Ecological Debt Day

Ab heute leben wir auf Pump

Bis heute, dem 6. Oktober 2007, hat die Menschheit von den Erträgen der Erde gelebt. Ab morgen und für den Rest des Jahres geht es an die Substanz. Dabei rutscht der Ecological Debt Day, der Ökoschuldentag, Jahr für Jahr im Kalender weiter nach vorne. Hinter dieser symbolischen Zäsur steht ein einfaches Messinstrument, mit dessen Hilfe man die ökologischen Kapazitäten des Planeten erfassen und managen kann: der Footprint (Ökologischer Fußabdruck). Millionen Zahlen sind die Basis. Damit lässt sich der Footprint eines Menschen, einer Stadt, eines Landes oder der Menschheit als Ganzes berechnen.

Jack London ist der berühmteste Sohn der Stadt. Oakland in Kalifornien hat ihm einen neuen Platz gewidmet, direkt an der Bay. Gegenüber liegt San Francisco. Mit beachtlichem Lärm donnert die Eisenbahn, die Amtrak California am Jack London Square vorbei. Zwei Blocks weiter, in einem ehemaligen Industriegebiet logiert das Global Footprint Network. Fragt man die Leute um Mathis Wackernagel, den Geschäftsführer, woran sie hier, in der Heimatstadt Jack Londons arbeiten, bekommt man zur Anwort: „Ending overshoot!“

Letztes Jahr lag der Ökoschuldentag noch am 9. Oktober. Grafik: Global Footprint Network

Overshoot ist ein Terminus aus der Systemtheorie, auf Deutsch heißt es so viel wie Grenzüberziehung. Auf Ökosysteme angewendet bedeutet es: Wenn man mehr Bäume aus einem Wald schlägt, als nachwachsen, mehr Fische fängt, als die Fischstöcke auf Dauer hergeben, und mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre entlässt, als abgebaut werden kann. Eine Folge des jahrelangen, weltweiten Raubbaus ist der Klimawandel.

Der Schweizer Mathis Wackernagel ist der Vater einer Methode mit der man so etwas messen kann. Der Footprint beschreibt man die Auswirkungen des Menschen auf sein Biotop. Anfang der 90er war es, als Wackernagel, damals noch in Kanada, den Footprint konzipiert hat. Als er mit dem Instrumentarium daran ging, die Biokapazität, Angebot und Nachfrage, in langen Zahlenreihen zu ermitteln, stellte Wackernagel fest: Die Menschheit hat bereits eine historische Schwelle überschritten. Mitte der 80er Jahre war es, seit dieser Zeit verbraucht sie mehr Ressourcen, als der Planet bereitstellen kann.

Mathis Wackernagel. Foto: Bert Beyers

Hinter dem Footprint steht ein Gerüst mit Millionen von Zahlen, oftmals mit Hilfe von Satelliten gewonnen. Die Informationen gehen bis auf das Jahr 1961 zurück, als die UN erstmalig für den Globus komplette Datensätze zur Verfügung stellte. Der Footprint wird heute für mehr als 150 Länder ermittelt. Dafür braucht es pro Nation rund 3.500 Daten und 10.000 Berechnungen. Der Footprint, von Oakland aus organisiert, ist mittlerweile ein anerkanntes Werkzeug, z.B. von der Europäischen Union.

Der Ecological Debt Day ist ein symbolischer Tag. Bis heute, bis zum 6. Oktober 2007 hat die Erde uns alles gegeben, was sie innerhalb eines Jahres bereitstellen kann: Nahrungsmittel, Energie, Baumaterial. Bis heute war sie auch in der Lage, unsere Abfälle, feste, flüssige, gasförmige, aufzunehmen.

Die Menschheit lebt von ihrer ökologischen Kreditkarte. Wenn man mehr Geld ausgibt, als man auf der Bank hat, führt das zu finanzieller Verschuldung. Zurzeit verbrauchen wir Ressourcen, als ob wir 1,3 Planeten zur Verfügung hätten.

Mathis Wackernagel

Das kann eine Weile gut gehen. Aber wenn man diesen Weg weiter geht, klaffen Einnahmen und Ausgaben immer weiter auseinander. Im vergangenen Jahr war der Ecological Debt Day drei Tage später, nämlich am 9. Oktober. Auch im kommenden Jahr wird er wohl im Kalender nach vorne rutschen. Eine Trendumkehr ist einstweilen nicht in Sicht.

Jüngst war eine Delegation von indischen Wirtschaftsleuten in Oakland zu Gast. Die Herren suchten Antworten. „Wir haben derzeit neun Prozent Wirtschaftswachstum pro Jahr“, erläuterten sie. „Wir wollen auf zehn Prozent hoch. Und das über die kommenden 20 Jahre. Aber wir wollen nicht den Ast absägen, auf dem wir sitzen.“

Die Inder hatten konkrete Fragen. Sie suchten ein Werkzeug, mit dessen Hilfe sie den Druck auf ihre Biotope messen können. Damit wollen sie dann unterschiedliche Branchen – Stahl-, Papier-, Energieproduktion – miteinander vergleichen. Außerdem ging es darum, innerhalb ein und derselben Branche verschiedene Fabriken oder Kraftwerke ins Verhältnis zu setzen. Der Footprint kann so etwas.

Indische Wissenschaftler auf der Suche nach den ökologischen Kosten des Wirtschaftswachstums. Bild: Bert Beyers

Als Messwerkzeug ist er dem Geld sehr ähnlich. Geld antwortet auf die Frage „Wie viel kostet das?“ Wie hoch ist der monetäre Wert für eine bestimmte Ware oder Dienstleistung? Die Frage hinter dem Footprint lautet “Wie viel Natur kostet das?“ Wie viel Biokapazität steckt in einem Glas Orangensaft oder in einem Liter Benzin? Man kann die Frage aber auch erweitern: Wie viel Natur verbraucht ein Mensch? Die „Währung“ des Footprint ist die Fläche, genauer gesagt die biologisch produktive Fläche, die erforderlich ist, um eine Ware oder Dienstleistung bereit zu stellen, Acker- und Weideland, Wälder und Fischgründe. Für einen Menschen berechnet man folglich die Summe dessen, was er verbraucht, einschließlich des Abfalls, den er hinterlässt; auch der hat Auswirkungen auf die Natur. Was beim Geld Euro, Dollar oder Yuan heißt, ist beim Ökologischen Footprint der Hektar oder acre.

Der Footprint misst nicht nur den Naturbedarf eines Menschen, man kann die Methode ebenso auf die Bevölkerung einer Stadt, einer Nation und schließlich auf die gesamte Menschheit anwenden. Oder eben auf Wirtschaftsbranchen.

Im Internet gibt es eine Reihe von Rechnern (z.B.: ecofoot.org), mit deren Hilfe man seinen eigenen Footprint bestimmen kann. Ähnlich wie bei einem Quiz antwortet man auf Fragen nach der eigenen Ernährung, nach den Wohnbedingungen und nach Mobilitätsgewohnheiten.

Der durchschnittliche Footprint eines Menschen aus Haiti – ein Land, das heftige politische Erschütterungen durchgemacht und dessen Ökologie schwer gelitten hat – liegt bei 0,6 Hektar. Der Verbrauch an Biokapazität im krisengeschüttelten Afrika beträgt 1,1 Hektar. Ein Deutscher dagegen nutzt 4,5 Hektar, ein Franzose 5,6, ein Amerikaner 9,6, und ein Bewohner der Vereinigten Arabischen Emirate 11,9 Hektar. Wohl dem, der das Glück hatte, in einem Land mit großem Footprint geboren worden zu sein.

Seit der Industriellen Revolution greift der Mensch massiv auf die natürlichen Vorräte von Kohle, Öl und Gas zurück. Er holt sie aus der Erdkruste und bringt sie an die Oberfläche und damit in die Biosphäre ein. Bei den Berechnungen des Footprint spielt die Menge an Kohle oder Öl selber keine direkte Rolle. Wohl aber eine indirekte. Der Footprint fokussiert nämlich darauf, was geschieht, wenn diese Mengen fossiler Energieträger verbrannt werden: Kohlendioxid wird freigesetzt. Die Methode fragt: Wie viel Fläche, wie viel Wald ist notwendig, um eine Menge X an Kohlendioxid zu absorbieren? Forschungen belegen, dass ein durchschnittlicher Hektar Wald auf diesem Planeten in einem Jahr die Menge Kohlendioxid abbauen kann, die bei der Verbrennung von 1.450 Litern Öl freigesetzt werden.

Ähnlich ist es mit anderen nicht regenerativen Rohstoffen wie Stahl, Kupfer oder Mineralien. Der Stoff als solcher wird beim Footprint nicht berücksichtigt, aber sehr wohl die Menge an Energie, die bei der Gewinnung, beim Transport und bei der Verarbeitung anfällt. Und damit sind wir wieder beim Kohlendioxid. Und bei der Biokapazität, die erforderlich ist, um eine bestimmte Menge mit Hilfe der Fotosynthese abzubauen, sei es im Ozean oder an Land.

Der Flootprint hat aber nicht nur Kohlendioxid und Klima auf dem Radar. Indem die Methode sehr genau Buch führt: über die ökologischen Kapazitäten der Landflächen und Küstenareale, also das Angebot einerseits und die globalen Ressourcenverbräuche, die Nachfrage andererseits. So erst kommt man zu einer Abschätzung insgesamt. Dass sich das Biotop, nämlich die Erde, mittlerweile zu 130 Prozent im Overshoot befindet. Damit ist der Footprint das einzige wissenschaftliche Werkzeug, das die „Grenzen des Wachstums“ quantifizieren kann.

Der Footprint sieht das Ganze. Alles, was ein einzelner Mensch verbraucht, eine Stadt oder ein Unternehmen. Dabei können die Dinge im Einzelnen sehr kompliziert sein. Ein Einkaufszentrum z.B., mit all seinen Aspekten: dem Gebäude, dem Energiebedarf, den Produkten, den Kunden, den Wegen, die sie zurücklegen... Aber am Ende steht immer nur eine Zahl: die erforderliche produktive Fläche. Das ist die große kommunikative Stärke des Footprint. Darüber kann man reden. Ähnlich, wie man sich über Preise austauscht. Eine zentrale Aufgabe des Global Footprint Network in Oakland besteht darin, die Standards der Methode weiter zu entwickeln. Der Footprint hat – wie alle universellen Messwerkzeuge, etwa das BIP – auch eine Reihe von Unschärfen, z.B. in der Beschreibung der Klimafolgen. Fossile Energie rechnet er stets nur auf Basis von Kohlendioxidemissionen. Andere Treibhausgase, z.B. Methan, bleiben außen vor. Damit ist die Footprint-Methode eher konservativ angelegt. Wahrscheinlich ist der Ecological Debt Day nicht heute, am 6 Oktober 2007, wir haben ihn bereits hinter uns.

Ein durchschnittlicher Londoner Bewohner benötigt 6.63 Hektar, etwa acht Fußballfelder an biologisch aktiver Fläche, um sein gewohntes Konsumniveau zu halten und sich seines Abfalls zu entledigen. In Haushalten, in der Industrie und bei Bautätigkeiten fällt in der britischen Hauptstadt jedes Jahr so viel Müll an, dass man damit die riesige Royal Albert Hall 265 Mal füllen könnte. Bemerkenswert auch, wie groß der Beitrag dessen ist, was die Bewohner der Stadt tagtäglich zu sich nehmen: Lebensmittel bilden mit 41 Prozent eine der größten Fraktionen des Footprint. Fasst man den Flächenbedarf aller Londoner zusammen, kommt man auf 49 Millionen Hektar, also 293 Mal das geographische Territorium der Stadt; insgesamt eine Fläche, die doppelt so groß ist wie die des gesamten britischen Königreichs.

Erstaunlich, dass der Footprint des Bewohners einer italienischen Stadt nur etwa ein Drittel von dem des Bewohners einer nordamerikanischen Stadt ausmacht. Die amerikanische Siedlungsstruktur ist geprägt von weit ausladenden Vorstädten, meist nur mit dem Auto erreichbar. Die europäische, namentlich die italienische Stadt dagegen ist kompakt, fußgängerfreundlich und verfügt in der Regel über ein besseres Angebot an Bahnen und Bussen. Die Vorliebe der Italiener für frische, saisonale und lokal angebaute Lebensmittel kommt nicht nur der Küche und der Gesundheit zu gute, sondern trägt auch entscheidend zur vorteilhafteren ökologischen Bilanz bei. Übrigens, ganz ohne Hightech.

In Zeiten der Globalisierung konkurrieren die Städte untereinander um die vorhandene Biokapazität. Dabei gilt: Nur was man messen und vergleichen kann, kann man auch managen. Etwa, wenn Entscheidungen für Investitionen in die Infrastruktur, seien es Straßen, Schienenwege, Brücken oder Häfen, anstehen. Diese Bauwerke haben eine Lebensdauer von vielen Jahrzehnten. Ein Autobahnsystem zum Beispiel, das die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern nicht nur verstärkt, sondern auf lange Zeit festschreibt, gießt den Footprint gleichsam in Beton. Ein Umsteuern ist dann kaum noch möglich. So entstehen ökologische Fallen.

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