Dürre in Italien: Wird Polenta bald zum Luxusgut?

Maisgrieß könnte bald zur Mangelware werden. Foto: BARBARA808 auf Pixabay (Public Domain)

Polenta, Parmesan, Parmaschinken: Hitze und Regenmangel wirken sich auf Landwirtschaft und Nahrungsmittelindustrie aus. Agrarexperten rechnen mit hohen Ernteausfällen.

Quer durch den Piemont, die Lombardei, Emilia-Romagna und Venetien hindurch schlängelt sich zwischen Sandbänken entlang ein kümmerliches Rinnsal. Normalerweise führt der Po zu dieser Jahreszeit 1500 bis 2000 Kubikmeter pro Sekunde. Doch die Messstation Pontelagoscuro bei Ferrara verzeichnete kürzlich nur noch einen Durchfluss von 180 Kubikmetern Wasser pro Sekunde. Seit einigen Wochen führt der mit 650 Kilometern längste Fluss in Italiens immer weniger Wasser, stellenweise ist er komplett ausgetrocknet.

Immer tiefer dringt das Salzwasser der Adria in die Flussarme des Po-Deltas ein, von dort aus fließt es ins Binnenland. Anfang Juli wurde 30,6 Kilometer von dessen Mündung entfernt salziges Adriawasser im Fluss nachgewiesen. Die Experten rechnen damit, dass die Adria noch weiter in den Po hinaufziehen wird. "Das Meer frisst den Fluss", sagen sie. Für die Menschen, die in der Nähe des letzten Teilstücks des Flusses wohnen, hat das Vordringen des Meeres dramatische Auswirkungen.

Werde hier kein angemessener Durchfluss aufrechterhalten, ist die Trinkwasserversorgung für 750.000 Menschen in den betroffenen Provinzen Ferrara, Ravenna und Rovigo gefährdet. Denn in diesen Regionen wird Trink- und Nutzwasser durch Wasseraufbereitungsanlagen indirekt aus dem Po gewonnen.

In den sumpfigen Gebieten der Provinz Rovigo werden auch Weizen, Zuckerrüben, Obst, Gemüse und Reis angebaut. Das zunehmende Brackwasser im Inland könnte ganze Ernten vernichten, befürchet Meuccio Berselli, Generalsekretär der Wasserverwaltungsbehörde im Einzugsgebiets des Po. Anfang Juli konnten etwa 4.000 Einwohner aus drei Gemeinden des Po-Deltas nur dank einer aus Frankreich gemieteten Entsalzungsanlage ausreichend Trink- und Nutzwasser gewinnen.

"Scanno" - so werden die vom Po angeschwemmten Kies- und Schlammablagerungen an den Landzungen genannt, die die Adria vom Fluss trennen. Seit die Regierung in Venetien im Jahr 1988 das Gelände unter Naturschutz stellte, entstand hier ein Naturparadies. 1999 erklärte die Unesco das mit 380 Quadratkilometern größte Feuchtgebiet in Europa zum Weltkulturerbe und 2015 zum Biosphärenreservat.

Porto Tolle liegt mit 9000 Einwohnern in der Provinz Rovigo im sumpfigen Mündungsgebiet des Po-Deltas. Bekannt wurde die Gemeinde durch die Aufzucht von Miesmuscheln. Wegen der steigenden Wassertemperatur sinkt in der Lagune der Sauerstoffgehalt immer weiter ab. Infolgedessen vermehren sich die Makroalgen, dadurch wiederum reduziert sich der Sauerstoffgehalt immer weiter - schlechte Voraussetzungen für die Zucht von Weichtieren und Fischen.

Dürrebedingte Ernteausfälle bei Mais und Reis

Die derzeitige Trockenheit bedroht zahlreiche landwirtschaftliche Produkte. Das traditionelle Gericht Polenta zum Beispiel besteht hauptsächlich aus Maisgrieß. Der Mais hierfür wird in Norditalien in riesigen Anbaugebieten produziert. Doch gerade Mais braucht sehr viel Wasser. Bei Wassermangel geraten die Pflanzen unter Stress. Zudem bilden sich in der Pflanze Toxine und Pilze, weiß Landwirt Mauro Girello aus Porto Tolle.

Bei Wassermangel erreichen die Kolben nicht ihre volle Größe und geben einen fauligen Geruch ab. Die Frucht werde dann ungenießbar. Schon jetzt sind rund 40 Prozent der Maisernten unbrauchbar. Hält die Trockenheit an, sind bei der Ernte im September 70 bis 80 Prozent Verluste zu erwarten. Die Selbstversorgung mit Mais wird für das Land mit seinen 60 Millionen Einwohnern schwierig, weshalb Italien auf Importmais angewiesen ist. Das könnte die Preise für Polenta bald in die Höhe treiben.

Im Reisanbau sieht es nicht besser aus. Im Piemont - vor allem in Novara, Biella und Vercelli - produzieren 4000 Betriebe pro Jahr 800.000 Tonnen Reis, insbesondere die begehrten Sorten Arborio und Carnaroli. Das entspricht mehr als einem Viertel der gesamten Reisproduktion in der EU.

Wegen der Dürre rechnen die Landwirte im Piemont mit Ernteausfällen von 50 bis 70 Prozent. Dramatisch ist auch die Situation auf den Reisfeldern der Provinz Pavia 35 Kilometer südlich von Mailand. In diesem Flussabschnitt ist der Pegelstand sieben Meter niedriger als üblich. Sollte es nicht bald regnen, kommt es zu einer Katastrophe, warnt Paolo Carrà, Präsident der Reisbauern.

Auch rechts und links des Hauptstromes versiechen die Flussläufe. Auf den Feldern von Lendinara in der Provinz Rovigo sieht man in gewöhnlichen Jahren sattes Gemüse reifen, an den Bäumen hängt pralles Obst. In diesem Jahr vertrocknet der Salat auf dem Feld. Auch die Bauern, die in der Ebene zwischen den Flüssen Etsch und Fratta Melonen, Wassermelonen, Mais und Soja anbauen, erwartet hohe Ernteverluste.

Die Behörden rechnen mit Ernteausfällen in Höhe von 80 Prozent bei Zuckerrüben, zu 50 Prozent bei Soja und 30 Prozent bei Mais- und Getreideprodukten. Nach Angaben des Bauernverbandes Coldiretti sind allein in der Po-Ebene, in der auch der berühmte Parmaschinken hergestellt wird, mehr als 30 Prozent der landesweiten landwirtschaftlichen Produktion sowie die Hälfte des Viehbestandes bedroht.

Die ganze Ernte drohe in diesem Jahr auszufallen, befürchtet Silvio Parizzi, Direktor des Bauernverbandes in Rovigo. Er befürchtet Schäden in Höhe von tausenden Euro pro Hektar sowie drohende Versorgungsengpässe. Auch die Bienen leiden unter der andauernden Hitzewelle. Italienische Imker rechnen in diesem Jahr mit sinkenden Honigerträgen.

Wassermangel reduziert die Produktion von Parmesan

Nicht nur auf den Feldern, auch in den Viehtränken fehlt das Wasser. Damit die Milch verarbeitet werden kann, zum Beispiel zu hochwertigem Parmesan, verbrauche eine Kuh zwischen 100 und 150 Liter Wasser pro Tag, erklärt Simone Minelli Halter, Besitzer einer 300-köpfigen Milchkuhherde. Fehle es an Wasser und an Feldfutter, müsse er die Tierzahl reduzieren.

Die Produktion der beliebten italienischen Spezialität mit dem DOP-Siegel sei nicht mehr möglich, weil sie die Kriterien nicht mehr erfülle. Infolgedessen werde der "echte" Parmesan bald zur Mangelware.

Der Wassermangel habe sich bereits im Winter abgezeichnet, erklärt Gianluigi Tacchini, der rund 40 Kilometer südlich von Mailand Reis anbaut. Es fehlte an Schnee auf den Bergen und Wasser in den Seen. Dem schneearmen Winter folgte ein trockenes Frühjahr. Der Bauer halbierte kurzerhand seine Reis-Anbauflächen und pflanzte stattdessen Sonnenblumen, weil diese weniger Wasser brauchen. Doch Mitte Juli sei aus dem Comer See um drei Viertel weniger Wasser abgezweigt worden, klagt er. Bei weiter sinkendem Wasserstand sei Bewässerung gefährdet.

Weinstöcke am Gardasee drohen zu verdursten

Mit einem Fassungsvermögen von 50 Kubikkilometern ist der Gardasee nicht nur beliebtes Reiseziel deutscher Urlauber, sondern auch größtes Wasserreservoir Oberitaliens sowie Wasserspeicher für Landwirte und Weinbauern in der Region. Zuletzt war der Gardasee noch mit mehr als 60 Prozent seines ursprünglichen Volumens gefüllt.Wegen des sinkenden Wasserspiegels vergrößern sich Strandabschnitte, ganze Felsformationen werden freigelegt.

Kürzlich wurde über Schleusen des Mincio bei Peschiera del Garda mit 30 Kubikmeter pro Sekunde Wasser aus dem Gardasee in den Po abgelassen. Dieses Wasser fehlt nun langfristig für die Bewässerung der Weinberge zwischen Riva del Garda, Bardolino, Soave und Lugana. Nicht nur die Schifffahrt und Fische müssten geschützt werden, erklärt Pierlucio Ceresa, Geschäftsführer des Gemeindeverbands Garda.

Auch die Bauern rund um den See sollen noch ihre Kulturen bewässern können. Seiner Ansicht nach bringt der erhöhte Abfluss in den Po gar nichts. Zum jetzigen Zeitpunkt brauche der Fluss mindestens 500 zusätzliche Kubikmeter pro Sekunde. Immerhin: Anfang August brachte leichter Regen etwas Entspannung über die Region.

Bereits Anfang Juli hatte Alberto Lasagna auf den Ernst der Lage hingewiesen. Ein Teil des Wassers aus den Wasserkraftwerken müsse für die Landwirtschaft abgezweigt werden, fordert der Direktor des Agrarverbands Confagricoltura von Pavia. Über eine Bestandsaufnahme der Staudämme müsse herausgefunden werden, wieviel Wasser daraus abgeleitet werden kann, um vielleicht noch einen Teil der Felder zu retten.

Mit mehr als drei Milliarden Euro beziffern die Landwirtschaftsverbände die bisherigen dürrebedingten Schäden. Während die Politik finanzielle Hilfspakete ankündigt, teilen die Landwirte im YouTube-Kanal Agricoltura Innovativa ihre Erfahrungen im Umgang mit der Dürre.

Wasser sickert durch marode Leitungen

Glaubt man den Angaben der nationalen Statistikbehörde Istat von 2020, versickern durchschnittlich 40 Prozent des italienischen Trinkwassers durch Lecks in den Rohren und in Speicherbecken. In Chieti in den Abruzzen werden die Verluste aufgrund von Lecks auf 70 Prozent geschätzt. Viele Wasserleitungen sind mehr als ein halbes Jahrhundert alt.

Inzwischen ordneten die Behörden an, das Wasser zwischen 22 Uhr bis fünf Uhr morgens abzustellen. Man hätte die Wasserleitungen längst modernisieren müssen, um das nationale Territorium und das wirtschaftliche und soziale System des Landes weniger anfällig für Dürre-Krisen zu machen, kritisiert Francesco Cioffi von der Universität La Sapienza in Rom.

Der Hydrologe fordert eine bessere Wasseraufbereitung, eine stärkere Nutzung von Regenwasser und effizientere Bewässerungssysteme. Von Januar bis Mai sei italienweit 44 Prozent weniger Niederschlag gefallen als in "normalen" Jahren, sagt der Experte. Vielerorts wurde die Wasserabgabe rationiert.

So dürfen die Bauern in der Region Latium ihre Pflanzen wegen des Wassermangels an zwei Tagen pro Woche nicht mehr gießen. Zwar plant die italienische Regierung in den nächsten Jahren 4,4 Milliarden Euro in die Wasserwirtschaft zu investieren. Für die meisten Bauern dürften die Gelder in diesem Jahr allerdings zu spät kommen.

Landwirtschaft muss sich dem Klimawandel anpassen

In der Po-Ebene verbraucht die Landwirtschaft mehr als 50 Prozent des Wassers, weiß Giovanni Rallo, der am Institut für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt an Wasserkreisläufen von Atmosphäre und Boden forscht. Die Po-Ebene ist die wichtigste landwirtschaftlich genutzte Region Italiens. Hier liegt ein großer Teil der europäischen Reisfelder. Gerade der Reisanbau verbraucht enorm viel Wasser.

Der Po speist sich aus über hundert Zuflüssen, vom Norden aus den Alpen und vom Süden aus den Apenninen. Der Schneefall im Winter und die Gletscherschmelze im Frühjahr sorgen in der Regel für genug Wasserzufuhr. In einer kürzlich veröffentlichten Studie untersuchten Wissenschaftler der Universitäten Turin, Pisa und Rennes die Auswirkungen des Klimawandels auf zukünftige Dürren in Norditalien.

In den südlichen Voralpen liegt die jährliche Niederschlagshöhe normalerweise bei 1500 bis 2000 Millimeter, in der Po-Ebene selbst bei 600 bis 800 Millimetern. Bisher verteilten sich die Regenfälle vorwiegend über den späten Winter und den Frühling. Infolge des Klimawandels fiele der Regen nun unregelmäßiger und dafür konzentrierter, erklärt der Hydrologe Giovanni Rallo von der Universität Pisa.

Solange die Niederschläge gleichmäßig fallen, kann der Boden sie aufnehmen. Doch nun gebe es über lange Zeiträume keinen Regen. Wenn es dann mal regnet, dann in kurzer Zeit so stark, dass der Regen schnell abfließt. Verschärft werde dieses Problem durch die Versiegelung von Flächen: Das Gleichgewicht im Wasserhaushalt zwischen Oberfläche und Untergrund ist gestört. Die Bodenfeuchtigkeit nimmt weiter ab.

Die Feldkulturen müssten noch stärker bewässert werden. In der Vergangenheit konnte man die wichtigsten Kulturen - Gemüse und Getreide - mit Hilfe des Regens und mit wenig zusätzlicher Wasserzufuhr anbauen. Doch die intensivierte Landwirtschaft erfordert einen höheren Wasserbedarf: Neben Reis müssen nun auch Weinreben, Weizen oder Mais bewässert werden.

Um künftig katastrophale Dürren zu verhindern, muss sich Italien wie auch der gesamte Alpenraum schnellstmöglich den veränderten klimatischen Bedingungen anpassen, fordert der Wasser-Experte. Die Felder sollten nur zu bestimmten Zeiten bewässert werden. Um Wasser zu sparen, brauche es moderne Systeme, mit denen sich der Wasserbedarf der Pflanzen genau messen lässt. (Susanne Aigner)