndrom [9]) Fortuyns populistische Bewegung hat sich kurz nach seinem Tod selbst zerlegt. Doch deren Inhalte haben sich in vielen Bereichen der niederländischen Innenpolitik niedergeschlagen. Zu den zahlreichen Intellektuellen und Künstlern, die durch diese Bewegung beeinflusst wurden, gehörte auch Theo van Gogh.

Sein letztes Filmprojekt, an dem er vor seiner Ermordung arbeitete, war ein Porträt Pim Fortuyns. Dort wollte er auch die Einzeltäterthese, die von der holländischen Justiz getragen wird, widerlegen. Van Gogh sah hinter dem Mord gegen Fortuyn ein Komplott. Es ist anzunehmen, dass sich derartige Verschwörungsthesen auch um den Tod des Filmemachers ranken werden.


URL dieses Artikels:
http://www.heise.de/-3437223

Links in diesem Artikel:
[1] http://www.theovangogh.nl/
[2] http://www.stern.de/politik/ausland/?id=532043&nv=cp_L2_tt
[3] http://www.welt.de/data/2004/11/09/357814.html
[4] http://www.rnw.nl/hotspots/html/dut041105.html
[5] http://www.heute.t-online.de/ZDFheute/artikel/9/0,1367,POL-0-2111977,00.html
[6] http://www.expatica.com/source/site_article.asp?subchannel_id=19&story_id=13754&name=Dutch+hunt+Syrian+'terror+mastermind'
[7] http://www.rnw.nl/hotspots/html/ned030110.html
[8] http://www.pim-fortuyn.nl/
[9] http://www.heise.de/tp/features/Das-Pim-Dean-Syndrom-3425213.html