Ein Attentat, das die Gelegenheit zum Krieg brachte

Sarajevo, 28.Juni 1914: Ein Kommentar

Eine Handvoll auf individuelle Gewalt setzender junger Überzeugungstäter, Verstrickungen mit Geheimdienstlern, schwer durchschaubare Munitionierungen, seltsame Leichtfertigkeit der staatsschützenden Beamten, interessengesteuerte Berichterstattung in den Medien - das erfolgreiche Attentat auf den habsburgischen Thronfolger im Juni 1914 mutet in seinen Modalitäten einhundert Jahre danach ganz modern an.

Gavrilo Princip erschießt Franz Ferdinand. Bild: gemeinfrei

Und der Vorgang selbst bietet den Stoff für eine bis heute hin beliebte Geschichtslegende: Der serbische Fanatiker Gavrilo Princip sei es gewesen, der die Schuld am Ausbruch des Ersten Weltkrieges trage; seine mörderische Tat habe dann zum "Hineinschlittern in die Katastrophe" geführt. Und der Beihilfe schuldig an dem dramatischen Bruch in der europäischen Historie waren demnach die terroristischen Freunde des Attentäters, eine serbische Untergrundorganisation und irgendwie auch die damalige Belgrader Regierung.

So ganz zufriedenstellend war diese Deutung nie, also wurde nach Verschwörern im Hintergrund gesucht, nach dunklen Mächten: Waren vielleicht die Jesuiten anstiftend tätig geworden, oder Freimaurerlogen, oder gar Rivalen des Thronfolgers im Führungszirkel der K.u.K.-Monarchie? Auf diese Weise ergab sich Ablenkung von jenem historischen Komplex, aus dem heraus der Erste Weltkrieg in Gang kam. Auch der serbische Nationalismus spielte darin eine Rolle, keineswegs jedoch war er der Urgrund des "Menschenschlachthauses" 1914 bis 1918. (dazu Götz Eisenberg: Die Schüsse von Sarajevo; www.nachdenkseiten.de )

Attentate auf Potentaten gehörten in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg zum gewohnten Bild der Politikszene in Europa. Ob sie den Anlass zu tiefgreifenden innergesellschaftlichen oder internationalen Konflikten hergaben, hing ab von systemischen Interessen der jeweiligen Machtgruppen und deren Konkurrenzen. Das Sarajevo-Ereignis hatte nicht aus sich heraus eine "Urkatastrophe" zur unvermeidlichen Folge. Die Herrschenden in Wien hätten sich mit den unterwürfigen Erklärungen der Belgrader Regierung begnügen können. Die Obrigkeiten und Militärs in Berlin wären in der Lage gewesen, die K.u.K.-Monarchie von einem Feldzug gegen Serbien abzuhalten.

Die Politikmacher in Russland, Frankreich und Großbritannien hatten ebenso wie die im Deutschen Reich eine gesamteuropäische Ausweitung des Konflikts auf dem Balkan in ihrem strategischen Kalkül. Bei allen europäischen Großmächten galt den Eliten ein Krieg als ganz normales Mittel, auswärtige Machtpolitik zu betreiben. Die Pläne für militärische Expansionen, Inbesitznahmen von Märkten und Ressourcen, neue "Raumordnungen" in der Staatenwelt waren von den politischen, industriellen und militärischen Profis ausgearbeitet, dazu brauchte es junge Fanatiker nicht.

Der Attentäter von Sarajevo war ein Statist in diesem "Great Game". Die Hauptrollen waren längst besetzt.

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