ESC 2016: Opportunistisch oder ehrlich? !

Jamala für Ukraine mit dem Lied "1944" in Stockholm. Bild: Albin Olsson/CC-BY-SA-4.0

Der ESC 2016 war wesentlich anders als all die Jahre davor. Die Medien können auch nach Tagen nicht aufhören, über die ukrainische Siegerin zu berichten

Jedes Mal überrascht der Song-Wettbewerb weniger: die in sich sehr ähnlichen Fusionen aus Gesang und Tanz können einen ermüden. In erster Linie geht es nicht um stimmstarke Auftritte, sondern viel mehr um nackte Haut und den Schwierigkeitsgrad der technischen Darstellung. Die Franzosen singen in eigener Sprache, die Engländer auf Englisch - was sonst. Traditionen sterben langsam.

Was unterscheidet die Eurovision 2016 von den vorherigen Veranstaltungen? Früher waren die Jury-Noten mit denen aus dem Publikum vereint. Ab diesem Jahr gab erst die Jury die Noten von 1 bis 12, danach stimmten die Europäer ab.

Allen Prognosen zufolge hätte der Russe Sergej Lasarew gewonnen haben sollen. Seine visuell beeindruckende Komposition erinnerte ein bisschen an XFaktor oder Britain's Got Talent Performer. Was sein Auftritt ohne Special Effects gewesen wäre, ist schwer einzuschätzen. Über Geschmack kann man nicht streiten.

Doch das Lied "1944" von Jamala aus der Ukraine über die Deportation der Krimtataren hat kaum jemanden kalt gelassen. Ich habe einige Freunde von mir gefragt, wie sie den Song empfanden. Man könnte die Eindrücke in zwei Lager aufteilen. Das erste trägt den Namen "tief erschüttert". Man stellt sich sofort vor, wie Freunde auf der Couch liegen, fleißig Chips verspeisen und diese mit reichlich Bier herunterspülen - dann plötzlich kommt das melancholische, gänsehauterregende und gleichzeitig höchstpolitische Lied der Ukrainerin.

"Ich habe fast geweint", sagte eine Bekannte von mir. Unklar, ob es am Bierkonsum lag oder doch am starken Singen von Jamala. Die Strophen, die nicht auf Englisch waren, hat sowieso keiner verstanden, aber die Allgemeinstimmung hatte nicht für mehr Biertrinken gesorgt oder vielleicht deswegen.

Das andere Freundeslager waren entweder Lasarew- Sympathisanten, Australien-Fans, viele bevorzugten auch Armenien. Jamalas Aufführung bezeichneten sie als durchdacht und für den ESC unpassend. Das Argument: Politische Botschaften haben bei einem Song Contest nichts zu suchen.

Vor dem Auftritt gab Jamala der ukrainischen Zweigstelle des "Svoboda"-Radiosenders ein kurzes Interview. Es ging um einen "symbolischen Baum", der in ihrem Kopf beim Singen wächst und aufblüht. Sie hoffe, die Ukraine und die Krim werden auferstehen. Das Leid werde ein Ende finden. Die Sängerin fügte hinzu, die Menschen sollten verstehen , dass die Krim ihre Heimat bleibe und ihre Wurzeln dort seien. Bei der Pressekonferenz wurde Jamala auf krimtatarisch gefragt, ob der ESC 2017 auf der "befreiten Krim" stattfinden würde. Sie beantwortete die Frage nicht direkt, sagte aber, der Wettbewerb werde definitiv in der Ukraine veranstaltet.

Das Lied "1944" erzählt von der tragische Seite in der Geschichte der Krimtataren. Vom 18. bis 20. Mai 1944 wurden fast 200.000 Krimtataren deportiert, die meisten nach Uzbekistan, Kasachstan und Tadschikistan, viele irgendwo auf dem Weg im Freien ohne Nahrung und Unterkunft ausgesetzt. Die meisten starben an Krankheit oder Hunger. Warum so ein hartes Vorgehen mitten im Zweiten Weltkrieg? Die offizielle sowjetische Regierung beschuldigte die krimtatarische Minderheit, an der Seite Hitlerdeutschlands gekämpft zu haben. Alle Kollaborateure mussten entweder erschossen oder mit ganzen Familien deportiert werden. Ein ähnliches Schicksal ereilte Bulgaren, Griechen, Italiener und Armenier, die auf der Halbinsel lebten.

Drei Jahre zuvor, im August 1941, wurden über 60.000 Krim-Deutsche deportiert. Eine enorme Deportationswelle betraf nicht nur die Halbinsel, sondern die ganze Sowjetunion. Wenn jemand glaubt, dass das Säuberungs- und Hinrichtungskommando nur für spezifisch ausgewählte Volksminderheiten war, täuscht sich. Allein in den GULAG-Lagern waren Anfang 1941 über 2 Millionen Menschen inhaftiert, die meisten von ihnen ethnische Russen und Juden.

Beide Seiten übertreiben exzessiv die Ergebnisse

Doch das Thema die Krimtataren betreffend wird in den letzten zwei Jahren immer lauter. Seit der Annexion der Krim ist fast jeder zu einem Krim-Experten geworden. Unwahrscheinlich, dass viele über tiefgreifendes Wissen verfügen oder sich mit der Geschichte der Halbinsel auskennen - aber eine Meinung wird schnell gebildet. Der Krim-Hype wird von vielen Medien und Politikern zum echten Tagestrend gepuscht. Petro Poroschenko, der ukrainische Präsident und entschiedener Krimtataren-Schützer, rückt das Thema der besetzten Krim und des Leidens der Minderheit immer wieder ins Licht der Aufmerksamkeit. Dabei unterzeichnete die Ukraine das sogenannte Rehabilitierungsgesetz erst vor zwei Jahren, genauso wie der russische Präsident Wladimir Putin.

Es wird einem fast schlecht, wenn man liest, was viele Journalisten über die ESC-Ergebnisse schreiben. Schlimmer wird es nur beim Kommentarlesen. Die Ukraine-Russland-Rivalen machten den Song-Wettbewerb zum wahren Schlachtfeld. Dabei übertreiben beide Seiten exzessiv. Das ukrainische Publikum gab dem Russen Sergej Lasarew 12 Punkte, Russland hingegen 10 Punkte für den Auftritt von Jamala (12 Punkte erhielt traditionell Armenien). Diese Ergebnisse sind doch aussagekräftiger als jeder Artikel oder TV-Beitrag, dessen Unterton zum Zusammenprallen beider Nationen führt.

Was man jedoch hinzufügen muss, ist, wie opportunistisch Festivals und Wettbewerbe heutzutage sind. Man glaubt Jamala und ihrem ehrlichen Song. Ihre Großmutter wurde deportiert, die ganze Familie hat Stalins Repressionen am eigenen Leib gespürt. Die Sängerin hat das Lied selbst geschrieben und nicht von einem bekannten Musikproduzenten auf den Tisch gelegt bekommen. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass dem aktuellen politischen Kurs nach entschieden wird. Bei Filmfestivals gewinnen Produktionen über sexuelle und religiöse Minderheiten oder über geflüchtete Menschen. Natürlich muss man solche Themen an die Oberfläche bringen, doch mit dem Trend zu gehen, ist zwar nicht unbedingt langweilig, aber doch opportunistisch.

Man kann schon voraussehen, wer den nächsten ESC gewinnt. Italien oder Griechenland könnten einen Chor aus Flüchtlingen auf die Bühne stellen, die von ihrer Odyssee durchs Mittelmeer singen. Ach nein, der ESC 2017 wird in der Ukraine stattfinden. Ein richtiger Opportunist sollte irgendetwas Musikalisches gegen Putin und Russland "fabrizieren". Dann hätte er die besten Chancen. Ich selber bin kein Fan des russischen Präsidenten und kritisiere ihn bei jeder möglichen Gelegenheit, doch wenn Kunst (sprich Musik) und Politik in einen Topf geschmissen werden, fällt es einem schwer, nicht polemisch zu werden. (Alisa Bauchina)

Anzeige