Dynamit in den Beinen

Die Rundfahrt quer durch Frankreich bietet alles, was eine große Erzählung braucht: Torturen, Helden, Kämpfe, Tragödien. Trotzdem steigt das deutsche Staatsfernsehen jetzt aus der Berichterstattung aus

Am vorletzten Wochenende ging die achtundneunzigste Tour de France zu Ende, die härteste, berühmteste und traditionsreichste Radrundfahrt der Welt. Wieder jagten die Fahrer zehnprozentigen Steigungen hinauf, stürzten im Höllentempo auf schmalen Reifen die Serpentinen hinab, sprinteten bei Zielankünften um Reifenlängen und kämpften in futuristisch anmutenden Outfits allein gegen die Uhr.

David de la Fuente beim Anstieg nach Alpe d'Huez (2006). Bild: Danny Lechanteur. Lizenz: CC-BY-SA-3.0

Wieder verfolgten Millionen begeisterter Radsportfans das Ereignis an den Bildschirmen, säumten zu zigtausenden die Straßenränder und bejubelten ihre Lieblinge bei den Anstiegen zum Tourmalet, zum Galibier und nach Alpe-Huez. Und wieder gaben sich Anwohner und Fans allergrößte Mühe, mit fantasievollen Ideen, Kunstwerken und Kostümierungen auf sich oder die landschaftlichen Reize ihres Ortes oder ihrer Region aufmerksam zu machen und das Prestige trächtigste Radrennen der Welt zum dreiwöchigen Spektakel werden zu lassen.

kudos my hero leaving all the best you know my hero the one that's on Foo Fighters, My Hero

Der erste authentische Bericht über La Grand Boucle ("Die Große Schleife"), wie das Rennen auch genannt wird, stammt von einem ehemaligen Kriegsreporter. Bereits anno 1924 sprach Albert Londres angesichts der Höllenqualen, die die Rennfahrer auf den damals noch fünfzehn Etappen auszuhalten hatten, von einer Art "Kreuzweg", der sie in "Zwangsarbeiter" oder "Strafgefangene der Landstraße" verwandle.

Obgleich Londres, der davor in den Kriegsgebieten Chinas, im Norden Südamerikas und im Ruhrgebiet unterwegs war, vom Radrennsport keine Ahnung hatte, heftete er sich für Le Petit Parisien unmittelbar an die Fersen der Fahrer. Von den radelnden Maschinenmenschen und ihrer Kettenantriebstechnik war der Reporter, der noch unter dem Eindruck der futuristischen Manifeste stand, alsbald so begeistert, dass er jegliche Distanz zum Geschehen verlor und ihm die Trennlinie zwischen Sport und Krieg abhanden kam.

Staubbrillen, die die Fahrer damals noch trugen, gerieten zu Gasmasken, Fahrradschläuche, die sie zur Reserve um die Schulter wickelten, zu Patronengürteln, Räder, die sie schulterten, um etwa die Loire zu überqueren, zu Sturmgewehren. Unter seiner Feder artete die Rundfahrt zu einer offenen Feldschlacht aus. Im einsamen Kampf "Mann gegen Mann" mutierten die Fahrer zu "superuomo" (Übermenschen).

Schon damals waren die Höllenqualen, die die Fahrer auszuhalten hatten, nur durch die Einnahme leistungssteigender Mittel möglich. So entrang er den Brüdern Francis und Henri Pélissier, von denen letzterer später auch die Tour gewann, das Geständnis, dass sie die Strapazen nur aushalten, mit allen anderen nur mithalten und den Lackmustest für Körper, Wille und Geist nur bestehen, wenn sie alles Mögliche schlucken, Kokain, Pillen und Chloroform.

Roland Barthes, der Mikroanalytiker moderner Mythen, wollte dreißig Jahre später in der Tour de France eher das "große Epos" entdecken. Sie enthalte nicht nur alles, was es dafür brauche: Helden und Prüfungen, Torturen und Dramen, Kämpfe und Zerwürfnisse, sondern berühre auch "an mehreren Stellen die außermenschliche Welt".

Die einundzwanzig Etappen verstand er als in sich abgeschlossene Kapitel eines Romans, an deren Ende der Tagessieger die größte Aufmerksamkeit erfuhr. Schon an ihren Teilstücken wollte er ablesen, welche "übermenschlichen Taten" die Helden an diesen Tagen zu vollbringen hätten. Um diese Prüfungen zu bestehen, brauche jeder Fahrer einer "Energetik des Spirituellen", einen Mix aus Muskelkraft, Willensstärke und göttlichem Beistand.

Da jede Etappe andere Anforderungen stellt, reduziere sie den Rennfahrer auf seine "innerste Substanz". Auf diese Weise nötige sie ihn dazu, sich als "totaler Mensch" zu definieren, der sich mit der "Natur-als-Substanz" auseinandersetzen muss. Andererseits versetze die Tour den Fahrer in einen Zwiespalt. Mischt sich der Zwang, anderen zu helfen, mit dem "puren Erfolgsstreben" eines jeden, kommt der "einsame Kampf ums Dasein" nicht ohne Teamspirit aus. Nur wenn die "Domestiken" sich für die Mannschaft opfern, kann der Held reüssieren.

Auch Roland Barthes schildert die Tour als "Kampf" und "Schlacht", die ihre Dramatik aus "Truppenbewegungen" und "Zusammenstößen" bezieht. Auch er vergleicht das "Peleton" mit einer "modernen Armee", die vor allem mit vier Bewegungsarten operiere: "führen, verfolgen, ausbrechen, zurückfallen". Während "Führen" immer auch die Rolle des "Opfern" einschließt, das "Verfolgen" eher den "feigen", das "Ausbrechen" dagegen den "poetischen" Charakter zeigt, kommt das "Zurückfallen" vor allem einer Niederlage gleich.

Peloton bei der Tour de France (2005)

Steht Londres dem Schlucken von Drogen eher gleichgültig gegenüber, verteufelt Roland Barthes die Einnahme chemischer Substanzen. Doping hält er für ebenso "ruchlos" wie "verbrecherisch". Sich mit leistungssteigernden Stoffen aufzuputschen, heißt für ihn, "Gott das Privileg des Funkens zu stehlen." Stattdessen vertraut er lieber auf die "irdischen Qualitäten" der Rennfahrer. Nur wenn "der Kampf zwischen gleichrangigen Gegnern" stattfindet, willensstarke Geister gegeneinander antreten, kommt die Tour seinen Vorstellungen einer "Heldendichtung" entgegen.

Und in der Tat ist die Tour de France wohl der letzte und vermutlich auch größte Mythos des modernen Sports, größer jedenfalls als das Tennisturnier in Wimbledon oder die 24 Stunden von Le Mans. Trotz aller Skandale und Krisen, die sie in den letzten Jahren ereilt hat oder die sie bestehen musste, hat sie nichts von ihrer Faszination eingebüßt, die sie auf Fahrer und Sponsoren, Kommentatoren und Publikum ausübt.

Weder Polizeirazzien, Dopinggeschichten und Fahrerstreiks noch Todesfälle, falsche Ehrenerklärungen von Fahrern und Teamleitern oder missliebige Pressekommentare konnten ihr bislang etwas anhaben. Das Leiden in und an der Tour scheint ungebrochen. Mit der Regelmäßigkeit eines Sonnenauf- und Sonnenuntergangs kehrt sie alle Jahre wieder. In diesem Jahr bereits zum 98mal.

Gestartet wird die Tour immer am ersten Samstag des Monats Juli mit La Grande Départ. Nach genau drei Wochen endet sie immer am Sonntag mit der Ankunft auf dem Champs-Elysées in Paris. Die Rundstrecke selbst ist dem französischen Hexagon nachgebildet. Das Fahrerfeld wird von zweiundzwanzig Fahrerteams à neun Fahrern gebildet.

In Jahren mit einer geraden Zahl führt die Teamleitung die Fahrer im Uhrzeigersinn durch Frankreich, in ungeraden Jahren dann gegen den Uhrzeigersinn. Auf diese Weise fällt die Entscheidung über den Gesamtsieg einmal in den Pyrenäen, im folgenden Jahr in den Alpen. Die Streckenlänge beträgt rund 3500 km, die in genau einundzwanzig Teilstücken von 170 bis 230 km Länge mit jeweils zwei Ruhetagen in Woche zwei und drei von den Fahrern zu bewältigen sind.

Passend zum hundertjährigen Jubiläum der Tour setzten 2003 die radsportbegeisterten Mitglieder der Band Kraftwerk ihr ein musikalisches Denkmal. Auf insgesamt zwölf Songs komponieren die Düsseldorfer mit ihren Synthies aus bloßen Stichwörtern und Slogans - information, transformation, télévison - eine faszinierende Gesamtschau der Tour zu den Themen Fitness, Technik, Aerodynamik und Regeneration.

"Tour de France"-Cover von Kraftwerk

Noch im gleichen Jahr gelang dem Filmemacher Pepe Danquart Ähnliches mit visuellen Mitteln. In Zusammenarbeit mit den Rennfahrern Erik Zabel und Rolf Aldag, die später den Dopingmissbrauch zugeben mussten, drehte er die parteiische Doku "Höllenfahrt". Auch der Filmemacher rückte den Fahrern mit der Kamera hautnah auf den Leib. Kritiker bemängelten, dass der Autor zwar die Seelenpein der Fahrer schildere, ihren Alltag und den alltäglichen Medienrummel, aber das flächendeckenden Doping verdränge und beschönige.

Trotz aller Misstöne und skandalisierender Begleitmusik fällt das Echo, von deutschen Medien wie der SZ und ihren moralisierenden Kommentatoren mal abgesehen, bei den Radsportfans durchweg positiv aus. Den diversen Foren, die die Tour begleiten, kann man entnehmen, dass sie sich am sportlichen Wettkampf erfreuen, das Dauerthema Doping einfach ausblenden und stattdessen die extremen sportlichen Leistungen genießen.

Nach wie vor werden Fahrer und Teams verehrt, in den Radfahrerhochburgen Frankreich, Italien und Spanien sicherlich mehr als im "moralinverseuchten" Deutschland. Unvergessen bleiben die Helden vergangener Jahre und Jahrzehnte, Jacques Anquetil und Eddy Merckx, Bernard Hinault und Miguel Indurain etwa, die das Rennen fünfmal gewinnen konnten. Über ihnen allen aber thront Lance Armstrong, der "Kannibale" und "Patron" der Nullerjahre, der das Maillot Jaune unerreichte siebenmal nach Hause nehmen durfte.

Unvergessen sind ferner die ewigen Zweiten und tragischen Verlierer, der Franzose Raymond Poulidor etwa, der zwar achtmal auf dem Treppchen stand, aber weder das Rennen gewinnen noch das gelbe Trikot erobern konnte, oder auch der unwiderstehliche Höllenritt des Italieners Marco Pantani 1998 bei extrem kalten und stürmischen Wetter über den Galibier und der des Amerikaners Floyd Landis 2006 nach Morzine.

Und unvergessen bleiben schließlich auch der "Titanenkampf" des Amerikaners Greg LeMond mit dem Franzosen Laurent Fignon, das der Amerikaner 1989 auf der vorletzten Etappe im Zeitfahren mit acht Sekunden Vorsprung gewann. Oder der von Lance Armstrong mit Jan Ullrich, den der Deutsche zwar fünfmal verlor, ihm aber 2003, als er nach einem Sturz des US-Amerikaner auf ihn wartete und dadurch den sicheren Sieg verspielte, mit einer Fair-Play-Medaille ausgezeichnet wurde.

Dass dabei immer auch schon Doping im Spiel war, Clenbuterol, Kortison, Testosteron, Epo oder Cera tut den Dramen und Tragödien, die sich auf den Straßen abspielen, dem Schweiß, dem Blut und den Tränen, die die Fahrer dabei vergießen, keinen Abbruch. Bekannt ist der Ausspruch Jacques Anquetils (oder war es Felice Gimondi), dass die Tour allein mit Vitaminen, Proteinen und elektrolytischen Getränken kaum gewonnen werden kann.

Doch solange alle, sowohl die Giganten als auch ihre Wasserträger mit "Dynamit" statt bloßen "Kraftwerk" in den Beinen fahren, bleibt die Forderung von Roland Barthes nach einem "Kampf unter gleichrangigen Gegnern" erhalten. Wenn nämlich alle mit erhöhten Hämatokritwerten unterwegs sind, wird immer noch der Beste gewinnen.

Was die Tour jedoch von anderen Mythen des Sports unterscheidet und auch heraushebt, ist freilich die Vielzahl an sozusagen "heiligen Orten", an denen meist die Entscheidung über den Gesamtsieg fällt. Neben den schon erwähnten Pässen, Steigungen und Bergankünften sind das der Col d’Aubisque in den Pyrenäen und der kahle Mont Ventoux in der Provence.

Schon bevor das Peleton diese legendären und mythenumrankten Orte erreicht, sichern sich die Fans die besten Plätze. Einige von ihnen fahren sogar ein paar Tage vorher einzelne Etappen oder die gesamte Strecke mit ihren Rädern auf eigens organisierten Vorrennen ab. Noch bevor der Fahrertross diese "magischen" Orte und Strecken erreicht, malen die Fans mit Kalkfarbe Parolen und Slogans auf den Asphalt oder verewigen dort die Namen ihrer Helden und Lieblinge.

Dennoch kann der Mythos der Tour in der modernen Gesellschaft nur weitergetragen werden, wenn er von Sponsoren finanziell getragen und unterstützt wird. Vor jeder Etappe fährt darum auch eine große Werbekarawane aus derzeit 160 Wagen etwa zwei Stunden vor Etappenstart die Strecke ab und verteilt rund 16 Millionen Werbegeschenke an die Zuschauer. Ohne die Werbeträger und die Summen, die die Fernsehsender für die Übertragungsrechte ausgeben, wäre es um den Mythos der Tour schlecht bestellt.

Das wusste auch Roland Barthes. Schon ihn brachte die Widersprüchlichkeit zum Staunen, die der Tour innewohnt. Nie sei er einem so "zwiespältigen Mythos begegnet als der Tour", klagte er. Perfekt verberge sie "unter einem Schleier der Würde und der Spannung" das Geschäft, das mit ihr und rund um sie gemacht wird. Andererseits setze die Tour die ökonomischen Motive selbst außer Kraft. Zum einen lege sie die "Welt der Charakteressenzen" offen, zum anderen führe sie uns all jene "brüchigen Momente" vor Augen, in denen der Mensch "eine vollkommene Übereinstimmung zwischen sich, seiner Gemeinschaft und dem Universum" sucht.

Darum wird das Faszinosum, das uns Zuschauer beim Anblick der stählernen Waden, der schmerzverzerrten Gesichter und fettfreien Körper der Fahrer ereilt, und von dem auch Roland Barthes sich trotz aller ideologiekritischen Zeichendeuterei sich nichtfrei machen kann, auch bleiben, mit oder ohne Begleitung durch das deutsche Staatsfernsehen. Zumal die Tour auf Eurosport weiter zu sehen sein wird.

Gleichwohl werden die Öffentlich-Rechtlichen, Doping hin oder her, sich rasch dann wieder um die Senderechte bemühen, wenn ein neuer Jan Ullrich im Peleton unterwegs ist, der dem Patriotismus hierzulande neuen Auftrieb und neue Nahrung gibt. Auch das ist mittlerweile längst Teil jener zwiespältigen Moral, die Roland Barthes anspricht, nichtsdestotrotz aber von Medien und Kommentatoren bedient wird.

Literatur:

  • Albert Londres: Die Strafgefangenen der Landstraße. Aus dem Französischen von Stefan Rodecurt. Covadonga, Bielefeld 2011, 123 Seiten.
  • Roland Barthes: "Mythen des Alltags". Erste vollständige Ausgabe. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Suhrkamp, Berlin 2010. 325 Seiten.
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