Eigensinniger Kopf

Ein Nachruf auf die Kulturwissenschaftlerin Gerburg Treusch-Dieter

Bestürzt entnehmen wir der Wochenzeitschrift Der Freitag, dass Gerburg Treusch-Dieter schon am 19. November verstorben ist. Nach langer Krankheit, die sie für sich behalten hat. Wer sie gut gekannt hat, weiß, welcher unsteter und „Unruhegeist“ sie gewesen ist. Wie kaum eine zweite konnte sie die Nacht zum Tag machen. Und das auch noch nach Marathonsitzungen im Seminar oder nach Konferenzen.

Gespräch mit Gerburg Treusch-Dieter: Die Befreiung von der Erbsünde.

Streitbar war sie. Gern und immer und das ihr ganzes Leben lang. Nie nahm sie ein Blatt vor dem Mund. Was vermutlich auch der Grund war, warum sie es hierzulande schwer hatte, einen ordentlichen Lehrstuhl zu erobern. Denn an ihren wissenschaftlichen Arbeiten, die bewusst das Dunkle und Ungewisse des Unbewussten aufsuchten und ständig zwischen Traum und Wirklichkeit, Realität und Mythos, Philosophie und Soziologie, Symbol und Körperlichkeit hin und her oszillierten, konnte es nicht liegen, dass sie nur in dem von ihr ungeliebten Innsbruck reüssierte. Obwohl sie von den österreichischen Studentinnen und Studenten sehr gemocht und bisweilen auch angehimmelt wurde, hielt sie es dort nicht lange aus. In aller Regel reiste sie nur zu den Seminaren, die sie meist am Stück absolvierte, oder Pflichtsitzungen an und brauste danach mit dem Auto sofort wieder nach Berlin, und das meist noch in der Nacht. Das Auto war, neben dem Smoke, Laster und Leidenschaft zugleich.

In der Wissenschaft kam sie relativ spät an. Zuvor war sie Schauspielerin gewesen, hatte an der Max Reinhardt Schule in Berlin gelernt, ehe sie ihr Coming Out erlebte und den „radikalen Bruch“ mit ihrem vorherigen Leben riskierte. Die Universität sollte für sie ein Ort der Befreiung werden, von der Kleinfamilie und den dort üblichen Konventionen. Sie verließ das Theater, Mann und Familie, holte ihr Abitur nach, studierte Soziologie bei Oskar Negt in Hannover und promovierte bei ihm über die „Spindel der Notwendigkeit“ in Platons „Politea“.

Wie ihr zweiter akademischer Lehrer Dietmar Kamper verstand sie sich stets als eine Art von „Ketzerin“. Der Mainstream war nicht ihr Metier. Sie zog das Abseitige, Zufällige und Ungewöhnliche vor, auch dann noch, wenn ihr das zum Nachteil gereichte. Auch und/oder vor allem unter Ihresgleichen. So vehement sie die Sache der Frauen verteidigte, so argwöhnisch und skeptisch beobachtete sie die wohlfeilen Karrieren, die ihre Artgenossinnen in all den Jahren nahmen. Von Gleichstellungsbeauftragten und anderen politischen Korrektheiten hielt sie im Allgemeinen nicht viel. Und vom „Diskurs des Anderen“, den die wachsende Schar der Derridadas anschlugen, ebenso wenig. Vielmehr dachte sie darüber nach, warum die Frauen die Macht, die sie einstmals hatten, als Sammlerin, als Gebärende oder als Hüterin des Hauses, leichtfertig aus der Hand gegeben haben und zu Akteurinnen ihrer eigenen Unterdrückung geworden sind. In vielen Dingen war sie deshalb ihrer Zeit voraus (Den Knoten des Sozialen lösen: http://www.rudolf-maresch.de/interview/20.pdf), wie man an den wilden Debatten um das Eva-Prinzip gut erkennen kann.

Unter akademischen Frauen nahm sie daher stets eine Außenseiterrolle ein. Darin fühlte sie sich aber recht wohl. Ich kann mich noch gut an einen Kongress in Basel erinnern. Das muss Anfang der 1990er Jahre gewesen sein. Warum ich dort teilnehmen konnte und eine Einladung bekommen habe, weiß ich gar nicht mehr genau. Denn versammelt und zugelassen waren seinerzeit nur Frauen, darunter die damalige Elite des deutschen Feminismus. Auch was Gerburg vorgetragen hat, weiß ich heute nicht mehr. Nicht entfallen ist mir dagegen die Feindschaft, die ihr alsbald wegen ihrer Rede aus dem Auditorium entgegenschlug und an einem weithin und gut hörbaren lauten Grummeln abzulesen war. Doch Gerburg schien das wenig zu stören. Im Gegenteil, der steigende Unwillen des Publikums animierte sie nur zum längeren und lauteren Reden.

Das war und so war Gerburg, immer Opposition, immer radikal, unstet und wild im Denken, aber bisweilen auch nervend. Gerade deswegen werden wir sie vermissen – als Mensch, als Freundin im Geiste und als Denkerin. (Rudolf Maresch)

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