Earth Overshoot

Bild: NASA Goddard Space Flight Center Image

Wir finden es alle normal, aber die Fakten sprechen für sich: Die Menschheit wirtschaftet sich zu Tode

Fünf Erden bräuchten wir, wenn alle Menschen so leben würden wie die Bewohner/Innen der USA: Das ist das Ergebnis von Berechnungen der Organisation Global Footprint Network, die alljährlich den Earth Overshoot Day mithilfe des Ökologischen Fußabdrucks berechnet. Zum 1. August 2018 ist global gesehen Feierabend. Das Resümee lautet so: Wir alle zusammen auf diesem Planeten haben zum Stichtag bereits die Ressourcen verbraucht, die eigentlich für das ganze Jahr hätten reichen müssen.

So früh im Jahr lebte die Weltbevölkerung noch nie auf Öko-Pump. 1970 war es rechnerisch erst Ende Dezember so weit, im Jahr 2000 war der kritische Punkt im September erreicht. Inzwischen wirtschaftet die Weltbevölkerung nach Angaben von Global Footprint, als hätte sie 1,7 Erden zur Verfügung. Anders ausgedrückt: Die Menschheit als Ganzes nutzt die Natur 1,7 mal schneller, als Ökosysteme sich regenerieren können.

Der deutsche Overshoot Day fiel dieses Jahr bereits auf den 2. Mai: Mehr als drei Erden wären nötig, wenn die gesamte Weltbevölkerung auf dem hohen Konsumniveau von Deutschland leben würde. Nach Spitzenreiter USA liegt Europa ganz vorn beim Ressourcenverbrauch, die Briten leben im Maßstab von 2,9 Erden und die Franzosen von 2,8. Die Chinesen holen gewaltig auf: 2,2 Erden müssten her, würden alle so leben und wirtschaften wie die Menschen im Riesenreich von Xi Jinping.

Durch die Konsumansprüche in Industrie- und Schwellenländern sowie das schnelle Bevölkerungswachstum ist der Tag im Kalender immer weiter nach vorne gerückt. Denn die Ressourcen auf der Erde sind endlich: Wir stoßen beispielsweise mehr Kohlendioxid aus, als Wälder und Ozeane absorbieren können, fischen schneller, als sich die Bestände erholen, oder fällen mehr Bäume als nachwachsen. Könnte man beispielsweise allein die Nahrungsmittelabfälle weltweit halbieren, würde der Earth Overshoot Day elf Tage später stattfinden. Eine Halbierung des CO2-Ausstoßes würde das kritische Datum um 89 Tage verschieben. Wären das durchschlagende Lösungen?

Wissenschaftler warnen schon lange vor den Folgen des "Weiter so" und fordern gesellschaftlich verantwortbare Formen des Konsums. Die Zeit der leicht zugänglichen und damit billigen Rohstoffe ist außerdem vorbei. Abenteuerlich sind manche neuen Wege der Rohstoffgewinnung. Gold und Platin werden in Südafrika bereits in Tiefen von mehr als 3.000 Metern gewonnen, die Tiefsee wird von neuen Technologien bedrängt, darunter extremen Ölbohrungen. Bedenklich der fieberhafte Bodenrausch: Die massive Soja- und Zuckerproduktion zur Herstellung von "Energiepflanzen" frisst Land und treibt die Kleinbauern in die Bredouille.

Jetzt schon zeitigt der Mangel an "Seltenen Erden" Probleme, wie der Soziologe Dieter Eich und der Journalist Ralf Leonhard in ihrem Buch "Umkämpfte Rohstoffe" zeigen. Metall- und Mineralexoten, die in der Erdkruste nur selten vorkommen - sie verfügen über hochspezifische Eigenschaften, die über Wohl und Wehe der Zukunftstechnologien entscheiden. Damit ist ein besonderer Bereich unseres modernen Lebensstils angesprochen: 60 Rohstoffe verstecken sich in einem Handy, viele in Kleinstmengen, aber unverzichtbar. Die seltenen Erden/Metalle (SME) bestimmen das Schicksal der Hightech-Welt, von Prozessoren, Flachbildschirmen, Touch-Screens, Tablets und Handys. Ohne Indium und Tantalum kein Handy, keine LED-Leuchte ohne Dysprosium, ohne Europium kein farbiges Display.

Politiker stehen hilflos da und bedauern allenfalls, es fehle an Visionen. Doch zugleich wird die Perspektive der Industrieländer durch Ignoranz eingeschränkt. (Arno Kleinebeckel)

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