E-Scooter verstärken den Mobilitätskampf auf Straßen und Gehwegen

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Verkehrsministerium will E-Scooter ohne Helmpflicht auch auf Gehwegen zulassen, nach Untersuchungen scheinen E-Scooter-Fahrer vor allem sich selbst zu gefährden, oft mit Kopfverletzungen

Am 17. Mai entscheidet der Bundesrat über die vom Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer vorgelegte Anordnung zur Regelung von Elektrokleinstfahrzeugen. Es soll schnell gehen, der CSU-Minister hofft wie der Rest der Bundesregierung wohl auf Imagegewinn durch die Zulassung von E-Scootern oder E-Tretrollern. Mit der Elektromobilität will man zeigen, dass man trotz gegensätzlichem Anschein ja etwas macht für einen Klima- und umweltverträglicheren Verkehr.

Ob da der Versuch, eine neue Klasse von energiefressenden und mit Batterien ausgestatteten Fahrzeugen, auch wenn es Kleinstfahrzeuge sind, auf die Straße zu schicken, hilfreich ist, kann bezweifelt werden. Es ist gerade ein Hype, da muss man mitmachen, vor allem wenn dadurch mehr Menschen bewegt werden, motorisierte Fahrzeuge zu benutzen, anstatt zu gehen oder das Fahrrad zu nehmen, weil es sich in der Regel um kurze Wege handelt.

Das Ministerium schreibt, die "selbstbalancierenden" Elektrokleinstfahrzeuge seien nicht nur emissionsfrei - beim Fahren allerdings nur, nicht im Hinblick auf den Strom, die Herstellung der Batterie und das Fahrzeug -, sie würden auch noch in Städten einen großen Vorteil bieten: "Die Besonderheit einer Vielzahl dieser Fahrzeuge liegt zudem in ihren meist kleinen Ausmaßen und ihrem geringen Gewicht, wodurch sie falt- und tragbar ausgestaltet sein können. Diese Eigenschaften ermöglichen den Nutzern die Mitnahme der Fahrzeuge, weshalb diese einen besonderen Mehrwert zur Verknüpfung unterschiedlicher Transportmittel und zur Überbrückung insbesondere kurzer Distanzen (sogenannte 'Letzte-Meile-Mobilität') darstellen." Dumm ist allerdings, dass bislang nicht geregelt ist, ob diese, allen voran die Tretroller, auch im öffentlichen Nahverkehr mitgenommen werden dürfen, und wenn ja, zu welchen Bedingungen.

"Ausgewogene Lösung zwischen der Einführung neuer Mobilitätsformen und der Gewährleistung der Verkehrssicherheit"?

Die Dinger dürfen bis 55 kg schwer sein und sind damit im Vergleich zu Fahrrädern schon mit mehr Wucht ausgestattet, wenn sie auf einen Widerstand treffen. Immerhin müssen die Elektrokleinstfahrzeuge mit zwei unabhängigen Bremsen ausgestattet sein, zudem müssen sie versichert werden und eine Versicherungsplakette haben, das Ministerium geht von Kosten zwischen 35 und 40 Euro jährlich aus.

Bis zu einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit von 12 km/h dürfen Kinder ab 12 Jahren ein solches Elektrokleinstfahrzeug fahren, ab 14 Jahren können auch die mit einer Höchstgeschwindigkeit von 20 km/h geführt werden. Besonders umstritten ist, dass die Kleinstfahrzeuge mit einer Höchstgeschwindigkeit von 12 km/h von allen auf Gehwegen und in Fußgängerzonen benutzt werden dürfen. Mit den schnelleren müssen Fahrradwege oder Straßen benutzt werden (Ausnahmen sind von vorneherein vorgesehen), sie dürfen auch nicht mit ausgeschaltetem Motor auf Gehwegen gefahren werden. Gerade wird in Paris wieder verboten, dass E-Scooter auf den Gehwegen fahren dürfen.

Was Scheuer, der ja bloß kein Verbotsminister sein will, versäumt hat, ist bei den zu erwartenden Karambolagen auf den Gehsteigen, Fahrradwegen und Straßen zumindest zum Selbstschutz der Fahrer eine Helmpflicht. Dass es insbesondere auf vollen Gehwegen und jetzt schon oft zu engen Radfahrwegen in den Innenstädten zu einer Verstärkung des sowieso schon kochenden Konflikts zwischen Fußgängern, Fahrradfahrern und Autofahrern kommen wird, ist absehbar. Dazu kommt, dass die Elektrokleinstfahrzeuge auch weitgehend geräuschlos sind, was auf Gehwegen und vor allem für ältere oder behinderte Fußgänger zu einer zusätzlichen Gefährdung führt.

Ob es sich also, wie das Ministerium sich lobt, um eine "ausgewogene Lösung zwischen der Einführung neuer Mobilitätsformen einerseits und der Gewährleistung der Verkehrssicherheit andererseits" handelt, kann mit einem Fragezeichen versehen werden, zumal Risikostudien erst nach Einführung gemacht werden und bis dahin die Verkehrsteilnehmer eben an einem Experiment teilnehmen.

E-Scooter-Fahrer gefährden sich meist selbst

Untersuchungen über die Unfallgefährdung gibt es noch wenige. Jetzt wurde einer Studie Ende April über E-Scooter in Austin, Texas, vorgelegt. Hier fuhren bereits im April 2018 die ersten Leih-Elektrokleinstfahrzeuge mit einer Geschwindigkeit bis 25 km/h. Untersucht wurde der Zeitraum September und November, also relativ kurz nach der Einführung. Die Stadt hatte nämlich schon bemerkt, dass viele Personen mit den E-Scootern stürzen und erbat Hilfe von den Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zur Feststellung der gesundheitlichen Folgen.

Im Untersuchungszeitraum wurden 136.110 E-Scooter für 182.333 Stunden ausgeliehen. Gefahren wurden 891.121 Meilen (1,43 Millionen km). Um die Unfälle in der Zeit festzustellen, wurden in den Notaufnahmen der Krankenhäuser und bei den Rettungsdiensten die Unfallberichte nach dem Begriff Scooter und ähnlichen Schreibweisen durchsucht und viele der Unfallopfer befragt. Nicht immer konnte bestätigt werden, dass es sich um einen mit einem E-Scooter verbundenen Unfall handelt, weswegen man zwischen bestätigten, wahrscheinlichen oder verdächtigen Unfällen unterschied und solche ausschloss, die höchstwahrscheinlich mit einem Leih-E-Scooter verbunden waren. Es kann natürlich mehr Unfälle gegeben haben, bei denen die Personen nicht ärztlich behandelt wurden oder in deren Unfallberichten nicht von Scootern gesprochen wurde. Daher wird in der Studie darauf hingewiesen, dass die Unfallzahlen vermutlich durch die Erhebung unterschätzt sind.

In den zwei Monaten waren 271 Personen verletzt worden, 160 Fälle konnten bestätigt werden, 32 waren wahrscheinlich, 46 verdächtig und 32 wurden ausgeschlossen. Von den 192 verletzten Personen in bestätigten und wahrscheinlichen Fällen waren 190 Fahrer der E-Scooter, was heißt, dass zumindest in Austin zu Beginn des Fahren mit E-Scootern vor allem die Fahrer selbst gefährdet sind. Die zwei weiteren Verletzten waren ein Fußgänger und ein Fahrradfahrer. Durchschnittlich ereigneten sich zwei Unfälle pro Tag, aber es große Unterschiede zwischen den einzelnen Wochen. Am meisten Unfälle gab es am Wochenende, Samstag war der unfallträchtigste Wochentag. 39 Prozent der Unfälle geschahen zwischen 18 Uhr und 6 Uhr am Morgen, bei den 74 befragten Opfern geschahen in der Zeit 47 Prozent der Unfälle.

29 Prozent sollen in den 12 Stunden vor dem Unfall Alkohol zu sich genommen haben, 37 Prozent gaben an, dass zu hohe Geschwindigkeit mit ein Grund war. 70 Prozent sollen vor der ersten Fahrt eine Anweisung erhalten haben, mit 60 Prozent aber die weitaus meisten nur durch die App der Leihfirma, was dann doch nicht ausreicht. Angeblich hatte beim Unfall nur einer der Fahrer telefoniert und sechs Musik gehört.

55 Prozent der Unfallopfer waren Männer, fast die Hälfte aller Verletzten waren zwischen 18 und 29 Jahren, das Alter der Verletzten reichte von neun bis 79 Jahren. Von den Befragten gaben 33 Prozent an, bei ihrer ersten Fahrt mit einem E-Scooter verletzt worden zu sein, mehr Übung reduziert das Risiko, schützt aber nicht vor Unfällen. 15 Prozent erlitten ihre Verletzung nach 30 oder mehr Fahrten.

Die Hälfte der Unfallfahrer hat Kopfverletzungen - Helm nutzt praktisch niemand

Was die Verletzungen angeht, so fällt bei Fahrer auf, dass fast die Hälfte (48%) neben anderen Verletzungen Kopfverletzungen hatten, wogegen ein Helm helfen könnte. Nur einer der 190 Fahrer trug einen Helm. Aber es kann der ganze Körper verletzt werden, am häufigsten Hände, Handgelenke, Arme, Schultern. Viele hatten Verletzungen an Armen, Knien, Händen und im Gesicht. Obgleich "nur" 14 Prozent ins Krankenhaus eingeliefert wurden, wurden 88 Prozent in der Notaufnahme versorgt und handelte es sich der Hälfte um schwere Verletzungen. Einen Todesfall gab es nicht.

Die Fahrer berichteten von Schäden der Fahrwege wie Löcher oder Risse in der Fahrbahn, die zu den Unfällen beigetragen hätten. Ein Drittel ereignete sich auf Gehwegen, die meisten Unfälle auf der Straße, aber auch auf Parkplätzen oder in Tiefgaragen können Unfälle vorkommen. Dabei ist überraschend, dass nur in 16 Prozent der Unfälle Fahrzeuge verwickelt waren, mit denen die Fahrer zusammenstießen (10% aller Unfälle), denen sie auswichen, vor denen sie bremsten oder vom Scooter sprangen. Die Unfälle geschahen überwiegend in der Innenstadt, viele im Umkreis der Universität.

Besonders gefährlich scheint das Fahren mit E-Scooters nach der Studie nicht zu sein, zumal die Fahrer sich weitgehend selbst gefährden. Nach einer Untersuchung von Consumer Reports sollen sich nach Anfragen bei Krankenhäusern in den USA 2018 mindestens 1.545 Unfälle mit E-Scooters ereignet haben. Das dürfte im Vergleich zu den Zahlen von Austin viel zu gering sein, bemängelt wurde, dass viele Krankenhäuser gar nicht erfassen, ob Unfälle im Zusammenhang mit E-Scootern stehen.

Nach einer Studie in Portland wurden durch zwischen Ende Juli und Ende November 2018 von den Krankenhäusern 176 Unfälle mit E-Scootern gemeldet, Tote gab es keinen, 84 Prozent sind vom Scooter gefallen. Nur 3 Prozent der Unfälle resultierten aus einem Zusammenstoß mit Fußgängern, 2 Fußgänger wurden verletzt, aber es wird von vielen Beschwerden der Fußgänger über das Fahren auf den Gehwegen berichtet. Überdies vermehrt das wilde Parken von E-Scootern die Behinderungen der Fußgänger.

In den USA sind die Zahlen der getöteten und verletzten Fußgänger und Radfahrer, aber auch der Autofahrer im Straßenverkehr in den letzten Jahren gestiegen. 2016 wurden 85.000 Fußgänger und 60.000 Radfahrer getötet oder verletzt. 2017 starben 5977 Fußgänger im Straßenverkehr, wieder 1,7 Prozent mehr als 2016. Insgesamt starben mehr als 40.000 Menschen 2017 durch Autounfälle. (Florian Rötzer)