Earth Overshoot: Die Konsumschlinge am Hals

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22. August 2020: Alle natürlichen Ressourcen, die innerhalb des Jahres regeneriert werden können, sind aufgebraucht - Covid 19 hat den "Welterschöpfungstag" um etwa drei Wochen nach hinten gerückt

Wir strangulieren uns weiterhin fröhlich selbst. Ab dem heutigen Samstag leben wir fürs laufende Jahr global auf Pump, die Vorratskammern sind geplündert. Das internationale Partnerbündnis Global Footprint Network (GFN) rechnet es uns vor: Am 22. August sind für das Jahr 2020 die natürlichen Ressourcen, die die Erde über das Jahr reproduzieren kann, "aus". Endgültig verbraucht - einschließlich der Kapazität der natürlichen Ökosysteme, die Kohlenstoffemissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe aufzunehmen.

GFN publiziert jedes Jahr den Tag, an dem rechnerisch die Jahresressourcen der Welt aufgebraucht sind, den Overshootday.

Konsumieren, als gäbe es kein Morgen

Wir konsumieren und wirtschaften, als gäbe es kein Morgen. Die Zeche dafür zahlen unsere Kinder und Enkelkinder. Wir müssen den Raubbau beenden und endlich in den natürlichen Grenzen der Erde leben (...) Für unseren Lebensstil fallen in Südamerika, Afrika oder Asien Bäume, verschmutzen Flüsse, schwinden Tierbestände oder sterben Arten ganz aus.

Eberhard Brandes, geschäftsführender Vorstand des WWF Deutschland

Corona hat dafür gesorgt, dass der Stichtag nach hinten gerutscht ist, um etwa drei Wochen. Keineswegs eine Trendwende, sondern eine direkte Folge des weltweiten Covid-19-Lockdowns. Lockdown und Quarantäne haben dem Planeten eine Atempause verschafft. Das vergleichsweise spätere Datum des Kampagnentages spiegelt eine globale Verringerung des ökologischen Fußabdrucks um rund 10 Prozent seit Beginn des Jahres wider; laut den Recherchen des GFN resultiert die Herabsetzung im Wesentlichen aus einer Verlangsamung der Reise- und Bautätigkeit aufgrund der Covid-19-Beschränkungen. Die Kohlenstoffemissionen sanken weltweit um 14,5 Prozent, die Ernte sogenannter Waldprodukte (Holzwirtschaft und Raubbau!) ging um 8 Prozent zurück.

Es bleibt dabei: Trotz der Verschiebung des "Welterschöpfungstags" 2020 während der Corona-Pandemie leben wir weiterhin über unsere Verhältnisse.

2019: Der traurige Rekord

Im letzten Jahr (2019) belegte der Erschöpfungstag einen traurigen Ersten Platz: Schon ab dem 29. Juli lebten wir 2019 auf Pump. Es war Weltrekord, der früheste Overshoot Day in der Geschichte der Menschheit. Der deutsche Overshoot Day lag 2019 sogar schon auf dem 3. Mai und bewies damit, wie die Vorzeige-Nation in Wahrheit haushaltet und mit Ressourcen umspringt (Greta und Goethe).

Vor vierzig Jahren, im Jahr 1979, fiel der Erdüberlastungstag übrigens auf Ende Oktober. Die New York Times rechnet gerade selbstkritisch vor, dass das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein ganz schlechtes Beispiel abgibt: Würden alle so leben (und konsumieren) wie die Amerikaner, hätte die Menschheit 2020 die Ressourcen schon am 14. März verpulvert:

If the whole world consumed like the United States, by the way, we would’ve hit Overshoot Day on March 14 this year. New York Times

Ein weiteres Problem tritt hier zutage: Wir "pflegen" nicht nur den ungeheuren Verbrauch, d.h. in den Industrie- und Schwellenländern auf dem hohen Konsumniveau, sondern wir "befeuern" die Ausbeutung der Ressourcen. Takt und Geschwindigkeit des Konsums erhöhen sich ständig, die Unduldsamkeit des Systems verlangt nach ständig neuen Kicks und Erfolgen, sprich Erträgen, Profit, Rendite.

Die Kurve muss nach oben zeigen. Und während wir uns immer weiter bei Mutter Erde verschulden, kann sie sich immer weniger erholen: Die natürliche Fähigkeit der Erde zur Selbsterholung setzen wir schleichend außer Gefecht. Den Verlust von Ökosystemen und biologischer Vielfalt nehmen wir in den Abendnachrichten zur Kenntnis.

Unsere infantilen Ideale

Covid-19 liefert also indirekt auch hier eine mahnende Botschaft. Weniger Autofahren, mehr öffentliche Verkehrsmittel nutzen, aufs Fahrrad umsteigen? Könnte den Overshoot Day vielleicht um 12 Tage nach hinten verlagern. Bewusst einkaufen, den Kleiderschrank durchforsten?

Kleidung macht rund 3 Prozent des globalen ökologischen Fußabdrucks aus, die Menge der verschwendeten Lebensmittel etwa 9 Prozent. Eine weitgehend ungenutzte Ressource scheint anhaltend unser Bewusstsein zu bleiben, unsere "Geisteshaltung".

Max Weber (1864-1920) nannte den gewissen Menschentypus in seiner Protestantischen Ethik "Genussmenschen ohne Herz" (Max Weber, Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus). Sein nicht minder kritischer Zeitgenosse Max Scheler (1874-1928), heute ein weithin vergessener Denker, analysierte den kapitalistischen Geist und erkannte vier "infantile Ideale" - Leitideen, an denen der Wirtschaftsmensch sein Denken und Handeln orientiert: Größe, Schnelligkeit (Beschleunigung), Macht (auch über die Natur!) und der Götze des "Neuen" (Neusein als Wert an sich). Interessant, dass Scheler den Ausdruck "infantil" verwendet (Max Scheler: Ethik und Kapitalismus).

Ab dem 22. August machen wir Schulden bei der Erde, unserer physischen Lebensgrundlage. Der Kampagnentag kann ja vielleicht dazu beitragen, uns bewusst machen: Ab dem Earth Overshoot Day machen wir, die Konsumschlinge um den Hals, auf jeden Fall eine schlechte Figur. (Arno Kleinebeckel)