Düstere Lage

Den Irakern geht es nicht gut, wie ein UN-Bericht verdeutlicht – und das dürfte ein entscheidender Grund für den wachsenden Widerstand und die sich ausbreitende Kriminalität sein

Nachdem nicht nur die Amerikaner gehofft hatten, dass die Gewalt im Irak allmählich abflaut und bereits laut über Truppenabzug nachgedacht wurde, steuern die Anschläge nun eher einem neuen Höhepunkt zu. Über 400 Menschen wurden in den letzten zwei Wochen getötet, täglich finden 75 Anschläge statt, vor einigen Wochen waren es noch um die 30. Weitgehend unklar scheint den Koalitionstruppen noch immer zu sein, wer wirklich hinter dem Widerstand steckt, wie viele Aufständische es gibt und wie der Widerstand organisiert und finanziert wird, obgleich über 10.000 mutmaßliche Aufständische oder Terroristen in den Gefängnissen sind. Und vor allem scheint auch der Strom der fanatischen "Märtyrer", die sich Tag für Tag opfern und andere Menschen mit in den Tod reißen, nicht abzunehmen, sondern eher noch anzuschwellen.

Nach einem Anschlag in Bagdad

Auch wenn US-Truppen gelegentlich Städte einnehmen und sich Gefechte mit Aufständischen liefern, so lassen sich viele Orte mit der geringen Zahl der kämpfenden US-Soldaten nur vorübergehend sichern. Ziehen die Truppen wieder ab, kehren die Aufständischen zurück, die sich auch mit Gewalt in der Bevölkerung und deren Wohnungen einnisten. Weder der Einmarsch in Falludscha, einst als "Hochburg" der Aufständischen bezeichnet, noch Operationen wie derzeit die martialisch "Matador" genannte an der syrischen Grenze scheinen den Widerstand bändigen zu können. Der Eindruck ist, dass dieser durch solche Operationen eher geschürt wird, weil sich die Zivilbevölkerung stets zwischen den Kämpfenden befindet und zum Opfer wird. Den Widerstand nur auf alte Regime-Anhänger oder den mysteriösen Terrorchef Sarkawi zurück zu führen, ist zu einfach und damit fatal.

Zu denken sollte geben, dass der Widerstand auch in Afghanistan wieder auflebt und selbst Amnestie-Angebote beispielsweise an Mullah Omar zurück gewiesen werden. Gerade eben breiten sich auch anti-amerikanische Proteste in Afghanistan aus, an denen auch Studenten teilzunehmen scheinen. Sowohl in Afghanistan als auch im Irak ist das Setzen auf die militärische Karte gescheitert. Zwar konnten die repressiven Regime hinweggefegt werden, aber danach trat mit dem Verschwinden der staatlichen Strukturen eine Art Vakuum ein. Mit viel zu geringen Mitteln und viel zu langsam wurde in beiden Ländern in den Wiederaufbau investiert. Standen zu Beginn Nachlässigkeit und Korruption – Halliburton, SAIC und Co – im Vordergrund, so ist die Sicherheitslage nun dermaßen schlecht, dass ein Großteil des Geldes, das in Wiederaufbauprojekte geht, so sie denn überhaupt ausgeführt werden, für private Sicherheitsdienste aufgewendet werden muss.

Menschen, die aufgrund der von außen herbeigeführten Befreiung massenhaft in die Armut und Arbeitslosigkeit stürzen und permanent von Kriminalität, Terror und den Aktionen von irakischen Sicherheitskräften und Koalitionstruppen bedroht werden, während gleichzeitig die Infrastruktur zerstört ist, Wasser, Strom und andere Dienste fehlen, werden schnell unzufrieden. Und sie suchen nach individuellen Auswegen.

Schon alleine zur Lebenserhaltung weichen manche in die Kriminalität aus oder geben sich für jeden Job her, für den es Geld gibt. Sei es im Opiumanbau und Heroinhandel, als Kämpfer eines Warlords oder einer Miliz, als Handlanger von Aufständischen oder Terroristen und natürlich auch als Polizisten oder Soldaten. Letztere sind, wie vielen Berichten zu entnehmen, kaum als loyal und staatsergeben zu bezeichnen, oft vielleicht nur durch Zufall oder mangels anderer Alternativen zur Polizei gegangen, um trotz dauernder Bedrohung etwas zu verdienen. Und sie kämpfen dann gegen andere Iraker, die aus denselben Gründen auf der anderen Seite stehen.

Zum Gesamtbild passt, dass Afghanistan wieder zum weltweit größten Heroinlieferanten geworden ist, während der Irak sich gerade zu einem neuen Drogenumschlagplatz zu mausern scheint. So warnte eben der International Narcotics Control Board der UN, dass Unsicherheit und das Chaos, die im Land herrschen, den Irak mit seinen langen und offenen Grenzen zum Durchgangsland für das vor allem aus Afghanistan stammende Rauschgift gemacht haben. Im Geschäft mischen sowohl Aufständische und Terroristen als auch Kriminelle mit, wobei diese Gruppen sich mehr und mehr überschneiden.

Unterernährung, Arbeitslosigkeit, mangelhafte Infrastruktur, schlechte Ausbildung

Für den Irak macht ein gerade veröffentlichter Bericht des United Nations Development Programme (UNDP) und der irakischen Regierung die fatale Lage deutlich, die das Land unregierbar macht, solange sich bei den Lebensbedingungen für die meisten Menschen nichts Entscheidendes ändert. Der Iraq Living Conditions Survey 2004 basiert auf einer Befragung von über 21.000 Haushalten im ganzen Land. Sie wurde allerdings bereits im April und Mai des letzten Jahres durchgeführt und ist damit nicht wirklich aktuell, kann aber die Situation und die Stimmung nach der Invasion und mit dem zunehmenden Widerstand vor Augen führen. . Der Bericht zeige, so die UN, dass die Lebensbedingungen im Irak schlecht sind. Viele Familien haben nur zeitweise Trinkwasser und Strom, mehr als jemals zuvor gebe es bei Kindern chronische Unternährung (23%) und eine wachsende Zahl von jungen Menschen kann nicht lesen und schreiben. Unterschiede zwischen Stadt und Land sowie zwischen einzelnen Regionen sind teilweise sehr groß.

Irak war lange Zeit für den hohen Ausbildungsstandard der Menschen bekannt. Seit Husseins Herrschaft und den Kriegen wurde die Situation im Ausbildungsbereich schlechter und hat jetzt einen Tiefstand erreicht. Nur 55 Prozent der Iraker im Alter von 6 bis 24 Jahren befinden sich in einer Ausbildung. Besonders ab dem Alter von 12 Jahren gehen viele Kinder nicht mehr in die Schule, 56% der 15-Jährigen und nur noch 35% der 18-Jährigen. Wegen der Unsicherheit, aber wohl auch aus religiösen Gründen lassen viele Eltern Mädchen nicht am Schulunterricht teilnehmen. Das betrifft besonders die Mädchen auf dem Land. Hier besuchen 40% der Mädchen keine Schule, in den Städten sind es 20%. Zwar sei auch allgemein der Ausbildungstand und der Alphabetisierungsgrad der Frauen gesunken (47% sind Analphabeten), aber die Kluft zwischen Frauen und Männer sei hier kleiner geworden – weil die Ausbildung der Männer noch stärker abgenommen habe.

Der irakische Planungsminister Barham Saleh, der von "tragischen Lebensbedingungen" sprach, machte für die schlechten Verhältnisse vor allem die langen Kriegszeiten verantwortlich, aber auch die mangelnde Unterstützung der internationalen Gemeinschaft. 3,2 Millionen Haushalte haben keine regelmäßige Stromversorgung. In Bagdad gibt nach dem aktuellen wöchentlichen Fortschrittsbericht der US-Truppen durchschnittlich 11 Stunden Strom, die Gesamtleistung liegt bei 80.000 Megawatt, weniger als vor dem Krieg. 2004 wurden lange Zeit 100.000 und mehr erreicht: soviel zum Fortschritt. Benzin wurde im Land zur knappen Ware, die Erdölproduktion ist geringer als vor dem Krieg, Benzin und Diesel müssen importiert werden.

39% der Haushalte haben keine stabile Trinkwasserversorgung. Besonders auf dem Land ist die Lage schlecht, hier verfügen 80% nicht über sauberes Trinkwasser. Und nur 37% der Haushalte sind an das Abwassersystem angeschlossen. Bei 40 Prozent der Haushalte tritt allerdings Abwasser an die Oberfläche. "Wenn man dies mit der Situation in den 80er Jahren vergleicht, wird man eine ziemliche Verschlechterung der Situation sehen können", meinte Saleh.

Nach dem Bericht sind 1,4 Millionen oder 18,4 Prozent der Menschen arbeitslos, Saleh hingegen erklärte, dass über 50 Prozent "unterbeschäftigt" seien. Nach dem Bericht sind vor allem die Jüngeren arbeitslos, nämlich 33 Prozent. Ein Indiz für die Lage mag auch sein, dass junge Menschen mit höherer Schulbildung noch weniger Arbeit finden. Von diesen sind über 37% ohne Arbeit – und damit wohl auch ein Rekrutierungsfeld für Aufständische und Fundamentalisten.

Der Bericht gibt auch eine Schätzung für die Zahl der Menschen, die seit Beginn des Krieges bis zum Frühjahr 2004 getötet wurden ("No Body Counts"; . 24,000 seien umgekommen, allerdings könnte es auch eine Zahl zwischen 18.000 und 29.000 sein. Über 10% seien Kinder gewesen. Die irakische Regierung, die allerdings nur die Todesfälle erfasst, die sich ab April 2004 ereigneten und auf Aufständische und Verbrecher zurückgehen, spricht von 6.000 Toten. Ende des letzten Jahres wurde in einem Artikel der medizinischen Zeitschrift Lancet von etwa 100.000 Toten ausgegangen. Nach Iraq Body Count, für den Medienberichte ausgewertet werden, geht bis heute von 21.523 bis 24415 Toten aus.

Der Irak-Index des Brookings Institute gibt zwischen 11.690 und 12.930 Tote bis April 2005 an. Nimmt man die Fälle hinzu, bei denen Menschen durch kriminelle Akte getötet wurden, so steigt die Zahl auf 21.490 bis 41.600 an, was belegt, dass die Kriminalität die Iraker mindestens ebenso belastet wie die Kämpfe und Anschläge. Der Irak Index zählt seit dem offiziellen Ende des Kriegs bis 8. Mai 248 schwere Bomben- oder Selbstmordanschläge, bei denen 2540 Menschen getötet und 5628 Menschen verletzt wurden. Seit Mai 2003 sind ebenfalls nach einer Schätzung des Irak Index 38.400 mutmaßliche Aufständische festgenommen oder getötet worden. Im Gefängnis sollen danach im Januar 2005 7.900 Menschen gesessen sein. Die Arbeitslosenzahl liege zwischen 28 und 40 Prozent. (Florian Rötzer)