EMP-Angriff: "Eine Bedrohung für die USA, die Demokratie und die Weltordnung"

Geschätzte Auswirkung einer EMP-Bombe abhängig von der Höhe, auf der sie gezündet wird. Bild: GAO

Die "Elektromagnetische Verteidigungs-Taskforce" hat einen neuen Bericht vorgelegt und fordert umfassende und schnelle Vorbereitungen

Wir haben, u.a. in dem Buch "Cyberwar", immer wieder darauf verwiesen, dass die Militärs die Sorge vor einem großen EM-Angriff, also mit einem elektromagnetischen Impuls, umtreibt (Wer wird zuerst eine EMP-Waffe einsetzen?). Als Gegner werden von der US-Seite vor allem Russland, Iran und Nordkorea gesehen. Eingerichtet wurde vom Kongress eine EMP-Kommission im Jahr 2001. Deren Berichte waren schon immer schrille Warnungen, die aber wenig Resonanz fanden (Schutz vor einem EMP-Angriff).

Das Pentagon hat nur einmal eine EMP-Waffe getestet, eine Atombombe im Test Starfish Prime in einer Höhe von 400 km über dem Pazifik im Jahr 1962, bei dem sich sehen ließ, dass die Auswirkungen noch in einer Entfernung von über 1000 km zu beobachten waren. Auch mehrere Satelliten wurden dadurch deaktiviert. Seitdem herrscht die Angst vor, dass ein einzelner EMP-Angriff große Teile der USA lahmlegen könnte, weil dadurch alle nicht gehärteten elektronischen und elektrischen Systeme - also das elektromagnetische Spektrum (EMS) - zerstört oder vorübergehend funktionsunfähig gemacht werden können.

Nukleare und nichtnukleare Angriffswaffen und Abwehrmaßnahmen werden weiter entwickelt, Systeme werde gehärtet, Kommandozentralen unter die Erde verlagert, Angriffe auf die elektrische Infrastruktur im Kleinen und ohne EMP wurden bereits im Kosovo-Krieg mit Graphit-Bomben geprobt, die einen Stromausfall verursachen . In den USA gab es auch einige Berichte von Ausschüssen, die vom Kongress einberufen wurden, um über die möglichen Gefahren zu informieren. Zuletzt kam eine mögliche Bedrohung durch nordkoreanische Atombomben auf. Eine einzelne Explosion hoch in der Atmosphäre über den USA würde das ansonsten asymmetrisch besser gerüstete Land, das wegen seiner fortgeschrittenen Digitalisierung sehr verletzlich ist, in eine digitale Erstarrung fallen lassen. Da in den USA aufgrund ihrer geografischen Lage solche Bedrohungen aus der Ferne viel gefährlicher erscheinen, als konventionelle Bedrohungen durch Panzer, Flugzeuge oder Kurzstreckenraketen, geistert hier das Thema wohl stärker herum als etwa in Europa, das zwar im Falle eines Falles denselben Folgen ausgesetzt wäre, wo aber die Gefährdung durch anderweitige Angriffe präsenter ist. Aber weil kaum ein umfassender Schutz gegen eine NEMP, eine nukleare EM-Waffe, möglich ist, wird die Gefahr, dass einer ganzen Gesellschaft der Strom abgedreht werden kann, gerne auch politisch verdrängt.

Jetzt hat die Luftwaffenuniversität den Bericht einer "Elektromagnetischen Verteidigungs-Taskforce" vorgelegt, der die Ergebnisse von Seminaren, Workshops, Expertenbefragungen, Planspiele und einer Konferenz versammelt. Sie hatte das Ziel, die Bedrohung durch EM-Angriffe auszuloten und Vorschläge zu machen, wo gehandelt werden muss, weil "unsere technische Überlegenheit in EMS bedroht ist". Natürlich wird wieder einmal gewarnt, dass schnell gehandelt werden müsse. Zwar seien manche Themen seit den 1960er Jahren bekannt, aber das Fenster schließe sich, um einige Bedrohungen noch abwenden zu können, meinte Ex-CIA-Chef und Neocon James Woolsey, der Mitglied im Project for the New American Century (PNAC) war und eng mit dem kürzlich verstorbenen Falken John McCain zusammenarbeitete. Auch wenn es neben EMP-Angriffen auch um Laserwaffen, geomagnetische Störungen, Sonnenhstürme, Mikrowellenwaffen u.ä. ging, stand ersteres offenbar als größte Bedrohung im Vordergrund.

Die Bedrohung sei größer geworden, weil "siliziumbasierte Techniken in fast allen Aspekten der modernen Technik und Gesellschaft integriert" sind. Mit dem Verweis auf die vorhandenen Daten, so der Bericht, "kann ein Angriff auf das elektromagnetische Spektrum eine Bedrohung der Vereinigten Staaten, der Demokratie und der Weltordnung sein". Weder Militär noch Gesellschaft seien auf einen großen EMP-Angriff vorbereitet. International gehe man davon aus, dass die Kriegsfelder Land, Meer, Luft, Weltraum und Cyber seien, "aber elektromagnetische Aktivitäten entfalten sich durch und in allen Domänen und kontrollieren die wichtigsten Funktionen." Und weil EMP-Angriffe die Achillesferse der digitalen Domäne sind, soll nun Cyber nicht mehr nicht mehr der Kern der modernen Kriegsführung sein: "EMS ist wohl die Domäne, die sie alle beherrschen kann." Man denkt bei der Formulierung unwillkürlich an den "Herr der Ringe".

Auch wenn die möglichen Folgen von EMP-Angriffen seit Jahrzehnten bekannt seien, "ist unser kollektives Wissen über EMS-Phänomene auf dem niedrigsten Stand in der jüngsten Zeit, während die Risiken und Bedrohungen wahrscheinlich nach dem sich erweiternden Wissen und der sich vergrößernden Kapazitäten die größten sind".

Gefährlich sei ein EMP-Angriff deswegen, weil gleichzeitig viele Anlagen betroffen sein können, während eine Vorwarnung nicht möglich sei. Das sei zunehmend die Strategie der Gegner, die Angriffe überdies in einer hybriden Strategie in der Grauzone stattfinden lassen, um nicht zurückverfolgt werden zu können. Man müsse mit kreativen und asymmetrischen Angriffsszenarien rechnen, die Wirkungen auf strategischer Ebene verursachen. Dabei würde auch versucht werden, bestehe Schutzmaßnahmen zu unterlaufen, wie die Deutschen im Zweiten Weltkrieg mit einem "Blitzkrieg" die Maginot-Linie einfach umgangen hatten.

Alle nicht gehärtete Hardware und Geräte könnten bei einem Angriff lahmgelegt oder zerstört werden. Vor allem könne es zu einem langfristigen Stromausfall kommen, aber auch die Trinkwasser- und Abwasserversorgung, die Kommunikation, der Verkehr (Tankstellen) etc. können ausfallen. Es sei mit schnell entstehenden Unruhen zu rechnen, was man schon beim Blackout 1977 in New York gesehen habe.

Mit Verweis auf Fukushima, wo es Reaktoren von General Electric gab, die Nuklearaufsicht nach dem US-Modell aufgebaut waren und die Angestellten nach US-Regeln ausgebildet wurde und sich "alles auf der Höhe der Zeit und in Übereinstimmung mit den besten US-Methoden" war und es trotzdem zur Kernschmelze kam, heißt es:

Im schlimmsten Fall könnten alle Reaktoren in der betroffenen Region gleichzeitig beeinträchtigt sein. In den USA würde das bedeuten, dass für ungefähr 60 Anlagen und 99 Nuklearreaktoren mit mehr als 60.000 Tonnen verbrauchter Brennelemente in den Kühlbecken das Risiko einer Kernschmelze besteht.

Es sei aber leicht, die Generatoren zu härten, die Brennstäbe trocken zu lagern und mehr Treibstoff für die Generatoren vorrätig zu halten. Wichtig sei, beim Ausbau des 5G-Netzes darauf zu achten, dass China dieses nicht technisch und wirtschaftlich kontrollieren könne. Schon in drei Jahren könnten die US-Hersteller den Anschluss verloren haben, China baue massiv die "Digitale Seidenstraße" aus. Das 5G-Netz zu kontrollieren, bedeute, praktisch das Internet zu kontrollieren. Allgemein fehle ein Reaktionsplan auf einen AMP-Angriff, es gebe nicht einmal einen Notfallplan für einen Sonnensturm. In vielen Bereichen sei "eine Strategie völlig inexistent": "EMP ist eine Tragödie des Allgemeinguts (tragedy of commons)", weil sich niemand dafür verantwortlich fühle. (Florian Rötzer)

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